Vom Schwarzmarkt zum Wirtschaftswunder

»Nichts ist übriggeblieben von Berlin. Es gibt keine Wohnstätten, keine Läden, keine Transportmittel, keine Regierungsgebäude. Nur ein paar Mauern [...] sind das Erbe, das die Nazis der Bevölkerung Berlins hinterlassen haben.« In knappen Worten hat der Kriegsberichterstatter der »New York Herald Tribune« die Lage im Mai 1945 erfasst. Was für Berlin galt, galt in ähnlicher Weise für viele, sehr viele andere Städte: Seit dem »Dreißigjährigen Krieg« hatte Deutschland solche Zerstörung und solches Elend nicht mehr erlebt. In dieser verzweifelten Situation fiel den alliierten Siegermächten die politische Verantwortung für das geschlagene Deutschland zu – Verständnis für seine besondere Notlage ließen sie verständlicherweise jedoch kaum erkennen: In ihren Augen erlitten die Deutschen ein selbstverdientes Schicksal. »Das deutsche Volk fängt an«, heißt es im »Potsdamer Abkommen« vom August 1945, »für die furchtbaren Verbrechen zu büßen.« Zum Elend des Krieges gesellte sich jetzt noch das »Besatzungselend«: französische und russische Truppen ernährten sich »aus dem Lande« und verschlimmerten so den allgemeinen Hunger; Amerikaner und Briten quartierten sich in die wenigen noch intakten Häuser ein und vergrößerten die Wohnungsnot; zu Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung kam es auf allen Seiten. Reparationen und Demontagen
Der alliierten Besatzungspolitik war es zunächst in erster Linie daran gelegen, sich an den noch vorhandenen deutschen Produktionsanlagen für die eigenen Kriegsverluste schadlos zu halten. Russland und Frankreich wollten mit diesen Reparationen ihre zerstörten Industrien wieder aufbauen; Amerika und England ging es wohl auch darum, die lästige Konkurrenz der Wirtschaftsmacht Deutschland endgültig auszuschalten, oder sie zumindest so zu schwächen, dass sie keine ernsthafte Gefahr für ihre Sicherheit mehr war. Wie nachhaltig solches Denken die Politik der Siegermächte bestimmte, macht ihr Plan einer deutschen »Friedenswirtschaft« aus dem Frühjahr 1946 deutlich. Er sah vor, alle Produktionszweige zu verbieten, die sich auch nur entfernt kriegstechnisch nutzen ließen – Herstellung von synthetischem Benzin und Gummi, von Kugellagern und schweren Werkzeugmaschinen: In Wirklichkeit konnte man damit zentrale Bereiche der Schlüsselindustrien lahmlegen. Die deutsche Produktionskapazität insgesamt sollte auf die Hälfte des Vorkriegsstandes herabgedrückt werden! Diese vornehmlich »technische« und sicherheitsbezogene Sicht ihrer Deutschland-Politik trat jedoch in dem Maße zurück, in dem die unmittelbare Not des Volkes in das Blickfeld der »Besatzer« kam: Politische Verantwortung konnte die Verantwortung für die Menschen in Deutschland nicht aussparen. Zu diesem Sinneswandel hatten moralische Appelle von Augenzeugen aus den Siegerländern maßgeblich beigetragen. Aufsehen und Betroffenheit erzeugten etwa die Berichte des Bischofs von Chichester in der englischen Presse: »Die Wahrheit besteht darin, dass die Not im Reich von Tag zu Tag steigt und dass eine fürchterliche Hungersnot ausbrechen muss, falls nicht schleunigst Hilfe einsetzt [...]«. Bei einer zu radikalen Ausbeutung der deutschen Wirtschaft musste die Selbstversorgung des Volkes bald zusammenbrechen – solche Überzeugung setzte sich jedoch nicht gleichermaßen bei allen Besatzungsmächten durch. Als die Sowjets Anfang 1947 die Beendigung ihrer Demontagen verkündeten, hatten sie ihre Zone praktisch »ausgeräumt«. Lebensmittelkarten und Importe
