Demokratie und Kanzlerdiktatur im deutschem Kaiserreich

Der Titel vereint Unvereinbares. Denn Diktatur und Demokratie schließen sich aus wie absolutistische Adelsherrschaft und moderner Industriestaat. Im kaiserlichen Deutschland sollte beides nebeneinander bestehen: Reichstag und monarchisches Prinzip, grundbesitzende adelige Führungseliten und rasch wachsendes Industrieproletariat. Zwischen Unbeweglichkeit und industrieller Dynamik, bürgerlicher Modernität und adeliger Rückständigkeit hätte vielleicht die zahlenmäßig stärkste Wählergruppe, Proletariat und Kleinbürgertum zusammen, mehr Demokratie durchsetzen können. Nicht das preußische »Dreiklassenwahlrecht« allein ist jedoch verantwortlich zu machen, dass die Realität anders aussah. »Dreiklassenwahlrecht«
Bei diesem Wahlrecht wurden die Stimmen nach dem Einkommen der Wähler gewichtet: Entsprechend ihren Steuerabgaben waren alle Wahlberechtigten in drei Klassen unterteilt. Jede dieser Klassen repräsentierte ein Drittel des Gesamtsteueraufkommens, sodass die wenigen Höchstverdienenden genau so viele Wahlmänner stellten wie die Mittelschicht und die große Zahl der Arbeiter. Damit war von vornherein eine starke Benachteiligung der Wenigverdienenden, Besitzlosen und Arbeitslosen, also der Kleinhandwerker, Arbeiter, Landbevölkerung gegeben. Die Mehrheit des Volkes unterlag im Parlament dem Willen der Minderheit. Mit Recht wurde im westlichen Ausland dieses Wahlrecht als Sinnbild der Reaktion bezeichnet. Das seit 1850 bestehende Dreiklassenwahlrecht galt bis 1918 vor allem in Preußen, aber auch in einigen anderen deutschen Landtagen und Provinzialvertretungen. Die Männer zackig, den Schnurrbart nach oben gezwirbelt. Neben ihnen Frauen in üppig formenden Roben aus Taft, rauschend und raschelnd auf der Promenade. Kinder im Matrosenanzug, behütet von Spreewälder Ammen oder Gouvernanten. Sehen und gesehen werden, vielleicht sogar einen Blick des Kaisers auffangen, der »Unter den Linden« ebenfalls seinen großen Sonntagsauftritt hat. Autoritär die Erziehung in Elternhaus und Schule, Drill auf den Kasernenhöfen, gesellschaftliches Leben und Umgangsformen nach strenger Etikette, Vorurteile gegenüber Frauen, Ausländern, Minderheiten. National bis zum Chauvinismus, loyal zu Kaiser und Reich, respektvoll gegenüber jeglicher Obrigkeit, Parlament und Parteien verachtend: Der bürgerliche Untertan im deutschen Kaiserreich – wer glaubt nicht, ihn zu kennen, nach der Lektüre von Heinrich Manns »Untertan«, aus den Karikaturen des »Simplicissimus«? Bierernst und bieder, gehorsam und unkritisch sehen wir ihn in den Ersten Weltkrieg marschieren, fast bis zum Ende siegesgewiss. Der deutsche Bürger, ist er wirklich nicht mehr als dieses kleinbürgerliche Klischee? Er hatte Zeitgenossen, weniger laut und säbelrasselnd, die andere, wenngleich auch deutsche Traditionen verkörperten: Aufklärung, Liberalismus und Demokratie, Forscher- und Erfindergeist, die Tugend, Fragen zu stellen und Fremdes vorurteilsfrei betrachten zu können. Es gab sie auch, die guten Deutschen. Aber eher im Hintergrund: an Universitäten, in gelehrten Zirkeln, bei Zeitungen und Verlagen. Das öffentliche Leben konnten sie aber nur zum geringen Teil prägen, für die politische Kultur waren Adel, Militär und industrielles Großbürgertum tonangebend. Unvereinbare Verhaltensweisen, unterschiedliche Traditionen und ganz verschiedene Einkommen hielten die Gräben zwischen den großen Fronten offen, wie die Strukturskizze der preußisch-deutschen Gesellschaft zeigt:
Nicht-Sesshafte, Bettler, sozial Deklassierte, Arbeitslose: Existenz nur durch unregelmäßige Zuwendung von privater oder kirchlicher Seite gesichert.
Industriearbeiter und Landarbeiter: Wählen SPD, besonders im katholischen Süden »Zentrum«, denn beide Parteien haben sozialreformerische Ziele. Zuwachs durch »abgesunkene« Handwerker.
