Die Arbeiterbewegung der sozialen Unterschichten

»Ich glaube an die soziale Revolution auf evolutionistischem Wege. Ich bin Optimist von Natur und hoffe nicht, ich weiß. Ob es für mich besser wird im grob materiellen Sinn, weiß ich nicht. Das ist auch nebensächlich. Aber die moderne Arbeiterbewegung beglückt mich und alle meine Freunde durch den wachsenden Strahl der Erkenntnis. Wir begreifen, dass wir nicht mehr Amboss, sondern Hammer sind, die unserer Kinder Zukunft schmieden, und dieses Gefühl wiegt Gold nicht auf.« Der Mann, der sich selbstbewusst als geschichtsmächtige Kraft begreifen konnte, war ein dreiunddreißigjähriger schlesischer Bergarbeiter, der von Montag bis Samstag zehn Stunden und mehr schwer arbeitete, um mit einem Wochenverdienst von 21 Mark eine Familie mit acht Kindern zu ernähren. Generationen von Arbeitern, die sich unterdrückt und ausgebeutet fühlen konnten, gab die Arbeiterbewegung ein ähnliches Selbstwertgefühl, das die alltägliche Erfahrung der Machtlosigkeit überwinden half: Zu den kollektiven Erfahrungen der Arbeiter gehörten die Lohnarbeit in der materiellen Abhängigkeit vom Fabrikherrn, aber auch die Verweigerung voller staatsbürgerlicher Gleichheit und der in Staat und Gesellschaft erfahrene »Klassenkampf von oben«. Als »vaterlandslose Gesellen« und »Reichsfeinde« sozial geächtet, in der Zeit des »Sozialistengesetzes« und darüber hinaus politisch verfolgt und unterdrückt, ausgeschlossen von der Mitverantwortung des 1871 neu geschaffenen Nationalstaates, setzte sich in der Arbeiterschaft das Bewusstsein einer eigenständigen gesellschaftlichen Klasse durch. Die Befreiung aller Teile der Bevölkerung aus dem Zustand politischer Ohnmacht und sozialer Diskriminierung war das Ziel der Arbeiterbewegung, die sich als Bildungs- und Kulturbewegung, gewerkschaftliche Organisation und politische Partei, also als alle Lebensbereiche umfassende Emanzipationsbewegung, formierte. Für viele Arbeiter, die durch die Industrialisierung aus ihren alten sozialen Bindungen vertrieben worden waren, wurde die Arbeiterbewegung auch eine »Heimat«, in der sie sich neu verwurzeln konnten. Potsdamer PlatzDas Café – beliebter Treffpunkt der Herrenwelt vom Beamten bis zum Journalisten, vom Offizier bis zum Literaten. »Im Café Josty« (Berlin, Potsdamer Platz). Zeichnung (Ausschnitt) von P. Höniger. Die deutsche Sozialdemokratie – Schutz durch Solidarität
Der Organisationserfolg der deutschen Arbeiterbewegung war beispiellos. 4,25 Millionen Deutsche (= 34,8 Prozent der Wähler) gaben der deutschen Sozialdemokratie 1912 ihre Stimme bei der Reichstagswahl. Ungefähr 13 000 Sozialdemokraten waren als Abgeordnete in den Parlamenten tätig, vom Reichstag bis zu den Gemeinderäten. Die Partei besaß rund 1 Million Mitglieder. Halb scherzhaft, halb im Ernst verglich August Bebel (* 1840, † 1913), der Führer der Sozialdemokratie durch vier Jahrzehnte, die Partei mit der preußischen Armee, wenn er ihre disziplinierte Organisation den Herrschenden drohend vor Augen hielt. Die Partei besaß 80 Tageszeitungen, eigene Verlage und Druckereien, Arbeiterbibliotheken und Bildungsvereine. Ein lückenlos ausgebautes Netz von Vereinen und Verbänden umfasste »von der Wiege bis zur Bahre« nahezu alle Lebensbereiche des Arbeiters. Vom sozialdemokratischen Kindersportverein bis zur sozialdemokratischen Beerdigungskasse. Da gab es sozialdemokratische Jugend- und Frauenvereine, Turn- und Sportverbände, den Arbeiterradfahrerbund »Solidarität« und den Touristenverein »Die Naturfreunde«, den »Arbeiter-Sängerbund« und auch einen »Deutschen-Arbeiter-Abstinenten-Bund«. Daneben existierten die »Konsumgenossenschaften«, die ihre Mitglieder mit preisgünstigen Lebensmitteln versorgten, nicht zuletzt die sozialistischen Freien Gewerkschaften, die Interessenvertretung von 2,5 Millionen Arbeitnehmern, die über eigene soziale Hilfsleistungen verfügten. All dies schuf ein eigenes, von der Umwelt abgekapseltes Sozialmilieu, das im Solidaritätserlebnis Schutz und Hilfe gewährte. In der Gemeinschaft mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten fand der deutsche Arbeiter Ersatz für die soziale Anerkennung, die ihm von der bürgerlichen Gesellschaft vielfach verwehrt wurde. Ein »Staat im Staate« entstand, der eigene Umgangsformen, Denkhaltungen und soziale Rangstufen entwickelte. Großbürgerliche FamilieWohlstand und Kinderreichtum – Die großbürgerliche Familie. »Die Familie des Unternehmers B. H. Strousberg«. Gemälde (Ausschnitt) von L. Knaus, 1870, Berlin Museum. Entstehung der Industriearbeiterschaft
