Deutsche Kriegsgefangene und Flüchtlinge

Die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht stellte in den Frühsommermonaten 1945 die Siegermächte in West und Ost vor ungeheure organisatorische Probleme; denn Millionen von Kriegsgefangenen mussten in Lagern untergebracht oder abtransportiert werden. Nur die wenigsten deutschen Soldaten hatten das unerhörte Glück, in den turbulenten Tagen unmittelbar nach der Kapitulation der Festnahme zu entgehen und ungeschoren die Heimat zu erreichen. Insgesamt rund acht Millionen mussten während der Kapitulationsphase in die alliierten Lager wandern. Rund siebzig Prozent von ihnen kamen in das Gewahrsam der Westmächte, etwa dreißig Prozent gerieten in russische Gefangenschaft. Es wären noch weniger gewesen, hätten die Amerikaner nicht zahlreiche Soldaten, die sich vor allem im sächsischen Raum zu ihnen durchgeschlagen hatten, der sowjetischen Armee übergeben. In den ersten Nachkriegswochen herrschten in den Auffanglagern katastrophale Zustände, da die Sieger organisatorisch völlig überfordert waren und selbst bei gutem Willen – von bestem konnte nie die Rede sein – die Massen nicht unterzubringen vermochten. Im Westen wurden Zehntausende Soldaten in den berüchtigten »Rheinwiesenlagern« zusammengepfercht, ohne Unterkünfte, ohne sanitäre Anlagen, bei völlig unzureichender Verpflegung, in Erdlöchern unter freiem Himmel hausend und Wind und Wetter ausgesetzt. Um sich nicht an die Bestimmungen der Genfer Konvention halten zu müssen, wurde den hier Untergebrachten gar nicht erst der Status von Kriegsgefangenen zugebilligt, sondern sie galten als »Disarmed Enemy Forces« (entwaffnete feindliche Streitkräfte) und hatten damit auch nicht die geringsten Rechte, die nach zivilisierten Begriffen Kriegsgefangenen aller Nationen zustanden. Die Sowjets trieben ihre Gefangenen zuerst einmal in langen Marschkolonnen über die Neiße hinüber, um sie dann so rasch wie möglich weiter nach Osten abzutransportieren. Mehrere Staaten forderten jetzt auch Gefangene zur Beseitigung von Kriegsschäden und zum Wiederaufbau. Dementsprechend wurden 765000 Mann zum Arbeitseinsatz an Frankreich übergeben, 64000 an Belgien, 12000 an die Niederlande und Luxemburg. Auch die Sowjetunion übergab 75000 Kriegsgefangene an Polen und 25000 an die Tschechoslowakei. Die meisten von ihnen traf ein besonders hartes Los, mussten sie doch im Westen wie im Osten unter schlechten Bedingungen in Bergwerken arbeiten. Die neuen Gefangenen der Sowjetunion wurden in oft primitivsten Lagern untergebracht, die schlechten Baracken waren überbelegt, auch hier fehlten die sanitären Anlagen, von der schlechten Verpflegung ganz zu schweigen. Nicht immer waren es Hass und Rache für die unmenschlichen Bedingungen, denen russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern ausgesetzt gewesen waren und an denen Millionen von ihnen starben, oft fehlten einfach die einfachsten Mittel und Organisationsformen, den Gefangenen eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen. Mancher Russe hatte, nachdem die Kriegsjahre das Land verwüstet hatten, selbst kaum mehr zu leben als die ehemaligen Feinde. Insgesamt verteilten sich 3000 Kriegsgefangenenlager über die ganze Sowjetunion. Erst 1946 konsolidierten sich hier die Verhältnisse etwas und wurden die Gefangenen in Lagern westlich des Ural zusammengelegt. Ähnlich katastrophale Verhältnisse bestanden für die rund 100000 Kriegsgefangenen in Jugoslawien. Kleinere Gruppen deutscher Wehrmachtsangehöriger, darunter zahlreiche Balten, hatten sich bei Kriegsende nach Schweden absetzen können. Aber ihre Hoffnung, über das neutrale Land bald die Heimat erreichen zu können, wurde furchtbar enttäuscht. Die Schweden internierten sie zwar, lieferten sie dann aber an die Sowjetunion und viele damit dem sicheren Tod aus. Tod aus Hunger und Erschöpfung