Gewerblicher Mittelstand und freie Berufe: Besonders betroffen durch Industrialisierung und Große Depression. Soziales Absinken wird dem Proletariat und dem Großkapital angelastet. Materieller Niedergang sei nur durch staatliche Schutzmaßnahmen aufzuhalten. Politische Heimat: Linksliberalismus.
Mittlere und untere Beamte, Bildungsbürgertum: Geprägt durch Teilhabe an der staatlichen Machtfülle. Orientiert an Lebensformen der Aristokratie, wählen NLP (= Nationalliberale Partei).
Hohe Beamte, Hochschullehrer: Durch ihr hohes gesellschaftliches Ansehen scharf nach unten abgegrenzt. Aufgrund fehlender Geldmittel und adelig-großbürgerlicher Vorbehalte von der Gesellschaftsspitze getrennt. Wählen NLP oder konservativ.
Militär: Höchstes Sozialprestige, frei von parlamentarischer Kontrolle, auf Kaiser (nicht auf Verfassung!) vereidigt; frei auch von öffentlicher Kontrolle (durch eigene Gerichtsbarkeit): Staat im Staate, Distanz zur Bevölkerung, Kastendenken, wählt konservativ.
Adel: Stellt die Mehrheit in den Ersten Kammern der Landtage, bekleidet die Führungspositionen in Politik und Verwaltung, stellt Minister, Diplomaten, Regierungspräsidenten und Landräte. Rechtliche und faktische Privilegierung.
Spitze der Gesellschaft: Mittelpunkt ist der kaiserliche Hof, um den sich Aristokratie, Diplomaten, Minister und hohe Militärs scharen. Zugang hat nur noch der reiche Jungadel, d. h. die geadelten Industrie-, Handels- und Finanzmagnaten, die allmählich den preußischen Landadel ablösen, für den die höfische Repräsentation zunehmend zu teuer wird. Dieser Überblick zeigt drei politische Grundströmungen. Sie nähern sich in dem Maße Liberalismus und Konservativismus an, wie sich die materiellen Interessen der Wähler entsprechen. Zwischen den beiden Fronten der Besitzenden und Nichtbesitzenden steht eine Vielzahl von Menschen, die nicht eindeutig zuzuordnen sind, weil sie sich ab- oder aufgestiegen fühlen: ehemalige Handwerker, in Konkurs gegangene Kaufleute, verarmte Adelige, kleinste und allerkleinste »Kapitalisten«, selbstständig Arbeitende, auch wenn sie in ihrer Lebensführung, Sprache und Mentalität dem proletarischen Milieu nahestehen, von dem sie sich abzugrenzen versuchen. BurschenGöttinger Burschenschafter um 1900. Das Bewusstsein dieser »Zwischenschichten« war von Angst und Ehrfurcht nach oben, Angst vor dem Absturz nach unten geprägt. Sie hätten das demokratische Fundament abgeben können, die zahllosen kleinen Geschäftsleute, Gewerbetreibenden und Werkmeister, niederen Beamten und Angestellten, Polizisten und Unteroffiziere, Facharbeiter, Verkäufer und Dienstmädchen. Aber autonomes Entscheiden bei Wahlen und genügend Selbstbewusstsein gegenüber den von der nächsthöheren Schicht verordneten Idealen waren keine Lernziele in den Schulen des kaiserlichen Deutschland. EhepaarGeborgen in den Normen bürgerlichen Wohlbefindens Bild links: Deutsches Ehepaar, Hamburger Atelierfoto um 1900. Bild rechts: Entzücken der höheren Tochter hinter der Salontür: Der Husarenoffizier hält bei den Eltern um ihre Hand an. Genrebild von K. Eckwall (1880). Kleine Bevölkerungsstatistik
Binnenwanderung und Verstädterung

Zwischen 1871 und 1914 wuchs die deutsche Bevölkerung von 41 auf 65 Millionen – zugleich Folge und Begleiterscheinung der Industrialisierung. Da anfänglich zu wenige Arbeitsplätze vorhanden waren, mussten zwischen 1871 und 1890 2,3 Millionen Deutsche auswandern. Erst ein Konjunkturaufschwung in den neunziger Jahren machte die ja meist als schicksalhaft-hart empfundene Emigration überflüssig. Mit der Hochkonjunktur wird aus dem Auswanderungs- ein Einwanderungsland: Jährlich kommen nun etwa eine Million Saisonarbeiter aus Italien, Polen und Russland, nach 1905 leben Ausländer in dieser Anzahl ständig in Deutschland. Seit der Jahrhundertwende hatte man Vollbeschäftigung. Und seit diesem Zeitpunkt spätestens war Deutschland ein Industrieland. 