Als das Deutsche Reich 1871 gegründet wurde, war die Durchbruchsphase der Industrialisierung, die nach 1850 einsetzte, fast beendet. Die Zusammensetzung der Industriearbeiterschaft, die sich in dieser Zeit herausbildete, war alles andere als homogen. Sie unterschied sich nach Herkunft, beruflicher Qualifikation und auch nach den Zukunftsvorstellungen, die der einzelne Arbeiter mit der Fabrikarbeit verband. Für den ruinierten handwerklichen Kleinmeister, der im Extremfall bis zum Tagelöhner absinken konnte, bedeutete die Lohnarbeit eine soziale Deklassierung. Ein Geselle, der kein »zünftiges« Auskommen mehr fand, mochte demgegenüber auf ein berufliches Fortkommen hoffen, zumal qualifizierte, technisch begabte Facharbeiter gefragt und relativ gut bezahlt waren. In die Fabriken drängten auch frühere Heimarbeiter und Manufakturarbeiter, Tagelöhner und Handlanger, weil sie sonst keine Existenz mehr besaßen. Skrupellose Ausnutzung durch den Fabrikherrn charakterisierte vor allem die Lage der in Überzahl vorhandenen, ungelernten Arbeiter. Meist waren es verarmte Bauern und Landarbeiter, die sich in diese »industrielle Reservearmee« einreihten. Häufiger Stellenwechsel durch Saisonarbeit und Anpassungsschwierigkeiten an die industrielle Arbeitswelt, ein unstetes Leben, das jeder herkömmlichen Sicherheit entbehrte, soziale Entwurzelung und vorzeitige Auszehrung der Arbeitskraft waren der Preis, den viele Arbeiter zahlten, wenn sie nur Arbeit und Brot fanden. Aber nicht die Industrialisierung hat, wie man vermuten könnte, das Elend und die Besitzlosigkeit breiter, überwiegend ländlicher Bevölkerungsschichten geschaffen. Die von den Zeitgenossen als »Pauperismus« (von lat. pauper = arm) bezeichnete Massenarmut war ein Phänomen schon der vorindustriellen Gesellschaft, das erst allmählich durch wirtschaftliches Wachstum und technischen Fortschritt beseitigt werden konnte. Bedeutete die »soziale Frage« in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem, das Problem der Verelendung der Massen zu lösen und ihnen Arbeit und Brot zu schaffen, so entstanden nun neue Fragen, die sich aus der Eingliederung der rasch anwachsenden Arbeiterschaft in die werdende Industriegesellschaft ergaben. Während die Arbeiter um 1870 nur etwa ein Fünftel des deutschen Volkes ausmachten, betrug ihr Anteil 1882 bereits ein Viertel, 1907 gar ein Drittel. Je mehr der Kampf um die bloße Existenzsicherung zurücktrat, desto stärker drängten die politischen Forderungen der Arbeiter in den Vordergrund. Ursprünge der deutschen Arbeiterbewegung
Bereits im Februar 1848, am Vorabend der europäischen Revolution, erschien in London eine Flugschrift, die später weltberühmt werden sollte: das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Sie war in einer mitreißenden, kämpferischen Sprache verfasst und sollte eine Epoche des proletarischen Klassenkampfes verkünden. Aber in Deutschland erreichte die Kampfschrift, deren Autoren Karl Marx (* 1818, † 1883) und Friedrich Engels (* 1820, † 1895) waren, zunächst nur die kleine Anhängerschar des »Bundes der Kommunisten«, einer radikalen Geheimorganisation, die kaum politischen Einfluss gewann. Friedrich Engels - 1893Friedrich Engels während des Kongresses der II. Internationalen 1893 in Zürich im Kreis deutscher Sozialdemokraten. Von links: Friedrich Simon, August Bebeis Tochter Frieda Simon, Clara Zetkin, Friedrich Engels, Julie und August Bebel. Für die Organisation der Arbeiterschaft bedurfte es nicht des Anstoßes aus London. Teile der Arbeiterschaft, vor allem die handwerklich geprägten Gruppen, bei denen ein berufsständisches Bewusstsein fortlebte, gerieten frühzeitig in eine soziale Protesthaltung, weil sie die Fabrikarbeit als sozialen Abstieg empfanden. Handwerkergesellen und qualifizierte Facharbeiter standen an vorderster Front auf den Barrikaden, als im März 1848 auch in Deutschland die Revolution ausbrach. In Berlin tagte der erste deutsche Arbeiterkongress (23. August-3. September 1848), auf dem der Schriftsetzer Stephan Born (* 1824, † 1898) die »Arbeiterverbrüderung« ins Leben rief, in der bis zu 15000 Mitglieder in 170 Ortsvereinen organisiert waren. Die Gesellen und Facharbeiter, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Arbeitervereinen organisierten, wollten keine klassenkämpferischen Proletarier im Sinn von Marx sein, sondern gleichberechtigte Staatsbürger in einer »sozialen Demokratie«. Ihre Hoffnungen richteten sich auf die Frankfurter »Nationalversammlung«, aber die bürgerlichen Liberalen, die hier den Ton angaben, standen den Bestrebungen nach politischer und sozialer Gleichberechtigung ohne Verständnis gegenüber. Politische Entfremdung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum
Die Angehörigen des liberalen Bürgertums arrangierten sich in der Folgezeit mit dem preußischen Obrigkeitsstaat, weil er ihre ökonomischen Interessen mitvertrat; sie identifizierten sich vor allem mit dessen Armee, die den alten Traum von der deutschen Einheit mit Waffengewalt verwirklichte. Der Drang nach dem Titel des »Reserveoffiziers« symbolisierte diese Unterwerfung weiter Teile des Bürgertums unter die Werte der antidemokratischen Militärmonarchie. Die organisierte Arbeiterschaft konnte diesen Schritt nicht nachvollziehen, weil Bismarcks Reichsgründung »von oben« offenkundig keinen Raum für die Emanzipation der zu politischer Mitsprache und sozialen Fortschritten drängenden Arbeiter ließ. Entsprechend verstand sich die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, die sich in den sechziger Jahren als reine Arbeiterpartei formierte, als Erbe der gescheiterten Revolution von 1848/49. Sie geriet so vorzeitig in eine politische Isolierung, aus der sie bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges nicht herauskam. Radikale Ideologien beflügelten die Absonderung der Arbeiterbewegung von der bürgerlichen Gesellschaft. Die Loslösung vom Liberalismus, dessen Parolen ursprünglich viele Arbeiter Glauben schenkten, war das erklärte Ziel von Ferdinand Lassalle (* 1825, † 1864), der 1863 den »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein« gründete, die erste deutsche Arbeiterpartei. Zum vorrangigen Kampfziel erklärte er die Errichtung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts, weil er hoffte, den Staat mit friedlichen Mitteln erobern zu können. Er war sogar zu einer begrenzten Kooperation mit dem preußischen Obrigkeitsstaat bereit. So nahm er geheime Kontakte mit Bismarck auf, dem er – eine naive Überschätzung der eigenen Kräfte – die Arbeiterpartei als Bündnispartner gegen das liberale Bürgertum anbot. Lassalles agitatorische Waffen waren die Ideen von Karl Marx, als dessen Schüler er sich verstand. Wie Marx ging er von der unausbleiblichen Verelendung des Proletariats aus, die er aus dem »ehernen Lohngesetz« ableitete, wonach die Löhne immer »auf die in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlichen Lebensnotdurft« beschränkt blieben. Dies ändere sich nie, da jede Verbesserung der Lage zu einer Vermehrung der Bevölkerung führe, damit zu einem größeren Angebot an Arbeitskräften, welches den Lebensstandard wieder herabdrücke. Lassalles Theorie war wissenschaftlich unhaltbar, weshalb sie Marx auch mit beißender Ironie bedachte, aber sie brachte den Marxismus auf eine eingängige, propagandistisch verwertbare Formel. Diese sollte den Arbeitern ihre Klassenlage bewusst machen, sie soweit radikalisieren, dass sie bereit waren, den Bruch mit dem Bürgertum zu vollziehen. Seine Endzielvorstellung war kommunistisch, die politische Arbeit bestritt Lassalle aber mit Forderungen, die auf den Staat als Mittel der Emanzipation der Arbeiterklasse verwiesen. So forderte er Staatskredite für die Gründung von Produktivgenossenschaften, die das Privateigentum an den Produktionsmitteln einschränken, schließlich aufheben sollten. Lassalles »Staatssozialismus« war bei den meisten Arbeitervereinen, vor allem in Mittel- und Süddeutschland, unpopulär. Hier war man betont antipreußisch, antibismarckisch und im Gegensatz zu den kleindeutschen Lassalleanern auf eine großdeutsche Lösung der nationalen Frage eingeschworen, die zudem »von unten« her, durch eine demokratische Volksbewegung, errungen werden sollte. Im übrigen misstraute man Lassalles diktatorischem Führungsstil. Doch auch bei den Gegnern Lassalles machte sich – wenn auch zögernd – Enttäuschung über die bürgerlichen Liberalen breit. 