Um die Versorgung der Bevölkerung einigermaßen zu ordnen, griffen die Alliierten zunächst wieder auf das System der nationalsozialistischen Zwangsbewirtschaftung zurück – Lebensmittelkarten und Bezugsscheine sollten die Not wenigstens gleichmäßig auf alle verteilen. Amerika und Großbritannien sahen sich allerdings gezwungen, durch Importe von Nahrungsmitteln die Versorgung ihrer vom Hunger besonders bedrohten übervölkerten, stark industrialisierten Zonen wenigstens einigermaßen aufrechtzuerhalten: 700 Millionen Dollar mussten sie fortan im Jahr dafür aufwenden. Zur Änderung der westlichen Besatzungspolitik hatten neben rein wirtschaftlichen Gründen und Mitleid auch die Achtung vor dem Lebenswillen des deutschen Volkes beigetragen. Man begann im Ausland allmählich, die »hässlichen Deutschen« differenzierter zu betrachten. Die »Philosophie« der Nachkriegsdeutschen war freilich recht einfach: schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen, und bei harter Arbeit ließen sich Hunger und Elend noch am ehesten vergessen! Nicht alle indes mochten sich eine solche Einstellung zu eigen zu machen. Das »Potsdamer Abkommen« löste in Deutschland eine Selbstmordwelle aus – 1200 Menschen nahmen sich in Berlin das Leben, 600 in Leipzig, 450 in Hamburg. Neben tödliche Verzweiflung trat – ein seltsames Paradoxon – ausgelassene Lebensfreude. Inmitten der Not hatten die Vergnügungsviertel Hochkonjunktur, und die improvisierten Faschingsbälle und Familienfeiern der ersten Nachkriegszeit verklären sich in der Erinnerung der Beteiligten zur Legende. Wohnungsnot und Hunger
»Improvisation« wurde zum Schlüsselwort der »Stunde Null«. Es galt zunächst wieder das sprichwörtliche »Dach über dem Kopf« zu schaffen – in der amerikanischen Zone etwa war fast die Hälfte der Wohnungen nicht mehr bewohnbar. Mit primitivsten Mitteln wurden in den noch erhaltenen Kellern von Ruinen »Wohnungen« oder notdürftige Verkaufsräume eingerichtet: Baumaterial fand sich nebenan in den Trümmern; idyllische Gartenhäuschen wurden jetzt zu »Behelfsheimen« umfunktioniert. Für den vollständigen Wiederaufbau Deutschlands veranschlagten Experten allerdings ein halbes Jahrhundert! Zur Räumung der Schuttmassen und zur Instandsetzung der Verkehrswege führte der Kontrollrat im Oktober 1945 eine »Arbeitspflicht« für alle Männer und Frauen ein – die »Trümmerfrau«, die mit einfacher Maurerklammer den alten Mörtel von den Ziegelsteinen klopfte, wurde zum Symbol des Wiederaufbauwillens. Bei aller Anstrengung konnte der neugeschaffene Wohnraum jedoch niemals dem durch die Flüchtlingsströme stetig wachsenden Bedarf gerecht werden. Als letzter Ausweg verfügte ein »Wohnungsgesetz« die Einquartierung von Obdachlosen: aus einer großen Vierzimmerwohnung wurde nicht selten eine Vierfamilienwohnung – in solcher »Zwangsintimität« wildfremder Menschen lag dann häufig die Ursache für hässliche Ressentiments gegen die Flüchtlinge. Zum eigentlich zentralen Problem der Nachkriegszeit wurde der Hunger. Mit der Abtretung der Ostgebiete hatte Deutschland auch seine traditionellen »Kornkammern« verloren: eine größer gewordene Bevölkerung musste jetzt aus einem deutlich kleiner gewordenen Landwirtschaftsraum ernährt werden. Schon 1945 nahm die Ernährungslage katastrophale Ausmaße an. »Mein