1871 war das Verhältnis der in der Landwirtschaft Beschäftigten zu den in Industrie, Verkehr, Handel, Banken und Versicherungen Beschäftigten 8,5 zu 5,3 Millionen gewesen; 1880 bereits 9,6 zu 7,5 Millionen und 9,6 zu 10 Millionen im Jahr 1890. Und die Industrie sollte auch weiterhin größere Bevölkerungsanteile aufnehmen. BurschenBevölkerungsentwicklung 1850-1910 Welch ein Unterschied zur Reichsgründungszeit um 1871: Knapp zwei Drittel der Bevölkerung lebten damals auf dem Land, lediglich 36,1 Prozent in städtischen Gemeinden; es gab nur acht Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern. Im Verlauf von vier Jahrzehnten drehte sich dieses Verhältnis um: 60,1 Prozent der Deutschen lebten und arbeiteten nun in Städten, von denen 33 mehr als hunderttausend Einwohner hatten. Die schlesischen, mitteldeutschen und südwestdeutschen Städte waren vor allem durch Zuzug aus der ländlichen Umgebung gewachsen. Dagegen stammten die Neubürger in Berlin seit 1860 und im Ruhrgebiet seit 1880 aus Pommern, Ost- und Westpreußen, den Provinzen Posen und Schlesien. Eine Folge dieser Binnenwanderung und Verstädterung war: Das Wirtschafts- und Bevölkerungsschwergewicht verschob sich grundlegend von Ost nach West. Die preußischen Ostprovinzen wurden ärmer. Gründerboom und Gründerkrach
Die Folgen der Reichsgründung (Wegfall der Zollschranken, Reparationen aus Frankreich) hatten die seit 1866 andauernde Phase der Hochkonjunktur günstig beeinflusst. Der Optimismus dieser Jahre zeigte sich in der raschen Gründung zahlloser Fabriken und Aktiengesellschaften, Banken und Versicherungen. Kühne Börsenspekulationen und wagemutige Geldgeschäfte brachten vielen unerwarteten Reichtum. Ökonomischer und gesellschaftlicher Aufstieg war möglich geworden. Aber der Traum vom großen Geld endete 1873 jäh mit Bankenkrach und Börsensturz. Bis 1879 hielt dann eine schwere Wirtschaftsdepression an. Die Angst des Besitzbürgertums vor einer drohenden Sozialrevolution musste wachsen: denn die Kehrseite des blitzartig anwachsenden Reichtums auf der einen Seite waren Streiks auf der lohnabhängigen anderen Seite: 631 Streiks allein in den ersten drei Jahren! Nach dem Ende der optimistischen Wirtschaftsentwicklung reagierten die Fabrikbesitzer mit Lohnkürzungen, Entlassungen oder Kurzarbeit und produzierten eine dumpfe Atmosphäre aus Unzufriedenheit, Aussichtslosigkeit und Angst. Nur Alkohol und triviale Lesestoffe waren erschwinglich und verhalfen zur Flucht aus dem trostlosen Arbeitsalltag. Der Geist der Revolution steckte nicht in den Köpfen der Arbeiter, auch wenn in bürgerlichen Gazetten kein Tag verging, ohne dass von ihm die Rede war. Das Deutsche Reich war durch die Finanz- und Bankenkrise 1873 endgültig zu einer Klassengesellschaft geworden, in der nicht mehr Herkunft oder Stand darüber entschieden, welcher gesellschaftlichen Gruppe jemand angehörte, sondern wo zunehmend Vermögen und Besitz die Chancen des einzelnen und sein gesellschaftliches Ansehen bestimmten. Viel Besitz, wenig Bildung: Eliten im Kaiserreich
Noch 1917 stellte Walther Rathenau, als AEG-Chef in Personalfragen beschlagen wie wenige, fest: »Die Sonderung der Stände ist bei uns so scharf, dass ich nur einmal in dreißig Jahren den Fall erlebt habe, dass ein Arbeiter und Arbeitersohn zu einer hohen bürgerlichen Stellung aufstieg.« Mit der vertikalen Mobilität, dem Aufstieg von unten nach oben, war es also nicht weit her, obgleich ja einige den Sprung zum Fabrikbesitzer geschafft hatten, »vornehm« und vermögend geworden waren. Wo plötzlich noble Villen gebaut, Fronten mit pompösem Stuck verziert, Räume mit Möbeln nach barockem und gotischem Vorbild repräsentativ gestaltet wurden, war meist schon beträchtlicher Besitz dagewesen. Mit dem neuen Reichtum wurden adelige Lebensformen nachgeahmt: Man erwarb Rittergüter im Osteibischen, verheiratete die Töchter mit Adeligen, schlüpfte in Formen adeliger Etikette wie in eine zweite Haut. Dieser äußeren »Verkleidung«, der Abkehr von der Bescheidenheit der Biedermeierzeit, entsprach die Veränderung des politischen Bewusstseins: Hatte das Besitzbürgertum der 1860er Jahre tapfer liberale Errungenschaften gegen den König verteidigt, hatte es sich wie seine bildungsbürgerlichen Mitstreiter die staatliche Einheit nicht anders vorstellen können als versehen mit allen parlamentarischen Errungenschaften bürgerlicher Emanzipation – so drehte es spätestens seit den Bismarckschen Erfolgen auf den Schlachtfeldern von Königgrätz (1866) und Sedan (1870) die Parole um: Es paktierte mit dem konservativen Gegner und forderte von ihm, er solle nur erst die staatliche Einheit schaffen, ganz gleich wie, mit der Zeit werde dann auch die parlamentarische Freiheit kommen. Auch der pointierte Antiklerikalismus war seither passe: im Schatten des Bündnisses von Thron und Altar ließ es sich hochmoralisch leben, fernab jeglicher Gefährdung durch »freisinnige« Gedankengänge. 1866 hatte der Liberalismus abgewirtschaftet. Die Mehrheit des Bürgertums unterstützte die konservative Wandlung der NLP um so lieber, als die offizielle Politik bis 1878 seinen freihändlerisch-liberalistischen Wirtschaftsinteressen entgegenkam. Trotzdem wäre es heute falsch zu behaupten, nur ökonomische Erfolge hätten den Ideenwandel im Bürgertum bedingt. Bereits in der frühen Phase der Industrialisierung nach 1850 war der Standpunkt aufgegeben worden, wonach politisches Handeln ideellen Prinzipien zu folgen hätte! Bismarck war auch nicht der »Erfinder der Realpolitik«, sondern eher ihr Vollstreckungsgehilfe. GesellschaftStandesgemäß von Kopf bis Fuß: Die Dame der besseren Gesellschaft. Beispiele für die Damenmode um 1887. Seite der seinerzeit gern gelesenen Modezeitschrift »Der Bazar«. BrauerknechtsgrabenArbeiterfamilie im Hof Brauerknechtsgraben 23 Hamburg. Text der Zeit
Aus der »Gartenlaube« 1893: Am Teetisch

Die Damen hatten im Boudoir der Generalin gespielt, im Salon war der Teetisch gedeckt worden, neben welchem Martin in dienstlicher Haltung wartend stand.
Es war noch eine Exzellenz vorhanden, aber eine von allerneuestem Datum, deren Adel zudem erst in der dritten Generation bestand – mit den Guttenbergs also gar nicht zu vergleichen! Man gruppierte sich unter peinlichster Wahrung des Ranges um den Teetisch, Martin servierte tadellos. Frau Generalmajor von Bienenfeld, die älteste Freundin des Hauses, gab der »neuen Exzellenz« flüsternd einige Weisungen – diese wünschte zu wissen, wo in aller Welt die liebe, teure Exzellenz Guttenberg diesen Neffen her habe. »Nicht wahr?« fragte die Generalin, die alles gehört hatte, leise, »er kann sich immerhin sehen lassen? Ich versichere Sie, er wirkt sogar im Salon unter meinen Offizieren, er macht eine so gute Figur, und ich kann es meiner verstorbenen Cousine noch heute nicht verzeihen, dass sie den hübschen, aufgeweckten Jungen nicht ins Kadettenhaus gab. Er hätte wirklich Anlagen zum Offizier gehabt und könnte jetzt in kurzer Zeit Major sein, wenn mein Vetter Guttenberg sich für ihn interessiert hätte. Statt dessen nun [...] Gott, ja, ein Professor ist nichts Schlechtes, es hätte schlimmer kommen können – aber glauben Sie, liebe Exzellenz, er ist zu meiner Gesellschaft zu haben? Kein Gedanke! War zweimal da, wurde gut behandelt, ich möchte sagen bevorzugt von meinen Offizieren – sie haben ja nun ‘mal ein Monopol auf die tadellosesten Manieren, unsere Herren! – aber wer nicht wiederkam, war mein Herr Neffe. Na, schließlich ist es sein eigner Schade, wenn er nicht in die besten Kreise hinein will!« Exzellenz von Rosen holte ihren Zwicker hervor und sah sich den merkwürdigen Menschen, der solch ein Glück verschmähen konnte, unverwandt an. Der Professor fand dies Anstarren unpassend, er neigte sich ein wenig gegen die Dame vor und sagte in verbindlichem Ton: »Exzellenz befehlen?« – »Ich, o, nichts!