Wiener Kongress – Neuverteilung Europas und seine Folgen

Die Einsicht Metternichs, dass »alte Europa am Anfang des Endes« stehe, kontrastiert seltsam mit den Erfolgen des Staatsmannes, der als der diplomatische Sieger über die in Napoleon verkörperte Französische Revolution, als »Kutscher Europas« am Wiener Kongress im Zenit seines Ansehens stand. »Seiner Majestät Staats-, Konferenz- und der auswärtigen Angelegenheiten dirigierender Minister« -so lautete Metternichs offizieller Titel zur Zeit des Kongresses – war nach der Niederlage von 1809 zur Leitung der österreichischen Außenpolitik berufen worden. Die Katastrophe des Russland-Feldzuges Napoleons benützte Metternich, um Österreich aus dem französischen Einfluss zu lösen und die Hegemonie in der Großen Koalition zu sichern. Nicht zuletzt seine geschickte Diplomatie trug zum Sieg der antifranzösischen Allianz bei Leipzig bei. Noch auf dem Schlachtfeld wurde Metternich deshalb in den Fürstenstand erhoben. Schon nach der Völkerschlacht fasste man den Plan eines Treffens der verbündeten Souveräne in der österreichischen Hauptstadt. Im ersten »Pariser Frieden« vom 30. Mai 1814, der den Schlusspunkt unter die Befreiungskriege setzte, wurde ferner ein internationaler Kongress zur generellen Neuordnung der erschütterten europäischen Staatenwelt vereinbart. Die Stunde der Diplomatie und der Fürsten
Der Wiener Kongress hatte keinen offiziellen Beginn: Erste Vorbesprechungen fanden seit dem 16. September 1814 statt, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Zar Alexander I. von Russland wurden am 25. September vom österreichischen Kaiser Franz I. feierlich begrüßt, doch erst mit der Prüfung der Vollmachten der Gesandten begann am 2. November 1814 die reguläre Arbeit. Für Einzelfragen bildeten sich Kommissionen, von denen der Rangkommission große Bedeutung für die diplomatischen Beziehungen zukam. Die klare Regelung, die der Kongress für diese heikle Materie fand, bestimmte die Formen der Diplomatie bis in unser Jahrhundert. Kaiser Franz I. Zar Alexander I. Friedrich Wilhelm III.Die wahren Sieger sind die Fürsten: Drei-Kaiser-Treffen am 25. 9. 1814 in Wien. Der österreichische Kaiser Franz I. empfängt Zar Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Anlass ihres Treffens ist der seit dem 18. 9.1814 tagende »Wiener Kongress«, der endgültig die Macht der Fürsten sichern und die Freiheitsbestrebungen ihrer soeben im Kampf gegen Napoleon noch so dringend benötigten Untertanen bändigen sollte. Für 50 Jahre wurden die Uhren nochmals zurückgedreht, das Signal für die »Restauration« war gegeben. Anonyme zeitgenössische Farblithografie. Bald hatten die allzeit schaulustigen Wiener Gelegenheit, die Eigenarten der Herrscher zu kommentieren. Ein drastisches Sprüchlein kursierte:
Er liebt für alle: Alexander
Er denkt für alle: Friedrich Wilhelm
Er spricht für alle: Friedrich von Dänemark
Er trinkt für alle: Maximilian von Baiern
Er frisst für alle: Friedrich von Württemberg
Er zahlt für alle: Kaiser Franz
