Der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918)

»Serbien muss sterbien! Jeder Stoß ein Franzos, Jeder Schuss ein Russ …« – Sprüche wie diese teils ahnungslos, teils leichtfertig zierten die Eisenbahnwaggons, die im August 1914 die deutschen Truppen zu den Fronten im Westen und im Osten brachten. Sie spiegelten auch die Stimmung breitester Kreise des deutschen Volkes wider, nicht nur des konservativen oder nationalgesinnten Bürgertums, sondern fast ohne Einschränkung auch der Sozialdemokraten. Viele Menschen, nicht nur in Deutschland, begrüßten begeistert den Krieg und rückten zusammen, um das bedroht geglaubte Vaterland zu schützen. Kaum einer konnte eine Ahnung haben von dem, was bevorstand, von Materialschlachten und Trommelfeuer, von Giftgas und Flammenwerfern, von U-Boot-Krieg und Panzerangriffen, von Hungerblockade und Revolution. Vielen Deutschen war noch der Feldzug von 1870 in Erinnerung: »Bis Weihnachten sind wir wieder zu Hause«, verabschiedeten sich viele, die nun hinauszogen ins Feld. Seitdem Russland am 30. Juli die Gesamtmobilmachung angeordnet hatte, wurden in Deutschland die politischen Entscheidungen endgültig nur noch von militärischen Erwägungen bestimmt. ReservistenIm Glauben an eine gerechte Sache: Siegessicher und begeistert fahren Reservisten in Erinnerung an die glorreichen Siege von 1870/71 1914 an die Westfront. Die Wirklichkeit der Machtverhältnisse sorgte für ein schreckliches Erwachen. Der fatale »Schlieffenplan«
Um dem längst befürchteten Zweifrontenkrieg wirksam begegnen zu können, hatte der frühere deutsche Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen (* 1833, † 1913) den nach ihm benannten »Schlieffenplan« entwickelt, der in seinen Grundzügen, vor allem in seinen politisch nachteiligen Aspekten, auch 1914 noch Gültigkeit besaß. Nach diesem Plan sollte, kurz gesagt, die Entscheidung im Westen fallen. Gewaltige deutsche Kräfte sollten durch Belgien hindurch von Norden her mit ihrem rechten Flügel in einer riesigen Umfassungsbewegung die französischen Truppen über Paris hinaus gegen die Schweizer Grenze und gegen die Vogesen drängen, um sie dort in einer ungeheuren Umfassungsschlacht zu vernichten oder zu entwaffnen. Erst dann sollte sich die Masse des deutschen Heeres gegen die Russen wenden, deren Aufmarsch man als langsam und schwerfällig einschätzte und die man bis zur Niederwerfung Frankreichs mit geringen Kräften hinzuhalten gedachte. Angesichts der russischen Mobilmachung und der komplizierten Aufmarsch-Pläne im Westen fügte sich der Reichskanzler von Bethmann Hollweg (* 1856, † 1921) den militärischen Argumenten; am 31. Juli wurde in Deutschland der »Zustand der drohenden Kriegsgefahr« verkündet, und am 1. August folgte die Kriegserklärung gegen Russland. Als sich Belgien weigerte, den deutschen Truppen kampflos den Durchmarsch durch sein Territorium zu gestatten, überschritten deutsche Verbände am 3. August die belgische Grenze, während am gleichen Tag die Kriegserklärung gegen Frankreich erfolgte. Durch dieses Vorgehen setzte sich Deutschland mehrfach ins Unrecht und lieferte der gegnerischen Kriegspropaganda die erwünschten Argumente. Von Bethmann Hollweg hatte, anstatt die Initiative der anderen Seite abzuwarten, an Russland und Frankreich den Krieg erklärt, sodass Deutschland als der eigentliche Friedensbrecher dastand. Er hatte ferner unter Missachtung geltender Verträge die Neutralität des kleinen Nachbarn Belgien gebrochen und dieses Vorgehen vor dem Reichstag aufs ungeschickteste verteidigt mit dem Argument: »Das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gutzumachen versuchen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist.« Es hätte nicht des törichten Wortes gegenüber dem englischen Botschafter bedurft, mit dem von Bethmann Hollweg den belgischen Neutralitätsvertrag als »einen Fetzen Papier« bezeichnete; England war durch den Neutralitätsbruch ohnehin herausgefordert und in seinen Interessen bedroht, und im übrigen hatte es bereits 1912 die Versicherung abgegeben, Frankreich gegen Deutschland beizustehen. Seit dem 4. August stand auch England mit Deutschland im Krieg, seit dem 6. August Österreich mit Russland. Weitere Kriegserklärungen hin und her erfolgten in den nächsten Wochen. Italien und Rumänien fühlten sich nicht an ihre Bündnisverpflichtungen gegenüber Deutschland und Österreich gebunden, da sie die Auffassung vertraten, Österreich habe mit seinem Angriff auf Serbien den Frieden gebrochen. So standen nun dem Block der beiden Kaiserreiche, den sogenannten »Mittelmächten« Deutschland und Österreich, die Mächte der »Entente«, Frankreich, England und Russland, dazu Serbien und Montenegro, gegenüber, eine Frontenbildung, die sich lange vor dem Kriegsausbruch abgezeichnet hatte. Im diplomatischen Ringen um weitere Bundesgenossen waren die »Mittelmächte« weniger erfolgreich als ihre Gegner. Während die ersteren nur die Türkei und Bulgarien für sich gewinnen konnten, traten auf die Seite der Gegner im Lauf des Krieges die meisten Staaten der Erde, darunter Japan, die ehemaligen Bundesgenossen Italien und Rumänien, und vor allem die USA, von den Kolonialreichen Englands und Frankreichs und von den britischen Dominions ganz zu schweigen. Postkarte 1914Propagandistische Versuche, Mut zu machen. Patriotische Kitschpostkarte zu Beginn des Ersten Weltkriegs. »Wunder an der Marne«: Die Deutschen müssen zurück
Doch schienen die ersten Erfolge des deutschen Angriffs im Westen der optimistischen Stimmung in der Bevölkerung recht zu geben. Die Belgier und Franzosen, dazu das zunächst noch kleine britische Kontingent wurden zurückgeworfen. Stürmisch drangen die deutschen Truppen in Nordfrankreich ein, überschritten noch im August die Marne und bedrohten bereits Anfang September Paris, sodass sich die französische Regierung genötigt sah, nach Bordeaux auszuweichen. Der »Schlieffenplan« schien, obwohl er in stark abgeschwächter Form ins Werk gesetzt wurde, zum Erfolg zu führen. Doch da traten mitten im unaufhaltsam erscheinenden Vormarsch Ereignisse ein, die der Plan nicht vorgesehen hatte. Teile des deutschen Heeres stießen, geführt von ehrgeizigen Truppenkommandeuren, zu weit vor, und überdehnten die Front in gefährlicher Weise, gleichzeitig stabilisierte der französische General Joffre, selbst unter Einsatz unkonventioneller Mittel, die französische Front und ließ zum Gegenangriff gegen die erschöpften deutschen Truppen antreten, was in der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) und in den Armeestäben weitere Verwirrung schuf. Der Chef des Generalstabs, der jüngere Moltke, ordnete den Rückzug von der Marne bis etwa auf die Höhe von Soissons an. Der Durchbruch der deutschen Truppen war abgewendet, Paris war gerettet durch das »Wunder an der Marne«, wie die Franzosen diese Wende bezeichneten. Indessen versuchten beide Parteien in immer weiter reichender Ausdehnung der Front nach Westen einander zu überflügeln und in einem »Wettlauf zum Meer« die Kanalküste und die Häfen zu erreichen. Der deutsche Versuch, die englischen Linien bei Ypern und Langemarck zu durchbrechen, scheiterte unter ungeheuren Blutopfern besonders unter den jugendlichen Freiwilligenverbänden. KriegslandschaftFrauen tragen die doppelte Last des Krieges. Getrennt von ihren im Feld stehenden Männern, hatten die Frauen nicht nur für ihre Familien zu sorgen, sondern z. B. auch Munition zu produzieren – ein bitterer Weg zur Emanzipation. Stellungskrieg im Westen