« Die Generalin ließ das Augenglas fallen und wandte sich lebhaft an ihre Nachbarin. »Liebste Frau Oberst, wir sprachen vorhin von dem entzückenden Menschen, dem kleinen Geyer – wo ist er doch geblieben?« – »Zu den roten Husaren nach Straßburg versetzt!« – »O, o, meine beste Frau Oberst!« ließ sich Exzellenz Guttenberg in strafendem Ton vernehmen. »Wie können Sie die roten Husaren nach Straßburg bringen? Die stehen ja in Rathenow!« Beschämt sah die Frau Oberst diesen bösen Irrtum ein. »Der kleine Geyer hat neuerdings wieder geerbt. Sein Vetter George ist beim Derbyrennen mit dem Pferde gestürzt, und Ulrich war der nächste Anverwandte.« – »Was Sie sagen! Überdies heißt es, der Kleine soll demnächst Bräutigam werden – die schwarze Lulu F… Sie wissen! Wirklich kolossal!« – »Wenn es wahr ist!« – »Ich pflege aus sehr guten Quellen zu schöpfen.« Exzellenz Guttenberg richtete sich noch steifer im Rücken auf als bisher. »Ich stehe ja im Briefwechsel mit der Tante des kleinen Geyer.« »Wer ist denn eigentlich dieser kleine Geyer?« fragte der Professor dazwischen, den das lange Gespräch über eine ihm gänzlich unbekannte Persönlichkeit verdross. Seine Tante fand den nachlässigen Ton dieser Frage unstatthaft. »Ein sehr distinguierter junger Mann aus vorzüglichem Haus. Die Geyers von Geyerstein sind eine sehr alte Familie – verschwägert mit den Grafen Trutzberg, nahe verwandt mit den Falkenaus – Ulrichs Mutter ist eine Komtesse Falkenau -« -»Von der Wartenburgischen Linie«, schaltete die neue Exzellenz ein, um ihre Kenntnisse zu beweisen. Die alte Exzellenz sah sie mitleidig an. »Von der Hillsdorfischen Linie, Beste, ich weiß es genau!« – »Sollte ich mich da irren? Verzeihung, liebe, liebe Exzellenz, aber ich fürchte, diesmal behalte ich recht!« Die Generalin hatte nur ein mildes, überlegenes Lächeln. »Martin – holen Sie den Gothaer! Sie wissen, wo er liegt, dicht neben der Rang- und Quartierliste!« -»Befehl, Exzellenz!« Eine feierliche Pause. Der Gothaische Almanach wurde gebracht, mit kundiger Hand blätterte die alte Exzellenz nach. »Geyer – Geyer-Trutzberg, Geyer-Falkenau … bitte, wollen Sie sich überzeugen: hier – Falkenau-Hillsdorf, da haben Sie es Schwarz auf Weiß!« Die neue Exzellenz murmelte eine demütige Entschuldigung.

Aus der Novelle »Um meinetwillen« von Marie Bernhard. Hausmusik der MutterSelbstdarstellung: »Ein Lied«, Hausmusik der Mutter, Töchter und Freundinnen. Darstellungen des 19. Jahrhunderts. Schlagkraft nach außen und innen: Die Armee
Die größten rechtlichen und sozialen Privilegien genoss der Adel in der Armee. Um 1865, beispielsweise, waren 65 Prozent aller preußischen Offiziere adelig, 1913 immerhin noch 30 Prozent. Insgesamt galt die Faustregel »je höher der militärische Rang, desto größer der Anteil des Adels; je niedriger der Rang, desto größer der Anteil der Bürgerlichen«.
Dazu kam: Nicht nur, dass der Adel eine Sonderstellung im Heer hatte – die Armee hatte eine Sonderstellung im Staat. Sie war weitgehend der Kontrolle des Reichstags entzogen. Vor allem die Frage, wie viele Männer im Frieden unter Waffen zu stehen hatten, entschied, wie im 18. Jahrhundert, ganz allein der Kaiser. Und die Armeestärke erhöhte sich zwischen 1880 und 1913 um fast 100 Prozent. Dabei steigerten sich gegen den Willen des Reichstags, der den Haushalt nur beschränkt mitbestimmen durfte, die Ausgaben für die Armee gewaltig, nämlich um 360 Prozent! Unterstützung fanden die häufigen Heeresverstärkungen beim industriellen Großbürgertum, das an ihnen gut verdiente. Je mehr es zu Geld kam, desto nachdrücklicher identifizierte es sich mit dem Adel und dessen gesellschaftspolitischen Vorstellungen. Auch Bürgersöhne wählten den Offiziersberuf, die Väter bemühten sich bei Hofe um Titel, Orden und Adelsprädikate. Großbürgertum und Adel wurden zur Führungsschicht, ideologisch auf Abwehr von Sozialismus und Liberalismus, wirtschaftlich auf Solidarprotektionismus eingeschworen. Gewandelt hatten sich im Sog der gesellschaftlichen Hochschätzung von Militär und militärischen Wertmaßstäben auch Bildungsbürgertum und gewerbetreibender Mittelstand. Sie hatten im Vormärz und während der Revolution 1848 selbstbewusst für Demokratie, Frieden und Freiheit gekämpft. Als »Zivilisten« fühlten sie sich nun unterlegen, erst das »Reserveoffizierspatent« war für sie so etwas wie eine Ersatznobilitierung. Noch 1910 wird im »Hauptmann von Köpenick« gesagt: »Der Mensch fängt erst beim Oberst an.