Handels- und Wirtschaftspolitik von 1871-1914

Als Adam Smith 1776 sein Buch »An Inquiery into the Nature and Causes of the Wealth of Nations« veröffentlichte, stieß er auf großes Interesse. Überall in Europa hatte man erkannt, dass die engen Bindungen, die Zunft- und Ständeordnung den Menschen auferlegten, überholt waren. Auch die merkantilistische Handelspolitik der Fürsten war für die Wirtschaft mehr zur Last als zur Hilfe geworden, und so wartete man allerseits auf eine neue Idee – Adam Smith lieferte sie: Es war die Idee der »Freien Marktwirtschaft«, des internationalen Freihandels, des freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte. Weltausstellung Wien 1873Aufschwung der Industrie und des internationalen Handels. Weltausstellung Wien 1873. Blick in die Maschinenabteilung des Deutschen Reiches. Wirtschaft ohne Schranken
Smith ging von der Voraussetzung aus, dass der Egoismus der Einzelmenschen sich gegenseitig in Schach halten und durch die von ihm freigesetzten Kräfte zum allgemeinen Nutzen führen werde, und die Wirtschaft deshalb am besten ihren sich selbst regulierenden Kräften überlassen bleiben sollte. Allerdings hat Smith betont, dass sein Modell von Voraussetzungen ausgehe, die in der Realität nicht gegeben sind, wie gleiche Startchancen, vollständiger Wettbewerb ohne Machtkonzentrationen und andere. Diese Einschränkung hat Smiths Zeitgenossen und Nachfolger wenig gekümmert, und von der neuen Idee begeistert, die der liberalen Grundströmung der Zeit entgegenkam, forderten sie allerorten die Befreiung der Wirtschaft von allen Schranken. Die Napoleonischen Kriege mit ihren Einschränkungen hatten das ihre dazu getan, den Menschen die Nachteile einer räumlich begrenzten und staatlich reglementierten Wirtschaft vor Augen zu führen und so verwirklichten alle Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im großen und ganzen jene Freiheit von Wirtschaft und Handel, wie Adam Smith sie gefordert hatte. Freie Marktwirtschaft und politische Liberalisierung gingen Hand in Hand; die Erfolge der Industriellen Revolution schienen die Richtigkeit der neuen Lehre zu bestätigen, und um den Preis des Fortschritts, der im Elend des Industrieproletariats bestand, machte sich kaum jemand Gedanken. Zwar forderten der Wirtschaftspolitiker Friedrich List (* 1789, † 1846) und andere Schutzzölle für die junge deutsche Industrie; doch nicht als Prinzip staatlicher Wirtschaftslenkung, sondern als zeitweiliges Instrument der deutschen Einigung, auch sollte es innerhalb des deutschen Zollgebiets durchaus nach den Regeln der Freien Marktwirtschaft zugehen, und außerdem propagierten die Anhänger der Zollvereinsidee nicht einen Dauerschutz, sondern nur Erziehungszölle, die die deutsche Wirtschaft so lange schützen sollten, bis sie den harten Wettbewerb des internationalen Freihandels bestehen konnte. So folgte die deutsche Politik den Ideen der wirtschaftlichen Selbststeuerung und zog sich immer mehr aus der Wirtschaft zurück. Auch im sozialen Bereich sah der Staat trotz verbreiteter Not keine Aufgabe und hoffte auf eine Selbstheilung des Übels, sodass Ferdinand Lassalle ihn spöttisch als »Nachtwächterstaat« bezeichnen konnte, der sich darauf beschränke, die Räuber im Zaum zu halten und Feuersbrünste zu verhindern. Auch nach der Reichsgründung 1871 galten zunächst die Regeln der Freien Marktwirtschaft. Wirtschaftspolitik ohne klare Konzeption
