Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit

»Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen.« Mit diesen Worten signalisierte am 22. März 1890 Kaiser Wilhelm II. (1888-1918) die soeben erfolgte Entlassung Bismarcks. Von da ab lässt sich eine neue Ära der deutschen Politik datieren: die monarchische Autorität sollte nun einen viel stärkeren Einfluss auf die Führung des Staates, auf die Regelung lebenswichtiger Fragen erlangen als zur Zeit Bismarcks. Am liebsten wäre der Kaiser sein »eigener Kanzler« gewesen. Wenn er aber schon einer Regierungsmannschaft bedurfte, dann sollte sie aus Persönlichkeiten gebildet werden, die in besonderer Weise den kaiserlichen Willen vollzogen. Treue Vasallen wollte er, keine Kontrolleure der Macht. Daher verachtete er auch im Grunde den Reichstag, und die Verfassung brauchte er nicht. Jedenfalls rühmte er sich einmal, nie in sie hineingesehen zu haben. War mit jener so seltsam an den Absolutismus erinnernden Herrschaftsauffassung am Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt noch zu regieren? Drängten nicht immer stärker werdende Kräfte in der Gesellschaft nach Demokratisierung und Verfassungsreformen? Besaß überhaupt der Kaiser die für das höchste Amt des Reiches notwendigen Qualifikationen? Die ihn näher kannten, wussten um seine Schwächen. Sie spürten seine innere Unsicherheit, fühlten seine Sprunghaftigkeit. Tatsächlich hat sein »persönliches Regiment« immer wieder Verwirrung gestiftet. Ein rechtes Konzept hat er nie in der großen Politik vorweisen können. Sein Kurs blieb unberechenbar, seine Reden klangen bombastisch, verfehlten oft die harte Realität des Politischen, für die er im Grunde kein Gespür besaß. Vor allem fehlte ihm der Sinn für das Rationale, Mögliche. Und da er bei der Berufung seiner Reichskanzler und Staatssekretäre keine glückliche Hand hatte, da keinem einzigen jene Sachkompetenz und Amtsautorität eignete wie Bismarck, wurden die Dinge nicht leichter. Die Militärs schlugen daraus Kapital: Vor allem Admirale und Generalstabsoffiziere gewannen zunehmend Einfluss auf die Politik und pervertierten die Prinzipien Bismarckscher Staatskunst. Wilhelm II.Wilhelm II. deutscher Kaiser seit 1888. Enkel Wilhelms I., entzweit mit Bismarck, schwankend in seinen Zielen, abhängig von Militär und Großkapital. Der »Neue Kurs« Wilhelminischer Politik zeichnete sich vor allem durch den Übergang von kontinentaleuropäischer Sicherheits- zur Weltmachtpolitik aus. Sie wurde mitgeprägt von dem Lebensgefühl einer Generation von Bildungsbürgern und Offizieren, die im Blick auf die anderen Großmächte Europas, die in Afrika und Asien eine Bühne der Weltpolitik eröffnet hatten, hier mitagieren und nicht mehr nur Zuschauer im Parkett bleiben wollten. Man wollte, wie es Reichskanzler von Bülow einmal formulieren sollte, den »Platz an der Sonne« nicht verpassen. Viele Wissenschaftler und Publizisten der Wilhelminischen Ära fühlten ähnlich. Erinnert sei an Namen wie Rudolf von Delbrück, Erich Marcks, Friedrich Meinecke, Friedrich Naumann oder Max Weber. Diese Politiker, Historiker und Soziologen betrachteten bereits die Entwicklung der Nationalstaaten unter globalen Kategorien und redeten von einem künftigen Weltgleichgewichtssystem, in welchem Deutschland eine zentrale Rolle zugedacht sei. Dass allerdings der »Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluss auf der Erdkugel auszudehnen«, ein Kriegsrisiko heraufbeschwören könne, das war einer Persönlichkeit vom Range eines Max Weber durchaus bewusst. Aus heutiger Perspektive nimmt sich die deutsche Variante der Weltpolitik eigenartig bizarr aus. Letztlich hat sie in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geführt. Söhne Wilhelm II.Die Söhne des Kaisers. Berlin (1914): Mitte: Kronprinz Friedrich Wilhelm, rechts davon: Eitel Friedrich, Adalbert, August Wilhelm, Oskar. Der Draht nach Petersburg reißt
Es gehört zu den denkwürdigen Zufällen, dass Bismarcks Entlassung im März 1890 zeitlich fast zusammenfiel mit dem Erscheinen des russischen Botschafters Graf Schuwalow im Auswärtigen Amt zu Berlin. Der Diplomat kam im Auftrag seiner Regierung, um den im Juni 1887 für die Dauer von zunächst drei Jahren geschlossenen »Rückversicherungsvertrag« nach Möglichkeit um weitere 6 Jahre zu verlängern. Kaiser Wilhelm II. erklärte dem über die Entlassung Bismarcks überraschten Botschafter, dass Berlin die Fortsetzung der bisherigen Außenpolitik bejahe. Zar Alexander III. (1881-1894) hatte nichts anderes erwartet, blieb aber skeptisch, ob der deutsche Kaiser bei seiner Zusage bleiben werde. Das hing auch von den Männern des »Neuen Kurses« ab, vor allem von dem eben zum Reichskanzler ernannten General von Caprivi, vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Marschall von Bieberstein, und nicht zuletzt vom sachkundigsten und ältesten Rat des Auswärtigen Amtes, Friedrich August von Holstein (* 1837, † 1909), der schon zu Bismarcks Zeiten Dienst in der Wilhelmstraße tat und von jetzt an bis 1909 in schicksalhafter Weise die deutsche Außenpolitik mitbestimmen sollte. Holstein war es, der beim Reichskanzler auf eine eingehende Analyse des zur Disposition gestellten Vertrages gedrängt hatte. Man kam dabei zu folgender Wertung: Der Vertrag sei gegenüber dem »Zweibundpartner« Österreich-Ungarn moralisch bedenklich, stehe im Widerspruch zum »Dreibund«, entfremde Deutschland gegenüber England, versage wahrscheinlich im Ernstfall und mache Deutschlands fernere Bündnisfähigkeit von der Geheimhaltung durch Russland abhängig. Der neue Reichskanzler zog seinem Amtsvorgänger gegenüber eine ehrlichere und offenere Politik vor, hielt das »Spiel mit den fünf Bällen«, das Bismarck zu spielen verstanden hatte, für zu schwierig, und war überzeugt, dass früher oder später ein bewaffneter Konflikt mit Russland und Frankreich kommen würde. Caprivi setzte auf England, das er an den »Dreibund« heranzuführen hoffte. Da die Männer des »Neuen Kurses« nicht einmal die deutsch-russischen Beziehungen in Form eines Notenaustausches fortzusetzen beabsichtigten, wozu die russische Seite sich bereit gezeigt hatte, lief der »Rückversicherungsvertrag« am 18. Juni 1890 aus. Alexanders III. Skepsis war also berechtigt: Kaiser Wilhelm II. hatte einen ersten deutlichen Beweis seiner Kursunsicherheit erbracht. Berlin setzte jetzt auf die Politik der »freien Hand« und auf den »Dreibund«. In Petersburg verstärkte sich der Eindruck eines deutschen Kurswechsels, als fast gleichzeitig mit dem Auslaufen des Vertrags die Umrisse eines deutsch-englischen »Helgoland-Sansibar-Vertrags« deutlich wurden. Seitdem nämlich der Gründer des Schutzgebietes »Deutsch-Ostafrika«, Carl Peters, den Versuch unternommen hatte, den deutschen Einfluss bis in das Victoria-See-Gebiet und zum oberen Nil auszudehnen, schwelte zwischen England und Deutschland eine Kolonial-Krise, die nunmehr beigelegt werden konnte, indem man vertraglich dem britischen Premierminister Salisbury ein Protektorat über Sansibar und einige Nebeninseln zusprach, während Deutschland die seit 1814 in englischem Besitz befindliche Insel Helgoland bekam. Grenzfestlegungen in »Deutsch-Ostafrika«, die Abklärung der Interessenssphären im Hinterland »Deutsch-Südwestafrikas« und Togos stellten die Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich auf eine neue Grundlage, mochten die deutschen Kolonialimperialisten noch so toben und behaupten, man habe für einen »Hosenknopf eine ganze Hose verkauft«. Deutschland wird umklammert
Nadelstiche gegen England?

