Die deutschen Fürstentümer 1871-1918

»Was ist des Deutschen Vaterland? ist’s Preußenland? ist’s Schwabenland? [...] ist’s Baierland? [...] ist’s Pommerland?« heißt es in einem einst vielgesungenen patriotischen Lied von Ernst Moritz Arndt aus der Zeit der Befreiungskriege; und der Verfasser, selbst Vertreter des deutschen Nationalstaates, gibt auf diese und andere rhetorische Fragen am Ende die Antwort, »das ganze Deutschland soll es sein!«, wobei er nicht nur an ein gemeinsames – übrigens auch Österreich einschließendes – Reich dachte, sondern auch an die Überwindung des fürstlichen Partikularismus. Doch als im Jahre 1871 das Reich gegründet wurde, da geschah es in der Form eines Bundes zwischen souveränen Fürsten. Das neue Reich war ein Bundesstaat aus 25 Einzelstaaten, darunter 22 monarchisch regierte Staaten und drei republikanische Stadtstaaten. Hinzu kam noch das sogenannte »Reichsland Elsass-Lothringen«. Eine Revision der deutschen Landkarte fand also nicht statt; vielmehr übernahm Bismarck, wenigstens der Form nach, die Tradition einer fast tausendjährigen Geschichte, nämlich den fürstlichen Partikularismus. Der bundesstaatliche Charakter der Reichsverfassung
Dem trug auch die Verfassung des neuen Reiches Rechnung, die am 1. Januar 1871 in Kraft trat. Inhaber der Souveränität war nicht der Kaiser, auch nicht das Volk, repräsentiert im Reichstag. Inhaber der Souveränität waren vielmehr die verbündeten Fürsten und die Senate der drei Freien Städte zusammen. Ihre Vertreter traten im »Bundesrat« zusammen, um dort an der Reichsgesetzgebung teilzunehmen. Das Übergewicht Preußens bei der Stimmenverteilung im »Bundesrat« fand wohl, um die kleineren Bundesmitglieder nicht vor den Kopf zu stoßen, keine gebührende Berücksichtigung: Von 58 Stimmen entfielen auf Preußen nur 17; d. h. Preußen konnte ohne weiteres überstimmt werden, was aber in der Praxis kaum eine Rolle spielte. Gänzlich dem Zugriff des Reiches entzogen waren die meisten Dinge, die den Alltag der Bürger direkt betrafen: Polizei und Justiz, Bildung und Gesundheitswesen, das Wahlrecht bei den Länderwahlen und ein nicht unwesentlicher Teil der Finanzverwaltung blieben den Bundesstaaten. Auf die Sonderrechte, die einzelnen Staaten eingeräumt wurden, soll später eingegangen werden. Begreiflich, dass mancher liberale Politiker oder Publizist, der vom einheitlichen Nationalstaat geträumt hatte, mit der Neuordnung nicht ganz einverstanden war; begreiflicher noch, wenn wir die deutsche Staatenwelt im Einzelnen Revue passieren lassen und sehen, welch eigenartige Gebilde sich bis ins 20. Jahrhundert hielten. Da gab es neben den vier Königreichen Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg die sechs Großherzogtümer Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg und Sachsen-Weimar-Eisenach. Es folgten fünf Herzogtümer, nämlich Anhalt, Braunschweig, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg und Sachsen-Coburg-Gotha; und ferner sieben Fürstentümer: Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Lippe, Schaumburg-Lippe und Waldeck. Die ehrwürdigen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck (letzteres Schauplatz des Untergangs der »Buddenbrooks« am Ende des 19. Jahrhunderts) kamen als nichtmonarchische Bundesmitglieder noch hinzu. Eine Sonderstellung nahm Elsass-Lothringen ein, das keinem Fürstentum angegliedert wurde, sondern als sogenanntes »Reichsland« von Statthaltern regiert wurde. Erst mit der Zeit erhielt es praktisch die Rechte eines Bundeslandes. Aber es gelang der deutschen Verwaltung nicht, die Herzen der Bevölkerung ganz für das Deutsche Reich zu gewinnen, wofür auch die gelegentlich plumpe Ungeschicklichkeit der deutschen Behörden verantwortlich zu machen ist. Das Deutsche Reich und seine Fürstentümer Die »Zaunkönige« im Zweiten Reich