Das Ende war, dass im Spätherbst 1914 die gesamte Westfront von der Kanalküste bis zur Grenze der Schweiz im Stellungskrieg erstarrte und dass es fortan bis 1918 keiner der kämpfenden Parteien gelang, einen Durchbruch durch die gegnerischen Linien zu erzwingen. Die Offensiven der nächsten Jahre brachten wechselnde Geländegewinne, aber keine Entscheidung. Überspitzt ausgedrückt, könnte man sagen, dass damit der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war, denn in den kommenden Zermürbungs- und Materialschlachten musste sich die Überlegenheit der Gegner an Menschen und Hilfsquellen jeder Art immer deutlicher bemerkbar machen. Stabschef den Generalmajor Erich Ludendorff zur Seite. Ihnen gelang es, durch die beiden bedeutenden Siege bei Tannenberg und an den Masurischen Seen die Russen vom Boden des Reiches zu vertreiben und die Lage an der deutschen Ostgrenze zu stabilisieren (August bis September). Kritischer war die Situation der Österreicher, die Mühe hatten, den kleinen Nachbarn Serbien niederzuringen. Im Kampf gegen Russland mussten sie nach anfänglichen Erfolgen Galizien räumen und sich auf die Karpaten zurückziehen. Das Eingreifen deutscher Truppen brachte eine gewisse Entlastung, sodass im Jahre 1915 eine Gegenoffensive das verlorene Terrain zurückgewann. Zur großen Entscheidungs- und Vernichtungsschlacht, die Hindenburg im polnischen Raum zu schlagen gedachte, fand sich die Oberste Heeresleitung (OHL), deren Chef mittlerweile General von Falkenhayn war, nicht bereit. Äußerlich betrachtet, war die Lage der »Mittelmächte«, auch die des Türkischen Reiches nach der erfolgreichen Verteidigung der Dardanellen gegen die Engländer und Australier (1915), am Ende des zweiten Kriegsjahres nicht ungünstig. Das eigene Staatsgebiet war vom Krieg verschont, die Fronten verliefen im Wesentlichen weitab von den Grenzen durch das Gebiet der Gegner. Und doch hatte die Situation der »Mittelmächte« etwas von der Situation einer belagerten Festung, die sich zwar hielt und noch lange halten mochte, die aber, durch den Ring der Belagerer abgeschnürt von jeglicher Zufuhr, irgendwann den Mangel an Hilfsmitteln spüren musste. SoldatZermürbender Stellungskrieg: Nach ersten Vorstößen erstarrte die Frankreichfront schon im Spätherbst 1914 zum Stellungskrieg, eine für die an schnelle Erfolge gewöhnte deutsche Armee ernüchternde Erfahrung und tödliche Gefahr, konnte doch nun der Gegner seine Materialüberlegenheit ausspielen. Bild: Britische Stellungen an der Somme (1915). Diese Situation wurde erst so richtig offenbar, als die Engländer von 1915 an durch ihre Flotte eine totale Blockade über die Nordsee verhängten und damit deutschen Schiffen den Zugang zu den Weltmeeren versperrten. Eine Unterstützung der Kolonien war angesichts der weiten Entfernungen ohnehin nicht möglich. Sie wurden nacheinander von den Japanern, Engländern und Franzosen erobert; lediglich in Deutsch-Ostafrika konnte sich die kleine Kolonialtruppe unter dem General von Lettow-Vorbeck in einem zähen Kleinkrieg halten. Zwar wurde von deutscher Seite eine Gegenblockade durch die U-Boot-Waffe versucht; sie erwies sich aber trotz überraschender Anfangserfolge als weniger wirksam, insbesondere weil auch die amerikanische Regierung nach der Versenkung des britischen Schiffs Lusitania, mit dem auch 128 Amerikaner untergingen, gegen den uneingeschränkten U-Boot-Krieg protestierte und mit dem Kriegseintritt der USA drohte. Die deutsche Schlachtschiff-Flotte, Lieblingskind Kaiser Wilhelms II., ließ man im Schutz der deutschen Küste, um sie nicht der Vernichtung durch die überlegene englische Flotte auszusetzen. Nur einmal, im Mai 1916, kam es vor dem Skagerrak zu einem großen Kräftemessen zwischen den deutschen und englischen Panzerriesen, bei dem die junge deutsche Flotte der englischen durchaus ebenbürtig war. Die englischen Verluste an Schiffen und Mannschaften waren erheblich höher als die deutschen; aber die englische Blockade wurde nicht aufgebrochen. Die deutsche Flotte kehrte im berechtigten Gefühl, eine Seeschlacht gewonnen zu haben, in ihre Häfen zurück: ein taktischer Erfolg, aber keine Entscheidung. Die »Hölle von Verdun«