Unter den Delegierten nahmen Karl Robert Graf von Nesselrode für Russland, der später von Wellington abgelöste Robert Stewart Viscount Castlereagh für England, Karl August Reichsfreiherr von Hardenberg und Wilhelm von Humboldt für Preußen die führende Stellung ein. Freiherr vom Stein, der große preußische Reformer, weilte als Privatmann in Wien. Die Interessen des wieder von den Bourbonen regierten Frankreich nahm Talleyrand wahr. Der ehemalige Bischof von Autun, Revolutionär und Außenminister Napoleons war es, der mit der Formulierung des Legitimitätsprinzips einen Leitgedanken des Kongresses prägte. Seiner ungemein geschickten Taktik hatte es Frankreich zu danken, dass es seine militärische Niederlage nicht zu entgelten brauchte und als gleichberechtigter Verhandlungspartner akzeptiert wurde. Diesen Einfluss konnte Talleyrand vor allem durch den Konflikt in der sächsischen und polnischen Frage behaupten. Der Zar wünschte ganz Polen seinem Reich einzugliedern; Preußen sollte mit der Einverleibung von Sachsen, dessen König am Bündnis mit dem Korsen bis zuletzt festgehalten hatte, entschädigt werden. Metternich sah in dem Plan Zar Alexanders I. eine Gefahr für Galizien und wollte ebenso wie Talleyrand eine Erstarkung Preußens verhindern. Die Gegensätze verschärften sich derart, dass Österreich, Frankreich und England um die Jahreswende 1814/15 ein Geheimbündnis gegen Russland und Preußen schlossen. Schon drohte neuer Krieg, doch fand man mit der Halbierung Sachsens und der Schaffung »Kongresspolens« unter russischer Herrschaft eine Kompromisslösung. Neuverteilung Europas, aber Herrschaft der alten Großmächte
Angesichts dieser Spannungen und der Unbeliebtheit des nun den französischen Thron einnehmenden Bourbonen Ludwig XVIII. wagte Napoleon Bonaparte den kühnen Schritt seiner Rückkehr von Elba, das ihm nach seiner Niederlage als Fürstentum zugewiesen worden war, nach Frankreich. »Der Kongress hat einen fahren lassen«, so kommentierte der Wiener Witz die augenblickliche Bestürztheit der gekrönten Häupter. Doch rasch raffte man sich zu Taten auf. Am 13. März, wenige Tage nach dem Eintreffen der Nachricht von seiner Landung bei Cannes, wurde Napoleon, der in Frankreich die »Herrschaft der Hundert Tage« an sich riss, als »perturbateur du repos du monde« geächtet. Vor dem dramatischen Hintergrund des Entscheidungskampfes wurden die Wiener Verhandlungen zügig zu Ende geführt: Noch vor der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo (18. Juni) wurde die Kongressakte am 9. Juni 1815 in der Staatskanzlei paraphiert. Kaiser Franz I., Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. befanden sich bereits auf dem Weg nach Westen und zogen am 10. Juli zum zweiten Mal in Paris ein. Der Wiener Kongress stellte das europäische Gleichgewicht der fünf Großmächte Frankreich, England, Russland, Österreich und Preußen (»Pentarchie«) wieder her. Frankreich, dem ursprünglich die Grenzen von 1792 zugedacht waren, blieb nach den Bestimmungen des zweiten »Pariser Friedens« (20. November 1815) im Wesentlichen in seinem Besitzstand von 1790. Die Stellung Großbritanniens als führende Seemacht wurde nicht zuletzt durch den Gewinn wichtiger maritimer Stützpunkte (Helgoland, Malta, Kapland und Ceylon) in weltweitem Maßstab bestätigt. Russland gewann verstärkten Einfluss auf die europäische Politik. Österreich – Italien – Preußen
Wie Polen geteilt blieb, so kam auch die vielfach erhoffte staatliche Einigung Deutschlands und Italiens nicht zustande: Die Habsburgermonarchie verzichtete auf ihre Außenpositionen in den ehemals österreichischen Niederlanden (Belgien) – ihre Verbindung mit Holland sollte sich bald als problematisch erweisen – und in den Vorlanden (Vorderösterreich). Dafür konnte es seinen Besitz in Galizien abrunden. Einen bedeutenden Ausbau erfuhr die österreichische Machtstellung in Italien und Dalmatien. Das lombardo-venetianische Königreich war in wirtschaftlicher Hinsicht eine der wichtigsten Provinzen, erwies sich aber