Besorgt registrierte die russische Regierung diese deutsch-englische Verständigung. Sie wertete den Vorgang wie ein Bündnis und begann alsbald, die bereits in der Bismarck-Ära geknüpften Kontakte zu Frankreich wieder aufzunehmen. Dies tat man in Petersburg um so bereitwilliger, als Deutschland seine Bündnistreue gegenüber dem Zweibundpartner Österreich-Ungarn reaktivierte, die Absperrung des Balkanmarktes für den russischen Handel betrieb, Militärhilfe an die gegnerische Türkei leistete und über die Deutsche Bank den Bau der anatolischen Eisenbahn förderte. Unbeeindruckt von französischen Umwerbungen, verstärkte Italien seine Wirtschaftsbeziehungen mit seinen beiden Dreibundpartnern. Diese suchten sich zu revanchieren, indem sie auf eine englische Annäherung an den Dreibund hinarbeiteten, denn nur England konnte die Küstensicherheit Italiens garantieren und Frankreichs Afrika-Expansion abblocken. Der Besuch Wilhelms II. in England im Juli 1891 verlief in herzlicher Atmosphäre. Die Regierung Salisbury zeigte sich mit dem Auswärtigen Amt einig, im Falle eines russischen Angriffs auf die Meerengen (Dardanellen), gemeinsam vorzugehen. Dafür bestand allerdings damals keine Gefahr, da das Zarenreich für sein Sibirienprogramm Rückenfreiheit brauchte. Eine Erneuerung des »Dreibundvertrags« beschleunigte auf der anderen Seite den Abschluss einer gegen dessen Partner gerichteten »Französisch-russischen Militärallianz« (1892), wobei als potentieller Hauptgegner Deutschland galt, das sich nun durch die beiden Flankenmächte in die Zange genommen sah. Frankreich war also der Ausbruch aus seiner bisherigen Isolation gelungen. Für das Deutsche Reich zog nun im Falle eines Konflikts die Gefahr eines Zweifrontenkrieges herauf. Diese Entwicklung wäre sicher nicht eingetreten, hätte man England nachdrücklicher für den »Dreibund« interessieren können. Dass dies nicht geschehen ist, lag an Holsteins falscher Einschätzung Englands. Er glaubte, London wolle im Falle einer Partnerschaft Deutschland doch nur gewinnen, um von ihm auf dem Kontinent »die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen«. Mit Marschall von Biebersteins Einverständnis meinte er u. a. weltmachtpolitische Druckmittel einsetzen zu müssen, um Großbritannien klar zu machen, dass es sich ohne Deutschland in eine gefährliche Isolation manövriere. Das geeignetste Forum schien Holstein der koloniale Raum. Die »Nadelstich-Politik« gegenüber dem Inselreich wurde vor allem vom Kaiser, von der Marine, den Nationalliberalen, den Freikonservativen und dem »Alldeutschen Verband« unterstützt, während Reichskanzler Caprivi eine maßvollere Politik gewünscht hätte. So kam es, dass Berlin der britischen Verweigerung einer deutschen Alleinherrschaft über die bisher unter deutsch-englisch-amerikanischem Protektorat stehenden Samoa-Inseln mit der Ablehnung eines möglichen Kap-Kairo-Bahnbauprojektes reagierte und dabei sogar eine vorübergehende Anlehnung an die französische Afrika-Politik nicht scheute. Salisbury musste gedemütigt sein Projekt aufgeben. Und sofort ließ Berlin einen weiteren »Nadelstich« folgen, indem es sich mit Erfolg einem Versuch Cecil Rhodes’ widersetzte, die Ausführung eines deutsch-niederländischen Bahnprojektes in Südafrika einer britischen Gesellschaft zu übertragen. StadtratDominanz der Herrengesellschaft: Stadtrat. Russland – doch ein Partner des Deutschen Reiches?
Es ist typisch für die Außenpolitik Deutschlands nach 1890, dass man in Sprüngen hin- und herlavierte, um sich einmal bei den Engländern, dann wieder bei den Russen anzubiedern. So schien sich nach dem Tode Alexanders III. von Russland eine neue Kontaktmöglichkeit zu eröffnen, weil dem neuen Zaren Nikolaus II. (1894-1917), nicht zuletzt wegen seiner Ehe mit Alice von Hessen-Darmstadt, der Ruf besonderer Deutschfreundlichkeit vorausging. Zudem erwies es sich als vorteilhaft, dass der gerade ins Amt berufene Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900) mit der russischen Hocharistokratie verschwägert war. Jedenfalls ließ Wilhelm II. in Petersburg sondieren, ob der infolge der Kündigung des »Rückversicherungsvertrages« eingetretene Schaden »noch zu reparieren wäre«, zumal der Krieg zwischen Japan und China (1894/95), den die Japaner siegreich beenden konnten, die ganze Aufmerksamkeit der Petersburger Politiker so in Anspruch nahm, dass Balkanfragen oder die Allianz mit Frankreich im Augenblick eine untergeordnete Rolle spielten. Dem Wunsche der russischen Regierung nach einer Intervention der europäischen Mächte zugunsten Chinas gegen Japan kamen Frankreich und Deutschland nach, die nun, beinahe wie in einem großen Kontinentalbund geeint, Japan zur Herausgabe der chinesischen Halbinsel Liaotung samt dem Hafen Port Arthur zwangen. England hielt sich zurück und gewann dadurch die Freundschaft der Japaner, die 1902 mit den Briten ein Defensivbündnis schließen sollten. Auf jene Intervention geht wohl des deutschen Kaisers wiederholt aufgegriffener Gedanke eines deutsch-französisch-russischen Festlandbundes zurück, von dem später noch zu sprechen sein wird. Ein neuer Tiefpunkt in den deutsch-britischen Beziehungen wurde zweifellos 1895/96 erreicht, als der Engländer Jameson mit 800 Freischärlern in das südafrikanisch-burische Transvaal einfiel und Kaiser Wilhelm II. in einem aufsehenerregenden persönlichen Telegramm dem Burenpräsidenten Krüger zur siegreichen Abwehr des Überfalls gratulierte. Verständlich wird die englische Empörung, wenn man weiß, dass aus britischer Sicht die Burenrepublik als Glied des Empire galt, auch wenn sie im Inneren Autonomie besaß. Und dennoch neue britische Bündnisbereitschaft
Trotz der durch die Krüger-Depesche eingetretenen Verstimmung Englands zeigte man sich dort im Frühjahr 1898 an einer Bündnispolitik mit Deutschland interessiert. Die russische Expansion in Ostasien, der schwelende Burenkonflikt, der bald zum Krieg führte, die dramatisch sich zuspitzende Interessenüberschneidung im östlichen Sudan mit Frankreich, dies alles bildete den Hintergrund für den vorsichtigen Versuch des Kolonialministers Lord Chamberlain, 1898 unter Einschaltung der deutschen Botschaft in London zu einer Annäherung mit dem Ziel eines Bündnisses zu gelangen. Damit begann eine bis 1901 dauernde Phase britisch-deutscher Verhandlungsgespräche, in deren Verlauf sich sogar die Möglichkeit eines Beistandspakts abzuzeichnen schien. Freilich wäre es dem britischen Premier Salisbury lieber gewesen, wenn England zu einem Interessenausgleich mit Frankreich oder Russland gefunden hätte. Jedenfalls stand er nur mit halbem Herzen hinter den Bemühungen seines Kabinettskollegen Chamberlain. Immerhin kam es zu ein paar Einzelverträgen, darunter zum Jangtse-Abkommen (1900), das den Grundsatz der »offenen Tür« in China festschrieb und gemeinsame deutsch-britische Schritte gegen die aufständischen Boxer vorsah. Inzwischen konnte das Deutsche Reich unter Ausnützung des »Spanisch-Amerikanischen Krieges« (1898) die Samoa-Inseln, die Marianen, Karolinen und Palau-Inseln erwerben, mit