Die Entstehung und das Ende des deutschen Kolonialreiches

Am frühen Kolonialismus war Deutschland nicht beteiligt. Zwar hatte das Handelshaus der Welser im 16. Jahrhundert versucht, in Venezuela ein Handelsimperium aufzubauen, auch hatte der Große Kurfürst 1683 mit seiner Handelsniederlassung Groß-Friedrichsburg an der Goldküste, im heutigen Ghana (1717 aufgegeben), einen Kolonial-Stützpunkt begründet, doch waren das nur Episoden gewesen. Preußen schaute nach Osteuropa, und die anderen deutschen Staaten waren durch Reformationswirren und Dreißigjährigen Krieg geschwächt und nicht in der Lage oder nicht daran interessiert, den Blick in die Ferne zu richten. So hatten sich zwar Deutsche an fast allen großen Entdeckungsreisen und auch an Kolonialunternehmen anderer Staaten beteiligt, die deutschen Länder aber waren nicht vertreten. Im 18. Jahrhundert nahmen der Gegensatz zwischen Preußen und Österreich sowie die Binnenkolonisation alle Kräfte in Anspruch, und in den ersten drei Vierteln des 19. Jahrhunderts stand der deutsche Einigungsprozess im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Bevölkerungswachstum und soziale Umschichtungen im Rahmen der Industriellen Revolution verursachten zwar eine massive Auswanderung, es kam aber nicht zur Bildung deutscher Überseeterritorien aus Siedlungskolonien. Mit dem Ausgreifen Frankreichs nach Nordafrika ab 1830 und der Aufteilung Hinterindiens und Indochinas zwischen England und Frankreich ab 1860 begann die letzte Phase der Kolonialexpansion. Aber auch in dieser Zeit haben sich bei uns, von Ausnahmen abgesehen, keine Stimmen gerührt, die eine Beteiligung an der Aufteilung der Welt verlangt hätten. Jene, die an überseeischen Fragen Interesse hatten, forderten gemäß den Idealen der Freien Marktwirtschaft weltweiten Freihandel ohne Behinderung durch Zölle oder andere Einschränkungen, nicht aber Kolonien. In den siebziger Jahren änderte sich die Situation. Plötzlich wurden zahlreiche und lautstarke Parolen hörbar, wie »Deutschland ist bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen«, »Auch wir haben Anspruch auf einen Platz an der Sonne« oder »Wir sind ein Volk ohne Raum«. Woher kam diese überraschende Änderung? Kolonien – Befriedigung nationaler und wirtschaftlicher Bedürfnisse?
Wir können mehrere Faktoren erkennen, die am Wandel beteiligt waren: Die Integration Deutschlands in die Weltwirtschaft kam seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stärker in Gang. Es entstanden erste regelmäßige Schiffsverbindungen nach Übersee, und der wachsende Außenhandel erweiterte das Weltbild vieler Menschen. Die schon seit 1815 immer stärker zunehmende Auswanderung weckte in breiten Bevölkerungsschichten das Interesse für fremde Länder, vor allem in Übersee. Damit hatte sich die geistige Basis gewandelt, ohne dass es noch zu Konsequenzen gekommen wäre, denn alle politischen Energien waren auf Liberalisierung und Reichseinheit gerichtet. Nach der Reichsgründung von 1871 wurden diese Kräfte frei. Das Ziel der Einigung war erreicht, und es war im Rahmen eines großen militärischen Erfolges erreicht worden. Deutschland fühlte sich als Großmacht. Die nationale Begeisterung suchte nun ein neues Betätigungsfeld, und dieses hieß Vergrößerung des äußeren Einflusses und nationales Prestige. Trotzdem fehlte noch die Idee, Deutschland solle durch Kolonien zum Weltreich werden. Politische Größe suchte man in Europa. Kolonien galten, vor allem für Bismarck, als ein Engagement, das nur zu Verwicklungen führen konnte. Es mussten also noch weitere Faktoren hinzukommen, um das Interesse für Kolonien zu wecken. Hier können wir vor allem zwei Ursachen