1869 gründeten August Bebel und Wilhelm Liebknecht (* 1826, † 1900) in Eisenach die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei«. Der Streit, welche der rivalisierenden Arbeiterparteien die »marxistische« gewesen sei, der lange Zeit Historiker beschäftigte, übersieht, dass die Vorstellungen von »Sozialismus« und »Kommunismus« in beiden Lagern zunächst verschwommen, häufig utopisch und mit religiösen Elementen durchsetzt waren. Selbst führende Männer kannten, wie der Parteitheoretiker Karl Kautsky (* 1854, † 1938) festhielt, bis in die achtziger Jahre die Schriften von Marx und Engels nur sehr oberflächlich. Bereits 1864 war in London eine »Internationale Arbeiter-Assoziation« gegründet worden, in der Sozialisten, Demokraten und auch Anarchisten vertreten waren. Die »Internationale«, deren Wortführer Karl Marx war, gewann zwar nie den politischen Einfluss, den ihr die Gegner zusprachen, um mit dem Gespenst einer weltweiten Verschwörung jede Opposition zu unterdrücken. Für das Selbstverständnis der Sozialdemokratie als revolutionäre Klassenpartei gewann die Idee einer Verbrüderung des internationalen Proletariats jedoch große Bedeutung. Beide deutschen Arbeiterparteien, »Lassalleaner« und »Eisenacher«, wurden Mitglieder der »Ersten Internationale«, die sich nach 1870 – heillos zerstritten – auflöste. 1875 erfolgte in Gotha die Vereinigung der beiden Parteien zur »Sozialistischen Arbeiterpartei«. Die Gründung des Deutschen Reiches hatte alte Kontroversen hinfällig werden lassen. Seit 1890 nannte sich die Partei »Sozialdemokratische Partei Deutschlands« (SPD). Sie wurde Mitglied der 1889 in Paris gegründeten »Zweiten Internationale«, die den Nationalstaat und die Unabhängigkeit der Mitgliedsparteien ausdrücklich anerkannte, im Kampf gegen Wettrüsten und Krieg eine historisch bedeutsame Rolle spielte, ohne den Ersten Weltkrieg verhindern zu können, der dann zu ihrer Auflösung führte. SPDEntwicklung der SPD. Folgen des Sozialistengesetzes
Die Sozialdemokraten wurden im Kaiserreich als »vaterlandslose Gesellen« und »Reichsfeinde« geächtet, weil sie nicht dem nationalen Taumel erlagen, den die Gründung des Deutschen Reiches bei den meisten Deutschen auslöste. Kaiser Wilhelm II. nannte sie in einer Rede im Jahre 1895 »eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen«. Der preußische Staatsphilosoph Heinrich Treitschke (* 1834, † 1896), der auch durch seinen Judenhass traurige Berühmtheit erlangte, heizte die Stimmung an, indem er Sozialdemokraten als »Partei der sittlichen Verwilderung, der politischen Zuchtlosigkeit und sozialen Unfriedens« diffamierte. Die Abdrängung des politischen Gegners an den Rand der Gesellschaft besitzt in Deutschland eine im Bismarckreich begründete Tradition, deren Saat dann im Nationalsozialismus aufging und noch heute nachwirkt. Das Gespenst einer »roten Gefahr« diente Bismarck in erster Linie als ein Propagandamittel, um das ehemals oppositionelle Bürgertum an den preußisch-deutschen Obrigkeitsstaat zu ketten und gegen die Arbeiterbewegung eine Abwehrfront aus Unternehmern, Kirche, Armee und Bürokratie zu mobilisieren. In Gang gesetzt wurde der »Klassenkampf von oben«, die staatliche, aber auch alltägliche Verfolgung der organisierten Arbeiterschaft, die vor und während des »Sozialistengesetzes« (1878-1890) ihren Höhepunkt erlebte. Das Ausnahmegesetz, das von den einzelnen Staaten mit unterschiedlicher Härte angewendet wurde, verbot alle Vereine, Versammlungen und Druckschriften. Es verfolgte die einzelnen Anhänger bis in den privaten Bereich. Man schätzt, dass zwischen 1878 und 1890 etwa 1500 Personen zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt wurden. 