vorläufiges Ziel«, erklärte der britische Oberbefehlshaber General Montgomery im September, »ist die Zuteilung von 1500 Kalorien pro Tag«; im April 1946 stellte eine Kommission fest, dass die Kalorienversorgung in der amerikanischen Zone 1275, in der britischen 1040 und in der französischen 927 pro Tag betrug (in der russischen Zone wurden Erhebungen nicht gestattet) -zur gleichen Zeit hatte die UNO 2550 Kalorien als Existenzminimum angesetzt! Die Folgen waren erschreckend: »Wiegetrupps« in der britischen Zone mussten registrieren, dass fast 70 Prozent der Schulkinder unterernährt waren; Mangelkrankheiten wie die Tuberkulose breiteten sich fast epidemisch aus. Nach Schätzungen sind in Deutschland täglich 200 Menschen buchstäblich verhungert! Die Lebensmittelimporte aus den USA und Großbritannien konnten da allenfalls Schlimmeres verhüten. Dramatisch spitzte sich die Lage im »Kältewinter 1946/47« zu. Der Hungertod fand jetzt im »Weißen Tod«, da es kein Brennmaterial gab, einen mächtigen Verbündeten. In München mussten 70 Wärmestuben für 50000 Menschen eingerichtet werden. Man sprach allgemein vom »8. Kriegsjahr«! Anfang 1947 sank die Kalorienzuteilung in Hamburg auf 800, in Essen gar auf 740 Kalorien pro Tag ab. Das System der Zwangswirtschaft war offenkundig zusammengebrochen: Nach den offiziellen Produktionsquoten hatte der »Normalverbraucher« jetzt alle 10 Jahre Anspruch auf ein neues Hemd, alle 40 Jahre auf einen Anzug – und nur jeder dritte auf einen eigenen Sarg! Wer da überleben wollte, musste sich selbst helfen oder anders helfen lassen. Lebensrettende Hilfe des Auslands
Solche Hilfe von außen haben die Deutschen von Privatleuten und karitativen Organisationen der Schweiz, Schwedens, des Vatikans, vor allem der USA in großherziger Weise erfahren. Für nicht wenige Kinder war die »Schulspeisung« der Quäker die einzige warme Mahlzeit, wahrscheinlich für Hunderttausende war sie die einzige Garantie fürs Überleben – das Werk dieser Sekte wurde durch den Friedensnobelpreis in London von 1947 gewürdigt. Unvergessen ist auch der Aufruf des jüdischen Verlegers Victor Gollancz, Deutschland jetzt und sofort zu helfen. Für 10 Dollar konnten Amerikaner Standardpakete nach Deutschland schicken lassen, die Nahrungsmittel im Wert von 40000 Kalorien enthielten: »CARE-Pakete« waren die Reichtümer der »schlechten Zeit«; mehr als eine Million solcher Sendungen ging monatlich nach’Deutschland! Auf originelle Weise warb der Chef der hessischen Militärregierung für Unterstützung der Deutschen: er servierte seinen Gästen aus Amerika »big dinner in German style« – Ersatzkaffee, Wassersuppe, 2 Pellkartoffeln und 5 Gramm Margarine. Karitativer Einfallsreichtum, der Leben rettete! Nachkriegsjahre»Quäkerspeisung«! Für jeden Schüler der Nachkriegsjahre bleiben sie bis ans Lebensende in dankbarer Erinnerung: die Kekssuppen, Schmalzbrote, Schokoladenriegel der Hilfsorganisationen – wohlschmeckende Lebensretter. »Selbstversorgung«