Die wirtschaftspolitische Zurückhaltung der Regierung kam nicht nur aus der wirtschaftsliberalen Grundüberzeugung der staatstragenden Schichten, sondern sie hatte ihre Wurzeln auch in einem Theoriedefizit. Eine Wirtschaftstheorie, die diesen Namen verdient, gab es erst seit Adam Smith. Für die Politiker verwertbare Erkenntnisse lagen aber auch am Ende des Jahrhunderts noch nicht vor. In der deutschen Nationalökonomie gab bis zum I. Weltkrieg die Historische Schule Gustav Schmollers den Ton an. Sie sah es als ihre Aufgabe an, durch gründliche Erforschung der Wirtschaftsgeschichte erst einmal einen Erfahrungsschatz zu sammeln, der später zu einer brauchbaren Theorie der Wirtschaftspolitik führen sollte – soweit man Wirtschaftspolitik überhaupt als Aufgabe des Staates ansah. Es blieb jedoch im Wesentlichen bei diesem Ansatz, und die Folge war, dass die verantwortlichen Politiker den praktischen Notwendigkeiten noch 1923 und 1929 während der Inflation bzw. der Weltwirtschaftskrise weitgehend hilflos gegenüberstanden. Das Juristenmonopol in der Staatsverwaltung trug das Seine dazu bei. Soweit im Kaiserreich und auch noch in der Weimarer Republik Wirtschaftspolitik getrieben wurde, erfolgte sie infolge des Fehlens einer tragfähigen Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie konzeptionslos, d. h. die einzelnen Maßnahmen, die von den Notwendigkeiten der Tagespolitik diktiert waren, standen nicht im Zusammenhang eines Gesamtplanes und klar definierter Langzeitziele. Sie waren nicht zielbestimmte Aktionen, sondern in erster Linie Reaktionen der Regierung auf oft kurzfristigen Interessentenforderungen. Die Folge waren häufig widersprüchliche Maßnahmen. Der mühsame Weg zu Zentralbehörden für die Wirtschaft
Für uns ist es selbstverständlich, dass das Bundeswirtschaftsministerium eines der größten und sein Minister einer der wichtigsten Männer in der Regierung ist. Im »Zweiten Reich« fehlte eine solche Einrichtung völlig. Zunächst hatte der neue deutsche Staat alle Hände voll zu tun mit der Vereinheitlichung des Reiches. Abbau der Münz- und Maßzersplitterung, Schaffung einer einheitlichen deutschen Zeit (erst 1893 verwirklicht!), Abbau der restlichen innerdeutschen Zollschranken und sonstiger Handelshemmnisse sowie Schaffung gemeinsamer Außenhandelspolitik nahmen viele Kräfte in Anspruch. Diese Aufgaben mussten von einem Staatsapparat bewältigt werden, den wir, an heutigen Verhältnissen gemessen, nur als bescheiden bezeichnen können. Für eine systematische Wirtschaftspolitik fehlten dem Reich zunächst die geeigneten Institutionen. Zentrum der Wirtschaftspolitik war das Zentralbüro des Reichskanzlers (ab 1879 Reichsamt des Inneren). Es war durch die zahlreichen neuen Aufgaben überfordert und bediente sich deshalb der leistungsfähigen preußischen Ämter, z. B. des preußischen Handelsministeriums, als Hilfsorgan. Darin sahen aber jene deutschen Staaten, die 1871 der kleindeutschen Lösung widerwillig zugestimmt hatten, die Gefahr einer erdrückend werdenden Vorherrschaft Preußens, zumal ja dieser Reichsteil von seiner Größe und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit her ohnehin der überragende Partner war und auch zwei Drittel des Reichsheeres stellte. Vor allem im Montanbereich war Preußen durch den Besitz von Ruhr, Saar und Oberschlesien überlegen. Die kleineren Länder verlangten daher die Einrichtung entsprechender Reichsbehörden, doch geschahen die nötigen Schritte so spät und so langsam, dass sie vor dem Zusammenbruch von 1918 nicht mehr wesentlich wirksam wurden. 1872 wurde das Kaiserliche Statistische Amt gegründet, 1875 die Reichsbank und das Amt des Reichspostmeisters geschaffen, erst 1879 entstand das Reichsschatzamt. Bis dahin hatte das Reichskanzleramt die Einnahmen des Reiches sowie das Münzwesen verwaltet. 1880 entstand ein Reichsamt für Handel und Gewerbe, das sich aber fast nur mit Sozialpolitik beschäftigte. 