denen das Reichsmarineamt seine ostasiatische Flottenbasis aufbaute. Die Ermordung zweier deutscher Chinamissionare lieferte den Vorwand für die Besetzung der Bucht von Kiautschou und den erzwungenen 99jährigen Pachtvertrag mit China. Die Russen konzedierten nach einigem Zögern die deutsche Stützpunktpolitik in Fernost, um sich dann mit der Besetzung von Port Arthur schadlos zu halten, während sich die Engländer in Wei-hai-wei niederließen. Die deutsche Chinapolitik ist ein besonders dunkles Kapitel neuer deutscher Geschichte. So lässt sich der Aufstand der nationalistischen »Boxer« (1899-1901) durchaus auch mit der Besetzung Kiautschous durch Deutschland in Verbindung bringen, denn die Ermordung des deutschen Gesandten Klemens von Ketteier war wahrscheinlich eine direkte Folge dieser Annexion. Hätte der Kaiser für diesen Mord Sühne verlangt, so wäre dies in der Welt verstanden worden. Er aber rief nach grausamer Rache. In einem Brief an den Reichskanzler verlangte er, »Peking [...] dem Erdboden gleichzumachen«, und beim Auslaufen des Strafexpeditionskorps in Bremerhaven hielt er jene berüchtigte »Hunnen-Rede«, in der er den Soldaten empfahl, sich den Chinesen gegenüber wie die Hunnen zu gebärden, kein Pardon zu geben und keine Gefangenen zu machen. Mit dieser blutrünstigen Rede machte sich der Kaiser im In- und Ausland begreiflicherweise viele neue Feinde. Die britisch-deutschen Gespräche indes führten zu keinem Bündnis, weil von Bülow, seit 1900 neuer Reichskanzler, und von Holstein von Großbritannien zu viel verlangten, wenn sie eine Bindung an den »Dreibund« forderten und kleinere Angebote des Foreign Office bezüglich der Erhaltung des Status quo im Mittelmeerraum schnöde zurückwiesen. Von Bülow und von Holstein vergaloppierten sich zudem in der Annahme, man habe noch freie Hand und könne günstigere politische Bedingungen abwarten. Tatsächlich schien von Holstein mit seiner These Recht zu bekommen, dass der »Walfisch« (England) sich nie mit dem »Bären« (Russland) gesellen werde. Denn 1902 schloss England mit Japan ein gegen Russland gerichtetes Bündnis. Überhaupt begann nach dem Tode Königin Victorias I. von England (1901) und dem Rücktritt Salisburys eine neue Phase der englischen Politik. Im April 1904 kam es in der Frage der nordafrikanischen Interessenzonen zur Verständigung Englands mit Frankreich: Paris verzichtete auf ein Mitspracherecht in Ägypten, während London den Franzosen freie Hand in Marokko ließ. Ein Jahrhundertgegensatz war überwunden. Als letzte »freie Großmacht« hatte England seine Isolation aufgegeben. Kaiser Wilhelm II. erkannte, dass die deutsche Diplomatie eine schwere Schlappe erlitten hatte. Bülow nicht. Im Reichstag meinte er, die »Entente« (frz. = Verständigung, Bündnis) zwischen England und Frankreich enthalte »keine Spitze«. Er wähnte die deutschen Wirtschaftsinteressen in Marokko keinesfalls in Gefahr, während fast gleichzeitig der Kaiser in Karlsruhe eine Rede hielt, in der er das deutsche Volk aufforderte, »das Auge klar zu machen und den Mut zu stählen [...], wenn es nötig werden sollte, in die Weltpolitik einzugreifen«. Zu allem Unglück erinnerte er dabei an Sedan! Das ließ in Frankreich aufhorchen. In London zeigte man sich indes über den Beginn des Bagdadbahnbaus sowie über die Durchführung eines gewaltigen Flottenbauprogramms Deutschlands zutiefst beunruhigt. Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser
Schon im Juni 1897 wusste der gerade ernannte Staatssekretär im Reichsmarineamt, Alfred von Tirpitz (1897-1916), seinen Kaiser zu überzeugen, dass die deutsche Weltpolitik nicht mit Kreuzern, sondern mit einer Flotte von Großkampfschiffen betrieben werden müsse. Mit diesen ließe sich in Konfliktfällen sowohl ein defensiver wie offensiver Seekrieg gegen Russland und Frankreich führen oder eine britische Nahblockade im »nassen Dreieck« zwischen Helgoland und der Themsemündung abwehren. Auf jeden Fall sollte die deutsche Seemacht so groß sein, dass England den Verlust seiner maritimen Vorherrschaft riskieren musste, falls es zur Flottenkonfrontation käme. Man könne, so Tirpitz, über die Flottenpolitik England zur Neutralität oder zum Bündnis zwingen. Auch andere Argumente konnten für die Notwendigkeit des Großflottenprojekts ins Feld geführt werden: So besaß Deutschland im Jahre 1896 nur 6 Hochseepanzerschiffe, England dagegen 33, Frankreich und Russland je 17, Italien 13. Und dabei rangierte Deutschland im europäischen Außenhandel an zweiter Position hinter England! Tirpitz konnte nicht nur den Kaiser, sondern auch die Bundesfürsten von seinem Plan überzeugen und fand im Reichstag eine große Mehrheit. Nur die SPD zeigte überhaupt kein Verständnis für die in Aussicht gestellte gigantische Flottenrüstung. Übrigens auch Bismarck nicht. Nach dem 1. Flottenprogramm sollten bis 1918 16 Linien- und 8 Küstenpanzerschiffe vom Stapel laufen. Eine schicksalhafte Entwicklung nahm ihren Anfang. Deutsche Reaktionen gegen Frankreich – in Marokko
Ungeschoren sollte Frankreich nicht bleiben, wenn es nach dem Eintritt in die »Entente« mit England auf ein Protektorat Marokko hindrängte. Jedenfalls schwor sich dies Herr von Holstein, der nun als Kompensation Handelsfreiheit in Marokko forderte. Eine Konvention aus dem Jahre 1880 hatte Deutschland ein Meistbegünstigungsrecht zugestanden. Also konnte Berlin seinen Trumpf ausspielen: Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße erzeugte einen regelrechten Theaterdonner, indem es dem Kaiser einen Abstecher nach Tanger nahelegte, um so demonstrativ auf legitime Interessen Deutschlands aufmerksam zu machen. Nur widerwillig entsprach der Kaiser den Ratgebern der Wilhelmstraße, aber er reiste (1905) und hielt vor Vertretern des Sultans eine vielbeachtete Rede, in der er diesen als »unabhängigen Herrscher« bezeichnete und sich für ein freies und souveränes Marokko aussprach, das sich der »friedlichen Konkurrenz aller Mächte ohne Monopole« öffnen werde. Der ganze Auftritt ließ in der Weltöffentlichkeit den Eindruck entstehen, Deutschland werde Frankreich mit Gewalt Marokko streitig machen. Generalstabschef Schlieffen arbeitete tatsächlich an einem entsprechenden Plan. Von Bülow wollte jedenfalls durch scharfen diplomatischen Druck die »Entente« sprengen und Frankreich die Lektion erteilen, dass ein gutes Verhältnis zu Deutschland mehr bedeute als eines zu England. Der französische Außenminister Delcasse war im Vertrauen auf England zum Äußersten entschlossen, wurde aber von der französischen Opposition zum Rücktritt gezwungen, weil man auf das durch den Krieg geschwächte Russland Rücksicht nehmen wollte. Deutschland schien die erste Runde dieser »Ersten Marokko-Krise« gewonnen zu haben und drängte nun auf eine internationale Konferenz. Deutschland isoliert und eingekreist