angesichts des wachsenden nationalen Widerstandes als schwierig. Habsburgische Fürstentümer in Toskana und Modena bildeten wichtige Vorposten; die Gemahlin Napoleons, Marie Louise, wurde mit Parma und Piacenza abgefunden. Das Königreich Sardinien-Piemont, der wiederhergestellte Kirchenstaat (Papst Pius VII. verweigerte übrigens der Kongressakte aus Missbilligung der Säkularisationen seine Zustimmung) und das bourbonische Königreich beider Sizilien, wo Napoleons Schwager Joachim Murat den Einfall in sein ehemaliges Reich im Herbst 1815 mit dem Leben bezahlte, ergänzten das komplizierte italienische Staatensystem, in dem Österreich den Ton angab. Der Plan einer »Lega Italica« wurde nicht ernsthaft verfolgt – Italien blieb ein »geografischer Begriff«. In den Alpenländern vermehrte Österreich seinen Besitzstand endgültig um das in den Auseinandersetzungen mit Napoleon gewonnene Salzburg, das durch einen recht komplizierten Territorientausch gewonnen werden konnte. Eine Neuorganisierung der »illyrischen Provinzen« kam nicht zustande, was in der Folge die Beziehungen zwischen Wien, den Magyaren und den im Reich der Stephanskrone lebenden Slawen belasten sollte. Territorial gewann Österreich eine äußerlich abgerundete Gestalt, die allerdings historisch, national und kulturell höchst heterogene Teile umfasste, deren Zusammenhalt immer problematischer wurde. Das Kaisertum Österreich, das die Hegemonie im Deutschen Bund behauptete, wuchs andererseits aus Deutschland heraus. Bis zum Ersten Weltkrieg veränderte sich das Bild der Habsburgermonarchie durch den Verlust der Lombardei und Venetiens (1859 bzw. 1866), durch den Anfall des kleinen Freistaates Krakau (1846) und die Okkupation bzw. Annexion von Bosnien und der Herzegowina (1878/1908). Preußen wurde für kleine Gebietsabtretungen an Baiern und Hannover sowie seinen erwähnten Verzicht auf die Einverleibung von ganz Sachsen reich entschädigt. Aus der erneuten Teilung Polens erhielt es die Provinz Posen und Westpreußen mit Danzig und Thorn, ferner kam es in den Besitz von Schwedisch-Pommern. Am bedeutendsten aber war der Territorialgewinn am Rhein (Kur-Trier, Kur-Köln, Aachen, Jülich und Berg, Westfalen). Preußen wurde der »Staat mit den langen Grenzen«, doch wirkte das Unfertige der äußeren Gestalt als mächtiger Antrieb, in Deutschland »hineinzuwachsen«, die Zersplitterung in heterogene Gebiete durch politische, wirtschaftliche und schließlich militärische Anstrengungen zu überwinden. Der Gewinn der gegenüber Altpreußen ökonomisch und sozial fortgeschrittenen Rheinlande mit ihren Rohstoffen (Kohle, Eisen) und ihren frühindustriellen Unternehmungen (Ruhrgebiet) machte die Modernisierung Preußens trotz konservativen Widerständen zur Notwendigkeit. Der »Deutsche Bund« und die »Bundesakte«
Die Differenzen zwischen Preußen und Österreich wurden durch die Konstituierung eines »Dritten Deutschland« der Mittelstaaten vorderhand gemildert. Die Säkularisation (Verweltlichung) der geistlichen Gebiete und die Mediatisierung (Auflösung) vieler anachronistischer kleiner und kleinster Reichsstädte blieb – obgleich ein Werk »revolutionärer« Prinzipien – erhalten; in diesem Punkt konnte und wollte man nicht hinter die Napoleonische Herrschaft zurückgehen. Nur die Reichsstadt Frankfurt und die Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck erhielten wieder ihre Selbstständigkeit. Die Aufgabe des »Deutschen Komitees«, für das nach wie vor bunte Mosaik der deutschen Landkarte eine Bundesverfassung zu