feststellen, nämlich die ökonomischen, sozialen und innenpolitischen Folgen der Wirtschaftskrisen von 1873 und 1882, und die Wirkung der Presse auf die öffentliche Meinung. Mit den Wirtschaftskrisen begannen tiefgreifende und lange andauernde wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Sie gingen parallel mit dem Aufstieg der Sozialdemokratie. Viele der Verantwortlichen im bürgerlichen Lager befürchteten den baldigen Ausbruch einer sozialen Revolution. Allgemein war man der Meinung, diesen Nöten könne nur dadurch gegengesteuert werden, dass der Industrie für ihre Überproduktion neue Absatzmärkte geöffnet würden, um die Lage der Unternehmer, aber auch die sozialen Spannungen zu entschärfen. Es ist bemerkenswert, dass gegen den immer lauter werdenden Chor der Forderungen kaum eine Stimme zu vernehmen war, die diese Vorstellungen auf ihre ökonomische Tragfähigkeit geprüft hätte. Niemand stellte die Frage, ob man denn die zu exportierende Überproduktion verschenken, oder was man als Gegenleistung eigentlich importieren solle. Es wurde auch nicht gefragt, ob durch die zwangsläufigen Importe nicht wieder andere deutsche Wirtschaftszweige in Schwierigkeiten kommen könnten, und vor allem wurde nicht geprüft, wie das Verlangen nach größeren Exporten denn mit der gleichzeitigen Forderung nach Dämpfung der Importe durch Zölle zum Schutz der deutschen Industrie und ihrer Arbeitnehmer zusammenpassen sollte. Man argumentierte rein eindimensional: Mehr exportieren, und unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme sind gelöst. Der »Deutsche Kolonialverein«
Forum vor allem von Banken und Industriellen

Zuerst waren es isolierte Stimmen, im Laufe der Zeit entstanden jedoch die ersten Organisationen, und in ihnen tauchte dann auch der Gesichtspunkt auf, Deutschland solle nicht nur durch wachsenden Export, sondern durch Sicherung von Absatzmärkten in eigenen Kolonien geholfen werden. Seit dem Ende der siebziger Jahre finden wir überall lokale Vereine, die für die Schaffung von Kolonien warben. 1882 entstand aus ihnen der »Deutsche Kolonialverein« (1882: 200 Mitglieder, 1884: 9000). Vor allem die Berliner Großbanken und viele Industrielle, wie Siemens, Krupp, Haniel, Kirdorf, Hoesch u. a. waren Mitglieder. Viele Wirtschaftsverbände, Handelskammern und Kommunen gehörten dem Kolonialverein korporativ an, und auch unter Wissenschaftlern fand er Unterstützung u.a. bei Schliemann, Treitschke, Ranke, Schmoller. Entscheidend war nicht die Mitgliederzahl dieses Vereins, sondern der Einfluss seiner Mitglieder auf Staat und öffentliche Meinung, und der war schon bald sehr groß. Vor allem auch auf die Presse Einfluss zu nehmen, gelang den Anhängern des Zollvereins: sie stellte sich fast einhellig hinter die Kolonialforderungen, beeinflussten die öffentliche Meinung in ihrem Sinne und schufen so ein Klima, dessen Druck sich die Verantwortlichen im Staat nur schwer entziehen konnten. Vielleicht lag darin eine wichtige Ursache für das Umschwenken Bismarcks in der Kolonialfrage 1884. Auch die politischen Parteien, zunehmend auf Presse und Volksmeinung hörend oder sie bewusst beeinflussend, forderten, wenn auch mit verschiedener Intensität, Kolonien, um Absatzmärkte zu gewinnen, Auswanderer in nationalem Rahmen aufzufangen und Deutschland Ansehen als Großmacht zu geben. Zwar war Wilhelm Liebknecht gegen Kolonien, aber die Mehrheit der SPD schloss sich dem Modetrend an. Die Entstehung des deutschen Kolonialreiches