Auf der mit der Marokko-Frage befassten »Konferenz von Algeciras« (1906) trat genau das ein, was von Bülow gefürchtet hatte: Deutschland stand isoliert. Sämtliche zwölf Konferenzmächte – Österreich blieb rühmliche Ausnahme – dachten nicht daran, deutsche Interessen zu vertreten. Zwar konnte man sich über die Integrität Marokkos und das Prinzip der Offenen Tür für die Wirtschaft aller Völker einigen, aber die von Deutschland vorgeschlagenen Pläne zur Organisierung des Polizei- und Finanzwesens wurden überstimmt. Zum erstenmal wurde die spätere Weltkriegsfront gegen Deutschland sichtbar. Sogar die USA standen auf der Gegenseite und Italien, der unzuverlässige Dreibundpartner. Von Bülows Ansehen sank, und von Holstein, den die internationale Presse als Kriegstreiber verurteilt hatte, musste, nun fast siebzigjährig, um seinen Abschied nachsuchen. Damit zog er die Konsequenz aus seinem außenpolitischen Fiasko. Seit Algeciras gehörte das Wort »Einkreisung Deutschlands« zur gängigen Vokabel der Politik. Im gleichen Jahr 1906 begannen die ersten gemeinsamen britisch-französischen Generalstabsbesprechungen. Und dann trat wieder etwas ein, das man in der Wilhelmstraße nicht für möglich gehalten hatte: Russland und England nahmen Kontakt auf. Zar Nikolaus II. (1894-1917), nicht nur wegen der Niederlage gegen Japan und der ersten russischen Revolution von 1905/06 (»Blutiger Sonntag«) in große Nöte geraten und jetzt beunruhigt wegen deutsch-türkischer Bagdadbahnprojekte und deutscher Aktivitäten in Persien, folgte französischem Rat und wollte die Gegensätze zu England abbauen. So kam es 1907 zu bilateralen Abmachungen über Persien, Afghanistan und Tibet, bei denen die Interessensphären Englands und Russlands abgegrenzt wurden. Die Begegnung König Eduards VII. von England (1901-1910) mit Nikolaus II. unterstrich diesen Vorgang in besonderer Weise. Ein Jahrhundertgegensatz war überbrückt, ein Vorgang wie ihn Europa seit 1756 nicht mehr erlebt hatte. Ein großer kaiserlicher Wunschtraum
Der »Russisch-Japanische Krieg« (1904/05), welcher das Zarenreich nach schweren militärischen Niederlagen in seine erste Revolution stürzte, hatte auch den Hintergrund einer denkwürdigen Begegnung zwischen Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II. gebildet. Das Treffen, zu dem der deutsche Kaiser im Juli 1905 eingeladen hatte, fand in den finnischen Schären bei Björkö statt. Wilhelm II. schlug »seinem Vetter« ein Defensivabkommen »gegen jeden Angriff« vor. Der Zar schränkte den Vertragsentwurf durch den Zusatz »auf Europa« ein und hoffte, Frankreich zum Beitritt einladen zu können. Überzeugt von der Vereinbarkeit des Vertrags mit der franko-russischen Allianz, gedachte der Kaiser, Björkö zu einem »Eckstein in der europäischen Politik« zu machen, wobei durch die Verbindung mit dem »Dreibund« ein »Fünfbund« hätte entstehen sollen, der Ordnung und Frieden in Europa gewährleistete. Wilhelm II. verstieg sich sogar zu dem optimistischen Gedanken, die USA und Japan könnten vielleicht diesen Kontinentalblock flankieren. Dieser allzu kühne Gedankenflug wurde durch von Bülow und von Holstein abgebremst, die jene russische Einschränkungsklausel rügten, weil dadurch kein Druck auf Englands Außenpolitik auszuüben wäre. Von Bülow drohte, über den Alleingang des Kaisers erbost, mit dem Rücktritt. Er blieb dann freilich im Amt, weil Wilhelm II. ihm versprach, nie mehr selbstständige politische Schritte zu unternehmen. Auch aus Petersburg kamen keine guten Nachrichten. Nach Sondierungen in Paris hatte man nämlich bemerkt, dass der französische Regierungschef Rouvier einer franko-russischen Allianz unbedingten Vorrang einräumte und der Nation keine stärkere Annäherung an Deutschland zumuten wollte. Die Abänderungsvorschläge des Zaren am deutschen Bündnisvorschlag wollte wiederum Berlin nicht annehmen. So war der Traum von Björkö schon bald ausgeträumt gewesen, der Vertragsentwurf papierkorbreif. Heute weiß man außerdem, dass er Frankreich zuviel abverlangt hätte. Den Franzosen jedenfalls schien es hundertmal annehmbarer, einem englisch-russischen Bündnis beizutreten, als ein zweites Mal auf Elsass-Lothringen verzichten zu müssen. Wetterleuchten auf dem Balkan
Seit der russisch-englischen Verständigung des Jahres 1907 wandte sich die Politik Petersburgs wieder dem Balkan zu, dem »Wetterwinkel« Europas. Einst hatte der »Berliner Kongress« (1878) der Donaumonarchie auf englischen Antrag das Besatzungs- und Verwaltungsrecht des vornehmlich von orthodoxen Serben bewohnten Bosnien und der Herzegowina übertragen, die aber formell noch immer Bestandteile des Türkischen Reiches blieben. Dieses erlebte im Juli 1908 eine Revolution, in der junge Offiziere den grausamen Herrscher Abdul Hamid zwangen, aus dem despotischen Staat einen modernen Verfassungsstaat zu machen. Wien wusste die Situation schnell auszunutzen und überraschte die Weltöffentlichkeit am 5. Oktober 1908 mit der Nachricht von der Annexion Bosniens und der Herzegowina. Österreichs Außenminister Aehrenthal hatte bereits Wochen zuvor mit seinem russischen Amtskollegen Iswolski einen Meinungsaustausch über eine mögliche Meerengendurchfahrt am Bosporus für russische Kriegsschiffe gehabt. Freilich hatte Aehrenthal den Zeitpunkt der Annexion nicht benannt und auch dem Zweibundpartner Deutschland seine Pläne nicht rechtzeitig mitgeteilt, sodass Kaiser Wilhelm sie erst über seinen Reichskanzler von Bülow erfuhr, als aus dem Plan Wirklichkeit geworden war. Der Kaiser war empört, hatte er doch den Türken gegenüber, denen er sich seit seiner Damaskusrede (1898) und dem Beginn des Bagdadbahnbaus (1903) freundschaftlich verbunden zeigte, das Gesicht verloren. Auch in Petersburg herrschte über das Vorgehen tiefe Betroffenheit. Eine entsprechende vertragliche Vereinbarung mit der Donaumonarchie hatte ja noch nicht bestanden. Bestürzung herrschte auch in London, hatte Wien doch immerhin einen internationalen Vertrag eigenmächtig verändert! Am meisten empört zeigten sich die zweieinhalb Millionen Serben im Königreich Serbien sowie die sechs Millionen Serben und Kroaten in der Donaumonarchie, die ihre nationalen Gefühle verletzt sahen und bei denen jene Annexionsnachricht eingeschlagen hatte »wie der Blitz in ein Pulverfass«. Im serbischen Königreich berief man Reservisten ein, Österreichs Generalstabschef von Hötzendorff reagierte mit der Verstärkung der Grenz-Garnisonen und erwog Präventivkriegspläne. Die Großmächte forderten eine Konferenz. In Prag musste der Belagerungszustand verhängt werden, weil die Tschechen für ihre slawischen Brüder Partei ergriffen. Österreichische Diplomaten nannten die Bosnien-Annexion rundweg ein »Verhängnis für die Monarchie«. Ganz anders Berlin: In einem Privatbrief an Aehrenthal ließ der deutsche Reichskanzler von Bülow wissen, dass er jeden Schritt Wiens gegenüber Serbien befürworte. Eine Blanko-Vollmacht im Voraus! Damit tat der Kanzler genau das Gegenteil von dem, was Bismarck einst in seiner Reichstagsrede im Januar 1887 den Österreichern zugerufen hatte: »Wir werden uns wegen der orientalischen Frage von niemand das Leitseil um den Hals werfen lassen!« Von Bülow hatte nur Glück, dass Russland aus innenpolitischen Gründen die Annexion anerkannte. So blieb der Frieden in Europa erhalten. Aber wie lange noch? Deutschland dreht an der Rüstungsschraube