Die Entscheidung fiel auch nicht dort, wo der Chef der Obersten Heeresleitung, General v. Falkenhayn sie suchte, nämlich an der Westfront. Nach seiner Absicht sollte Frankreich dort, wo es am stärksten war, vor der Festung Verdun, durch unablässige deutsche Angriffe zu einer verderblichen Konzentration seiner Kräfte und zu einem unüberlegten Angriff verleitet werden; dann gedachte Falkenhayn die »Blutpumpe« anzusetzen, und die französischen Armeen sollten in der Kraterlandschaft des Trommelfeuers verbluten. Statt dessen versuchten die deutschen Truppen unter Führung Prinz Wilhelms die wichtigsten Festungen zu erobern – was ihnen mit größten Opfern nur im Falle einiger weniger Forts wie Douaumont gelang – und verbluteten so selbst. Vom 21. Februar bis zum 9. September 1916 tobte diese bisher größte und schrecklichste Materialschlacht der Kriegsgeschichte. Vor allem die Namen der Forts Douaumont und Vaux wurden zu Symbolen ungeheurer Blutopfer auf beiden Seiten. Als die Schlacht schließlich verebbte, da hatte die »Blutpumpe« auch der deutschen Angriffsarmee das Blut aus den Adern gepumpt. Mehr als eine halbe Million deutscher und französischer Soldaten waren in dem Inferno vor Verdun zugrunde gegangen. Rund 1,2 Millionen Opfer – 700000 auf alliierter und 500000 auf deutscher Seite – forderte die vergebliche Entlastungsoffensive der Engländer und Franzosen an der Somme zwischen Juli und September 1916. Als im August 1916 die Sieger von Tannenberg, Hindenburg und Ludendorff, an die Spitze der Obersten Heeresleitung traten, erhielt die Siegeszuversicht breiter Kreise des deutschen Volkes trotz aller Verluste einen irrationalen neuen Auftrieb, der auch dadurch etwas berechtigt erschien, dass im September des gleichen Jahres die russischen Durchbruchsversuche in den Karpaten unter großen Verlusten für die Angreifer zurückgewiesen wurden. Da sich im Herbst 1916 auch die österreichische Stellung gegen Italien (seit 1915 im Krieg) festigte und der andere neue Kriegsgegner Rumänien bis zum Dezember völlig niedergeworfen wurde, war gegen Jahresende wenigstens das militärische Gleichgewicht zwischen den kämpfenden Parteien wieder einigermaßen hergestellt. VisionKitsch und Hetze. »Die Vision des verwundeten Kriegers«. Bildpostkarte aus dem Jahre 1917. Kampf bis zum Verbluten
Bericht über die Schlacht bei Paschendaele
Nach dem einleitenden Bombardement, das mit wachsender Intensität sechzehn Tage dauerte, und der Erwiderung der deutschen Geschütze bestand die ganze Erdoberfläche nur noch aus einer Reihe ineinandergreifender Granattrichter, die zur Hälfte mit gelbem, schlammigem Wasser angefüllt waren. Hunderte und aber Hunderte unverwundeter Leute, die, während sie zum Angriff vorrückten, in diese Tümpel fielen, sind darin ertrunken. [...] Die Artillerie und die Tanks blieben im Sumpf stecken, unverwundete Soldaten zu Hunderten und Verwundete zu Tausenden versanken unrettbar im Schlamm. Monatelang kämpften Hunderttausende britischer Soldaten sich durch diesen Schlamm hindurch. Sie deckten sich und schliefen in Schlammlöchern. Wenn sie vorwärts wateten, wurden sie niedergeschossen. Wenn sie verwundet wurden, ertranken sie im Kot. Aber die Überlebenden schleppten sich vier Monate lang von einem Granattrichter zum anderen und rückten im Monat ungefähr eine Meile weit vor. Eine Tragödie heldenhafter Ausdauer spielte sich in diesem Schlammmeer ab. Totaler Krieg – Not der Zivilbevölkerung