Deutsche Kaufleute waren seit der ersten Hälfte des Jahrhunderts in Schwarzafrika und der Südsee aktiv. Deutsche Geografen waren wesentlich an der Erforschung Afrikas beteiligt und brachten den Kontinent besonders ins deutsche Bewusstsein. Seit der Mitte des Jahrhunderts verdichtete sich das deutsche Handelsnetz, die interessierten Firmen wie der Kolonialverein verlangten immer lauter die Interessengebiete unserer Wirtschaft unter den Schutz des Reiches zu stellen. Bismarck hatte dies immer abgelehnt und betont, die Aufgabe des Reiches liege in Europa und ein Kolonialengagement führe nur zu unbeherrschbaren internationalen Verwicklungen. 1884 änderte er aus ungeklärten Motiven seine Meinung und befürwortete von da an Kolonien. Doch wollte er die deutschen Besitzungen nicht in Form von Staatsverwaltungsgebieten führen, sondern sie sollten von privaten Kolonialgesellschaften verwaltet werden, die durch Freibriefe des Reichs mit hoheitlichen Rechten ausgestattet waren. Er glaubte, auf diese Weise internationale Verwicklungen umgehen zu können. 1884 schloss der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz (* 1834, † 1886) in Südwest-Afrika Verträge mit Einheimischen ab und erhielt einen »Schutzbrief« des Reiches für sein Gebiet, das er 1885 durch Verträge mit den Herero etwa auf seine endgültige Ausdehnung vergrößerte, Grundlage der Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« (Namibia). Ebenfalls 1884 unterstellte der Militärarzt und Afrikaforscher Gustav Nachtigal (* 1834, † 1885) als nach Afrika entsandter Reichskommissar Kamerun und Togo deutschem Schutz. Seit 1843 war der Sultan von Sansibar, der weite Teile der Ostküste Afrikas kontrollierte, politisch vom britischen Konsul abhängig geworden und förderte als Gegengewicht deutsche Kaufleute (Handelsvertrag mit den drei Hansestädten 1859). Aufstände der Festlandsstämme gegen die Sklavenjagden des Sultans nützten die Kolonialpolitiker und Afrikaforscher Carl Peters und Graf Pfeil zum Abschluss von »Schutzverträgen« mit den Eingeborenen, für deren Geltungsbereich sie 1885 einen kaiserlichen »Schutzbrief« bekamen – Grundlage der Kolonie »Deutsch-Ostafrika« (Tanganjika). Auch Sansibar wurde unter deutsche Herrschaft gezwungen, ging jedoch im Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 an Großbritannien, von dem das Reich Helgoland erhielt. Carl Peters in AfrikaCarl Peters (* 1856, † 1918): Der bekannte Afrikaforscher und Kolonialpolitiker, half wesentlich, für das Deutsche Kaiserreich Kolonien zu erwerben, so »Deutsch-Ostafrika« (Tanganjika). Er zählte zu den fanatischen Befürwortern einer intensiven deutschen Kolonialpolitik, wobei ihn nationalistisch-imperialistische Vorstellungen leiteten. Hier eine Begründung deutscher Kolonialpolitik aus seinem Mund: »Die deutsche Kolonialbewegung ist eine natürliche Fortsetzung der deutschen Einheitsbestrebungen. Es war nur natürlich, dass das deutsche Volk, nachdem es seine europäische Machtstellung auf den Schlachtfeldern von Königgrätz und Sedan emporgerichtet hatte, sofort das Bedürfnis empfand, nunmehr auch der elenden und zum Teil geradezu verächtlichen Stellung unserer Nation jenseits der Weltmeere ein Ende zu machen, und zu gleicher Zeit teilzunehmen an den Vorteilen materieller Art, welche eine Herrschaftsentfaltung im großen Stil noch zu allen Zeiten geboten hat.