1888 versuchte Bismarck eine Art Zentralministerium für die Wirtschaft einzurichten, scheiterte damit aber am Widerstand der Länder. Sie fürchteten nämlich, Preußen werde in ein solches Reichsamt seine Fachleute und den Apparat des preußischen Handelsministeriums einbringen und dadurch die kleineren Partner majorisieren. Außenwirtschaftsfragen gehörten bis zum I. Weltkrieg zum Bereich des Auswärtigen Amtes, und erst 1917 entstand aus den Notwendigkeiten der Rüstungswirtschaft heraus – und viel zu spät – ein Reichswirtschaftsministerium als zentrale, koordinierende Behörde. Dass das Reich zwischen 1871 und 1913 keine großen neuen Aufgaben übernahm, ersehen wir auch aus dem Anteil der Staatsausgaben am Nettosozialprodukt. Er lag 1871/74 noch kriegsbedingt bei 14,3 Prozent, sank über 10,6 Prozent (1875/79) auf einen Tiefstand von 10,4 Prozent (1880/84) und kletterte dann langsam auf 14,5 Prozent in den Jahren 1910/13. Zentralbehörden entstanden also nur langsam und die preußischen Ministerien beobachtete man im Reich mit Misstrauen. Kein Wunder, dass vor 1914 der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft nicht sehr intensiv sein konnte. Auch dies spricht gegen die gelegentlich zu hörende Behauptung, schon von seiner Gründung an habe das Reich einen imperialistischen Charakter gehabt und zielstrebig auf den Ersten Weltkrieg als eine Möglichkeit zur Erringung der Weltherrschaft hingearbeitet. Erst 1912 wurde eine Kommission gegründet, die sich mit Fragen der Wirtschaft im Falle eines möglichen Krieges befassen sollte. Sie trat aber erst im Mai 1914 zusammen und beschäftigte sich nur theoretisch mit der Nahrungsmittelversorgung. Das Reich ging also wirtschaftlich unvorbereitet in den Krieg. Wirtschaftspolitik nach der Reichsgründung: Außenhandelspolitik
Da nach 1871 zunächst die Regeln der Freien Marktwirtschaft galten, bestand Wirtschaftspolitik fast nur aus der Regelung des Verhältnisses zu anderen Staaten, also aus Handelspolitik. In Preußen waren die Grundbesitzer und die Mehrzahl der Unternehmer wegen ihrer Exportinteressen für den Freihandel; gegen den Freihandel waren Teile der Metallindustrie, weil sie die Konkurrenz der technisch fortschrittlicheren Engländer fürchteten. Für Freihandel waren auch die Wissenschaftler und die Beamten. Da in Preußen eine Mehrheit für den Freihandel eintrat, war man in den meisten süddeutschen Staaten aus antipreußischen Ressentiments gegen ihn. Gegen ihn eingestellt war auch die süddeutsche Baumwollindustrie, die die englische Konkurrenz fürchtete. (Bis in den Anfang des Kaiserreichs blieb die Textilbranche der größte deutsche Industriezweig.) Österreich hatte die Anhänger der Schutzzollidee bis 1866 unterstützt. Als Bismarck Österreich aus der deutschen Politik ausschaltete, konnte sich die freihändlerisch gesinnte preußische Mehrheit durchsetzen. Bismarck hat vor 1871 Fragen der Wirtschaftspolitik vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Reichseinigung gesehen. Als das Ziel erreicht war, schenkte er deshalb der Wirtschaft zunächst keine wesentliche Aufmerksamkeit mehr. Die jungen Reichsbehörden wären durch systematische Wirtschaftspolitik überfordert gewesen. Die Mehrheit der politischen Führungsschicht, allen voran der Chef des Reichskanzleramtes, Rudolf von Delbrück, und die einflussreichen Großgrundbesitzer, vertraten die Freihandelsidee, und der Wirtschaftsaufschwung der »Gründerjahre« beseitigte manche jener ökonomischen Schwierigkeiten, die vor der Reichsgründung zu Schutzzollforderungen geführt hatten. So begann das »Zweite Reich« seine Wirtschafts- und Handelspolitik unter dem Zeichen der Freien Marktwirtschaft und des internationalen Freihandels. Wirtschafts- und Handelspolitik beschränkten sich im Wesentlichen auf Außenzölle, internationale Handelsverträge und Steuerfragen. Strukturwandel auf dem Weg zum Industriestaat
Der »Gründerkrach«