erarbeiten, war nicht leicht zu bewältigen. Dem Komitee gehörten zunächst nur Vertreter von Österreich, Preußen, Baiern, Hannover und Württemberg an; dann erweiterte man es auf 33 Mitglieder, sodass auch die Interessen der Kleinstaaten entsprechend gewahrt wurden. Die Verfassung des Deutschen Bundes, die durch die am 8. Juni 1815 unterzeichnete Bundesakte begründet wurde, konnte ihren Kompromisscharakter nicht verleugnen. Österreich gehörte dem Bund nicht mit seinen polnischen, ungarischen und dem Großteil seiner italienischen Gebiete an, wohl aber mit Böhmen, Mähren, Krain, Triest und Welschtirol, so dass sechs Millionen Slawen und eine halbe Million Italiener im Verband des Bundes lebten, dessen Gebiet insgesamt 32,6 Millionen Einwohner umfasste. Auch Ost- und Westpreußen sowie Posen zählten nicht zum Bund. Dagegen waren drei auswärtige Fürsten Mitglieder des Deutschen Bundes: der König von Dänemark für Holstein und Lauenburg (nicht aber Schleswig – die verwickelte historische Struktur der »up ewig ungedeelt« verbundenen Herzogtümer sollte sowohl 1848 wie am Vorabend der entscheidenden österreichisch-preußischen Auseinandersetzung Konfliktgrund werden), der König der Niederlande für Luxemburg, die britische Krone für Hannover. Im ganzen gehörten zum Deutschen Bund ein Kaiserreich (Österreich), fünf Königreiche (Preußen, Hannover, Sachsen, Baiern, Württemberg), ein Kurfürstentum (Hessen), sieben Großherzogtümer, zehn Herzogtümer, elf Fürstentümer und vier Freie Städte. Der »Bundestag« gliederte sich als ständige Versammlung der Bevollmächtigten der einzelnen Staaten nach einem komplizierten Schlüssel und hatte seinen Sitz in der Großen Eschenheimer Gasse zu Frankfurt. Vielfach als Hindernis für die Einheit Deutschlands und Hort konservativer Politik angefeindet, bestand der »Deutsche Bund«, unterbrochen von der Zäsur der Revolution (1848/50), bis 1866. Sieg des »Partikularismus« und der »Restauration«
Die Enttäuschung über den Sieg der partikularistischen, die Teilherrschaften fördernden Tendenzen verstärkte sich noch durch die Nichteinlösung der Verfassungsversprechen der Fürsten. Schon die vage Formulierung des § 13 der Bundesakte (»In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden«) ließ wenig Gutes erwarten. Die Staatsmänner des Kongresses wollten nichts von den im Zeitalter der Revolution und Napoleons geweckten Kräften des Nationalismus und Liberalismus im wirtschaftlich erstarkenden Bürgertum wissen. Dass diese Nichtachtung der Rechte des Volkes, das nach dem Appell zur »Befreiung« von Napoleon wieder in die alte Untertanenrolle gedrängt werden sollte, die entscheidende Schwachstelle in der Konzeption der Kongressdiplomaten bildete, war einsichtigen Zeitgenossen klar. Der Dichter und Diplomat August von Kotzebue (* 1761, † 1819), dessen Ermordung durch den Studenten Sand den Vorwand für die »Karlsbader Beschlüsse« (1819) gab, fragte 1814: »Einem alten treuen Bedienten erlaubt man ja wohl ein Wort mitzusprechen, aber das treue Volk soll immer nur schweigen! – immer nur fechten? – immer nur geben? und nie mitreden?« Und Ernst Moritz Arndt (* 1769, † 1860), der Dichter der Befreiungskriege, der in der Reaktionszeit als »Demagoge« seines Lehramtes beraubt wurde, erhob in seiner Flugschrift »Der deutsche Bund wider das deutsche Reich« den prophetischen Vorwurf: »Was ihr hoffen könnt, ist Krieg, weil von nun an der Streit über die Oberherrschaft in Deutschland beginnen kann und wird und muss!