« Und der Schwarm aller Bürgertöchter blieb über dieses Datum hinaus der schmucke Leutnant. Man dachte sich allmählich nicht mehr viel dabei, dass alle Reichskanzler im Reichstag Uniform trugen, fand es selbstverständlich, dass an der königlichen Tafel der Reichskanzler und Major Bethmann Holweg unterhalb der Obersten und Generale Platz zu nehmen hatte, und man wich tagtäglich bereitwillig aus, wenn man irgend jemandem in Uniform auf der Straße begegnete. Die bewusste Abschließung des Militärs zur Kaste wurde weithin akzeptiert und für richtig befunden. Denn nur »durch Bildung einer festen Gemeinschaft des Offiziersstandes« könne man die Armee für den Kampf der »Besitzlosen gegen die Besitzenden« schlagkräftig halten, d. h. garantieren, dass die Armee »bedenkenlos die Kanaille zusammenschießt«. So Graf von Waldersee, Nachfolger Moltkes, ein Mann, der wusste, welchen Ängsten er Ausdruck verlieh: der Angst vor der »roten Gefahr«, die nur zu mildern war, wenn das Heer auch als schlagkräftiges Kampfinstrument nach innen einsetzbar war. Damit schließt sich der Kreis: notorische Angst der bürgerlichen Kreise vor Übergriffen der »Proleten« auf ihr Hab und Gut, Ruf nach dem starken Staat, sichtbar im starken Heer, Übernahme des militärischen Wert- und Normenkodex. Text der Zeit
Verhaltensregeln für den Reserveoffizier (1911)
Anleitungen durch Max Menzel

Die Standesehre und ihr Hochhalten ist auch im »Beurlaubtenstand« eine Notwendigkeit für den Offiziersstand [...], um diesen zu befähigen, seine hohen Aufgaben, Verteidigung von Thron und Vaterland gegen äußere und innere Feinde, mit Erfolg lösen zu können. [...] der Anzug im bürgerlichen Leben muss der Würde des Offiziersstandes entsprechen; er ist standesgemäß, wenn er die Uniform eines anderen Kameraden neben sich verträgt, ohne Missklang hervorzurufen. Ganz ungewöhnliche Trachten wollen sich nicht recht mit der Würde des Standes vertragen. Solider Lebenswandel muss von den Reserveoffizieren verlangt werden; Ausschweifungen aller Art sind zu vermeiden. Der Offizier übe vor allen Dingen Selbstbeherrschung; mit der Herrschaft über sich selbst beginnt die Befähigung zum Befehlen. [...] Der Offizier soll ein wahrer Christ [...] sein und dieser Gesinnung auch durch den Kirchenbesuch öffentlich Ausdruck verleihen. Der Reserveoffizier, der als Gutsbesitzer, als Assessor, als Steuerbeamter die Kirche besucht, wirkt auf seine Leute, auf die Bauern, [...] die Unterbeamten, kurz auf seine Umgebung in demselben Sinne günstig ein und erfüllt auf diese Weise zugleich auch eine hohe aktive Standespflicht neben seiner ihm obliegenden Christenpflicht. [...] Dass der Reserveoffizier zu den staatserhaltenden, königstreuen Parteien gehört, ist wohl selbstverständlich; denn ein andrer Standpunkt verträgt sich schlechterdings nicht mit dem Fahneneide. Ein Reserveoffizier, der die Kühnheit besäße, als Führer oder Mitglied einer Partei aufzutreten, die die Königstreue ableugnet, muss seiner Offizierswürde entkleidet werden! Das Gehenlassen von ehedem hat doch einer gesünderen Regung Platz gemacht, man verlangt heutzutage vom Reserveoffizier als Betätigung seiner Standespflicht nicht nur persönlich eine königstreue Wahl, sondern auch in gewisser Beziehung politischen Einfluss. Wenn mir ein Staatswesen Stellung, Ansehen und Würde gibt, die mich aus der Masse herausheben, so bin ich auch politisch zu einer Gegenleistung verpflichtet. Nur Mattherzige oder Nichtdeutsche mögen anders denken!