Dennoch war jeder Optimismus fehl am Platz. Immer deutlicher wurden die Folgen der englischen Seeblockade, die Deutschland von jenen Rohstoffen der Welt abschnitt, über die andererseits die Alliierten uneingeschränkt verfügten. Immer deutlicher wurden auch die Folgen für die Zivilbevölkerung. Ludendorff, der mehr und mehr in die Stellung eines Militärdiktators hineinwuchs, verkündete den totalen Krieg. Strenge Rationierung der Lebensmittel, Frauenarbeit in der Rüstungsindustrie u.a. wurde verhängt. Die Lage verschärfte sich im Winter 1916 auf 1917 in manchen Regionen zu einer Hungersnot, die ihre Opfer auch unter der Zivilbevölkerung fand. In diesem sogenannten »Steckrübenwinter« musste man sich als Ersatz für Kartoffeln oder Brot vielfach mit Kohlrüben behelfen, aus denen man, wie eine zeitgenössische Quelle empfiehlt, allerlei Leckerbissen, wie Steckrübenpudding, Steckrübenkoteletts, Steckrübenklöße und anderes mehr herstellen sollte. Die Stimmung in der Bevölkerung und auch im Heer verschlechterte sich, insbesondere weil man mit ansehen musste, wie einzelne »Kriegsgewinnler« am Krieg kräftig verdienten bzw. in der Etappe hinter der Front ein angenehmes oder gar prasserisches Leben führten. Angesichts der ungeheuren Opfer und der unentschiedenen militärischen Lage, dennoch aus einer Position der Stärke, machten die »Mittelmächte« im Dezember 1916 ein Friedensangebot, das allerdings von den »Ententemächten« zurückgewiesen wurde, weil es keine präzisen Vorschläge enthielt. Auch die Vermittlungsversuche des amerikanischen Präsidenten Wilson im Dezember 1916 hatten keinen Erfolg. Die Schwäche der deutschen Friedenspolitik lag darin, dass keine Einigkeit über die Kriegsziele bestand. »Verständigungsfriede« oder »Siegfriede« – das war die Frage: die herrschenden Kreise setzten auf Sieg und forderten entsprechend der jahrzehntelang eingeübten Ideologie Eroberungen und Annexionen. Breite Kreise erwarteten einen Preis für die ungeheuren Opfer, die erbracht worden waren. An der Frage der richtigen weiteren Politik war auch der innenpolitische »Burgfriede« der Parteien zerbrochen. Schon im März 1916 hatte sich die Reichstagsfraktion der SPD von einer linken Gruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg getrennt, die sich »Spartakusbund« nannte und zum Kern einer neuen Partei, der »Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands« (USPD) wurde. KriegsplakatDas immer wieder so »beliebte« Hunnenmotiv, dieses Mal auf Deutsche angewandt. »Schlagt die Hunnen zurück …«. Amerikanisches Kriegsplakat. Hunger in Deutschland als Folge der britischen Seeblockade
Amtlicher Bericht von 1917
Nach den Berechnungen kamen im Jahre 1916 nur 130 Gramm Eiweiß und 1344 Kalorien in der Großstadt auf Kopf und Tag der Bevölkerung, während 2569 als erforderlich festgestellt sind, also die Hälfte. Im Frühjahr 1917 gingen die Mengen auf 30 Gramm und 1100 Kalorien zurück. Die Steigerung der Sterbefälle der deutschen Bevölkerung betrug im Jahre 1915: 9?%, 1916: 14%, 1917: 32%, 1918: 37%. Bei den sechs- bis fünfzehnjährigen Kindern betrug die Zunahme der Sterbefälle 55%. Im Reichsamt des Innern wurden hiernach die Todesopfer der Blockade im Jahre 1917 auf 260000, im Jahre 1918 auf 294000 und insgesamt von 1915 bis 1918 auf 763000 errechnet. Das »Epochenjahr« 1917
Russische Revolution und Friedensmöglichkeiten