900 »Verdächtige« mit nahezu 1500 Familienangehörigen wurden aus ihrer Heimat ausgewiesen, viele mussten ins Ausland gehen. Um ihre Identität zu wahren und die politische Arbeit im Untergrund fortzusetzen, gründeten Parteigenossen damals die Vielzahl scheinbar unpolitischer Bildungs- und Sportvereine, aus denen die für die deutsche Arbeiterbewegung charakteristische »Subkultur« erwuchs. Bereits kurz nach der Verhängung des Ausnahmegesetzes hatte die Partei die Parole ausgegeben, an sozialdemokratischer »Gesetzlichkeit« sollten ihre Gegner »zugrunde gehen«. Die Erfahrung des Staates als Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klassen förderte die Übernahme von marxistischen Lehrsätzen und Schlagworten, die auf dem Erfurter Parteitag 1891 – also nach dem Fall des Sozialistengesetzes – zur offiziellen Parteitheorie erhoben wurden. Gerade das Ausnahmegesetz, das die Partei verbot, die Arbeit der Abgeordneten und die Beteiligung an Wahlen aber zuließ, begründete eine auf die parlamentarische Tätigkeit und Agitation der öffentlichen Meinung konzentrierte politische Taktik. Wahltage wurden zur großen Heerschau der Arbeiterbewegung, der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der Partei trug mit dazu bei, dass der Stimmzettel als Mittel der Eroberung nicht nur des Parlaments, sondern auch der Macht im Staat angesehen wurde. 493 000 Stimmen erhielten sozialdemokratische Kandidaten bei der Wahl 1877, nach 12 Jahren Ausnahmegesetz – im Jahre 1890 – waren es 1427000. Die staatliche Unterdrückung als Strategie gegen die Arbeiterbewegung war insoweit gescheitert, als sie die Solidarisierung der Arbeiterschaft mit der Sozialdemokratie nur verstärkte. Der Schrecken der Verfolgungsjahre wirkte aber auch disziplinierend auf die Arbeiterbewegung ein. Eine revolutionäre, mit Gewaltmitteln operierende Strategie besaß nun endgültig keine Chance in der Sozialdemokratie mehr, zu groß war die Furcht vor einer Neuauflage des »Sozialistengesetzes«. Nicht zufällig meldeten sich jetzt auch »reformistische«, zur Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften bereite Sozialdemokraten zu Wort, deren Führer der bayerische Landtagsabgeordnete Georg von Vollmar (* 1850, † 1922) war. Sie hofften die in der Bismarck-Ära verhärteten innenpolitischen Fronten aufzuweichen, konkreten Einfluss zu gewinnen und so der Drohung mit dem Ausnahmezustand den Boden zu entziehen. Aber ihr Aktionsfeld blieb auf die süddeutschen Länderparlamente begrenzt, zu nachhaltig wirkte die politische Polarisierung nach, die Bismarck vorangetrieben hatte. Lebensbedingungen der Arbeiterschaft – Not und Widerstand
Lebten 1871 noch 65 Prozent der Bevölkerung in Dörfern und Kleinstädten, so waren es 1910 nur noch 40 Prozent. Deutschland wandelte sich endgültig vom Agrar- zum Industriestaat. Die übervölkerten, gleichsam aus allen Nähten platzenden Städte wurden zum Symbol all dessen, was mit der Industrialisierung an ungelösten Problemen verbunden war. Da gab es die Luxusvillen der Reichen, meist lagen sie im weniger smoggefährdeten Westen. Da gab es aber vor allem die proletarischen Elendsviertel, Baracken und Mietskasernen, hastig und schnell errichtet, umgeben vom Schmutz und Rauch der Fabriken. »Man kann einen Menschen mit der Wohnung genauso erschlagen wie mit der Axt.« Der Satz stammt von Heinrich Zille (* 1858, † 1929), der das Leben in den Berliner Armutsvierteln zeichnete. Eine offizielle Statistik aus dem Jahr 1900 nennt eine Wohnung übervölkert, wenn 6 Personen und mehr in 1 Zimmer, 11 Personen und mehr in 2 Zimmern hausen; 30000 dieser Massenquartiere zählte man damals in Berlin. Fabrikimperium BorsigsDas Fabrikimperium Borsigs in Berlin-Moabit (um 1900) mit Villa und Fabrikhallen. Häufig nahmen Mieter Schlafgänger auf, die sich in der Nacht in einen Winkel der Wohnung verkrochen. Das Wohnen in engen, überbelegten Räumen wirkte sich vielfach zerstörerisch auf die Arbeiterfamilien aus, benachteiligte das Arbeiterkind, denn viele Bürger bezogen aus dieser unverschuldeten Notlage ihr soziales Vorurteil, der »Proletarier« sei zu einer geordneten Lebensführung unfähig. Weitsichtige Unternehmer wie Krupp oder Stumm erkannten früh, dass gesundes Wohnen der Erhaltung der Arbeitskraft diente. Sie errichteten Arbeitersiedlungen, die bald das Gesicht vieler Industriereviere prägten. SozialspannungenVon schmutzigen Gassen und Hinterhöfen geprägte, als Spekulationsobjekt gebaute Mietskasernen, feucht und dunkel, besiedelt von kinderreichen Familien und Arbeitslosen. Die Klassenschranken, die den individuellen Aufstieg aus der Arbeiterschaft verhinderten, waren vielfältig. Eine besondere Rolle spielte die Schule, die das erklärte Ziel verfolgte, den Abwehrgeist gegen die Sozialdemokratie zu stärken. 