Glücklich, wer da einen kleinen Garten besaß: Jedes Stückchen Land wurde jetzt intensiv zur »Selbstversorgung« genutzt – in ihrer Zone untersagten die Briten gar den Anbau von »nutzlosen« Blumen. Die Stallhasen in Käfigen auf dem Balkon halfen, die mageren Fleischrationen etwas aufzubessern, und die »Hühnerfarm« im Hinterhof, notfalls auch im Keller, bedeutete schon eine kleine Überlebensgarantie. Ein ganzes Volk sank jetzt wieder auf die Primitivstufe der »Sammler« herab: Auf den abgeernteten Feldern »stoppelte« man Ähren für ein kleines Säckchen Mehl; den Waldboden »kämmte« man nach Bucheckern durch: zehn Pfund ergaben einen Liter Öl; das »Kippensammeln« wurde zum Sport und war zugleich erniedrigend; immerhin aber reichten 7 Zigarettenkippen für eine »Neue«; hungrige Städter buddelten aus den Äckern wieder die Saatkartoffeln aus – die Grenzen zur Mundraubkriminalität wurden hier fließend: Es war schließlich auch ergiebiger, sich die Kohlen gleich aus dem Lagerbunker zu »besorgen«, als mühsam am Bahndamm nach vielleicht herabgefallenen Bröckchen zu suchen: 18000 Zentner Briketts wurden 1946/47 täglich aus einem Kölner Bahnhof gestohlen – unter den gestellten »Dieben« fand sich auch die Frau eines Staatsanwalts! Der Kölner Kardinal Frings hatte solchem »Tun« sogar die kirchliche Absolution erteilt: »Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat« – »Fringsen« nannte der Volksmund fortan diese Selbstversorgung außerhalb der Legalität. Auf solche offizielle Toleranz durften freilich jene grellgeschminkten »Fräuleins« nicht rechnen, die sich ihre »Liebe« von ihren uniformierten Kavalieren in begehrten Naturalien honorieren ließen – die farbigen »Besatzungskinder« sind die bemitleidenswerten Zeugnisse der »Schokoladen-Prostitution« aus jenen Tagen. Fräuleins»Selbstversorgung«. Um in den Nachkriegsjahren überleben zu können, um ein paar zusätzliche Kalorien zu bekommen, musste man gewitzt sein, Strapazen auf sich nehmen oder etwas zu tauschen haben – und sei es die eigene Person. Bild: »Fräuleins« mit ihren vielleicht Nylonstrümpfe, Schokolade oder Kaffee stiftenden amerikanischen Freunden. Für den Normalverbraucher blieb die Möglichkeit, die kärglichen Lebensmittelzuteilungen etwas aufzubessern, meist auf die »Hamsterfahrt« beschränkt. An den Wochenenden waren die Züge »aufs Land« buchstäblich bis auf das Dach hinauf überfüllt: nach Bayern fuhr der »Kalorien-Express«, der »Kartoffel-Zug« nach Niedersachsen und das »Nikotin-Bähnchen« zu den Tabakfeldern der Pfalz. Hatte man bei solchen Hamstertouren von Bauernhof zu Bauernhof etwas ergattert, ein paar Pfund Kartoffeln, ein Brot oder gar ein Stückchen Speck, so war es nicht minder schwierig, den Rucksack durch die scharfen Transportkontrollen zu schleusen – Hamstern war Wirtschaftsverbrechen! Letztlich brachte aber nur der etwas nach Hause, der etwas zu »bieten«, zu tauschen hatte: Textilien, Zigaretten, auch Familienschmuck oder Teile des »guten Geschirrs« – für Geld bekam man lediglich ein verständnisloses Achselzucken! Geld war in der Wirtschaft der Nachkriegszeit nahezu bedeutungslos geworden. Der Zusammenbruch ließ auch Hitlers Schwindel der »verdeckten Inflation« platzen; durch die Rüstung, den Krieg, die ungeheuren Verluste waren die Schulden des Reiches auf 300 bis 400 Milliarden Mark aufgelaufen – das entsprach fast dem gesamten deutschen Geldvermögen: Die Reichsmark war praktisch wertlos, sie hatte ihre Funktion als Zahlungsmittel weitgehend eingebüßt: an die Stelle der Geldwirtschaft trat der »primitive« Tauschhandel. »Kompensation« und »Schwarzer Markt«