Bei solchen katastrophalen Zuständen waren die Sterbeziffern der Gefangenen entsprechend hoch. Die Statistik des Todes erscheint auch hier sehr nüchtern, doch klagen auch die trockenen Zahlen an. Verhältnismäßig niedrig lagen die Verlustziffern noch bei den Rheinwiesenlagern, wo etwa 4000 Menschen nach Kriegsende nur wegen fehlender Organisation sterben mussten. In französischem Gewahrsam kamen allein in den Monaten nach Kriegsende 15700 ehemalige deutsche Soldaten um, das ist mehr als die Hälfte aller in französischer Kriegsgefangenschaft Verstorbenen. Für Jugoslawien besitzen wir überhaupt keine genauen Zahlen, jedoch wird die Zahl der Toten ab 1944 – also nach Ende der Kampfhandlungen – auf 80000 geschätzt. In der Sowjetunion schließlich starben von Mai 1945 bis Juni 1950 rund 543000 Soldaten. Insgesamt fanden nach Kriegsende in Ost und West rund 700000 Gefangene einen tragischen Tod. Arbeitslager
Das Kriegsende brachte für die einen den Beginn ihrer Gefangenschaft, für die anderen, die im Westen und Osten manchmal schon seit Jahren in den Lagern warteten, bedeutete es den ersten Hoffnungsstrahl. Tatsächlich begannen die Rücktransporte aus den USA nach Europa schon im Juli 1945. Viele PWs (»Prisoners of war«) erlebten allerdings eine bittere Enttäuschung; denn anstatt entlassen zu werden, wurden sie nach Frankreich oder Großbritannien zum Arbeitseinsatz gebracht, der dort wenige Wochen bis mehrere Monate dauerte. Dann erst wurden sie von ihren neuen Gewahrsamsmächten freigegeben. Der Rücktransport aus den USA war zwar bis Juni 1946 abgeschlossen, doch die in Europa untergebrachten Kriegsgefangenen mussten teilweise noch bis Mitte 1947 auf ihre Freiheit warten. Ähnlich erging es ihren Leidensgefährten in britischem und französischem Gewahrsam, deren Entlassung sich nur zögernd vollzog, weil sie noch einen Beitrag zum Wiederaufbau leisten sollten. Zuerst ließ man die Arbeitsunfähigen, Kranken und Invaliden laufen. Bis Mitte 1946 wurden von Großbritannien schon 3 Millionen entlassen. Die Moskauer Konferenz der Außenminister setzte dann im Frühjahr 1947 den Abschlusstermin aller Entlassungen auf Dezember 1948 fest. Das war ein Datum der Hoffnung, dem die Kriegsgefangenen der Westmächte vertrauen konnten; auch die Tschechoslowakei und Jugoslawien hielten sich weitgehend an diese Abmachungen, wenn auch die Heimkehrertransporte überhaupt erst gegen Ende 1948 einsetzten. Anders dagegen die Lage in der Sowjetunion, wo man gar nicht daran dachte, sich an die vertraglichen Bestimmungen zu halten. Zwar erklärte die sowjetische Regierung, dass sie die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen im Lauf des Jahres 1949 abschließen werde, zugleich aber wurde bekannt, dass in großen Prozesswellen zahlreiche Gefangene kollektiv wegen angeblicher Kriegsverbrechen angeklagt und im allgemeinen zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden waren. In der Bundesrepublik kannte man keine näheren Zahlen, da der Vorgang bewusst verschleiert wurde. Zwar versuchte die Bundesregierung 1950 in einer großen Registrierungsaktion aller noch Kriegsgefangenen und Vermissten, wenigstens einen gewissen Überblick zu gewinnen, aber niemand wusste, ob mit den 1,4 Millionen Meldungen auch tatsächlich alle Fälle erfasst waren. In dieser Zeit größter Unsicherheit trafen seit dem November des gleichen Jahres wieder Briefe von Gefangenen aus sowjetischen Lagern ein, spärlich erst, dann immer zahlreicher. Jetzt endlich erhielten die deutschen amtlichen Stellen endlich wieder feste Anhaltspunkte, von denen aus sie in der Folgezeit ihre Such- und Registrierarbeit fortsetzen konnte. Sogleich wurden auch Betreuungs- und Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Adenauer verhandelt in Moskau