« 1885 bekam auch die »Neuguinea-Kompanie« einen »Schutzbrief« für das Kaiser-Wilhelm-Land (Nordostteil der Insel). Bald stellte sich heraus, dass Bismarcks Vorstellung von der Art, Kolonien zu verwalten, nicht praktikabel war. Äußerer Druck der anderen Kolonialmächte und Schwierigkeiten in den Schutzgebieten zwangen das Reich, ab 1898 die direkte Verwaltung der Kolonien zu übernehmen. Zuständige Behörde für Überseefragen wurde ab 1894 die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, ab 1907 das Reichskolonialamt. Vom Kaiser ernannte Gouverneure verwalteten die »Schutzgebiete«. »Deutsch-Südwest« erhielt 1907 Selbstverwaltung. Direkte Verwaltung durch das Reich wurde nötig, weil Probleme entstanden, die von privaten Gesellschaften nicht zu lösen waren: In »Deutsch-Südwest« 1904 der Aufstand der Herero, anschließend bis 1907 Aufstand der Hottentotten; Erweiterung Kameruns auf Kosten Frankreichs im Marokko-Kongo-Abkommen 1911, Aufteilung der Salomon-Inseln zwischen Großbritannien und Deutschland in Verträgen von 1895 und 1899, Erwerb der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln (ohne Guam) von Spanien 1899, Teilung der Samoa-Inseln zwischen den USA und dem Reich 1899. Deutsche SchutztruppeIn Ketten gelegte HereroHerero-Aufstand: Schon im 19. Jahrhundert (1896) war es zu einem ersten Aufstand der Hereros gegen die deutschen Kolonialherren in »Deutsch-Südwestafrika« gekommen, der von Gouverneur Leutwein unterdrückt wurde. 1904 kam es zum zweiten großen Aufstand von rund 8000 Kriegern dieses Stammes, der von der Schutztruppe Generals von Trotha blutig niedergeschlagen wurde. Durch weitere Verfolgungen – u. a. durch Abdrängung der überlebenden Frauen und Kinder in die Wüste, wo die Mehrzahl von ihnen verhungerte und verdurstete – wurde der Stamm zu etwa 80 Prozent ausgerottet (über 80000 Tote). In ähnlicher Weise wurde 1905 der Hottentottenaufstand (Nama-Aufstand) durch Abdrängen des Stammes in Wüstenregionen und nach schweren Kämpfen niedergeworfen. Auch die deutsche Kolonisation in China war nur auf staatlicher Basis möglich. Wiederum ging der Handel voran und die Politik folgte. Nach der Ermordung deutscher Missionare erfolgte 1897 eine militärische Intervention, als deren Folge das Reich im Vertrag von 1898 Kiautschou für 99 Jahre pachtete und Bergbau- und Eisenbahnkonzessionen auf der Halbinsel Schantung erwarb. Anziehend waren die dortigen Steinkohlenvorkommen als Energiebasis für deutsche Kriegsschiffe, die die Interessen des Reichs in der Südsee abdecken sollten. Strategisch war dieser dem Reichsmarineamt unterstehende Stützpunkt jedoch wenig sinnvoll. Bedeutete die Schaffung dieses Kolonialimperiums den Griff Deutschlands nach der Weltmacht? Diese Behauptung finden wir immer wieder, doch spricht trotz vieler imperialistischer Reden und Artikel dieser Zeit eine Reihe von Argumenten gegen sie: Die Reichsführung hat die Kolonien als Absatzmarkt gesehen, aber als Rohstoffgebiete, die für eine Großmacht lebenswichtig gewesen wären, hat man sie weder gewollt, noch ausgebaut, noch überhaupt nur gesehen. Rohstoffimperialismus wurde erst als Folge aus den Erfahrungen des I. Weltkriegs aktuell. Auch strategisch waren die Kolonien für uns wertlos, da sie weder lebenswichtige eigene Gebiete absicherten, noch die eines eventuellen Gegners bedrohen konnten. Entsprechend waren sie 1914 nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch völlig unterentwickelt. Unser Überseebesitz war ein Teppich zufällig zusammengewürfelter Flecken, erworben im Wesentlichen von unternehmungslustigen Kaufleuten und vom Reich unter dem Druck einer Wirtschaftslobby und der öffentlichen Meinung widerwillig in Besitz genommen. Die törichten Reden Wilhelms II. anlässlich des »Panthersprungs« nach Agadir in Marokko (1911) oder der deutschen Teilnahme an der Niederwerfung des »Boxeraufstandes« 1901 in China dürfen nicht darüber hinwegtäuschen. BoxeraufstandBoxeraufstand: Aufstand eines fremden- und christenfeindlichen chinesischen Geheimbundes 1900 gegen die europäischen Invasoren (England, Frankreich, Russland, Deutschland) und europäischen Einflüsse in China. Belagerung des Pekinger Gesandtschaftsviertels und die Ermordung des deutschen Gesandten von Ketteier waren die Auslöser des Aufstandes, der von den europäischen Expeditionskorps, speziell durch das deutsche, brutal niedergeschlagen wurde und mit weiteren demütigenden Folgen für das chinesische Reich endete. Zurückhaltende Investitionen Nutzen und Lasten der Kolonien
