Kontinentalverschiebung

Die Vorstellung, dass alle Kontinente der Erde einst eine zusammenhängende, riesige Landmasse bildeten, ist nicht neu. Schon im Jahr 1620 vertrat Francis Bacon diese Meinung und der Franzose R. P. Placet veröffentlichte 1658 ein Buch, in dem er den »Zerfall der großen und kleinen Welt vor der großen Sintflut« beschrieb. Die erste Karte, die das Zusammenpassen der Kontinente zeigt, wurde 1858 von A. Snider-Pelligrini herausgebracht, seine Beweisführung stützte sich vor allem auf die Ähnlichkeit der in Europa und Nordamerika gefundenen fossilen Pflanzen. Wegeners Hypothese
Begründer der Kontinentalverschiebungstheorie ist Alfred Wegener (1880-1930), ein deutscher Geophysiker und Meteorologe. Unabhängig von Wegener, dessen erste Veröffentlichung 1912 erschien, kam der Amerikaner F. B. Taylor zu den gleichen Erkenntnissen. Anstoß zu diesen Überlegungen gab die eigenartige Form namentlich der Süd-Kontinente (Afrika/Südamerika). Wegener bewies großes Geschick in der Rekonstruktion der einstigen Landgebiete und brachte erstmals geophysikalische, geodätische, geologische, paläontologische und paläoklimatische Aspekte in die Diskussion. All diese Bereiche der Geowissenschaften mussten sich jedoch erst entwickeln, um die Mehrzahl der Wissenschaftler von der Richtigkeit dieser Theorie zu überzeugen. Vor allem Geologen der südlichen Hemisphäre sammelten Beweise für Wegeners Theorie. Die Vereisung während des Permokarbon war wesentlich intensiver und umfangreicher als die der letzten »Eiszeit« im Pleistozän. Entsprechende geologische Kartierungen ergaben ähnliche Strukturen in Südamerika, Afrika, Indien, Australien, der Antarktis und auf der Insel Madagaskar. Die Geologen untersuchten die Geschiebelehme der alten Gletscher und die fossilen Pflanzen. Dies erlaubte es ihnen, Rückschlüsse auf eine frühere Verbindung der Kontinente zu ziehen. Wenn sich die großen Festlandsgebiete gleichbleibend in ihrer jetzigen Position befunden hätten, wäre es unmöglich, Spuren früherer Vereisung nicht nur in mittleren Breiten, sondern selbst am Äquator zu finden. Das Zusammenfügen der Festlandsgebiete ergibt außer einer sinnvollen Synthese der geologischen Fakten und Phänomene auch den Beweis, dass der einstige Urkontinent über den Südpol wanderte. Zugleich erklären sich damit die ungewöhnlichen Klimaverhältnisse der anderen Regionen während jener Periode der Erdgeschichte. Vergleichbare Strukturen und Fossilien
Untersuchungen in Indien und Australien erwiesen die Existenz von Verbindungsgliedern zwischen diesen beiden Kontinenten. So könnten die permischen Becken im nordwestlichen Australien mit denen Indiens in Zusammenhang gebracht werden, anderseits sind die geologischen Strukturen in Ostaustralien mit jenen der Antarktis vergleichbar. Die enge verwandtschaftliche Beziehung zwischen den geologischen Gegebenheiten Afrikas und Brasiliens liefert einen weiteren Beweis für die frühere Zusammengehörigkeit der Kontinente. So existiert nämlich eine deutliche Grenze zwischen den zwei Milliarden Jahre alten Gesteinen Westafrikas und den wesentlich jüngeren (etwa 400 Millionen Jahre alten) Gesteinen im Osten, die nahe Accra (Ghana) in südwestlicher Richtung in den Atlantik hineinläuft. Geologische Untersuchungen in Brasilien fanden nun bei Sao Luis die Fortsetzung dieser markanten Gesteinsgrenze. Das Zusammenfügen der heute weit voneinander entfernten Kontinente in geologischen Karten bereitete Schwierigkeiten. Dennoch bestehen keine Zweifel mehr an der Existenz eines ehemaligen, alles umfassenden Urkontinents: Pangäa. Geologen konnten nachweisen, dass die skandinavischen, kaledonischen, ostgrönländischen Gebirge wie auch die Appalachen einstmals eine einzige, zusammenhängende Gebirgskette bildeten. Wegener beachtete insbesondere die Ausbreitung der Fossilien. Zu der Zeit, als seine Theorie diskutiert wurde, postulierten die Paläontologen noch Landbrücken, um eine plausible Erklärung für die Verteilung und Ausbreitung der Fossilien zu haben. Lange wurde angenommen, die Landbrücken seien durch allmähliche Absenkung verschwunden. Erst die detaillierte Erforschung des Ozeanbodens in neuerer Zeit hat diese Meinung widerlegen können. Das kaum mehr angezweifelte Bestehen des Gondwanalandes (die Einheit der Kontinente Afrika, Südamerika, Antarktika, Vorderindien und Australien) bietet demgegenüber eine Erklärung für die Ausbreitung vieler Tiere und Pflanzen. So wurden z. B. Überreste des Reptils Mesosaurus in Südafrika wie auch in Brasilien entdeckt, sicher hätte dieses Tier einen Ozean nie überqueren können. Heutige Theorien
Neueste Untersuchungen, darunter vor allem die des Paläomagnetismus, d. h. des Wechsels des erdmagnetischen Feldes im Laufe der Erdgeschichte, haben zu Ergebnissen geführt, die nicht nur die Kontinentalverschiebung bestätigen, sondern auch die Lage der Festlandsgebiete während der verschiedenen geologischen Zeiten festlegen. Die stärkste Unterstützung für die Hypothese der Kontinentalverschiebung bildeten die Theorien des »Sea-Floor spreading« (Verbreiterung der Ozeanräume) und der Plattentektonik, die seit 1960 ein breites Interesse gefunden haben. Der wohl schwächste Punkt in Wegeners Argumentation war die Begründung der für eine Kontinentalverschiebung notwendigen Kräfte. Erst die neuen Theorien liefern eine plausible Erklärung hierfür, indem sie Konvektionsströme in der Asthenosphäre annehmen.