Noch heute rätselt man, was die Sowjetunion zu diesem Katze-und-Maus-Spiel veranlasst haben mochte. Möglicherweise sollte hier schon auf ein gewichtiges Faustpfand und eine Pokerkarte im politischen Spiel hingewiesen werden. Am »Tag der Treue« 1951 erklärte auch Bundespräsident Heuss, dass der ganze Fragenkreis der in der Sowjetunion zurückgehaltenen und verurteilten Kriegsgefangenen nicht mehr eine Sache der einfachen Menschlichkeit, sondern ein Politikum sei. Die folgenden fünf Jahre waren ausgefüllt mit den Versuchen amtlicher und privater Stellen, den Gefangenen wenigstens durch Paketsendungen ihr hartes Los etwas zu erleichtern. Adenauers in Moskau - 1955Freilassung der Kriegsgefangenen gegen diplomatische Beziehungen. Empfang Adenauers in Moskau durch Ministerpräsident Bulganin (September 1955). Im Herbst 1955 sah Adenauer während seines Moskau-Besuches endlich eine Chance, auch über die Freilassung dieser Kriegsgefangenen zu verhandeln. Die Russen verbanden sehr geschickt die Frage nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Schicksal dieser lebenden Pfänder. Adenauers Verhandlungsführung erreichte schließlich ein Entgegenkommen der Sowjetunion. Ende 1955 trafen tatsächlich die ersten Transporte im Auffanglager Friedland ein, und bis Mitte 1956 waren dann schließlich auch die letzten von insgesamt rund 11 Millionen deutscher Kriegsgefangener wieder in die Heimat zurückgekehrt. Spätheimkehrer»Spätheimkehrer.« Erst 1956 kehrten die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion heim – elf Jahre nach dem Krieg: in ein völlig verändertes Land, teils noch zerstört, teils nach westlichen Maßstäben aufgebaut. »Skoro domoj – bald zuhause« war das große Zauber- und Hoffnungswort, das gerade den Gefangenen in Russland Kraft zum Durchhalten gab. Aber für nicht wenige wurde es zurückgedrängt durch die bange Frage, wo sie dieses Zuhause, wo sie überhaupt ihre Angehörigen finden würden. Denn Millionen Menschen waren seit Ende 1944 aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches vor der heranrückenden Roten Armee geflüchtet. Die Zurückgebliebenen wurden dann ebenso wie die Bewohner der von den Kriegsereignissen weitgehend verschont gebliebenen sudetendeutschen Gebiete Böhmens und Mährens vom Sommer 1945 an aus ihrer Heimat ausgewiesen. Das Elend der Flüchtlinge, Umgesiedelten, Vertriebenen
Der große Exodus von insgesamt 15 Millionen Menschen hatte schon kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs begonnen und war den späteren Siegermächten von den nationalsozialistischen Machthabern mustergültig vorexerziert worden. Sie hatten nicht nur selbst in großem Maßstab und unter schrecklichsten Bedingungen in Polen und der Sowjetunion »ausgesiedelt«, »vertrieben« und ganze Landstriche entvölkert, sondern auch die Auslandsdeutschen umgesiedelt. Schon in den deutsch-russischen Verträgen von 1939/40 war die Umsiedlung der deutschen Volksgruppen aus dem russischen Machtbereich im Baltikum, in Wolhynien, Ostgalizien, der Ukraine und Bessarabiens in den neuen nationalsozialistischen »Warthegau« beschlossen. Bis zum Beginn des Russlandfeldzuges waren dann tatsächlich schon 900000 Volksdeutsche aus den genannten Gebieten zurückgeholt worden. Sie