Unterdessen verschärften sich auch die deutsch-englischen Spannungen. Streitobjekt Nummer 1 blieb nach wie vor die Flottenfrage. Nachdem die britische Admiralität bereits 1905 den Stapel auf eines modernen Großkampfschiffes vom Typ Dreadnought (= Fürchtenichts) vermelden konnte und im Frühjahr 1906 der Bauauftrag für weitere solcher Seegiganten ergangen war, zog Deutschland – wider britisches Erwarten – sofort nach. Im Rahmen einer Flottennovelle wurde die Laufzeit für Linienschiffe von 25 auf 20 Jahre verkürzt und für die Jahre 1908 bis 1911 der Großschiffbau von jährlich 4 Einheiten des Dreadnought-Typs vorgesehen. In diesem besagten Zeitraum sollten also deutscherseits 16 Großkampfschiffe in den Dienst gestellt werden, während England 20 gleichen Typs bauen wollte. Nach Bekanntwerden dieser deutschen Pläne herrschte in der britischen Marine eine solche Empörung, dass der englische Erste Seelord, Sir John Fisher, König Eduard VII. einen Präventivschlag gegen die deutsche Flotte empfahl! Falschmeldungen hatten zudem das Bild der deutschen Flottenaufrüstung verzeichnet, obgleich feststand, dass das deutsche Bautempo gegenüber der englischen Schlachtflotte das Stärkeverhältnis von 2:3 nicht verändern würde. Es schien höchste Zeit, dass der englische Onkel selbst einmal den Neffen zu den Plänen hörte. Eduard VII. reiste also mit seinem Unterstaatssekretär Hardinge nach Deutschland. Um wenigstens eine Verlangsamung, wenn nicht einen Baustopp des deutschen Flottenbaus zu erwirken, sondierte Hardinge im August 1908 in Kronberg im Taunus beim deutschen Kaiser. Die Engländer planten damals gerade ein großes Sozialversicherungsprogramm und wollten daher dessen Finanzierung nicht durch unnütze zusätzliche Rüstungsausgaben gefährden. Der Kaiser aber ließ überhaupt nicht mit sich reden. Schon auf die erste vorsichtige britische Andeutung von einem Stopp des Flottenbaus bekam der britische Diplomat die Antwort des Kaisers: »Dann werden wir eben kämpfen, denn das ist eine Frage der nationalen Ehre!« Das britische Ansinnen hatte Wilhelms II. Gefühle zutiefst verletzt, galt doch die Flotte seit jeher als sein liebstes Kind. Mit dem »Dreizack in der Faust« wollte er Deutschland zu Größe und Ehre führen. Aufgrund dieser Einstellung erkannte Wilhelm II. in der Anfrage des englischen Gesprächspartners nicht die ehrliche Besorgnis um den Frieden, sondern in seinen Augen entsprang sie blankem Neid. Dass er dem Fragesteller keinen Augenblick lang ein Wort des Verständnisses gönnte und nicht einmal zu irgendeiner diplomatischen Höflichkeitsformel Zuflucht suchte, wirft wiederum ein bezeichnendes Licht auf Wilhelms II. staatsmännische Qualifikation. Er erkannte offenbar nicht, dass er selbst und Tirpitz unablässig einen kostspieligen Rüstungswettlauf provozierten. Dass schon aus geografischen Gründen eine Flotte für England einen anderen Stellenwert besaß, als für jede andere europäische Macht, dafür fehlten dem Kaiser wie seinem Admiral Gespür und Einsicht, mochte Tirpitz noch so oft beteuern, Deutschland wolle und könne mit der Flotte niemanden bedrohen. Der Kaiser wird zum Gespött der Welt
Im Oktober 1908 veröffentlichte der englische »Daily-Telegraph« eine Unterhaltung des Kaisers mit einem englischen Diplomaten. Darin ging es um Wilhelms II. Ansichten über das Verhältnis Deutschlands zu England und anderen Staaten der Welt. Das Interview enthielt soviel plumpe und ungeschickte Äußerungen, dass in Großbritannien wie in Deutschland, hier sogar durch alle Parteien, ein Sturm der Entrüstung ging. Da stand nämlich zu lesen, dass der Kaiser der lieben Großmutter Pläne für den Kampf gegen die Buren habe entwickeln lassen, dass die Flotte gegen Japan gebaut worden sei, dass der Kaiser zu der deutschen Minderheit gehöre, die englandfreundlich gesinnt sei, und dass er eine russisch-französische Kontinental-Liga gegen England vereitelt habe. Durch den Inhalt dieses Artikels fühlten sich nicht nur viele Menschen und Völker vor den Kopf gestoßen, viele hielten ihn zunächst für eine Fälschung, weil sie nicht glauben konnten, dass der Kaiser soviel Ungereimtheiten und Dummheiten gleichzeitig gesagt haben sollte. Mitverursacht war das Debakel durch den Reichskanzler, der das Manuskript, statt es selbst vor der Veröffentlichung zu lesen, an einen untergeordneten Beamten zur Korrektur weitergeleitet hatte. Dieser wiederum fühlte sich überfordert und nahm deshalb nur ganz geringfügige Korrekturen vor. Von Bülow redete sich nun recht unehrenhaft heraus und besaß noch die Stirn, den Kaiser in öffentlicher Reichstagsrede zu rügen, statt sich vor seinen Herrscher zu stellen und sich mitverantwortlich zu erklären. Die Flut der Kritik brandete nun auf Wilhelm II. so zu, dass er ein »Beben unter seinem Thron vernahm«, einen Nervenzusammenbruch erlitt und sich mit Abdankungsplänen beschäftigte. Auch in sonst kaisertreuen politischen Kreisen erscholl der Ruf nach Verfassungsreform und Ministerverantwortlichkeit. Diesbezügliche Eingaben blieben freilich beim Geschäftsordnungsausschuss des Reichstags hängen. Eine entscheidende Gelegenheit zur demokratischen Regierungskontrolle wurde daher nicht wahrgenommen. Ein folgenschweres Versäumnis, wie wir heute wissen! Der Kaiser nannte Bülow »einen gedächtnisschwachen Trottel« und entließ seinen langjährigen Reichskanzler in ähnlich schroffer Form wie einst Bismarck und bestellte von Bethmann Hollweg in das Kanzleramt. Staatssekretär des Äußeren wurde Alfred von Kiderlen-Wächter. Säbelrasseln wegen Marokko
Seit der Algeciras-Konferenz blieb es kein Geheimnis, dass Frankreich das Protektorat über Marokko anstrebte. Als hier 1911 Unruhen ausbrachen, setzte Paris ein Expeditionskorps nach Fez in Marsch. Nun beging der Staatssekretär von Kiderlen-Wächter die unverzeihliche Torheit, das Kanonenboot »Panther« mit 150 Mann in den marokkanischen Hafen Agadir zu beordern, um Frankreich deutsche Kompensationsforderungen deutlich zu machen (»Zweite Marokko-Krise«). Gedacht war an Gebiete im Französischen Kongo. Da der Staatssekretär von diesem Unternehmen des »Panther« London nicht in Kenntnis gesetzt hatte, zeigte man sich dort so entrüstet, dass der englische Schatzkanzler Lloyd George in öffentlicher Rede Frankreich des britischen Beistands versicherte. Dem Geschick britischer Diplomaten ist es zu verdanken, dass es nicht schon damals zum Krieg kam. Deutschland gab sich mit Teilkompensationen zufrieden. Die »Entente« stand gefestigter denn je da, und der »Panthersprung« wurde im Ausland als Drohgeste deutscher Säbelrassler empfunden. Dieses negative Deutschlandbild war schon anlässlich der »Zweiten Haager Friedenskonferenz« 1907 entstanden, als die deutsche Delegation sich einem britisch-amerikanischen Antrag auf Rüstungsbeschränkung widersetzt hatte. Und ausgerechnet nach der beschämenden Niederlage in der Marokkofrage wusste Admiral Tirpitz nichts Besseres, als eine neue Flottennovelle einzubringen, derzufolge die jährliche Zurüstung an Großkampfschiffen um je eine Einheit