Gewiss waren nach der radikalen Bereinigung der deutschen Landkarte zur Zeit Napoleons nur die größeren Staaten übriggeblieben, doch auch unter denen, die 1871 als Bundesmitglieder dem Deutschen Reich beitraten, gab es noch Gebilde, die, verglichen mit Bayern, Sachsen oder Mecklenburg-Schwerin, von Preußen ganz zu schweigen, winzig erschienen. Ihnen galt das Witzwort von den »Zaunkönigen«, das ein Diplomat gegen Ende des 19. Jahrhunderts prägte. Wir nennen als Beispiele etwa die Fürstentümer Reuß jüngere und ältere Linie, die nur 827 bzw. 316 Quadratkilometer umfassten, oder das Herzogtum Sachsen-Altenburg mit seinen 1323 Quadratkilometern. Hinzu kam, dass manche Kleinstaaten keineswegs ein geschlossenes Staatsgebiet bildeten, sondern vielfach zerrissen und miteinander verzahnt waren, sodass man, um von einem Landesteil in den anderen zu kommen, erst fremdes Staatsgebiet durchqueren musste. Als Beispiel sei hier das Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha vorgestellt, das in mehrere, höchst ungleiche Teile zerfiel. Der Landesteil Gotha mit seiner thüringischen Bevölkerung war ringsum von Preußen umschlossen; das fränkische Coburg, rund 100 Kilometer entfernt, hatte eine lange gemeinsame Grenze mit Bayern. Königsberg in Franken mit einem Umland von 15 Kilometern in der Ost-West-Ausdehnung und dazu zwei Parzellen an den Haßbergen waren Exklaven im bayerischen Gebiet. Merkwürdig zerrissen waren etwa auch die Lande des Großherzogs von Oldenburg, der nicht nur über das Kerngebiet Oldenburg gebot, sondern auch über ein Stückchen Oldenburg in Holstein vor den Toren Lübecks und über ein weit entferntes Fetzchen Land inmitten preußischen Territoriums südlich der Mosel. Übrigens hatte auch das Königreich Bayern mit seiner Pfalz einen Landesteil, der mit der Hauptländermasse keine geografische Verbindung besaß. Dass die einzelnen Fürstentümer von höchst unterschiedlicher Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit waren, überrascht weniger als die Tatsache, dass die Bewohner auch höchst unterschiedliche politische Rechte hatten. In vieler Hinsicht noch konservativer als in Preußen war man in den beiden Mecklenburg, wogegen sich die Oldenburger der fortschrittlichsten Verfassung im ganzen Deutschen Reich erfreuten. Das Wahlrecht zum Reichstag war für alle Länder verbindlich. Zwar hatten die »Zaunkönig«-Reiche, also die 17 allerkleinsten Staaten, zusammen auch 17 Stimmen im Bundesrat, d. h. genausoviel wie Preußen und mehr als die Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen gemeinsam. Aber von einem einheitlichen Handeln, gar in Opposition zu Preußen, konnte selbstverständlich keine Rede sein. Umfang, Bevölkerungszahl, wirtschaftliche Bedeutung, dazu die Personalunion zwischen Kaiser und preußischem Monarchen, die fast ununterbrochene Personengleichheit von Reichskanzler und preußischem Ministerpräsidenten: dies und anderes trug dazu bei, dass in der Praxis die preußische Hegemonie nicht in Frage gestellt wurde. Kaiser Wilhelm II., auch darin anders als sein Großvater Wilhelm I., ließ die kleinen Bundesfürsten die Überlegenheit Preußens nicht selten auch taktlos fühlen. Sonderrechte für die großen Bundesstaaten
Den größeren süddeutschen Staaten wurde der Beitritt zum Deutschen Reich durch die sogenannten »Reservatrechte« erleichtert, die ihnen bei der Reichsgründung durch Bismarck eingeräumt wurden. So verfügte Bayern über eine eigene Post-, Telegrafen- und Eisenbahnverwaltung und durfte auf den Briefmarken seinen König oder den Prinzregenten Luitpold abbilden. Außerdem gebot, was manche Kritik erregte, der bayerische Souverän, wenigstens in Friedenszeiten, über seine eigene Armee. Der Kaiser, oberster Kriegsherr des Reiches, durfte sich nur von der Einsatzfähigkeit des bayerischen Heeres überzeugen. Ferner schmeichelte es dem