Das Jahr 1917 brachte zwar noch lange keine Entscheidung, aber Ereignisse von weittragender Bedeutung. Noch während der amerikanische Präsident Wilson seine Parole »Frieden ohne Sieg« vertrat, entschloss sich der Kaiser, wieder unter dem Druck militärischer Argumente und gegen den Willen des Reichskanzlers, dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg zuzustimmen, d. h., jedes Schiff, auch jedes neutrale, das in eine bestimmte Sperrzone um England geriet, angreifen und torpedieren zu lassen. Die Warnung vor dem unvermeidlichen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde mit dem Argument vom Tisch gewischt, dass England durch die Gegenblockade noch vor einem Eingreifen der Amerikaner zum Frieden gezwungen werden könne. Die Sympathien der Amerikaner waren ohnehin eher auf der Seite der »Entente«-Mächte; die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs gab den Ausschlag dafür, dass die USA am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte und damit erstmals entscheidend in die europäischen Verhältnisse eingriff. MarschSächsische Infanterie auf dem Marsch durch das zerstörte Orchies. Deutschland lernte ähnliche Zerstörungen erst im Zweiten Weltkrieg kennen. Das zweite Ereignis von weittragender Bedeutung war der Ausbruch der Russischen Revolution und der Sturz des Zaren im Februar (März) 1917. Als die neue, bürgerliche Regierung in Russland sich entschlossen zeigte, den Krieg weiterzuführen, da gab Ludendorff die Erlaubnis, dass Lenin aus der Schweiz durch das Reichsgebiet nach Schweden und weiter nach Russland fuhr, um dort die Revolution weiterzutreiben und Russland aus dem Krieg herauszuführen. Im Oktober (November) 1917 stürzte Lenin die bürgerliche, kriegs willige Regierung Kerenskij, und im Dezember wurde der Waffenstillstand zwischen Deutschland und Russland geschlossen. Nach langwierigen Verhandlungen akzeptierte die russische Delegation am 3. März 1918 in Brest-Litowsk die harten Friedensbedingungen, die dem russischen Reich vor allem schwere territoriale Verluste zufügten (Verlust Livlands, Kurlands, Estlands, Litauens, Ostpolens, Verselbstständigung der Ukraine und Finnlands). Inzwischen hatte im Januar 1918 der amerikanische Präsident noch einmal ein grundlegendes Programm zu einem Versöhnungsfrieden vorgelegt. Die »Vierzehn Punkte« Wilsons forderten u. a. die Wiederherstellung Belgiens, die Abtretung von Elsass-Lothringen an Frankreich, die Räumung Russlands durch Deutschland und die Selbstbestimmung der Völker Österreichs und der Türkei. Darüber hinaus entwickelte Wilson ein Programm für eine bessere, friedliche, demokratische Welt nach dem Ende des Krieges. Doch in Deutschland herrschte skeptische Zurückhaltung; nicht alle Punkte erschienen diskussionswürdig; erst gegen Ende des Krieges erinnerte man sich wieder der »Vierzehn Punkte«. Die Hoffnungen, welche die OHL mit dem U-Boot-Krieg verbunden hatte, erfüllten sich nicht. Zum einen war England trotz hoher Verluste an Schiffen nicht in die Knie zu zwingen, und zum anderen konnten die amerikanischen Truppen viel früher als erwartet an der Westfront eingreifen. Bis Juli 1918 standen bereits Hunderttausende ausgeruhter amerikanischer Soldaten in Frankreich; und auch das Ausscheiden Russlands brachte nicht sofort die erwarteten Erleichterungen. Dennoch waren Reichsregierung und OHL unter dem unheilvollen Einfluss Ludendorffs nicht bereit, einen Kompromissfrieden zu erwägen. Vielmehr gedachte man alles auf eine Karte zu setzen und durch eine gewaltige Offensive in Frankreich den Durchbruch und damit die Entscheidung zu erzwingen. Die Möglichkeit, die damit verbundenen Verluste wieder durch Reserven auszugleichen, bestand allerdings nicht mehr. Wilsons vierzehn Punkte vom 8. Januar 1918 (Auszüge)
1. Alle Friedensverträge sind öffentlich und werden öffentlich geschlossen, und nach diesen Verträgen dürfen keine geheimen internationalen Vereinbarungen irgendwelcher Art mehr getroffen werden …
2. Vollkommene Freiheit der Schifffahrt auf dem Meere außerhalb der territorialen Gewässer im Frieden sowohl wie im Kriege …
3. Möglichste Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken und Aufstellung der Gleichheit der Handelsbeziehungen unter allen Nationen …