Große Unternehmen wie kleine Händler wickelten ihre Geschäfte jetzt als Warentausch ab: man nannte das vornehm »Kompensationswirtschaft«; die gleiche Handelspraxis auf der Straße hieß weniger vornehm »Schwarzer Markt«. Auf dem Schwarzmarkt der Nachkriegszeit war fast alles zu haben – vorausgesetzt, man hatte sehr viel Geld oder selbst etwas zu tauschen. Viele schieden deshalb als Handelspartner aus, denn das durchschnittliche Monatseinkommen lag damals unter 200 Mark! Als Tauschobjekt wurde alles akzeptiert, vom Kunstwerk bis zur Zahnprothese – am wenigsten die Reichsmark. Anerkannte »Währungseinheit« war die Ami-Zigarette, das Stück z. B. im »Nominalwert« von etwa 6 Mark. Es bildeten sich bald regelrechte »Börsennotierungen« aus: das Pfund Fleisch kostete etwa 15 »Amis«, für 3 Paar Damenstrümpfe erlöste man vielleicht 1 Liter Öl, für das Kilo Bohnenkaffee wurden bis zu 1500 Mark verlangt, und der VW-Käfer war für 20 Stangen Zigaretten zu haben; der Kenner fand echte Okkasionen: einen Perserteppich etwa für 2 Zentner Kartoffeln! Die »Märkte« etablierten sich bevorzugt auf Bahnhöfen oder größeren Plätzen; die Geschäfte wurden hinter vorgehaltener Hand abgewickelt – meist war auch ein Quäntchen Abenteuerlust dabei. Die Polizei stand diesem Treiben letztlich machtlos gegenüber. Bei Razzien gaben Späher rechtzeitig Alarm, sehr häufig wurden unverdächtige Kinder als Helfershelfer missbraucht. Als ein Sonderkommando der Hamburger Polizei im März 1947 2500 Schwarzhändler festnehmen konnte, war die »Szene«, wie man heute sagen würde, damit keineswegs »trockengelegt«. Im Dunstkreis des »Schwarzen Marktes« blühte die Kriminalität. In Hamburg wurden 1947 täglich rund 400 Ladeneinbrüche verübt, um »Nachschub« zu beschaffen; Bandenrivalitäten schreckten auch vor Mord nicht zurück. Der »Schwarze Markt« wurde zum bevorzugten Tummelfeld für Arbeitsscheue und Asoziale – der Verkauf einer Packung »Amis« wog leicht den Wochenlohn eines Arbeiters auf. Viele jener auf über 100000 geschätzten herumvagabundierenden Jugendlichen – trauriges Strandgut des Krieges – gerieten hier endgültig auf die schiefe Bahn. Derweil führten Großschieber in den Kurbädern der Nordseeküste ein ausschweifendes Luxusleben – für 500 Mark Tagespension, ersatzweise 10 Pfund Kaffee. Im »Schwarzen Markt« enthüllte sich der ganze Widersinn der deutschen Notlage: Während hier das Wort »Mangelware« überhaupt nicht existierte, gestaltete sich die allgemeine Versorgung immer schwieriger – Deutschland wurde für die westalliierten Hilfeleistungen zu einem »Fass ohne Boden«. Im britischen Unterhaus polemisierte ein Abgeordneter: »Wir besiegen ein Land und fordern dann unsere eigenen Steuerzahler auf, 80 bis 100 Millionen Pfund im Jahr zu zahlen, um es wieder auf die Beine zu bringen.« Den einzigen Ausweg sah man in der Ausweitung der selbständigen deutschen Produktion. Schwarze MarktSorge um das neue Geld. Der »Schwarze Markt«, vor der Währungsreform oft die einzige Möglichkeit, eine Ware zu erstehen, erwies sich als keine Gefahr für die gesundete Wirtschaft. Die Sorge der Gewerkschaft blieb unbegründet. Von der »Bi-Zone« zur »Währungsreform«