« Dem Urteil des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, der Kongress sei ein »Schacher wie mit Vieh«, stimmte selbst der alte Blücher bei. Tatsächlich hatte die Aufteilung der Territorien peinliche Ähnlichkeit mit dem Länderhandel des 18. Jahrhunderts. Staatsrat Hoffmann aus Berlin, der dem Kongress als lebendes statistisches Lexikon diente, erhielt den bezeichnenden Beinamen »Seelen-Hoffmann«. Und Friedrich von Gentz, der gewandte Sekretär und Handlanger Metternichs, hat in einer vertraulichen Denkschrift gestanden: »Der wahre Zweck des Kongresses bestand in der Verteilung der dem Besiegten abgenommenen Beute unter die Sieger.« Erzherzog Johann, ein Bruder des Kaisers Franz I., der wegen seiner liberalen Sympathien von politischen Entscheidungen ferngehalten wurde, vertraute seinem Tagebuch bittere Wahrheiten an: »Es ist ein jämmerlicher Handel, der mit Ländern und Menschen! Napoleon haben wir und seinem System geflucht, und mit Recht, er hat die Menschen herabgewürdigt, und eben jene Fürsten, die dagegen kämpften, treten in seine Fußstapfen. [...] Nicht mehr wollen die Nationen ihr Leben und Vermögen der Willkür einzelner Minister ausgesetzt wissen. So steht es jetzt: nur der Kongress, der alles in der Erwartung lässt, hält noch zurück, aber allenthalben gärt es, und es steht nicht mehr in der Macht der Fürsten, den Strom, den sie selbst zu ihrer Erhaltung ausbrechen ließen, in seine alten Schranken zu bringen.« Der kluge Erzherzog, der im März des Sturmjahres 1848 zum Sturz des Staatskanzlers Metternich beitrug, freilich selbst als Reichsverweser der Paulskirche scheiterte, sollte auf lange Sicht recht behalten. Die »Heilige Allianz« der Fürsten
Zunächst glaubten Fürsten und Adel, mit Napoleon auch die Revolution, ihre Errungenschaften und Hoffnungen gründlich und für immer besiegt zu haben. Im September 1815 schlossen sich zu Paris die Monarchen des katholischen Österreich, des protestantischen Preußen und des orthodoxen Russland zur »Heiligen Allianz« zusammen – »ein Dokument des Mystizismus und der höchsten Dummheit«, wie sich Castlereagh ausdrückte. Dieser Berufung auf das Gottesgnadentum der Monarchie, das im Sinne eines Interventionsrechtes der konservativen Großmächte interpretiert wurde, schlossen sich – mit Ausnahme Großbritanniens, des Sultans und des Papstes – alle europäischen Herrscher an. Wiener Kongress»Wiener Kongress« konferierende Monarchen. Wien, Historisches Museum. Die Kritik an den Wiener Verträgen darf nicht übersehen lassen, dass die auf Ausgleich und Schonung des besiegten Frankreich bedachte Politik eine lange Friedensperiode in Mittel- und Westeuropa einleitete. Zwar blieben die »Spektakel und Kontusionen«, die ein Vertrauter der österreichischen Polizei als Folge einer Organisierung Deutschlands »von unten hinauf« befürchtete, nicht aus, aber große Konflikte der europäischen Mächte waren für lange verhindert. Andererseits lag es nicht zuletzt an der »Restaurationspolitik« des Kongresses, dass die liberal-demokratische Entwicklung Mitteleuropas um Jahrzehnte zurückgeworfen wurde. Das historische Pensum der bürgerlichen Revolution blieb Deutschland und Österreich aufgegeben; zu spät wurde zu seiner Bewältigung geschritten. Die Bühne des Schauspiels: Wien