Die Entwicklung der Wirtschaft schien die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zu bestätigen. Deshalb begann das 1871 neugegründete Reich seine Außenhandelspolitik mit einer Senkung der Außenzölle. Zum 1. Januar 1877 sollten die letzten Eisenzölle ganz fortfallen. Dann aber änderte sich die Situation schlagartig: Schon von 1850 bis 1871 hatte Deutschland einen ununterbrochenen Konjunkturaufschwung mit wachsendem Sozialprodukt und steigenden Preisen erlebt. Das jährliche Wirtschaftswachstum betrug im Durchschnitt 4-5 Prozent. Der Sieg von 1871 über Frankreich ließ nun die wirtschaftlichen Erwartungen übertrieben steigen. Das Reich tilgte mit den hohen französischen Reparationszahlungen schlagartig einen Teil seiner Schulden, sodass Kapital billig war. Immer neue Unternehmen schossen wie die Pilze aus dem Boden, und alte wurden stark erweitert. Viele hatten als Basis nur einen übertriebenen Zukunftsoptimismus und ein unsolides Finanzierungsfundament. So konnte die Reaktion nicht ausbleiben, und sie kam im Frühjahr 1873. Anfangs trug sie die Merkmale einer typischen Spekulationskrise, d. h. bei vielen neuen Unternehmen zeigte sich, dass Fachkenntnisse und ausreichendes Eigenkapital fehlten, und sie brachen zusammen. Auch manches alte Unternehmen, das die Entwicklung falsch eingeschätzt hatte, musste schließen. Bald war aber zu erkennen, dass mehr hinter dieser Krise steckte. KlebesaalFrauen in der industriellen Produktion, zunächst im Bereich des Dienstleistungssektors, dann zunehmend auch in der Verbrauchsgüterindustrie: Klebesaal für Pharmaverpackungen von Bayer-Leverkusen mit 220 Arbeiterinnen (1903). Die Wirtschaft war nicht nur gewachsen, sondern sie hatte auch einen drastischen Strukturwandel durchgemacht. Das Handwerk war zugunsten der Industrie zurückgefallen, innerhalb der Industrie hatte der Aufstieg der Großbetriebe begonnen, neue Wirtschaftszweige (z. B. die chemische Industrie) waren entstanden und zum Teil zu schnell gewachsen. Es konnte nicht ausbleiben, dass dieser Wandel Umstellungsschwierigkeiten auslöste, die das weitere Wachstum bremsten. Hinter der Spekulationskrise kam eine Strukturkrise zum Vorschein. Ihre Begleiterscheinungen waren Arbeitslosigkeit und Preisverfall. Zwischen 1873 und 1879 sanken die Großhandelspreise um ein Drittel; so fiel z. B. der Preis für eine Tonne Kohle von 14-15 Mark auf 4,15-5,20 Mark! Der Preisverfall war so nachhaltig, dass die Preise für Industrierohstoffe erst 1908, die Lebensmittelpreise sogar erst 1910 wieder den Stand von 1872 erreichten. Da es noch keine staatlich garantierten Mindestlöhne gab, sondern die Einkommen den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterlagen, sanken die Löhne entsprechend. Die Unternehmer wirkten dem Preisverfall außerdem auf der Kostenseite durch entschiedene Rationalisierung und die Entwicklung kostengünstigerer Produktionsverfahren entgegen, was zu Arbeitslosigkeit führte. Ferner erhöhten sie möglichst die Stückzahlen, um die fixen Kosten besser verteilen zu können. Es setzte ein mörderischer Preiskampf ein, die Produktion sank aber, von Ausnahmen abgesehen, nicht. Das Wirtschaftswachstum ging auf jährlich 2,6 bis 3 Prozent zurück, blieb aber erhalten. Wir haben das typische Bild einer Mengenkonjunktur mit Preisverfall vor uns, die von Arbeitslosigkeit und Unternehmenszusammenbrüchen begleitet war. Im Verlauf dieser Entwicklung wurden alle veralteten oder nicht anpassungsfähigen Unternehmen vernichtet. Deutschland verwandelte sich in einen modernen Industriestaat. Montan- und Agrar-Krise – Forderung von Schutzzöllen