93,5 Prozent der Schüler kamen 1911 in Preußen über die Volksschulbildung nicht hinaus, Kindern aus der Unterschicht war der Zugang zu höheren Schulen praktisch verwehrt. Nirgendwo waren die Klassenstärken – bis zu 100 Kinder pro Lehrer und Klasse – so hoch wie in den Arbeitervierteln. Die materiellen Lebensbedingungen verbesserten sich nach 1871. Die Arbeitslosigkeit sank auf ein relativ niedriges Niveau, die Löhne stiegen von 1871 bis 1913 im Durchschnitt um etwa 50 Prozent, aber auch die Lebenshaltungskosten kletterten in die Höhe, sodass das Arbeiterleben noch immer voll Entbehrungen und Sorgen war. Das Jahres-Durchschnittseinkommen eines Arbeiters in Höhe von 800-900 Mark reichte gerade dazu aus, eine nicht zu kinderreiche Familie ohne Existenzsorgen zu ernähren. Um menschenwürdig zu wohnen oder die Familie ausreichend zu kleiden, dazu fehlte dann das Geld. ArbeiterArbeiterfamilie in ihrer Wohnküche. Durch Arbeiterschutzgesetze waren garantiert: Elfstundentag für Arbeiterinnen, Zehnstundentag und Verbot der Nachtarbeit für Jugendliche und Frauen, Verbot der Kinderarbeit in Industriebetrieben, Sonntagsruhe in der Industrie. Seit 1880 gab es Gewerbegerichte, die bei Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern Recht sprachen. 1883 wurde die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung, 1889 die Alters- und Invalidenversicherung eingerichtet. Ihren politischen Zweck, die Arbeiterschaft an den Staat zu binden, erfüllte die Bismarcksche Sozialpolitik aber nicht, da sie in den Augen der Arbeiter einen durch eigene Leistung erworbenen Anspruch darstellten. Als feindlich und sozial deklassierend empfanden vor allem Facharbeiter, die noch durch handwerkliche Ausbildung geprägt wurden, die Arbeitsbedingungen in der Großindustrie, die sich um die Jahrhundertwende durchsetzte. Die Rationalisierung der Fertigung, der zunehmende Einsatz von Maschinen und der Übergang zu Großbetrieben führten zur Zerlegung der Abläufe in genau vorgeschriebene Tätigkeiten, zur Monotonisierung der Arbeit. Fabrikordnungen, die nicht selten zuchthausähnliche Züge trugen, die Ausnutzung durch das Akkordsystem, die Anonymität der Großbetriebe, die den einzelnen Arbeiter zur bloßen Nummer degradierte – viele Faktoren wirkten zusammen, dass sich ein Gefühl der Erbitterung gegen »die da oben« aufstaute, gegen die Werkmeister, die vielfach als »Antreiber« verhasst waren, gegen die »Kapitalisten«, gegen die Fabrikherren. Formen des Kampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital
Die Gewerkschaften

Die Fabrikherren pflegten einen patriarchalisch-autoritären Betriebsstil, der bis in das ganz persönliche Leben der Arbeiter eingriff. Ihre Denkwelt charakterisiert die berühmte Ansprache, die Alfred Krupp 1877 an seine Betriebsangehörigen hielt: »Genießet, was Euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit vielleicht im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei Eure Politik, dabei werdet ihr frohe Stunden erleben. [...] Höhere Politik treiben, erfordert mehr freie Zeit und Einblick in die Verhältnisse, als dem Arbeiter verliehen ist. [...] Das Politisieren in der Kneipe ist nebenbei sehr teuer, dafür kann man im Hause Besseres haben.« Gegen den Herrschaftsanspruch der Unternehmer konnte sich der einzelne Arbeiter nur behaupten, wenn er sich mit Arbeitskameraden zu Gewerkschaften zusammenschloss. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich nahezu 20 Prozent der Beschäftigten in Industrie und Handwerk in Gewerkschaften organisiert. Kaum erfasst wurden die Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen sowie die Landarbeiter. Der Zusammenschluss fiel Facharbeitern, die das Risiko einer Entlassung weniger zu fürchten hatten, leichter als Ungelernten, die im Konflikt mit dem Arbeitgeber leicht ersetzbar waren. Besonders hoch war der Organisationsgrad in kleinen und mittleren Betrieben; in den Großbetrieben der Schwerindustrie behinderten der häufige Stellenwechsel und der geschlossene Widerstand der Unternehmer die Gewerkschaftsarbeit. Bereits 1848 waren Berufsverbände der Buchdrucker und Zigarrenmacher entstanden, 1868 gründeten die Liberalen Max Hirsch (* 1832, † 1905) und Franz Duncker (* 1822, † 1888) die »Gewerkvereine«, die sich auf soziale Hilfseinrichtungen beschränkten und kaum Streiks durchführten, sodass ihr Einfluss gering blieb. 