vergrößert werden sollte! Flottenfanatiker wie Vize-Admiral Capelle vertraten sogar nun die Auffassung, England werde eines Tages schon die Luft ausgehen und es könne nur über ein Bündnis mit Deutschland seine Weltgeltung behaupten. Als der englische Kriegsminister Lord Haidane im Februar 1912 nach Berlin kam, um mit dem Kaiser und Admiral Tirpitz über die Flottenfrage zu verhandeln, wurde bald deutlich, dass Wilhelm II. und sein Flottenchef von der Novelle nicht abgehen würden. Sie fürchteten um ihre »Defensivchance gegen England«. Der Kaiser glaubte zudem nicht an die englische Ehrlichkeit, als London eine allgemeine gegenseitige Neutralitätserklärung anbot, falls die Flottenrüstung verlangsamt würde. Die deutsch-britischen Gespräche zogen sich bis in den März 1912 hin, wobei England deutlich Rücksicht auf die »Entente« nahm und sehr vorsichtig taktierte. Bei Bekanntwerden der Umgruppierung der englischen Flotte vom Mittelmeer in den Nordseeraum drohte der Kaiser mit der Mobilmachung. Von Bethmann Hollweg war so empört darüber, dass er seinen Rücktritt anbot. London konnte der von Berlin hartnäckig geforderten einseitigen Neutralitätserklärung nicht nachkommen, weil man befürchtete, dass Deutschland diese zur Aufrüstung missbrauchen würde, um dann zu irgendeinem Zeitpunkt über einen kontinentalen Rivalen herzufallen. Die Verhandlungen scheiterten, wenngleich nach dem plötzlichen Tod von Kiderlen-Wächter dessen Amtsnachfolger Gottlieb von Jagow (1913-1916) weiterhin auf eine deutsch-englische Verständigung hinarbeitete und dabei noch 1914 mit London Verträge zur Bagdadbahn und über das künftige Schicksal der portugiesischen Kolonien abschließen konnte. Unruhiger Balkan
Seit der Annexionskrise um Bosnien ist Balkaneuropa nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ein aus Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro bestehender »Balkanbund«, hinter dem das Zarenreich als eine Art Schutzmacht stand, nützte 1912 einen italienisch-türkischen Konflikt aus, um das Türkische Reich anzugreifen und diesem die gesamten europäischen Besitzungen westlich der Linie Enos-Midia zu entreißen. Wegen der Beuteverteilung kam es alsbald zu einem zweiten Balkankrieg, in welchem nunmehr Bulgarien gegen die Übermacht Serbiens, Griechenlands und Rumäniens einen aussichtslosen Kampf führte, aus dem Serbien 1913 als Hauptgewinner hervorging. Dieses Königreich konnte sein Staatsgebiet um mehr als 80 Prozent vergrößern und umfasste jetzt eine Bevölkerung von 4,5 Mill. Einwohnern. Eines hatten die Serben freilich nicht erreicht: den Zugang zur Adria. Sie waren an einem österreichischen Veto gescheitert. Dadurch verschärften sich die Spannungen zwischen dem Königreich Serbien und der Donaumonarchie, sodass ein Krieg drohte, zumal sich das serbische Nationalgefühl, nach eben errungenen Siegen über die Türken, leidenschaftlicher denn je aufwallte, hatte man doch viele »slawische Christenbrüder« aus muselmanischer Herrschaft befreit: Der serbische Nationalismus forderte einen großserbischen Staat, in den auch die Kroaten und Slowenen eingegliedert werden sollten. In Belgrad mahnte der siebzigjährige Ministerpräsident Pašic zur Mäßigung. Aber die Spannungen wuchsen. Militante Oppositionelle schlössen sich im Geheimbund »Schwarze Hand« zusammen, der nun auch vor Terror nicht zurückschreckte. Er stand in engem Kontakt zur »Narodna Odbrana«, einer nationalen Massenbewegung, die alle Balkanserben zu mobilisieren suchte. Kaisermanöver 1913Militärpolitik statt Diplomatie. Helmuth von Moltke, Chef des deutschen Generalstabs, und der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, in einer Lagebesprechung während des Kaisermanövers 1913. Der österreichische Generalstab arbeitete bereits Aufmarschpläne gegen Serbien aus. Nur ein Mann glaubte zu wissen, wie man die serbische Frage vielleicht doch noch politisch lösen könnte, um die Donaumonarchie vor der Katastrophe zu bewahren: der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand. Er wollte aus der Doppelmonarchie eine Art Dreivölkerstaat bilden, der den Serben eine ähnliche Unabhängigkeit zugestehen sollte, wie sie die Ungarn bereits besaßen. Das lief auf einen Zusammenschluss Dalmatiens, Kroatiens, Slawoniens und Bosniens hinaus. Eine reelle Chance hätte dieser Plan aus drei Gründen allerdings nicht gehabt: Zum einen war ja die serbische Frage keine rein österreichische Angelegenheit mehr. Zum andern sperrten sich die Ungarn, welche bisher über Kroatien und Teile der serbischen Siedlungsgebiete der südlichen Donaumonarchie regieren durften. Und schließlich stand der Plan des Erzherzogs in totalem Widerspruch zur großserbischen Nationalbewegung, für die Franz Ferdinand zum erklärten Feind wurde. Das europäische Spannungsfeld
Die politische Atmosphäre Europas im Frühsommer 1914 war spannungsgeladener denn je. In Petersburg setzte sich die Überzeugung durch, dass Österreich-Ungarn früher oder später die Bukarester Friedensbestimmungen von 1913 mit dem Machtzuwachs Serbiens nach dem »Zweiten Balkankrieg« kompensieren würde. Das musste nach russischer Auffassung zum Krieg führen. In Berlin diskutierten die Militärs Konsequenzen eines Präventivkriegs gegen Frankreich und Russland. Generalstabschef Helmuth Graf von Moltke (* 1848, † l916), 1906-1914 Schlieffens Nachfolger, hatte grünes Licht für die Vergrößerung der Präsenzstärke und Feuerkraft des deutschen Landheeres gegeben, was einen Zuwachs der Territorialstreitkräfte um 136000 Mann in den beiden folgenden Jahren bedeutete. Für die Atmosphäre Deutschlands am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist überhaupt kennzeichnend, dass der Wehrgedanke in der breiteren Öffentlichkeit große Resonanz gefunden hatte. Dafür sorgten der »Wehr- und Flottenverein« sowie der »Alldeutsche Verband«. Nach heutigen Maßstäben handelte es sich bei den damaligen Verteidigungsanstrengungen um eine »Nachrüstung«, denn im Vergleich zur französischen Heerespräsenzstärke war Deutschland zurückgeblieben. Freilich verlängerte Frankreich bei Bekanntwerden der deutschen Rüstungspläne seine Dienstzeit sofort auf drei Jahre. Selbst kleinere Länder wie Belgien, Holland und Schweden beteiligten sich damals am Wettrüsten. Große Rüstungsanstrengungen unternahm auch Russland, das aus der Niederlage gegen Japan Konsequenzen zog. Neueren Forschungen zufolge nahmen die deutschen Generalstäbler angesichts der allgemeinen Aufrüstung das Jahr 1916 als das »ernsteste Gefahrenjahr« an und schlossen einen alliierten Angriff nicht aus. Wenn man sich die Gesamtsituation des europäischen Kräftefelds unmittelbar vor Ausbruch des Krieges vergegenwärtigt, dann kann man nicht übersehen, dass ausgerechnet der einzige zuverlässige Bundesgenosse Deutschlands, eben Österreich-Ungarn, seit Jahrzehnten an einem kontinuierlichen Machtschwund litt. Der großen imperialistischen Expansion hatte sich die Donaumonarchie zwar ferngehalten, als sie aber dann auf dem Balkan zu Annexionen schritt, geriet sie sofort in den Doppelgegensatz zu Russland und dem