Das Bild des Kongresses bliebe ohne seinen Schauplatz unvollständig. Die zweimal – 1805 und 1809 – vom Feind besetzte Haupt- und Residenzstadt des österreichischen Kaisers war nicht Kulisse der diplomatischen Verhandlungen, sondern mit dem pulsierenden Leben ihrer Gesellschaft selbst Teil des Kongresses. Der sonst so sparsame Kaiser Franz I. wusste, was er seiner Aufgabe als Gastgeber schuldig war. Rastlos war das Obersthofmeisteramt tätig, um die Kette der Hofkonzerte, Theatervorstellungen, Redouten, Hofjagden, Bälle, Ritterspiele und Schlittenfahrten nicht abreißen zu lassen. »Le Congres danse et ne marche pas« (Der Kongress tanzt, aber kommt nicht voran) – dieses Bonmot des greisen Fürsten de Ligne wird oft zitiert, dabei aber meist übersehen, dass diese gesellschaftlichen Veranstaltungen nicht unerheblich zur Entschärfung politischer Spannungen beitrugen. Nicht alles davon war für die Beteiligten reines Vergnügen – Kaiser Franz I. rief schon im Oktober 1814 aus: »Wann das so fortgeht, da lass’ ich mich jubilieren (pensionieren), ich halt’ das Leben in der Länge nicht aus.« Ungezwungener ging es in privaten Zirkeln und den Salons reicher Bankiers zu; hier wurde höfische Etikette durch den Einfluss bürgerlicher Kultur gemildert. Viel zu tun hatte die geheime Polizei, die durch ihre in höchsten Kreisen ebenso wie in den Schenken der Vorstädte präsenten Vertrauten und »Naderer« über die Intrigen der Fürsten und Diplomaten wie über die Meinungen des Volkes gleich gut Bescheid wusste. Für politische Abenteurer, Geldleute und Spekulanten, Weltreisende, Lebenskünstler und nicht zuletzt Kurtisanen bot das Treiben der Kongressstadt ungeahnte Möglichkeiten. Die amourösen Abenteuer gekrönter Häupter und führender Diplomaten spielten in manchen Fällen über die private in die politische Sphäre hinein. Mit dem Wien des Kongresses und der Folgezeit ist die Vorstellung der Biedermeierkultur Österreichs untrennbar verbunden. Die von adeligen und bürgerlichen Mäzenen geförderte Wiener Musik feierte vor einem internationalen Publikum ihre Triumphe. Beethovens Kantate »Der glorreiche Augenblick« huldigte dem Kongress; im Werk des Meisters spiegelt sich die politische Entwicklung dieser bewegten Jahre – von der zerstörten Widmung der »Eroica« an Bonaparte bis zur Verherrlichung von Wellingtons Sieg bei Vittoria. Unbeachtet von der Öffentlichkeit setzte ein Siebzehnjähriger einen Markstein in der Musikgeschichte: Franz Schubert schuf mit dem »Erlkönig« und »Gretchen am Spinnrade« das deutsche Kunstlied. Auf dem Gebiet des Theaters öffneten sich die Hofbühnen – freilich unter dem lastenden Druck der Zensur – der Klassik. Zum größten Publikumserfolg der Kongresszeit wurde aber Adolf Bäuerles Lustspiel »Die Bürger in Wien« mit der Gestalt des Parapluiemachers Staberl, dessen ständig im Mund geführte Phrase »Wann i nur was davon hätt’« die apolitische Haltung des Biedermeier und die bedenkliche Neigung zu spießbürgerlichem Rückzug vor der »großen Welt« andeutet. Der missachtete Bürger
»Nun weiß ich auch, was ein Kongress ist: eine ganze Gesellschaft, die vor lauter Unterhaltung keinen Zweck hat und nicht scheiden kann« -so kritisierte Rahel Varnhagen, die gescheite Frau des Berliner Diplomaten Varnhagen von Ense, die Verschleierung ernster Probleme. Noch wurde die Kluft, die das materiellem und kulturellem Genuss gewidmete Leben der hohen Herrschaften vom Volk trennte, durch das Streben des Bürgertums gemildert, nach Jahren des Krieges und der Entbehrungen auch teilzuhaben an Fest und Vergnügen. Ein Spitzel wusste über das Gespräch zweier Bürger, die der Hofschlittenfahrt am Kohlmarkt zusahen, zu berichten: »›Ja‹, sagte der eine, ›die können sich leicht lustig machen, und in Gold und Silber glänzen, aber wer muss das Alles bezahlen? – wir – es ist nicht mehr auszuhalten, man weiß nicht, wie man von einem Tage zum anderen leben soll, die Theuerung ist einmahl zu groß‹ – unter diesem Gespräche nahte sich der prachtvolle Zug, und gerade diese zwei Männer, welche kurz vorher so laut schimpften, waren nun in meiner Nachbarschaft diejenigen, welche am ersten und am stärksten Vivat brüllten.