1868 entstanden auch die sozialistischen Gewerkschaften, die »Arbeiterschaftsverbände« der Anhänger Lassalles und die »Gewerksgenossenschaften« der »Eisenacher«, aus denen die »Freien« Gewerkschaften hervorgingen. Ihr Führer war Karl Legien (* 1861, † 1920), der Vorsitzende der 1890 geschaffenen »Generalkommission«, die 47 zentrale Berufsverbände umfasste. Daneben entstanden nach 1891 die christlichen Gewerkschaften, die vor allem bei den katholischen Bergarbeitern im Ruhrgebiet Einfluss gewannen. Brauerei-GewerkschaftGewerkschaften – Kampf um Menschen- und Bürgerrechte. Vertreter der Brauerei-Gewerkschaft von Hamburg mit ihrer Fahne – ganz im Habitus des Bürgertums. Foto der Jahrhundertwende. Innerhalb der Arbeiterbewegung konzentrierten sich die Gewerkschaften auf die Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen; sie betonten ihre Unabhängigkeit von den politischen Parteien, weil sie jeden Eingriff in das Verhältnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ablehnten: Erfolgreich konnte ihre Arbeit nur sein, wenn der freie Zusammenschluss der Arbeiter gesichert war. Im Reich wurde die Koalitionsfreiheit zwar seit 1871 »erlaubt«, ein einklagbares Grundrecht stellte sie aber nicht dar, der Streik war verboten. Die Arbeitgeber, die sich in eigenen Verbänden eine wirksame Interessenvertretung schufen, scheiterten zwar 1899 mit der sogenannten Zuchthausvorlage, die jeden Streikposten mit Zuchthaus belegen sollte. Auf vielfältige Weise behinderten sie aber die Organisation der Arbeiter. Zu den ältesten Waffen zählten die »schwarzen Listen«, Personenverzeichnisse, mit deren Austausch die Wiedereinstellung entlassener Arbeiter in anderen Betrieben verhindert werden sollte. Ein weiteres Disziplinierungsmittel waren die »gelben Werkvereine«, Arbeiterorganisationen, die von den Unternehmern materiell abhängig waren und als »Streikbrecher« Einsatz fanden. Das soziale Klima des Kaiserreiches war gewerkschaftsfeindlich. Trotzdem gab es Anzeichen für eine zunehmende Rationalisierung der Arbeitskämpfe. Die Anerkennung der Gewerkschaften als gleichberechtigte Vertragspartner kam in den Tarifverträgen zum Ausdruck, die 1913 bereits 218000 Betriebe mit über 2 Millionen Arbeitern umfassten. Die Schwerindustrie weigerte sich aber beharrlich, am Verhandlungstisch mit Gewerkschaftlern Platz zu nehmen. Gewerkschaftsvertreter wirkten auch als Beisitzer in Schiedsgerichten der Sozialversicherungen, Innungen und Handwerkskammern sowie im Arbeitsschutz mit. Zwischen Verweigerung und Anpassung
Bezeichnenderweise gelang es der Vorkriegssozialdemokratie kaum, Anhänger unter den Bauern und Angestellten zu finden. In ihrer eigentümlichen Mischung aus politischer Ökonomie und Weltanschauung sprach die Vision von der sozialistischen Zukunftsgesellschaft vor allem die Industriearbeiterschaft an, die sich von der Gesellschaft -auch von den Kirchen – als ausgestoßen fühlen konnte. In unzähligen Reden und Schriften verbreiteten August Bebel und Karl Kautsky die Illusion, die bürgerliche Gesellschaftsordnung werde auch ohne direktes Zutun mit »Naturnotwendigkeit« in naher Zukunft zusammenbrechen. Die Definition der Revolution beschränkte sich auf eine revolutionäre Verheißung, die von der Notwendigkeit entband, eine aktive, auf Beschleunigung des Klassenkampfes abzielende politische Taktik im Sinne von Marx zu entwickeln. Sie verhinderte aber auch die Umbildung zu einer sozialdemokratischen Reformpartei, da jedes Paktieren mit dem »Klassenfeind« mit dem Bannstrahl des »Verrats« belegt werden konnte. In der Sozialdemokratie kam es zu heftigen Richtungskämpfen. Der Revisionismus unter der Leitung von Eduard Bernstein (* 1850, † 1932) erhob den Kampf um die Demokratie zum wichtigsten Hebel der Verwirklichung des Sozialismus, den er nicht als Ergebnis einer sozialen Katastrophe, sondern als langsam sich vollziehenden Prozess der Umgestaltung von Staat und Gesellschaft verstand. Der demonstrative Verzicht auf die radikale Parteitheorie sollte den Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen und den Willen zur Eroberung der Macht im bestehenden Staat bekräftigen. Der Revisionismus wurde auf dem Dresdner Parteitag 1903 überstimmt. Bebel warf Bernstein – wohl zu Recht – vor, den Arbeitern die Begeisterungsfähigkeit und die Zuversicht zu rauben, die in der großen Schicksalsgemeinschaft des »Proletariats« vermittelt wurden. Man fürchtete wohl auch die Auflösung der vielfältig organisierten sozialdemokratischen »Subkultur«, deren lückenloser Ausbau vielen Arbeitern – vor allem den vielen Funktionären – einen Ersatz für die verweigerte Chance einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bot. Im übrigen hatten sich dort, wo die Sozialdemokratie konkreten Einfluss gewann, in den Kommunen und süddeutschen Länderparlamenten sowie in den Selbstverwaltungseinrichtungen der Sozialpolitik längst die zur Reformarbeit bereiten Kräfte durchgesetzt. SozialdemokratenDer Parteivorstand der Sozialdemokraten um 1910. Obere Reihe stehend: Friedrich Ebert, der spätere Reichspräsident (2. v. l.), und Hermann Müller-Franken, später (1919) Außenminister und (1920) Reichskanzler (3. v. l); untere Reihe sitzend: Paul Singer, einer der häufigsten Sprecher der Sozialdemokraten im Reichstag und neben Bebel bedeutendster Führer der Partei (2. v. l), sowie August Bebel, der Mitbegründer und Führer der Sozialdemokraten. Der entscheidende Durchbruch war dennoch nicht gelungen. Anders als in England und Frankreich gewann das deutsche Parlament nur wenig Einfluss auf die tatsächliche Regierungspolitik, sodass es letztlich wenig zählte, dass die SPD 1912 zur stärksten Fraktion im Reichstag wurde. In Preußen galt zudem das Dreiklassenwahlrecht, das den zahlenmäßig schwächsten, aber besitzenden Schichten die Mehrheit im Landtag sicherte. Von einem gerechten Interessenausgleich zwischen den sozialen Gruppen war der preußisch-deutsche Obrigkeitsstaat, der sich einseitig auf die besitzenden Schichten stützte, weit entfernt. Gegen die selbstgenügsame, in der aufgedrängten Außenseiterrolle verharrende Politik der Parteiführung opponierte auch die radikale »Linke«, die von Rosa Luxemburg (* 1871, † 1919) und Karl Liebknecht (* 1871, † 1919) geführt wurde. In ihren Augen war Organisation kein Selbstzweck, sondern Kampfmittel zur Mobilisierung der Massen. Spontane Erhebungen sollten das revolutionäre Bewusstsein wachrufen, den Klassenkampf verschärfen und so den Zeitpunkt der revolutionären Erhebung näherrücken. SozialismusRosa Luxemburg, Vertreterin eines revolutionären, aber zugleich demokratischen Sozialismus, erbitterte Kriegsgegnerin, immer wieder verfolgt und später ermordet, Mitbegründerin der KPD, auf dem Sozialistenkongreß 1907. Die Wende des Jahres 1914
Mit der Entscheidung der Reichstagsfraktion vom 4. August 1914, für die Kriegskredite zu stimmen und sich zur Wahrung des »Burgfriedens« zu verpflichten, gab die SPD ihre bisherige Konfrontationspolitik auf. Über diese »Wende« ist seither viel gerätselt und diskutiert worden. Wahrscheinlich ist, dass die Entscheidung durch den plötzlichen Stimmungswandel in weiten Teilen der Arbeiterschaft beeinflusst wurde, den der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auslöste. Gejubelt wurde in diesen Tagen in allen kriegführenden Nationen, die sich ausnahmslos – ob zu Recht oder nicht – als Angegriffene fühlten. Wenn auch die deutschen Arbeiter in nationale Begeisterung verfielen, ist dies nicht verwunderlich. Ein Anerkennungsbedürfnis spielte hier mit, sicherlich auch die Hoffnung auf politische und soziale Reformen nach dem kurzfristig erwarteten Sieg. Möglicherweise war die Bewilligung der Kriegskredite auch ein Akt der Selbsterhaltung. Die Partei und die Gewerkschaften hätten andernfalls die Zerschlagung und Auflösung riskiert, jedenfalls gab es entsprechende Pläne im Kriegsministerium. Letztlich bleibt es eine hypothetische Frage, was geschehen wäre, wenn die SPD die Kriegspolitik der deutschen Regierung am 4. August 1914 verweigert hätte. Dass sie dies nicht getan hat, war vielleicht ein schwerer Fehler, gewiss aber ein Zeichen, wie stark sich die Arbeiterbewegung mit dem Schicksal des 1871 geschaffenen deutschen Nationalstaats identifizierte, den mitzugestalten und mitzuverantworten ihr bis 1914 verweigert wurde.