Aus: Max Menzel: Der Infanterie-Einjährige und Offizier des Beurlaubtenstandes, Berlin 1911. Das eiserne Netz der Bürokratie
»Gleich dem Heere«, dekretierte Heinrich von Treitschke (* 1834, † 1896), politischer Publizist und Reichstagsabgeordneter, »ist auch unser Beamtentum eine wesentliche Stütze der Monarchie.« Und weil das Beamtenverhältnis nicht bloß ein Arbeitsvertrag sei, sondern ein »Treuevertrag«, der die ganze Person umfasse (durch den Eid beschworen), waren sozialdemokratische Beamte für ihn und andere eine Unmöglichkeit. Der Soziologe Max Weber (* 1864, † 1920), der vier Jahrzehnte preußisch-deutsche Verwaltungsgeschichte unmittelbar miterlebt hatte, charakterisierte sie so: Schematisch geregelte Organisationsabläufe, Rationalität und Berechenbarkeit bei Planung, Kontrolle und Korrektur, geregelter Instanzenzug, deutliche Trennung und Zuweisung der Kompetenzen, feste Hierarchien; verbindliche Kriterien regelten Ausbildung, Prüfung und Qualifikation, desgleichen Beförderung und allgemeine Rangordnung für den einzelnen Beamten; krisensichere Gehälter, Pensionen und rechtliche Vorzüge sicherten die Treue der »Staatsdiener« zu ihrem Arbeitgeber, förderten selbst beim kleinsten Postbeamten das Gefühl, in Uniform ein Quäntchen Staatsmacht zu vertreten. Wie Max Weber auch herausfand, garantierte die bürokratische Organisation allerdings nicht den höchsten Grad an Effizienz: Laufbahndenken und Dünkel nach außen bei angepasstem Verhalten gegenüber Vorgesetzten verhinderten eher Erfindungsreichtum und Spontaneität, blockierten bewegliches Reagieren auf Unvorhersehbares. Zähes Festhalten an standardisierten Dienstvorschriften war die Regel, das Image der Beamten nicht zuletzt deshalb bei denen, die sie verwalteten, schlecht. Pünktlichkeit, Unbestechlichkeit und diszipliniertes Verhalten konnten es nicht aufbessern. Obwohl die Zeiten der offenen Bestechlichkeit längst vorüber waren, konnten die Beamten subtilere Formen der Bevorzugung nicht vermeiden: Vor den Schranken der Justiz wurden Adelige und Militärs gleicher als gleich, entsprechend ihrer traditionellen rechtlichen und faktischen Privilegierung behandelt. Es ist nicht verwunderlich, dass der gesellschaftlichen Elite die Unterwürfigkeit der Bürokratie behagte, obwohl der Staat durch eine selbstbewusstere und autonome Bürokratie besser bedient gewesen wäre. Karikatur»Michel und sein Beschützer«: Karikatur auf die Rolle des verhätschelten Militärs und des wachsenden Militarismus. Aus: »Der wahre Jacob«, Stuttgart. Der Geist der Zeit
Staaten und Epochen sollten nicht nach der Effizienz ihrer Verwaltungen beurteilt werden, sondern eher nach der politischen Kultur, d. h. nach dem Grad der persönlichen Freiheit für die Staatsbürger und deren mündigem politisch-sozialem Handeln und Denken. Hier ist es nötig, ein wenig über Epochengrenzen hinauszugreifen, um die Weiterentwicklung der untersuchten Strukturen zu erkennen. Das Bismarck-Reich war durch Verfassung und parlamentarische Einrichtungen demokratischer als die einzelstaatlichen Regierungen der vorausgehenden »Reaktionszeit«. Die Mentalität der Reichsbürger war von diesem Prozess der Demokratisierung seltsam unberührt geblieben. Nicht emanzipierte Staatsbürger begegnen uns bei der Rückschau, sondern häufig Menschen, die den in Schule, Beruf und Familie gültigen autoritären Normen fast enthusiastisch Beifall zollten. Sich-Fügen fiel ihnen leichter als Protest. Zäh hielten sich überkommene Vorurteile, die durch Aussagen prominenter Politiker und angesehener Wissenschaftler neue Nahrung bekamen. Bismarcks Satz »Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen« oder die pseudowissenschaftlichen, ungemein populären »Analysen« über den »physiologischen Schwachsinn des Weibes« sind nur zwei Markierungen aus der Geschichte der Vorurteile, die überall da praktisch wurden, wo gesellschaftlichen Gruppen bürgerliche Rechte vorenthalten wurden: den Polen und Dänen im Reich das Recht auf eigene Kultur und Sprache, den annektierten Elsässern das Recht auf politische Mitwirkung, den Frauen das Recht auf Bildung und Gleichberechtigung, den kolonialisierten Völkern jegliches Menschenrecht. Lesbische Frauen und homosexuelle Männer wurden strafrechtlich verfolgt. Psychisch Kranke, Roma und Farbige waren nicht