Neben dem Preiskampf suchte die Industrie einen Ausweg in verstärktem Export, notfalls über Dumpingmethoden, d. h. man exportierte zu Preisen, die nicht mehr die vollen Kosten deckten, wenn man dabei nur die produktionsabhängigen Kosten hereinbrachte und die Stückzahlen hochhielt. Der Preisverfall ergriff bald alle Industriestaaten und alle griffen zu denselben Methoden. Die Folge war, dass jene Teile der deutschen Industrie, die besonders in Schwierigkeiten kamen (v. a. Teile des Bergbaus und der Eisenindustrie) nach Schutzzöllen riefen. Allerdings sah ein Teil der Unternehmer ganz klar, dass deutsche Schutzzölle Vergeltungszölle des Auslandes provozieren und damit den eigenen Exportinteressen schaden mussten. Die Anhänger des Schutzzolls setzten sich aber durch und organisierten sich 1876 unter der Leitung von Kardorffs im »Zentralverein deutscher Industrieller«. Auch auf dem Gebiet der Landwirtschaft gab es Schwierigkeiten. Das Wachsen der Bevölkerung verringerte die deutschen Getreideexporte von Jahr zu Jahr, dazu tauchten neue Konkurrenten auf dem eigenen Markt auf, und vom Anfang der siebziger Jahre an begann in Deutschland der Getreidepreis zu sinken. 1876 gab es bei Weizen erstmals keinen Exportüberschuss mehr. Damit war das Interesse der Landwirtschaft am Freihandel stark gesunken. Es verkehrte sich in lautstarke Forderung nach Schutzzöllen, als der Preisverfall 1879 auch die Getreidemärkte ergriff. Berlin 1879Beginn einer neuen, technisierten Welt des Verkehrs. Vorführung der von Siemens & Halske entwickelten elektrischen Bahn auf der Gewerbeausstellung in Berlin 1879. Die Eisenbahnen hatten in den vorhergehenden Jahren die Weiten Nordamerikas erschlossen. Sie senkten aber auch die Transportkosten (in den USA 1894 für Getreide nur noch 20 Prozent der Kosten von 1873!). Dazu sanken die Kosten des Seetransportes. Die in den USA sehr bald einsetzende Mechanisierung der Landwirtschaft drückte auch die Produktionskosten, und so überschwemmten die USA, in kleinerem Maße auch Kanada, den europäischen Markt mit billigem Getreide zu Preisen, denen die deutschen Landwirte nicht gewachsen waren. Durch den neuen Suezkanal kam dazu auch noch der erste Weizen aus Indien und Australien auf den Markt, und auch Russland trat als Konkurrent auf, nachdem seine Eisenbahnen die Anbaugebiete der Ukraine mit den Häfen am Schwarzen Meer verbunden hatten. Entscheidend für Deutschland aber waren die USA, und von dort her wuchs der Preisdruck von Jahr zu Jahr. Ebenso wie die Industrie, beantwortete auch die Landwirtschaft den Preisverfall mit massiven Schutzzollforderungen. Fast zeitgleich mit der Industrie organisierten sich die Bauern und Grundbesitzer 1876 in der »Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer«, um ihre Forderungen gegenüber den Politikern durchzusetzen. Die Wende von 1876
Bismarcks Schutzzollpolitik beendet die Freihandelsphase

Bismarck beobachtete die Entwicklung aufmerksam, denn die innenpolitische Lage war durch den Kulturkampf und das schärfer werdende Vorgehen gegen die Sozialisten ohnehin schon gespannt. Jetzt kam die Wirtschaftskrise hinzu. Wir wissen, dass Bismarck weder Anhänger des Freihandels noch der Schutzzollidee war. Für ihn zählte die politische Zweckmäßigkeit einer Maßnahme. Sein Ziel war, keine neuen innenpolitischen Fronten aufzubauen, sondern eine Wirtschaftspolitik zu treiben, die ihm für seine sonstigen Ziele möglichst viel Unterstützung sicherte und zugleich die soziale Lage entspannte. In diesem Fall schien es Bismarck zweckmäßig zu sein, den Schutzzollforderungen nachzugeben. Seine eigenen Interessen als Gutsbesitzer und Kapitaleigner mögen ihm den Entschluss erleichtert haben, und so wurden zum 1. Januar 1880 die ersten Schutzzölle für Industrie und Landwirtschaft eingeführt. Neben der Rücksicht auf diese beiden Wirtschaftszweige spielte sicher auch noch eine andere Überlegung eine Rolle. Die Finanzquellen des Reiches waren Einnahmen aus eigenen Wirtschaftsunternehmen, Beiträge der Reichsländer und Zölle. Da die erstgenannten Einnahmen in der Krise