hatten in ihrer neuen Heimat noch nicht Wurzeln gefasst, als sie die Kriegsereignisse schon zur Flucht und damit zu erneuter Wanderung zwangen, und so erhöhten sie nur die Zahl der Heimatlosen. Ein ähnlicher Plan zur Umsiedlung der deutschstämmigen Südtiroler wurde zwischen Mussolini und Hitler zwar vereinbart, kam aber glücklicherweise nur sehr schleppend in Gang und wurde durch die Kriegsereignisse überholt. Diese Umsiedlung konnte nach 1945 wieder weitgehend rückgängig gemacht werden. StatistikFlüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Schon 1941 hatte der ehemalige tschechische Staatspräsident Benesch in London gefordert, dass nach einer siegreichen Beendigung des Krieges durch die Alliierten alle im Staatsgebiet der Tschechoslowakei lebenden Sudetendeutschen ausgewiesen werden sollten. Diese Forderung wurde 1942 von den Engländern, 1943 von den USA und schließlich auch von der Sowjetunion akzeptiert. Nur wenige warnende Stimmen erhoben sich gegen diese rasche und gedankenlose Zustimmung zu einem bewussten Unrecht an Millionen von Menschen, die nichts mit nationalsozialistischen Übergriffen im Gebiet des »Protektorats« während des Krieges zu tun hatten. Der propagierte Grundsatz, dass nach Kriegsende durch Änderung der deutschen Staatsgrenzen keine deutschen Minderheiten entstehen dürften, wurde auch auf Polen übertragen, das für vorgesehene Gebietsabtretungen im Osten an seiner Westgrenze entschädigt werden sollte. Die Forderung nach Vertreibung der Sudetendeutschen und der Deutschen aus den Gebieten östlich der sogenannten »Oder-Neiße-Linie« wurde fortan auf jeder der großen alliierten Konferenzen von Teheran bis Potsdam gutgeheißen und konnte, wie es Churchill einmal formulierte, »nicht weiter beunruhigen«. Für Stalin bedeutete sie einen wichtigen Posten in seiner politischen Kalkulation. Hoffte er doch, dass die Millionen Flüchtlinge ein gefährliches instabiles Element in Westdeutschland bilden würden. Die Tatsachen schienen ihm erst einmal recht zu geben. Der Strom der Flüchtlinge aus den von den Kampfhandlungen bedrohten deutschen Ostgebieten setzte schon gegen Ende 1944 ein und riss von da an bis Kriegsende nicht mehr ab. Obwohl die zivilen und militärischen Dienststellen noch alles Menschenmögliche taten, um das Los dieser Ärmsten wenigstens einigermaßen zu erleichtern, kam es doch immer wieder zu furchtbaren Tragödien im kleinen wie im großen. Erfrorene und Verhungerte säumten die Fluchtwege, Familien wurden auseinandergerissen, Flüchtlingsschiffe während der Rettungsaktionen torpediert, und vor allem in Dresden fanden Zehntausende schlesischer Flüchtlinge in der grauenhaften Bombennacht des 13./14. Februar
1945 zusammen mit der einheimischen Bevölkerung den Tod. Hass, Missgunst, Verfolgungen
Die alliierten Politiker hatten ihr Gewissen mit der unverbindlichen Feststellung beruhigt, dass die geplanten Aussiedlungen geregelt und »nach humanen Grundsätzen des Völkerrechts« erfolgen müssten. Das Gegenteil war von Anfang an der Fall. Unmittelbar nach Kriegsende kam es in Prag und Innerböhmen gegen die dort lebenden Deutschen zu furchtbaren Pogromen, die sich allmählich auch in die rein deutsch besiedelten Grenzgebiete fortsetzten. Die Erinnerung an Grausamkeiten der NS-Machthaber, an KZs und Vernichtungsaktionen wie in Lidice mögen oft die Antriebsfeder gewesen sein, ebenso oft waren die Grausamkeiten aber auch einfach Ergebnis von Brutalität, Neid und Bereicherungsstreben. Gleichzeitig begannen in Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien und den grenznahen Gebieten der Tschechoslowakei die »wilden« Austreibungen, bei denen die Menschen einfach aus ihren Wohnungen und Häusern geholt und wie Vieh über die Grenze getrieben wurden. Auch dabei kam es immer wieder zu schweren Ausschreitungen. Erst jetzt griffen Vertreter vor allem der Westmächte ein und suchten die Austreibungen in geregelte Bahnen zu lenken. Damit begann die zweite Phase der offiziellen »Aussiedlung«, die in ihrem Tempo aber nicht viel besser als die erste verlief. Die Betroffenen mussten kurzfristig ihre Wohnungen verlassen und durften nur das allernotwendigste Handgepäck mitnehmen, wobei Wertgegenstände bei den Kontrollen noch abgenommen wurden. Auch jetzt kam es zu vielfachen Übergriffen, aber ebenso, wenn auch nur schüchtern, zu Hilfeleistungen, Mitleidsbekundungen. Tausende Eisenbahntransporte rollten nun aus den Gebieten östlich der »Oder-Neiße-Linie« und aus der Tschechoslowakei in die sowjetische, britische und amerikanische Besatzungszone. Nur die Franzosen weigerten sich beharrlich, in ihre Zone Flüchtlingstransporte aufzunehmen. Die Aussiedlung aus der Tschechoslowakei war bis Ende 1946 weitgehend abgeschlossen, aus den unter polnischer und sowjetischer Verwaltung stehenden Gebieten kamen die letzten Transporte erst 1948. Nun endlich konnte die traurige Bilanz von Flucht und Vertreibung gezogen werden. Wie bei den Kriegsgefangenen lassen dabei die nüchternen Zahlen das Ausmaß des Grauens, der Not und des Elends kaum erahnen. Trotzdem sollte man einige einmal etwas näher betrachten. So trafen beispielsweise allein in den zehn Monaten der »legalen« Ausweisung aus der Tschechoslowakei von Mitte Januar bis Mitte November 1946 mit rund 1500 Transporten im Schnitt stündlich (rund um die Uhr) 220 Menschen in der amerikanische Besatzungszone ein! Erschütternd sind auch hier die Verlustziffern, die allein in der Vertreibungszeit nach 1945 insgesamt mehr als 2 Millionen Menschen betrugen. Wenn wir noch die Kriegsverluste (Flucht und Gefallene) von 1,1 Millionen dazuzählen, kommen wir auf insgesamt 3,2 Millionen Tote, d. h. jeder fünfte 1939 in den Vertreibungsgebieten ansässige Deutsche ist gefallen oder auf der Flucht umgekommen. Text der Zeit
Augenzeugenbericht von Inge Neumeyer
Der »Brünner Todesmarsch« – Mai/Juni 1945

Es war schon dunkel geworden. Auf der Straße versammelte sich der Zug der Menschen – es ging los. Überall aus den Nebenstraßen strömten Menschen zu dem Zug. Wir liefen stundenlang, blieben wieder stehen. Nach ungefähr fünf Stunden standen wir vor einem großen Gebäude, wir wurden hineingetrieben und standen auf einem Hof. Dort verbrachten wir die Nacht. Nachts kamen Russen und holten Mädchen und Frauen. Laufend wurden Menschen vom Hof geholt und weggeschickt. Durch meine Infektion konnte ich kaum laufen und hatte hohes Fieber. Ein tschechischer Offizier sagte plötzlich, dass es für kranke und alte Menschen ein Auto gäbe. Wir bekamen Platz auf dem Lastwagen. Es war der 30. Mai. Wir fuhren ein Stück durch die Stadt. Es war ein sehr heißer Tag. 32000 Menschen sollen auf diesem Marsch gewesen sein. Nur Frauen, Kinder und ganz alte Leute. Am Abend gab es ein Gewitter. Die Menschen mit ihren Pappkoffern hatten durch den Regen oftmals nur noch den Henkel in der Hand. Die Straßengräben waren voll mit weggeworfenen Sachen, Schuhen, Kinderwagen. Dann schrien wieder Frauen nach ihren Kindern. Eine Bekannte von mir brachte in einem dieser Straßengräben ihr Kind zur Welt. Wir sind an diesen Menschen vorbeigefahren und sahen, dass die meisten, die ihr Gepäck nicht mehr tragen konnten, es in den Straßengraben warfen. Menschen konnten nicht mehr weiterlaufen.