« Die wirtschaftliche und soziale Lage war keineswegs so rosig, wie oberflächliche Betrachter meinten. Die schlimmen Folgen des Finanzpatents von 1811, das eine Abwertung der Währung um 80 Prozent gebracht hatte, konnten erst nach und nach überwunden werden. Ernster noch war die Proletarisierung breiter Bevölkerungsschichten in Stadt und Land. Kaiser Franz I. verordnete, dass Industriebetriebe von der Hauptstadt fernzuhalten seien, da ihm der »Fabrikenpöbel« als gefährliches revolutionäres Element erschien. Auch auf dem flachen Land herrschten vielfach Elend und Unsicherheit, Missernten brachten in den ersten Friedensjahren arge Hungersnot; Bettler und Vagabunden, abgedankte Soldaten und Invaliden zogen in Scharen über die Straßen. Der gefürchtete Räuberhauptmann Grasel, von einem Zeitgenossen als »Frühgeburt des Kommunismus« bezeichnet, wurde im Herbst 1815 gefasst und drei Jahre später gehenkt. Am Vorabend des Industriezeitalters
Keiner der Teilnehmer des Kongresses ahnte, dass Technik und Industrie in nicht allzu ferner Zukunft die aristokratische Herrschaftsstruktur der alteuropäischen Welt sprengen würden. Das Publikum lächelte über die Bemühungen des Freiherrn von Drais, der sich auf seinem Laufrad in Wien produzierte – »die fahrende Ritterschaft unserer Tage«, scherzte Goethes Herr und Freund Großherzog Karl August von Weimar. Vergeblich suchte Josef Madersperger 1815 um ein Privileg für seine Nähmaschine an; er vermochte die geforderte Taxe nicht zu erlegen. Man brauchte derlei nicht, gab es ja billige Hände genug. Das Jahr 1815 sah aber auch die Gründung des Wiener Polytechnikums – der gegenüber dem Fortschritt so misstrauische Monarch durchschaute offenbar nicht den Zusammenhang zwischen Technik und industrieller Revolution, dessen Dynamik das Antlitz des 19. Jahrhunderts formen sollte. Während der Kongress über die Verteilung des wieder in die Hände der Monarchen gelegten Kontinents beriet, experimentierten einfallsreiche Ingenieure in den englischen Industrierevieren mit den ersten Lokomotiven. Das Zeitalter der Dampfkraft und der Technik kündigte sich an, mit ihm der Aufbruch der Völker aus tradierten Bindungen. Europa: Jahr 1815, nach dem »Wiener Kongress« »Wir wünschen gar nicht, dass die große Masse wohlhabend und unabhängig werde – wie könnten wir sie sonst beherrschen?« Dieses verständnislose Wort, das Friedrich von Gentz gegenüber dem englischen Sozialreformer Robert Owen äußerte, enthüllte die Schwäche der konservativen Position. Schon bald sollte es auch auf dem Kontinent zum »Kampf zwischen den Armen und Reichen« kommen, ähnlich wie bei der Niederschlagung eines Industriearbeiterstreiks auf St. Peters-Field in Manchester 1819, wo kampferprobte Waterloo-Truppen die Arbeiter füsilierten (»Massaker von Peterloo«). Metternich hatte richtig gesehen: Es gab kein Zurück mehr – das alte Europa, dessen politische und gesellschaftliche Ordnung vom Wiener Kongress wiederhergestellt werden sollte, stand in Wahrheit am Anfang seines Endes.

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Info 26.09.2017 - 21:54
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