bayerischen Prestigebedürfnis, dass das Königreich auch ein paar eigene diplomatische Vertretungen im Ausland unterhielt. Auch das benachbarte Königreich Württemberg genoss gewisse, wenn auch bescheidenere Privilegien, die den Staaten des früheren »Norddeutschen Bundes« nicht zugestanden wurden. Im übrigen erfreuten sich sämtliche süddeutsche Staaten des Vorzugs, die Bier- und Branntweinsteuer selbst erheben zu dürfen. Mit besonderer Rücksicht behandelte Bismarck den bayerischen König Ludwig II. Als Ludwig noch zögerte, den preußischen König Wilhelm als künftigen Kaiser zu akzeptieren, wandte sich Bismarck brieflich an den »Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten König«, um ihm den Vorschlag zu unterbreiten, dem preußischen König in einem von Bismarck selbst entworfenen Brief die Kaiserwürde anzutragen. Der bayerische König Ludwig II. stimmte dem neuen Kaisertum allerdings erst zu, nachdem Bismarck auch etwas für die Privatschatulle des baulustigen Königs getan hatte. Der König erhielt nämlich beträchtliche Beträge aus dem sogenannten »Welfenfond«, dem anno 1866 beschlagnahmten Vermögen des vertriebenen hannoverschen Königshauses – Schmiergelder, mag man einwenden, und nicht zu Unrecht, denn wenig später war Ludwig II. in der Lage, »einen entscheidenden Schritt zugunsten der nationalen Sache tun zu können«, wie er im Brief vom 2. Dezember 1870 an Bismarck hervorhebt. Er gibt aber auch seiner Hoffnung Ausdruck, »dass Bayern seine Stellung fortan erhalten bleibt, da sie mit einer treuen, rückhaltlosen Bundespolitik wohl vereinbarlich ist und verderblicher Zentralisation am sichersten steuert«. Fürst Heinrich XXII. Reuß ältere Linie
Nicht mit allen Fürsten musste sich Bismarck so viel Mühe machen wie mit dem Bayernkönig; nicht alle, genauer gesagt: die wenigsten waren aber auch so wichtig wie der Bayer; nicht alle fanden sich auch so rasch mit dem Wandel der Verhältnisse und mit dem Verlust der früheren Fürstenherrlichkeiten ab. Fürst Heinrich XXII. Reuß ältere Linie, in Witzblättern der Zeit auch Heinrich »der Unartige« genannt, konnte sich Zeit seines Lebens nicht mit der Reichsgründung versöhnen. Sein Widerstand gegen die Zentralgewalt musste sich allerdings darauf beschränken, dass er den einen Bevollmächtigten seines Landes im »Bundesrat« anwies, gegen alle Gesetze zu stimmen, die der Vereinheitlichung des Reiches dienten, und wenn es nur ein Gesetz zum Schutz gewisser Vogelarten war. Bei den Reichstagswahlen 1877 ließ er durchblicken, dass er es lieber sähe, wenn seine Dienerschaft den sozialdemokratischen Kandidaten wähle als den nationalliberalen, dessen Partei den einheitlichen Nationalstaat vertrat. Fürst Heinrich XXII. Reuß ältere Linie galt auch in seinem eigenen Land als Sonderling. Wegen seiner zurückgezogenen Lebensweise brachte er es nie zu der Popularität, die andere Fürsten genossen. Aber man schätzte seinen aufrichtigen Charakter und ehrte ihn als Landesvater. Aus dem Leben an den kleinen Höfen
In keinem der deutschen Kleinstaaten, von den großen ganz zu schweigen, fehlte es an einer eindrucksvollen Selbstdarstellung des fürstlichen Hauses durch eine mehr oder weniger aufwendige Hofhaltung und ein sorgsam gehütetes höfisches Zeremoniell, das den Zweck hatte, die Person des regierenden Fürsten und die Angehörigen seines Hauses über die nicht-höfische Welt hinauszuheben bzw. sie fernzurücken. Pyramidengleich baute sich die Rangfolge der fürstlichen Diener von den livrierten Lakaien bis zu adeligen Würdenträgern auf, und noch auf den bescheidensten Diener des Hofes fiel ein Strahl höfischen Glanzes. Peinlich genau wurde auf Rangunterschiede geachtet, wie es auch im schriftlichen Verkehr zwischen den Gekrönten wichtig war, ob man den gleichrangigen mit »Bruder« oder auch »Vetter« anredete, den höher gestellten aber