großserbischen Nationalismus. Auch innenpolitisch wurde die Doppelmonarchie von Krisen geschüttelt. Die Unruhe unter den kroatischen und böhmischen Bevölkerungsgruppen drängte Wien zur »inneren Verteidigung«. Die kroatische Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, der böhmische Landtag 1913 geschlossen. So lag es im Bereich des Kalkulierbaren, dass in einer außergewöhnlichen Situation die Militärs zur Flucht nach vorne drängen würden, um die Monarchie zu retten, falls sie noch zu retten wäre. Einen Risikofaktor ersten Grades stellte 1914 auch Russland dar. Seit der Revolution von 1905, die nur durch liberale Reformen und Kompromisse zum Stehen gebracht werden konnte, bot das Zarenreich das Bild eines in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht äußerst labilen Systems, das aus Selbsterhaltungsgründen jederzeit zum »Schritt nach vorne« bereit schien. Russlands Verhältnis zur Donaumonarchie, zum Balkan und zum Türkischen Reich war aber nicht nur durch die bereits erwähnten Spannungen gekennzeichnet: Auch seine Beziehungen zu Deutschland verschlechterten sich, als Petersburg erfuhr, dass eine deutsche Militärmission in Konstantinopel ihre Arbeit zur Unterstützung der türkischen Armee aufgenommen hatte. Der russische Außenminister Sasonow kam daher zu der Schlussfolgerung, »dass der Kampf um Konstantinopel kaum ohne einen europäischen Krieg möglich wäre«. Seit den beiden Marokkokrisen stand ferner fest, dass die Brücken zwischen Deutschland und Frankreich abgebrochen waren. Präsident Poincaré ließ die Kapitalhilfe für Russland deutlich verstärken und zeigte sich bei der Interpretation der franko-russischen Allianz so großzügig und wohlwollend, dass man sogar befürchten musste, Paris könne die Balkanabenteuer der Russen unterstützen. Was das deutsch-englische Verhältnis am Vorabend des I. Weltkriegs angeht, so ist dieses durch folgende Gegebenheiten gekennzeichnet: Großbritannien hat bis zuletzt versucht, das zwischen den Staaten bestehende Flottenproblem durch ein Gentlemen’s Agreement zu lösen. Da dies misslang, blieb Deutschland in englischer Sicht der bedrohliche Gegner britischer Seeherrschaft. Was Deutschlands außenpolitische Situation im Jahre 1914 betrifft, so lässt sich nicht übersehen, dass infolge jahrzehntelangen unentschlossenen Schwankens zwischen Russland und England das Deutsche Reich in eine Isolierung geraten war, die 1914 ein enges Heranrücken an den Zweibundpartner Österreich-Ungarn notwendig machte, da Italien schon lange kein zuverlässiger Dreibundpartner mehr war. Bei Kriegsausbruch traten lediglich die Verlierer des Balkankriegs, die Türkei und Bulgarien, an die Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns. In ganz Europa gehen die Lichter aus
Mitten in jene hochgespannte politische Atmosphäre des sommerheißen Europa peitschten am 28. Juni 1914 die beiden Schüsse, die den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin töteten und zugleich der Monarchie gegolten hatten. Der von dem jugendlichen bosnischen Attentäter Gavrilo Princip verübte Doppelmord war von nationalistischen serbischen Verschwörern aus dem Geheimbund »Schwarze Hand« vorbereitet worden und sollte den serbischen Ministerpräsidenten zu extremen Schritten nötigen. Berliner Morgenpost 1914Die Schlagzeile der Berliner Morgenpost: Das in Sarajewo ermordete österreichische Thronfolgerpaar. Ein Attentat wird zum Zündfunken der in jahrelangen Spannungen angestauten Kriegsgefahr: Die permanente Balkankrise wird damit auch zur Initialzündung, die die Dominosteine der komplizierten Bündnisse in Bewegung setzt. Europa hielt den Atem an. Besorgt fragten sich viele: Was wird Österreich tun? Können die Großmächte im Falle einer Strafaktion gegen die serbischen »Königsmörder« tatenlos bleiben? Kaiser Franz Joseph und der deutsche Kaiser glaubten, dass sich die »Tripleentente« (England, Frankreich, Russland) heraushalten werde. Wien traute Berlin vor allem einen mäßigenden Einfluss auf Petersburg zu und wollte ohne deutsche Rückendeckung nichts unternehmen. Am Ballhausplatz in Wien wusste man nur zu genau, dass eine unüberlegte Aktion Russland mobilisieren könnte. Kaiser Franz Joseph und sein Außenminister Berchtold erfuhren nach Sondierungen in Berlin, dass Kaiser Wilhelm II. und der deutsche Reichskanzler von Bethmann Hollweg die »volle Unterstützung« auch bei ernsten europäischen Komplikationen zusicherten. Wilhelm II. drängte sogar auf eine Abrechnung mit den Serben, indem er dem deutschen Botschafter in Wien die kursbestimmende Weisung erteilte: »Jetzt oder nie!« Tags darauf begab er sich, um die Atmosphäre nicht noch zu überhitzen, auf seine geplante Nordlandreise. Berlin hatte also am 5. Juli 1914 Wien einen Blankoscheck ausgestellt! Wer allerdings schnelle Entschlüsse der österreichischen Regierung erwartet hatte, sah sich enttäuscht. Wochen vergingen, bis plötzlich in Belgrad am 23. Juli eine in kategorischem Ton gehaltene ultimative Note Wiens überreicht wurde, die Forderungen enthielt, deren Erfüllung die Souveränität des serbischen Staates infrage gestellt hätte. Österreich verlangte darin nichts weniger als ein öffentliches Geständnis der Belgrader Regierung, durch ihre Organe die gutnachbarlichen Beziehungen zur Donaumonarchie gefährdet zu haben, und forderte die Teilnahme österreichischer Beamter an der Untersuchung der Attentatshintergründe. Binnen 48 Stunden wurde dieses Begehren von serbischer Seite in bestimmter, aber sehr geschickter Form zurückgewiesen, nachdem sich die Regierung Pašic vorher russischer Hilfe versichert hatte. Am 25. Juli 1914, nachmittags 15 Uhr, befahl Serbien die Mobilmachung, um 21 Uhr ordnete Österreich die Teilmobilmachung von 8 Armeekorps an, ein Vorgang, den die deutschen Sozialdemokraten als »frivole Kriegsprovokation« werteten. Zur völligen Überraschung Berlins erklärte Österreich, um der Einmischung anderer Mächte zu entgehen, am 28. Juli Serbien den Krieg. Diesen Schritt hätte Wien ohne die deutsche Blankovollmacht nicht wagen können. Der Sprung nach vorn ist aus jenem Gefühl heraus erklärbar, das Kaiser Franz Joseph seinem Generalstabschef von Hötzendorf gegenüber so umschrieb: »Wenn die Monarchie schon zugrundegehen muss, so soll sie wenigstens anständig zugrunde gehen.