Das Verhalten der deutschen Großindustrie und der Banken nach 1884 steht in einem seltsamen Missverhältnis zu ihrem Anteil an der Agitation für die Gründung dieser Kolonien. Beide Gruppen scheuten in einem bemerkenswerten Ausmaß das Engagement in den neuen Besitzungen, wo wegen des Fehlens jeder Infrastruktur und auch von Ansätzen moderner Wirtschaft hohe und langfristig gebundene Investitionen nur späten und geringen Gewinn bei beträchtlichem Risiko versprachen. Wenn deutsche Banken und Unternehmen in Übersee investieren wollten, dann bevorzugt in jenen Teilen der Welt, in denen englische Kolonialisierung oder wirtschaftliche Durchdringung durch die USA schon bessere Voraussetzungen geschaffen hatten. Auch die türkischen Gebiete des Nahen Ostens, der Balkan und Österreich-Ungarn waren interessanter als die eigenen Erwerbungen. Carl Peters versuchte vergeblich, wenigstens kleinere und mittlere Investoren für die deutschen Kolonien zu interessieren, doch hatte sein Versuch eines »Volkskolonialismus« keinen Erfolg. Für viele Befürworter einer deutschen Kolonialexpansion war es ein Ziel gewesen, die zahlreichen Auswanderer nicht zum »Völkerdünger« für andere Staaten werden zu lassen, sondern den Menschenstrom in deutsche Kolonien zu leiten. Auch diese Hoffnung wurde enttäuscht. Gewerbe, die Arbeitskräfte aufnehmen konnten, waren nicht vorhanden und entstanden mangels ausreichender Investitionen auch nicht. Für bäuerliche Siedlung waren die Kolonien aus Klimagründen vielfach wenig geeignet. 1903, also immerhin 20 Jahre nach dem Beginn der Kolonialpolitik, lebten erst 5000 Deutsche in den überseeischen Besitzungen. 1913 waren es 23000, etwa die Hälfte davon in »Deutsch-Südwestafrika«, dessen Städte heute noch das Gepräge der Kolonialzeit tragen. Wenn man von diesen 23000 etwa 3000 Soldaten und Polizisten abzieht, dazu Verwaltungsbeamte, Missionare und Kaufleute, dann sieht man, dass eine deutsche Siedlung so gut wie nicht stattfand; und das auf dem Hintergrund einer deutschen Auswanderung von etwa 1 Million Menschen alleine zwischen 1887 und 1906! Auch der erhoffte Segen für den Handel blieb aus, obwohl ja der Drang nach Absatzgebieten das Hauptmotiv der Kolonialbefürworter gewesen war. UnterrichtUnterricht in einer Schule »Deutsch-Ostafrikas« 1908. Der Wirtschaftsaustausch des Deutschen Reichs mit seinen Kolonien hat nur 0,5 Prozent des deutschen Überseehandels ausgemacht! Das ist kein Wunder, denn unsere Überseeterritorien waren zwar 5,6 mal so groß wie das Reichsgebiet, doch die Einwohnerzahl machte nur 15 Prozent der Reichsbevölkerung aus. Was hätte mit einer so kleinen Zahl von Menschen, die noch dazu, mit Ausnahme der Südseeinseln, fast reine Selbstversorgungswirtschaft trieben, auch an Handel zustande kommen sollen? Während die Kolonien für die Wirtschaft also kein nennenswertes Geschäft waren, blieben sie für die Reichsregierung Zuschussunternehmen. Nur Togo und die Samoa-Inseln konnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ausgeglichene Haushaltsrechnungen vorlegen. Späte Unternehmen der deutschen Wirtschaftsexpansion