stark sanken, die zweiten das Reich aber von den Ländern abhängig machten, mag Bismarck in der Schutzzollpolitik eine Gelegenheit gesehen haben, das Reich von den Ländern unabhängiger zu machen. Er wollte auch, wie er 1876 sagte, »die gesamte nationale Produktion heben«, nicht nur, um den Lebensstandard zu steigern und damit den Sozialisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern auch, um durch mehr Arbeitsplätze die militärisch unerwünschte Auswanderung zu bremsen. Als Ergebnis dieser Überlegungen hatte sich Bismarck seit 1874/75 dem Gedanken des Schutzzolls zugewandt. Handelspolitik wurde also als Mittel der Konjunktur- und der Sozialpolitik eingesetzt. Wegen dieser Wendung musste der Präsident des Reichskanzleramtes, Rudolf von Delbrück (* 1817, † 1903), der sich den Plänen Bismarcks widersetzte, bereits 1876 gehen. Mit ihm wurde eine ganze Reihe weiterer hoher Beamter entlassen bzw. versetzt. Damit verloren die im Deutschen Handelstag organisierten Anhänger des Freihandels ihre wichtigste politische Stütze. Die Ära des Freihandels war zu Ende. Es ist sicher zu scharf formuliert, wenn der Historiker Wilhelm Treue schreibt: »Die Weltwirtschaft löste sich in eine Vielzahl nationaler Volkswirtschaften auf«, denn im großen und ganzen hielten sich die neuen Zölle in mäßigen Grenzen und der Außenhandel entwickelte sich trotz der Zölle kräftig weiter. Mochte bei den Zeitgenossen die Wendung Bismarcks zum Schutzzoll auch den Eindruck eines dramatischen Wandels erwecken, so erscheint von unserer Position aus zurückblickend die Periode zwischen 1876 und 1914 geradezu als ein Paradies des Welthandels. Es ist aber nicht zu leugnen, dass die Wendung Bismarcks einen grundlegenden Wandel in der Qualität der Politik einleitete, der bis in unsere Tage nachwirkt. Die Zeit nach Bismarck
Wirtschafts- und Handelspolitik im Zeichen der Interessenverbände

Nachdem Bismarck 1879 die ersten Schutzzölle durchgesetzt hatte, folgte der Erholung nach dem Gründerkrach im Jahre 1882 eine weitere Wirtschaftskrise, allerdings von kürzerer Dauer und geringerer Intensität. Hierbei zeigte sich, dass die neuen Zölle durchaus nicht in der Lage waren, die deutsche Wirtschaft vor scharfer Auslandskonkurrenz abzuschirmen. Innenpolitisch hatte sich der Schutzzoll allerdings gelohnt, denn er brachte Bismarck bei den Reichstagswahlen 1887 eine bequeme Mehrheit ein. Der Schutzzoll versagte in der Krise von 1882, weil die Zollmauern zu niedrig waren, um ernsthafte Konkurrenz von den deutschen Märkten fernhalten zu können. Das mag die Hauptursache dafür gewesen sein, dass Bismarcks Nachfolger, Leo Graf von Caprivi (Kanzler 1890-1894), versuchte, die Zölle wieder zu senken, zumal wichtige Handelspartner die deutschen mit eigenen Zöllen beantwortet hatten (Österreich 1877, Italien 1878, Frankreich 1881) und so schließlich kein Land auf Kosten eines anderen einen Vorteil für sich verbuchen konnte. Caprivi schloss mit Belgien, Italien, Österreich und Russland Handelsverträge ab, die die gegenseitigen Zölle abbauten. In der Amtszeit des Kanzlers Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Kanzler 1894-1900) kam diese Entwicklung wieder ins Stocken, denn die Befürworter der Schutzzollpolitik erhöhten ihren Einfluss immer mehr. In den Krisen von 1873 und 1882 hatten die Großbanken beträchtliche Anteile am Vermögen der Industrie erworben und nutzten ihren Einfluss dazu, die Unternehmen zu einer einheitlichen Lobby zusammenzuschließen. Daneben lief ein intensiver Konzentrationsprozess zu immer größeren Konzernen, die unter der Kontrolle einer relativ kleinen Zahl von Familien standen. Wir sehen weiterhin einen starken Kartellierungsvorgang, d. h. der Wettbewerb wurde durch vertragliche Abmachungen ausgeschlossen oder eingeschränkt. Der