« Die Ereignisse überschlugen sich jetzt. Am 30. Juli befahl Russland die Gesamtmobilmachung, obwohl weder Österreich noch Deutschland eine feindliche Absicht dem Zarenreich gegenüber hatten erkennen lassen. Einem Vorschlag des Staatssekretärs des Foreign Office, Sir Edward Grey, Österreich vor eine Botschafterkonferenz zu laden, stand Deutschland ablehnend gegenüber, weil Gespräche zwischen Wien und Petersburg in Aussicht gestellt waren, die einen schnelleren Erfolg versprachen. Das Misstrauen gegenüber einer tatsächlichen Chance zur politischen Bereinigung der nunmehr eingetretenen gefährlichen Situation, aber auch das Prestigedenken in beiden Lagern war indes so stark, dass es im Grunde aussichtslos schien, binnen weniger Stunden etwas abbauen zu wollen, was sich in langen Jahren angestaut hatte. Der deutsche Reichskanzler, der in der jüngsten Forschung wieder zu den Hauptschuldigen am Ausbruch des Weltkrieges gezählt wird, wollte am 5. Juli auf jeden Fall die Donaumonarchie erhalten und glaubte, den großen Krieg gerade dadurch zu verhindern, dass man ihn in Kauf nahm. Eine gefährliche, leichtsinnige Hoffnung! Die »Abrechnung mit Serbien« sollte stattfinden, damit die »Tripleentente« sich spaltete und Russland isoliert würde. Einen Weltbrand wollte von Bethmann Hollweg sicher nicht. Er hat sogar die leichtfertige Wiener Politik heftig kritisiert. Eine vorübergehende Besetzung Belgrads hätte er – wie übrigens auch England – toleriert. Aber so wie Berlin die Donaumonarchie nicht im Stich lassen wollte, so wollte schließlich Frankreich seine Allianz mit Russland nicht verraten. Und England wollte keinesfalls zusehen, wie Deutschland oder Russland in einem großen Konflikt siegten. Eine deutsche Kontinentalhegemonie konnte es ebenso wenig dulden wie eine russische, die für Indien, Persien und Afghanistan ernste Folgen haben würde. Aber schon überschlugen sich die Ereignisse, kapitulierten die Politiker vor ihren Militärs. Jene russische Mobilmachung vom 30. Juli – eine Teilmobilmachung gegen Österreich war angeblich aus technischen Gründen nicht möglich – hat einen Kriegsmechanismus in Gang gebracht, der eigenen Gesetzen gehorchte. Selbst die beschwörendsten Briefe Kaiser Wilhelms II. an »seinen Vetter Nicky« in Petersburg konnten nichts mehr bewirken. Zar Nikolaus II. wusste den Argumenten seines Generalstabs nichts entgegenzusetzen. Einen neuerlichen Prestigeverlust konnte er sich aus innenpolitischen Gründen nicht mehr leisten. Auch er hatte ja bereits das »Beben unter seinem Thron« verspürt. Österreich reagierte am 31. Juli mit seiner Gesamtmobilmachung, während der deutsche Generalstab über den deutschen Botschafter in Paris eine befristete Anfrage richten ließ, ob Frankreich in einem deutsch-russischen Krieg neutral bleiben werde. Im Falle der Zustimmung, die Berlin aber selbst bezweifelte, hätte man für die Dauer des deutsch-russischen Konflikts die Überlassung der Festungen Toul und Verdun gefordert. Paris gab aber dem deutschen Botschafter zu verstehen, dass Frankreich das tun werde, »was seine Interessen geböten«. Frankreich verkündete am 1. August, 15.55 Uhr, die allgemeine Mobilmachung. Eine Stunde später erfolgte die deutsche. Gegen den nachträglichen Einspruch der Militärs erklärte Deutschland sich mit Russland im Kriegszustand. Noch am Abend des gleichen Tages überschritten russische Kavallerie-Abteilungen die ostpreußische Grenze. Frankreich unterließ die Kriegserklärung. Diese erfolgte am 3. August durch Deutschland, das einen Grund brauchte, um von Belgien ein Durchmarschrecht erwirken zu können. Hier trat nämlich ein fataler Zusammenhang zwischen Kriegsführung und Politik in Erscheinung: Seit Jahren gab es den sogenannten »Schlieffenplan« des ehemaligen deutschen Generalstabschefs, der bei einem Zweifrontenkrieg vorrangig vor der Ostfront schnelles Handeln im Westen vorsah, bevor die gegnerischen Kräfte hier erst richtig zur Entfaltung kamen. Da der rechte Flügel der deutschen Armee von Norden her den linken Flügel der Franzosen umfassen sollte, schloss der Plan von vornherein eine Verletzung der belgischen Neutralität ein. Nur über Belgien nämlich ließ sich diese Offensive vortragen. Obgleich seit Jahren den Verantwortlichen dieser Plan bekannt war, hat niemand an dessen bedenklichen Konsequenzen Kritik angemeldet. Im August 1914 beriefen sich die Militärs auf Notwehr und trotzten dem deutschen Reichskanzler die fatale Verletzung belgischer Neutralität ab. Als deswegen England, das am 1. August seine Flotte in Alarmbereitschaft versetzt hatte, in ultimativer Form die Räumung belgischen Territoriums von deutschen Streitkräften verlangte, Deutschland aber dieser Forderung nicht nachkam, erklärte nun auch London den Krieg. Am 16. August reihte sich überraschend Japan in die Front der deutschen Gegner ein, nachdem ihm Deutschland die Übergabe des Pachtgebietes von Kiautschou verweigert hatte. Italien trat nicht an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg ein, weil es zur Unterstützung Österreichs gegen Serbien nicht verpflichtet war und weil die Kriegserklärung Deutschlands an Russland Rom das Recht gab, den Bündnisfall aus dem »Dreibundvertrag« als nicht gegeben zu betrachten. Italien erklärte sich deshalb am 2. August für neutral. Die neuere Forschung hat im Zusammenhang mit der Kriegsschuldfrage auf einen bemerkenswerten Umstand aufmerksam gemacht, der die psychologische Seite des Kriegsausbruchs beleuchtet. Demnach hatte sich in beiden Lagern so etwas wie ein Kriegsfatalismus ausgebreitet, der dem Gefühl entsprang: Früher oder später kommt die Katastrophe doch. Dazu muss man noch bemerken, dass damals wohl niemand, nicht einmal die Verantwortlichen, sich vorzustellen vermochten, wie denn ein Krieg angesichts der gegebenen militärischen, technischen, wirtschaftlichen und bevölkerungsmäßigen Bedingungen sich auswirken würde. Die Warnungen des älteren Moltke, dass ein künftiger Konflikt vielleicht zu einem dreißigjährigen Krieg werden könnte, schienen vergessen. Im deutschen Generalstab herrschte die Meinung, ein paar Schlachten würden eine rasche Entscheidung bringen. Nach dem Stand der heutigen Forschung kann von einer Alleinschuld Deutschlands und seiner Verbündeten nicht gesprochen werden, wenngleich die deutsche Politik dazu beitrug, Zustände zu schaffen, die einen Krieg wahrscheinlich machten. Natürlich konnten die Sieger von 1918 den Deutschen den Vorwurf machen, sie hätten Russland und Frankreich schließlich den Krieg erklärt. In Wirklichkeit bestand aber in allen Lagern das Gefühl, angegriffen worden zu sein. Man muss nur die Aufrufe der Regierungen betrachten. Kaiser Wilhelm II. verkündete aus voller Überzeugung in seinem Aufruf »An mein Volk«: »Mitten im Frieden überfällt uns der Feind.« Die Kriegsbegeisterung von 1914 in Deutschland ähnelte jener Aufbruchstimmung, wie sie 1813 im Zeitalter der Befreiungskriege beobachtet wurde. Dem deutschen Generalstabschef war sie freilich »bis in den Tod verhasst«. Das Volk bildete eine geschlossene Front hinter seinem Kaiser und Herrn, der im Überschwang des Gefühls verkündete: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!« Und selbst die Sozialdemokraten erklärten am 4. August im Reichstag: »Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.« Viel Wahrheit steckte in dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, der da meinte: »Keiner der führenden Männer hat den Krieg tatsächlich gewollt. Sie glitten gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus Torheit.« Die Nachdenklichen fühlten ähnlich wie der englische Außenminister Grey, der damals prophetisch und resignierend feststellte: »In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.«

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Info 22.11.2017 17:42
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