mit »Durchlauchtigster, Großmächtigster König und Herr«, den Kaiser aber mit »Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser und König«. Der Fürst und die fürstliche Familie bevorzugten in ihren Residenzen in der Regel ein unprätentiöses, ein maßvolles Auftreten, ohne dass allerdings, und zwar wegen der Abschirmung durch die höfische Hierarchie, eine wahrhafte Volksnähe erreicht wurde. Dem »Landesvater« und der »Landesmutter« brachte man Achtung, auch Sympathie entgegen, aber man trat ihnen nicht nahe. Immerhin hatte die Öffentlichkeit im neuen, d. h. im 20. Jahrhundert durch die Presseberichterstattung am höfischen Leben Anteil. Vorher war Hofberichterstattung wenig üblich gewesen. So erfuhr man durch den Bericht des Journalisten und Dichters Hermann Löns am 21. 1. 1901, dass am Hofball in Schaumburg-Lippe 300 Gäste teilgenommen hatten und dass das Fest »allerliebst zwanglos und heiter anregend« verlaufen sei. Ein reizvolles Bild von einer kleinen Residenzstadt dieser Zeit gibt Thomas Mann in seinem Roman »Königliche Hoheit«. Militärisches Gepränge gehörte selbstverständlich zum Leben auch in kleinsten fürstlichen Residenzen. Auch dabei spielten Repräsentation und höfisches Zeremoniell eine wichtige Rolle. So hatte in Oldenburg die Schlosswache vor allen fürstlichen Personen des großherzoglichen Hauses zu präsentieren und »Marsch zu schlagen«, nicht aber an Sonn- und Feiertagen, wenn in der benachbarten Kirche Gottesdienst stattfand. In Bückeburg wurden die nichtkonfirmierten Prinzen von der Wache mit geringeren Ehren empfangen als die konfirmierten. Ferner hatten in Bückeburg Personen, die Tabak rauchten, überhaupt keinen Zutritt zum Schlossplatz. Fragt man, wie die Fürsten, groß oder klein, ihren Aufwand bestritten, dann hört man auch von zähen Verhandlungen und Streitigkeiten zwischen dem Fürstenhaus und der Volksvertretung im Königreich Bayern wie im Fürstentum Lippe um die Einkünfte aus den Staatsdomänen. Bisweilen verfügte der Fürst uneingeschränkt über diese Einkünfte, wie der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz; im Fürstentum Lippe erhielt der Fürst diese Einkünfte, zahlte aber einen gewissen Betrag an den Staat. In anderen Fällen zog der Staat die gesamten Einkünfte an sich und zahlte dem Fürsten eine »Zivilliste«, aus der er seinen Aufwand zu bestreiten hatte. Wohl dem Fürstenhaus, dem es gelang oder gelungen war, durch reiche Heiraten seine Einkünfte zu mehren, wie das Weimarer Fürstenhaus, oder über eigenen Grundbesitz zu verfügen, wie die Fürsten von Schaumburg-Lippe, die im Jahre 1910 auf 500 Millionen Goldmark geschätzt wurden. DeputationWissenschaft huldigt dem Fürstenhaus: Eine Deputation der Leipziger Universität beglückwünscht das sächsische Königspaar zur Goldenen Hochzeit am 7.11.1872. Die höfische Welt zerstob, als das Deutsche Reich im Jahre 1918 in die Niederlage und in die Revolution steuerte. Die wenigsten, auch nicht die maßgeblichen sozialdemokratischen Politiker, rechneten damit, dass die deutschen Throne so rasch und ohne großen Lärm wanken und stürzen würden; dass sich kaum eine Hand für die Fürstenhäuser erheben werde und dass die Fürsten selbst ohne ernsthaften Widerstand die Throne räumen würden. Den Anfang machte der bayerische König Ludwig III., der seine Hauptstadt verließ, und dann sanken die Throne dahin vom kaiserlichen Berlin bis zum kleinsten Hauptstädtchen in Thüringen. Immerhin: es rollten keine Köpfe, und in den meisten Fällen trennte man sich ohne Groll und persönlichen Hass. Für diese Fälle dürfte das verbürgte Abschiedswort des sehr unkonventionellen sächsischen Königs Friedrich August III. gegolten haben: »Meine Dresdner tun mir nichts.«

Forum (Kommentare)

peter vetterlein 09.01.2017 um 09:59:11 Uhr.
Haben wir doch heute wieder, mit unseren Politikern und Medienzaren.