ganze Prozess lief also darauf hinaus, die Industrie zu einer gemeinsam handelnden und politisch ihre Interessen aktiv vertretenden Lobby zusammenzufassen, die mit den Verbänden der Landwirtschaft Hand in Hand arbeitete. Die Führer dieser Machtkonzentrationen hatten zudem familiäre und gesellschaftliche Verbindungen zur politischen Führungsschicht (erinnert sei nur an das Verhältnis Krupps zu Wilhelm II.), und schließlich wandelten sich die Parteien von Honoratiorenparteien zu Massenparteien. Politik wurde nun nicht mehr von wirtschaftlich unabhängigen und politisch recht selbstständigen Einzelgängern gemacht, die ihre Kosten selber trugen, sondern es tauchte der neue Typ des bezahlten Berufspolitikers auf, der von seiner Partei abhängig war. Hinter dieser Partei standen im bürgerlichen Lager oft genug die Verbandsfunktionäre der Wirtschaft oder die industriellen Geldgeber, die den Lauf der Dinge in ihrem Sinne zu steuern trachteten. Fa. KruppAufstieg zur industriellen Weltmacht. Durch Einsatz modernster Techniken gelang es der Fa. Krupp, in kürzester Zeit zu einem Weltunternehmen der Stahlindustrie aufzusteigen. Rüstungsaufträge forcieren den Aufstieg.
Links: Die 1811 gegründete Gußstahlfabrik von Friedrich Krupp in Essen.
Rechts: Alfred Krupp, der die Firma zur Weltgeltung führte.
Es ist sicher falsch, die Politik jener Zeit als »Selbstbedienungsladen der Wirtschaft« zu bezeichnen, wie dies gelegentlich geschieht. Es ist aber ebenso unverkennbar, dass der Einfluss der Wirtschaft und ihrer Verbände auf die Politik wuchs. Bemerkenswert ist, dass der Staat auf das Entstehen dieser privaten Machtkonzentrationen kaum reagierte, sodass wir bald auf der einen Seite schlagkräftige Interessenvertretungen, auf der anderen Seite aber einen zurückgebliebenen Staatsapparat nach dem Muster des ablaufenden Jahrhunderts haben, der sich bei den immer komplexer werdenden politischen Entscheidungen auch immer öfter des Sachverstandes und der Hilfsmittel der Verbände bedienen musste. Hohenlohe-Schillingsfürst hat die Zölle unter diesem Interessen-Druck gehalten oder nur mäßig erhöht. Von Bülow (Kanzler 1900-1909) und von Bethmann Hollweg (Kanzler 1909-1917) gaben dem Einfluss der Interessen, v. a. bei Landwirtschaftserzeugnissen, immer mehr nach. Trotzdem kann man nicht sagen, dass die Zollpolitik die Entfaltung der Binnenwirtschaft sonderlich gefördert oder die des Außenhandels gehemmt hätte. Dazu waren die Zollsätze nicht hoch genug. Am ehesten wirkten sie noch in der Landwirtschaft, wo der Kostenunterschied zwischen den USA und Deutschland sehr stark und die Zölle am höchsten waren. Hier wurde den deutschen Bauern das Überleben ermöglicht. Der Preis bestand aber im Verzicht auf ein mögliches Sinken der Lebenshaltungskosten durch Billigimporte. Das deutsche Sozialprodukt stieg hinter den Zollmauern zwischen 1896 und 1914 um 4 bis 5 Prozent pro Jahr. Das war aber nicht mehr als in anderen Staaten mit niedrigeren Zöllen. Dafür stieg der deutsche Außenhandel trotz der Zölle fast doppelt so schnell wie die Industrieproduktion und schneller als in anderen Staaten. Das Reich überflügelte im Außenhandel 1880 Frankreich, kurz vor 1914 auch die USA und lag damit hinter Großbritannien auf dem zweiten Platz. Ursache für den Exporterfolg war die technologische Überlegenheit der deutschen Industrie in jener Zeit. Entscheidend war an der Wirtschaftspolitik des »Zweiten Reiches« nicht, wieviel der Staat durch seine Politik in der Wirtschaft änderte, sondern dass er überhaupt aktiv wurde und damit das Milieu schuf, das dann in der Weimarer Republik mit ihrem ständigen und intensiven Hineinregieren in die Wirtschaft zum Tragen kam. Die politischen Folgen des Wandels von 1876