Schon 1946 hatte der amerikanische Außenminister Byrnes in seiner berühmten Stuttgarter Rede erklärt, dass Deutschland ein Industriepotential belassen werden müsse, das »ihm die Aufrechterhaltung eines durchschnittlichen europäischen Lebensstandards ohne die Hilfe anderer Länder ermöglicht«. Er hatte deshalb die »wirtschaftliche Vereinigung Deutschlands« gefordert und konsequent seine amerikanische Zone mit der britischen zum »Vereinigten Wirtschaftsgebiet«, zur »Bi-Zone«, zusammengeschlossen; später gliederten auch die Franzosen ihr Besatzungsterritorium der »Bi-Zone« an. Die Deutschen erhielten dabei gewisse Verwaltungsfunktionen, im Frankfurter »Wirtschaftsrat« wurde ihnen eine Art beratendes Parlament zugestanden. Die Vorschläge einer amerikanischen Wirtschaftskommission – »Die Produktionsfähigkeit Europas kann nicht wiederhergestellt werden, ohne dass Deutschland in die Lage versetzt wird, zu dieser Produktion beizutragen« – mündeten im Juni 1947 in den »Marshall-Plan«, ein Hilfsprogramm im Umfang von 80 Milliarden Dollar, um Europa, wie Außenminister Marshall es formulierte, vor »einem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verfall« zu retten. Im Spannungsfeld des zunehmenden Ost-West-Konfliktes sollten so die freien europäischen Länder gegen den Zugriff des Kommunismus gesichert werden. Grundvoraussetzung für eine Förderung Deutschlands aber war die Sanierung seiner zerrütteten Währung. ERPERP – European Recovery Program. Das »Europäische Wiederaufbauprogramm« des »Marshall-Plans« schuf zusammen mit der Währungsreform in entscheidendem Maß die Voraussetzungen für den Wiederaufbau Europas und das »Deutsche Wirtschaftswunder«. Plakat von 1948. Die »Währungsreform« vom 20. Juni 1948 hat den Deutschen in den Westzonen das »Wunder der D-Mark« beschert. Am »Tag danach« waren die Schaufenster mit den lange entbehrten Waren gefüllt – alles wohlfeil wie zu »Friedenszeiten«. Zugleich war damit eine Ursache für die früheren Versorgungsengpässe offenbar geworden: Unternehmen und Geschäftsleute hatten heimlich für den »Tag X« gehortet! Im allgemeinen Trubel fast unbemerkt hob am gleichen Tag der Direktor des »Frankfurter Wirtschaftsrates«, Ludwig Erhard, eigenmächtig wichtige Bereiche der Zwangsbewirtschaftung auf – er wollte der »Verwaltung des Mangels« ein Ende machen! Der hohe Kaufwert des neuen Geldes, davon war er fest überzeugt, würde die Arbeitsleistung und die Produktionsbereitschaft so anspornen, dass die deutsche Wirtschaft von selbst wieder auf Touren käme. Erhard setzte auf das freie Spiel der Kräfte – der Staat sollte lediglich dafür sorgen, dass alle am wirtschaftlichen Fortschritt teilhätten. Diese Vorstellung von einer »Sozialen Marktwirtschaft« wurde indes scharf bekämpft: Die Gewerkschaften nannten sie »chaotisch« und forderten Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien; die SPD beschwor die Gefahr »einer sozialen Katastrophe«, der Not für die Schwachen und des Reichtums für die Unternehmer und sprach sich für Planung und Lenkung der Wirtschaft durch den Staat aus. Der Gegensatz »Marktwirtschaft -Planwirtschaft« wurde zur zentralen Alternative zwischen CDU und SPD bei der ersten Bundestagswahl. Ludwig ErhardLudwig Erhard, »Vater des Wirtschaftswunders«. Wirtschaftsminister Erhard, unter dessen Regie amerikanische Pläne marktwirtschaftlicher Prinzipien zur Ausführung kamen, wurde zum Wohlstandssymbol der Bundesrepublik. Nach seinem »Sieg« verkündete Adenauer 1949 in seiner Regierungserklärung: »Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik werden wir die [...] so erfolgreich eingeschlagene Richtung weiterverfolgen« – den damals noch parteilosen Ludwig Erhard berief er zu seinem Wirtschaftsminister. Den endgültigen Sieg für die Marktwirtschaft bedeutete dies indes jedoch noch nicht. Es ging nun zwar in den Unternehmen und der Wirtschaft sichtbar aufwärts, der