Man hat schließlich auch in Deutschland eingesehen, dass die Kolonien nichts einbrachten, außer dass sie potentielle Spannungsherde waren. Zwar ließ die Propaganda imperialistischer Gruppierungen, die eine Vergrößerung des Kolonialterritoriums verlangte, nicht nach, im Gegenteil. Da aber die Erde schon verteilt war, konnte solches Streben nur auf Kosten anderer Staaten gehen: Die Begehrlichkeit richtete sich vor allem auf die portugiesischen Besitzungen Angola und Moçambique, die ja beide an deutsche Kolonien angrenzten. Einen Erfolg aber hatten diese Bestrebungen nicht. Deutsches Kapital drängte in dieser Zeit nach Marokko und in den Nahen Osten (Bagdadbahn, Hedschasbahn, Bergbau- und Handelsprivilegien). Hier waren die wirtschaftlichen Erfolge, aber auch die politischen Risikofaktoren wesentlich größer als in den Kolonien, doch das gehört nur am Rande zu unserem Thema. Das Ende der Kolonien
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, waren die meisten deutschen Überseebesitzungen schon bald verloren. Das Gros des Ostasiengeschwaders der deutschen Flotte unter dem Grafen Spee versuchte um das Kap Horn herum den Durchbruch in die Heimat und wurde nach einem Sieg über die Engländer bei Coronel vor der Küste Chiles (1. November 1914) schließlich in der Schlacht bei den Falklandinseln am 8. Dezember 1914 aufgerieben. Einige Schiffseinheiten erreichten »Deutsch-Ostafrika« und wurden dort von den Landtruppen auf brauchbares Material ausgeschlachtet. Neuguinea und die Südseeinseln fielen kampflos an den Gegner, denn dort waren gar keine deutschen Streitkräfte stationiert. Togo konnte sich 26 Tage halten, Kiautschou gegen japanische Belagerung bis in den November 1914. In Südwestafrika dauerte der Widerstand bis Juli 1915, in Kamerun sogar bis Februar 1916. Nur Ostafrika konnte sich unter dem Kommando des Generals von Lettow-Vorbeck bis zum Kriegsende halten. Die einheimischen Truppen haben unter dem Befehl weniger weißer Offiziere bis zum Schluss zuverlässig gekämpft. Dass einige der Kolonien sich im Krieg trotz geringer militärischer Mittel so lange behaupten konnten, liegt auch daran, dass die Alliierten keine übermäßigen Anstrengungen zu ihrer Eroberung machten. Dies, wie auch das geringe Militärpotential des Reiches in Übersee zeigen, dass der wirtschaftlichen und militärischen Bedeutung dieser Gebiete von beiden Seiten kein großes Gewicht beigemessen wurde. Der »Versailler Vertrag« hat Deutschland die Fähigkeit zur Verwaltung von Kolonien abgesprochen und sie deshalb formal dem Völkerbund unterstellt, real aber unter die Sieger verteilt. Damit schied Deutschland, wenn auch unfreiwillig, aus der Kolonialpolitik aus. Heute schlägt das für uns positiv zu Buche, weil die Bundesrepublik in den Augen der Dritten Welt wenig als ehemalige Kolonialmacht belastet ist, wenn man von »Deutsch-Südwestafrika« absieht, das noch heute von vielen Deutschen besiedelt, unter der Vorherrschaft Südafrikas noch immer nicht seine Unabhängigkeit als »Namibia« erringen konnte. Zusammenfassend kommt man zu dem Ergebnis, dass Deutschland spät in die Kolonialgeschichte eintrat und als erstes Land wieder ausschied. Unsere Erwerbungen waren nicht Teil eines systematischen Imperialismus, der nach Weltmacht strebte, sondern Nebenprodukte der wirtschaftlichen, sozialen und innenpolitischen Entwicklung Deutschlands im Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Unsere Kolonien waren wirtschaftlich und militärisch wertlos und sie haben die deutsche Außenpolitik wenig belastet, denn alle Meinungsverschiedenheiten mit anderen Kolonialmächten konnten gütlich beigelegt werden. Jene Faktoren der deutschen Politik, die schließlich in den I. Weltkrieg führten, hätten auch ohne deutsche Kolonien dieselbe Entwicklung genommen.

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Info 21.02.2018 18:32
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