nur beliebte Sujets von Herrenwitzen. Viel schlimmer war, dass sie stigmatisiert wurden und gegen ihren Willen am Rand der Gesellschaft leben mussten. Frauen hatten weder aktives noch passives Wahlrecht, sie besaßen keine Unterschriftsberechtigung, mussten den Ehemännern sogar die Verwaltung des eingebrachten Vermögens überlassen. Nicht genug, dass sie auf die Mutter- und Hausfrauenrolle beschränkt waren, wurden sie dazu erzogen, männliche »Überlegenheit« anzuerkennen und zu begrüßen. Gesellschaftlich repräsentierte die Frau den Rang des Mannes, hatte so aufzutreten, dass er sich mit ihr »sehen lassen« konnte. Weil der Mann »draußen« kämpfte, fiel ihr die Gestaltung des gemütlichen Heims zu. Hier konnte er so, mit sich selbst identisch, die Pantoffeln anziehen und das ablegen, was die Öffentlichkeit von ihm forderte: Unterordnung und Respekt vor jeglicher Obrigkeit. Die Untertanenmentalität des späten 19. Jahrhunderts ruhte fest auf den autoritären Strukturen von Familie, Schule und Arbeitsplatz und erhielt täglich ihre Nahrung aus öffentlich propagierten Feindbildern. Farbige, Juden und Roma, aber auch Politiker und Intellektuelle, Liberale und Sozialisten, der »Erbfeind« Frankreich und überhaupt »das Ausland« gehörten damals dazu. Nationalistische Überheblichkeit nährte das Kolonialfieber und den Imperialismus der Wilhelminischen Zeit, beflügelte die Träume der »Alldeutschen« und fand schließlich seine entsetzliche Steigerung in den Weltmachtplänen Hitlers. Der »Alldeutsche Verband«
Als Antwort auf den als schmachvoll empfundenen Austausch der deutschen Kolonie Sansibar gegen das unter englischer Herrschaft stehende Helgoland kam es unter maßgeblicher Initiative Hugenbergs zur Gründung des »Allgemeinen Deutschen Verbandes«. Nach Zusammenschluss mit dem ebenfalls nationalistischen »Carl-Peters-Kreis« entstand 1894 der »Alldeutsche Verband«, der sich als Hüter deutscher Interessen verstand. Aus den Zielsetzungs-Mitteilungen des Verbandes zu seiner Gründung:
1. Belebung des vaterländischen Bewusstseins in der Heimat und Bekämpfung der nationalen Entwicklung entgegengesetzten Richtungen.
2. Pflege und Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen in allen Ländern, wo Angehörige unseres Volkes um die Behauptung ihrer Eigenart zu kämpfen haben, und Zusammenfassung aller deutschen Elemente auf der Erde für diese Ziele.
3. Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenpolitik in Europa und Übersee, insbesondere auch Fortführung der deutschen Kolonialbewegung zu praktischen Ergebnissen.
Deutsche in der Heimat und in der Fremde! Indem wir Euch einladen, an diesen Arbeiten teilzunehmen, sind wir durchdrungen von der Überzeugung, dass unser Volk, indem es die Erhaltung und Ausbreitung deutschen Geistes auf der Erde betreibt, damit am wirksamsten auch den Bau der Weltgesittung fördert. Denn unsere deutsche Kultur bedeutet den idealen Kern menschlicher Denkarbeit, und jeder Schritt, welcher für das Deutschtum errungen wird, gehört demnach der Menschheit als solcher und der Zukunft unseres Geschlechts.
Ein Beispiel für rassistische Tendenzen in den »Alldeutschen Blättern«
Aus einem Beitrag von K. F. Wolff (1913)

Die rassenbiologische Weltanschauung sagt uns, dass es Führerrassen und Folgerassen gibt. Die politische Geschichte ist nichts weiter als die Geschichte zwischen den Führerrassen. Insbesondere sind Eroberungen stets ein Werk von Führerrassen; die Folgerassen, die an Menschen stets viel reicher sind, werden nur mitgeschleppt. Wo in aller Welt steht geschrieben, dass die erobernde Führerrasse die Verpflichtung hat, den Besiegten nach einiger Zeit politische Rechte zu gewähren? Bildet nicht die Ausübung politischer Rechte einen Vorzug, der eben den Führerrassen biologisch zukommt? [...] Solche Menschen können erobern, dürfen erobern, sollen erobern! Und sie sollen auch Herren sein, sich und den anderen zu Nutz und Frommen! Das gilt für die Neuzeit genau so gut wie für das Altertum. Denn nicht Vernichtung, sondern Höherentwicklung bedeutet das Hereinbrechen einer hochgesinnten Edelrasse; sie dient dem Herrn der Heerscharen, und was sie tut, ist ein Erlöserwerk.

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Info 18.12.2017 00:11
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