Auf Pferden ritten Soldaten und schlugen auf die Menschen ein. Der Marsch ging bis Pohrlitz. Wir waren unter den ersten fünftausend Menschen, die dort ankamen. Wir mussten in eine Schule hinein. Dort übernachteten wir. Ich suchte nach Verwandten, nach den Großeltern. Man sah nur Menschen, einer suchte den anderen, sie schrien. Ich fand dann meine Freundin. Wir kamen am nächsten Tag auf ein Feld, auf dem fünf riesige Hallen standen. Das war eine Zuckerfabrik gewesen. Es standen die Wände und der blanke Betonboden. Dort hinein wurden wir getrieben. Das waren mittlerweile so an die zwanzigtausend Menschen in den fünf Hallen. In diesem Lager waren wir dreizehn Tage lang. Die Hitze war furchtbar. Am zweiten Tag brachen Ruhr und Typhus aus. In den ersten Tagen gab es überhaupt nichts zu essen. Rumänische Soldaten kamen und teilten ab und zu ein Stück Brot aus. Dann kamen Bauern mit Wasserwagen. Es hieß aber, wir sollten es nicht trinken, da es vergiftet sei. Viertausend Menschen kampierten in einer Lagerhalle. Wir lagen in Reihen auf dem Betonboden. Nachts kamen die Russen. Meine Mutter hatte mich in dem Bettbezug versteckt. Meine kleine Schwester kam unter den Kinderwagen. Den kleinen Bruder nahm meine Mutter immer auf den Arm. Wenn dann die Russen durch die Reihen gingen, war ich einigermaßen versteckt. Ich hörte unentwegt das furchtbare Schreien. Hinter uns lag eine vierundachtzigjährige Frau, die wurde vergewaltigt. Als ein junges Mädchen von Russen weggezogen werden sollte, hat sich die Mutter dagegengestellt, sie wurde mit dem Gewehrkolben erschlagen. Am nächsten Morgen lag die alte vierundachtzigjährige Frau in ihrem Blut und Kot. Sie konnte nicht mehr hinausgehen. Etwas weiter von uns lag eine Mutter mit fünf kleinen Kindern. Sie lag eines Morgens tot da. Die zwei Kleinsten krabbelten auf ihr herum. Die größeren Kinder brüllten. Einige Menschen, die vorbeigingen, haben sich ein Kind genommen. Nach drei Tagen hat man dann die Kranken herausgeholt und sie in eine fünfte Baracke hineingelegt. Sie lagen auf dem Boden in ihrem Kot ohne jegliche Hilfe. Dann hat man Latrinen gebaut um das Lager herum. Man hob Gruben aus, legte ein Brett darüber. Wenn man ruhrkrank ist, muss man unentwegt aufs Klo laufen. Mich grauste es. Ich wollte ein paar Meter weiter ins Feld gehen, da hat der Posten nach mir geschossen. Er traf mich aber nicht. Nach den ersten Tagen wurden die Toten herausgeschleift. Auf Leiterwagen wurden sie hinaufgeworfen. Sie wurden fünfzig Meter weiter ins Feld gefahren und dort begraben. Kalk kam darüber. Täglich gab es fünfzig bis sechzig Tote, verhungert oder gestorben an Typhus, Ruhr oder Vergewaltigung.
Am 13. Tag in Pohrlitz sagte meine Mutter zu uns: »Heute Nacht hauen wir ab.« Sie ging mit uns zu den Großeltern, ihrer Mutter und ihrem Vater. Sie lebten in der gleichen Baracke wie wir. Als die Großmutter von unserer Flucht erfuhr, hat sie vor meiner Mutter am Boden gekniet und hat gebettelt: »Nimm mich mit.« Meine Mutter lehnte ab, weil es ein furchtbares Risiko war. Das Lager war bewacht. Wer flüchtete, wurde erschossen. Die beiden alten Leute waren total erschöpft durch Ruhr und Typhus. Mutter wusste, dass sie die Flucht mit ihnen nie schaffen würde.
Nachts sind wir auf dem Bauch aus dem Lager gerobbt. Den Kinderwagen haben wir nachgezogen. Ein paar Hundert Meter weiter haben wir uns in einer Scheune versteckt. In der Nacht war dann noch ein schlimmes Gewitter. In der Morgendämmerung kam ein Tscheche vorbei, und meine Mutter gab ihm das Geld, das meine Schwester in ihren Skischuhen versteckt hatte. Dieser Tscheche nahm uns auf seinem Bauernwagen ein paar Kilometer mit bis nach Untertannowitz. Dort hatte Mutter Verwandte. Sie lebten auch nicht mehr in ihrem Haus, weil es Tschechen besetzt hatten. Wir durften in einen Raum, in dem vorher russische Soldaten gewesen waren, und den sie als Stall benutzt hatten. Wir haben ihn sauber gemacht und lebten dort ein Jahr. Nach einem Jahr wurden wir ausgesiedelt. Im April 1946 wurde ein Transport zusammengestellt.