Wiederaufbau zeigte erste spektakuläre Erfolge; das Ausland fasste Vertrauen zur D-Mark. Am 1. März 1950 konnte die Lebensmittelbewirtschaftung vollständig aufgegeben werden – die Versorgungslage war jetzt besser als im »Siegerland« Großbritannien! Auf der anderen Seite aber wurden immer noch Industrieanlagen demontiert, die alliierten Produktionsverbote bestanden fort, die Zahl der Arbeitslosen hatte sich vom Januar 1949 bis Dezember – auf 1,5 Millionen – verdoppelt, und der Zustrom der Flüchtlinge riss nicht ab. Die Löhne blieben niedrig, kaum ein Schwerarbeiter erreichte mehr als 1 DM Stundenlohn, der Angestellte konnte froh sein, wenn er brutto 300-400 DM am Monatsende nach Hause brachte. Die Kriegsfolgen erzwangen in diesen Jahren, den Akzent vor allem auf die »soziale« Seite der Marktwirtschaft zu setzen. Es galt, Millionen von Opfern des Krieges und der Nachkriegszeit zu versorgen: Über 3 Milliarden Mark waren jährlich an Renten zu zahlen, 24 Milliarden wurden von 1948 bis 1953 für die Eingliederung der Flüchtlinge aufgewendet. Ein »Lastenausgleich« sollte in gewissem Umfang alle jene entschädigen, die von den Folgen des Krieges besonders hart betroffen waren. 1953 bezog jeder dritte Bürger in der Bundesrepublik Leistungen aus den verschiedenen Formen der Sozialversicherung – die tragenden Maschen des »sozialen Netzes« waren geknüpft. ArbeitslosArbeitslosigkeit trotz Währungsreform. Als Folge der Zerstörungen, des Flüchtlingsstroms und des zunehmenden Konkurrenzkampfes der freien Marktwirtschaft hielt sich die Arbeitslosenzahl bis 1950 bei 1,5 Millionen. Auf dem Weg ins »Wirtschaftswunder«
Nachdem Adenauer den Westalliierten in zähen Verhandlungen die Aufhebung von Demontagen und Produktionseinschränkungen abgerungen hatte und nachdem der Korea-Krieg (1950-1953) bei den Partnern der USA einen Wirtschafts-Boom ausgelöst hatte, erlebte die Bundesrepublik in den nächsten zehn Jahren einen wohl beispiellosen, zunächst noch langsamen, dann aber sich immer mehr beschleunigenden wirtschaftlichen Aufstieg. In den meisten Sektoren konnte die Produktion verdoppelt werden, die Leistungen der Volkswirtschaft insgesamt, das Sozialprodukt, steigerte sich gar auf das Dreifache! Mit staatlicher Hilfe wurden jährlich im Durchschnitt über 500000 Wohnungen gebaut; die Arbeitslosigkeit verringerte sich kontinuierlich, und 1959 war schließlich Vollbeschäftigung erreicht. Seit 1956 galt die Bundesrepublik nach ihren Überschüssen als das reichste Land der westlichen Welt, 1958 stieg sie zur mächtigsten Industrienation hinter den USA auf – die Superlativen überschlugen sich: Im In- und Ausland sprach man staunend vom »Deutschen Wirtschaftswunder«. Bei nüchterner Betrachtung indes zeigte das »Wunder« ganz reale Ursachen. Erhards optimistische Spekulation war offenkundig aufgegangen – zu Recht nannte man ihn jetzt den »Vater des Wirtschaftswunders«; die 1,5 Milliarden Dollar des »Marshall-Planes« und gezielte Steuervergünstigungen für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft hatten sich als die entscheidende Starthilfe für die Wirtschaft erwiesen; die für jeden bestehende Notwendigkeit, seine Existenz aus den Trümmern neu wieder aufzubauen, tat ein Übriges. Der »Rest« war Einfallsreichtum, Unternehmergeist, war Selbstbescheidung, Fleiß und harte Arbeit! Dieser Einsatz hatte sich freilich rentiert; Erhards Wahlkampfparole »Wohlstand für