Linke wie rechte Geschichtsschreibung haben es vereint so dargestellt, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, als habe die Wende von 1876/79 den Weg in den I. Weltkrieg eingeläutet, als seien die folgenden Jahre eine mit handelspolitischen Mitteln geführte Vorstufe des Krieges gewesen. Das waren sie mit Sicherheit nicht. Wir können davon ausgehen, dass es nicht die Nichterneuerung (1890) des von Bismarck 1887 auf drei Jahre geschlossenen »Rückversicherungsvertrages« war, die Russland näher an Frankreich rückte. Zwar hatte Bismarck, als er die aus Russland nach Deutschland kommenden Getreideexporte mit Zöllen belegte, das Reich des Zaren an einem zentralen Punkt getroffen: denn Russland brauchte, wenn es seinen Entwicklungsrückstand aufholen wollte, Investitionsgüterimporte, die fast nur mit Getreideexporten bezahlt werden konnten. Ein anderer Weg waren Anleihen, und auch hier hatte schon Bismarck einmal den deutschen Kapitalmarkt für russische Anleihen gesperrt, um Druck auf den Zaren auszuüben. Diese Maßnahmen hatten in der Tat zu einer tiefen Entfremdung zwischen Deutschland und Russland geführt, und wenn Caprivi den »Rückversicherungsvertrag« nicht erneuerte, so war das vielleicht eine formale Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Kurswechsel. So sehr aber die deutsche Wirtschaftspolitik hier in diesem einzelnen Fall wirklich politische Daten veränderte, so wenig ist dies allgemein der Fall gewesen. Weder die deutsche, noch die französische oder englische Politik waren vom Gesichtspunkt des Handelsneides oder Handelskrieges bestimmt. Es war genug Platz für alle da, und alle internationalen Wirtschaftsfragen konnten vor 1914 auf der Basis von Abkommen geregelt werden. Auch das schlechte Abschneiden Deutschlands in der Marokkofrage (militärisches Eingreifen Deutschlands in Marokko 1905 und 1911 im Gegensatz zu Frankreichs Kolonialpolitik) hatte seine Ursache nicht in wirtschaftlichen, sondern in politischen Bedingungen. Wir dürfen nicht nach scharfmacherischen Reden nationalistischer Minderheiten, auch nicht nach den im Krieg formulierten wirtschaftlichen Kriegszielen urteilen. Diese passten zwar in die chauvinistisch-expansive Konzeption so mancher Imperialisten, waren aber nicht die Ursache des Krieges, sondern -wenigstens teilweise – Folge der Blockadeerfahrungen im Krieg. Die später vom Nationalsozialismus aufgenommene Lebensraumlehre (Deutschland brauche Lebensraum vor allem im Osten) war vor 1914 keine allgemein herrschende Ansicht. Die deutsche Außenwirtschaft hat sich im »Zweiten Reich« etwa verdreifacht, anderswo sah es ähnlich aus, und fast allen Politikern war es klar, dass der nationale Vorteil auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein Wirtschaftskrieg fand vor 1914 nicht statt. Zusammenfassend kann man feststellen: Als das »Zweite Reich« gegründet wurde, war man allgemein der Ansicht, dass die Wirtschaft sich selbst regeln könne. Es gab daher auch bis 1914 keine nennenswerte Wirtschaftsbürokratie. Ebenso fehlten theoretische Kenntnisse über staatliche Wirtschaftspolitik bis 1914 weitgehend. Im Zentrum der Überlegungen stand seit dem Gründerkrach die Sozialpolitik. Als Bismarck zu Schutzzöllen überging, war dies keine Grundsatzentscheidung dahingehend, dass der Staat nun die Steuerung der Wirtschaft übernehmen solle, sondern es war ein Mittel, das als zweckmäßig zur Besserung der sozialen Lage erachtet wurde. Konjunkturpolitik gab es ebensowenig wie Währungspolitik, also versuchte man es mit Handelspolitik, weil man sich von ihr Schutz der Arbeitsplätze erhoffte. Die Industrie- und Agrarlobby hat zwar ihre Schutzzollforderungen immer weiter verstärkt, auch als die Arbeitslosigkeit längst beseitigt war, die Integration Deutschlands in die Weltwirtschaft war aber 1914 trotzdem in vollem Gange.