Wir kamen zuerst vierzehn Tage nach Nikolsburg in ein Auffanglager. Dort wurden wir entlaust. Mein Vater war auch inzwischen entlassen worden. Mit Viehwaggons wurden wir durch die Tschechoslowakei gefahren und kamen nach Allach – wieder in ein Auffanglager. Von dort kamen wir nach Landsberg und lebten dann in Ummendorf drei Jahre in einem Zimmer eines Bauernhauses. Mein Vater bekam Arbeit in einem Fliegerhorst. Ich habe in Ummendorf beim Bauern gearbeitet. Dafür gab es eine Wassersuppe am Tag mit Schnittlauch drin. Dann wurde ich beim Landratsamt Landsberg angestellt. Ich ging jeden Tag zu Fuß zu meiner Arbeit, das waren immer sechs Kilometer. 1949 kaufte mein Vater eine Baracke, die er abarbeitete. Für uns war das ein Schloss. [...]

Aus: Mühlfenzl, Rudolf (Hrsg.): Geflohen und vertrieben. Augenzeugen berichten. Königstein/Ts. 1981. FlüchtlingsfamilienLeben in Auffanglagern. Für den Durchschnittseuropäer kaum noch vorstellbar: Flüchtlingsfamilien, in Lagerhallen zusammengepfercht, nahezu ohne Besitz und Individualität und doch froh, Schlimmerem entronnen zu sein. Das Problem der Eingliederung
Für viele Vertriebene folgte auf den ersten Schock, der aus dem Verlust der alten Heimat erwachsen war, sehr rasch der zweite durch die Eingliederung in die neue. Niemand konnte erwarten, dass die Ausgewiesenen gern aufgenommen wurden. Die Menschen im zerbombten Nachkriegsdeutschland wurden mit den eigenen Problemen kaum fertig und konnten sich nicht noch der Not anderer annehmen. Die offiziellen Stellen und karitative Organisationen taten alles, um die Eingliederung zu erleichtern. Trotzdem führten Gedankenlosigkeit und auch Egoismus auf der einen, leichte Verletzlichkeit auf der anderen Seite zumindest in der ersten Zeit häufig genug zu Missverständnissen und Verhärtungen. Für viele Ausgewiesene war mit der Zuweisung eines Wohnsitzes die Odyssee noch nicht beendet. Gerade in den ersten Jahren setzte noch eine starke Binnenwanderung ein. Auseinandergerissene Familien mussten zusammengeführt werden, entlassene Kriegsgefangene suchten ihre Angehörigen und umgekehrt. Die Familienzusammenführungen wurden durch das »Koalitionsverbot« der Besatzungsmächte noch erschwert, da sich keine Vertriebenenverbände als Selbsthilfeorganisationen bilden durften. Da die meisten Vertriebenen zuerst einmal in den agrarischen Gebieten der britischen und amerikanischen Besatzungszonen untergebracht worden waren, fehlte es dort auch an ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten. So hatten noch bis zur Währungsreform viele Vertriebene keinen ihrer früheren Berufsausbildung entsprechenden Arbeitsplatz gefunden. Von 1949 bis 1965 wurden dann noch einmal über eine Million Personen aus den überbelasteten Bundesländern Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vorwiegend nach Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz freiwillig umgesiedelt. Nach dem großen Schock der ersten Nachkriegsjahre vollzog sich dann aber nach verschiedenen Richtungen hin der entscheidende Wandel. Die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr hatte sich als Illusion erwiesen, in der »Charta der Heimatvertriebenen« von 1950 bekräftigten zwar die Vertriebenen ihr ideelles Recht auf die alte Heimat, verzichteten aber ausdrücklich auf jeden Revanchismus und verpflichteten sich zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas. Vonseiten der Bundesregierung und der Länderregierungen wurden durch entsprechende Gesetze – insbesondere durch das »Lastenausgleichsgesetz« von 1952 – alle Anstrengungen unternommen, um die wirtschaftliche Eingliederung der Vertriebenen voranzubringen. Dass sie in so wenigen Jahren gelang, war nicht zuletzt dem Aufbau- und Integrationswillen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu danken, die damit einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau ihrer neuen Heimat leisteten.