alle« begann innerhalb weniger Jahre entsprechend den Möglichkeiten des einzelnen Wirklichkeit zu werden. Auch der »kleine Mann« konnte sich jetzt etwas »leisten«. In »Wellen« befriedigten die Deutschen nun ihren Nachholbedarf aus entbehrungsreicher Zeit. Die »Fresswelle« am Anfang wurde dabei wohl am ausgiebigsten genossen – auch das war ein »Beweis« für das Wirtschaftswunder: 1952 musste die sechs Jahre zuvor installierte Bestuhlung im Düsseldorfer Landtag ausgewechselt werden, weil sie die Abgeordneten nicht mehr zu »fassen« vermochte! Bald hielten Kühlschrank und Waschmaschine auch im Durchschnittshaushalt Einzug, und nach Hilfsmotor oder Fahrrad, Roller, Kabinenroller und Kleinstwagen wurde für viele nach 1960 auch der VW zum erfüllbaren Wunschtraum: In diesem Jahr hatte sich die Anzahl der Automobilbesitzer gegenüber 1950 schon vervierfacht! Auch die »Alten« ließ man am Aufschwung teilhaben: die »Dynamische Rente« von 1957 orientierte sich an der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung und garantierte damit am Lebensabend einen angemessenen Lebensstandard – wachsender Wohlstand ermöglichte den Wohlfahrtsstaat. Auf seinem Höhepunkt zeigte das »Wirtschaftswunder« jedoch Schönheitsfehler. Alle hatten am Aufstieg mitgearbeitet, nicht alle erhielten aber dafür den gleichen Lohn. Die Einkommen der Arbeitnehmer hatten sich im Laufe von zehn Jahren verdoppelt, die der Selbständigen jedoch verdreifacht; die Vermögensbildung in ihrer Hand war, wie eine Erhebung der Bundesregierung auswies, über zwanzigmal so hoch wie die der Unselbständigen! An diesen Verhältnissen konnte auch Erhards Plan von der »Volksaktie« nichts Grundlegendes ändern. Zwar waren diesmal auch die »Armen« reicher geworden – aber eben doch nicht im gleichen Maße wie die Reichen. Als »Stiefkinder des Wirtschaftswunders« musste noch über eine halbe Million in Baracken und Wohnwagen kampieren, viele blieben chancenlos. Dem steigenden Lebensstandard entsprach keineswegs auch eine erhöhte Lebensqualität. Geistige Interessen schienen in der »Wirtschaftswunderzeit« allgemein zu verflachen; der grellbunte amerikanische Lebensstil, über den man sich mit hungrigem Magen noch mokiert hatte, breitete sich mehr und mehr aus; Schnulze und Kitsch beherrschten die Szene; das böse Wort von der »Gartenzwergkultur« machte die Runde. In bedenklicher Weise wurde jetzt materieller Besitz zum Wertmaßstab erhoben: Der Rang des einzelnen in der Gesellschaft ließ sich an seinen oft protzig zur Schau gestellten »Statussymbolen« ablesen – vom Luxuswagen bis zum kostbaren Pelzmantel der Ehefrau! Mitte der 60er Jahre begann sich in die allgemeine Zufriedenheit der Zweifel zu mischen: Kritiker wiesen auf Gefahren des Materialismus und des Wohlstandsdenkens hin. Nur wenige Bundesbürger freilich teilten dieses »Unbehagen«. Gastarbeiter aus ItalienSie halfen beim Wirtschaftswunder: Gastarbeiter. In nur zehn bis fünfzehn Jahren hatte Westdeutschland den weiten Weg von der »Hungergesellschaft« zur »Überflussgesellschaft« zurückgelegt – eine erstaunliche Leistung der Menschen in diesem 1945 in Schutt und Asche liegenden Land, ein historisch nahezu einmaliges Phänomen, dessen Licht- und Schattenseiten sich freilich erst heute deutlich zu konturieren beginnen.

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Info 20.11.2017 05:10
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