4. Angemessene wechselseitige Garantien, um die Rüstungen eines jeden Landes auf das … Mindestmaß zurückzuführen.
5. Ein freier, vorurteilsloser und unbedingt unparteiischer Ausgleich aller kolonialen Ansprüche, der auf der strengen Achtung des Grundsatzes beruht, dass bei der Entscheidung aller derartigen Souveränitätsfragen die Interessen der beteiligten Bevölkerung gleiches Gewicht haben wie die berechtigten Ansprüche der Regierungen …
6. Die Räumung des gesamten russischen Gebietes und die Regelung aller Russland betreffenden Fragen …, um Russland die Möglichkeit zu geben, ungehemmt und unbeirrt eine unabhängige Entscheidung über seine eigene politische und nationale Entwicklung zu treffen …
7. Belgien muss … geräumt und wiederhergestellt werden …
8. Das gesamte französische Gebiet soll befreit und der mit Krieg überzogene Teil wiederhergestellt werden; das Unrecht, das Preußen im Jahre 1871 in Bezug auf Elsass-Lothringen der französischen Nation zugefügt hat …, soll wieder gutgemacht werden …
9. Die Berichtigung der italienischen Grenze soll bewirkt werden, und zwar nach den klar ersichtlichen nationalen Scheidelinien.
10. Den Völkern von Österreich-Ungarn … soll die freieste Gelegenheit zu einer autonomen Entwicklung geboten werden.
11. Rumänien, Serbien und Montenegro müssen geräumt, die besetzten Länder wiederhergestellt werden. Serbien soll einen freien und sicheren Zugang zum Meere erhalten …
12. Den türkischen Teilen des jetzigen Osmanischen Kaiserreichs soll eine ungefährdete Selbstständigkeit sichergestellt werden; auch den andern Nationalitäten, die jetzt unter türkischer Herrschaft stehen, soll eine unzweifelhafte Sicherung ihres Lebens verbürgt werden … und Gelegenheit zu autonomer Entwicklung ermöglicht werden. Die Dardanellen sollen dauernd als freie Durchfahrt unter internationalen Garantien den Handelsschiffen aller Nationen geöffnet werden.
13. Ein unabhängiger polnischer Staat soll geschaffen werden, der alle Gebiete umschließt, deren Bewohner unbestreitbar Polen sind; ein freier und sicherer Zugang zum Meere soll ihm gewährleistet werden …
14. Eine allgemeine Vereinigung der Nationen muss gebildet werden …
Amerikanische Truppen an der französischen Front
Erinnerungen des französischen Generals Pierrefeu
Der Eindruck, den diese anscheinend unerschöpfliche Flut blühender, kraft- und gesundheitsstrotzender Jugend auf die schwergeprüften Franzosen machte, war überwältigend. Keiner war unter zwanzig und nur wenige über dreißig Jahre alt. So wie sie in ihren Lastwagen die Straße entlangratterten, die Lieder einer neuen Welt mit erhobener Stimme singend, vor Begierde brennend, das blutige Schlachtfeld zu erreichen, schienen sie dem französischen Hauptquartier wie der Pulsschlag eines neuen Lebens. Jedermann fühlte, dass er bei der magischen Operation einer Bluttransfusion zugegen war. Neues Leben flutete herein, um den verstümmelten Leib Frankreichs wieder zu heilen, der sich vier lange Jahre hindurch aus unzähligen Wunden verblutet hatte. KriegslandschaftScharfschießen auf jeden einzelnen angreifenden Gegner: das andere, so unmenschliche und erschreckende Gesicht des Stellungskrieges in der von Einschlagtrichtern zernarbten Kriegslandschaft. Die militärische Entscheidung 1918
Vom März bis zum Juli stürmten die deutschen Armeen noch einmal in mehreren Offensiven gegen die Stellungen der Alliierten an. Es kam zu großen Geländegewinnen; die Engländer wurden über die Somme gedrängt, die Marne wurde noch einmal erreicht, Compiègne nördlich von Paris bedroht; aber der Durchbruch gelang an keiner Stelle, so wenig wie im Sommer 1914. Am 18. Juli ließ der französische Marschall Foch, inzwischen Oberbefehlshaber über alle alliierten Truppen in Frankreich und Belgien, zum Gegenangriff antreten. Er verfügte über die frischen amerikanischen Verbände, über neues Kriegsmaterial und vor allem über eine erdrückende Überlegenheit an Tanks (Panzer), jener Waffe, die von den Engländern bereits 1917 in der Tankschlacht von Cambrai erfolgreich eingesetzt worden war. Der Einbruch der englischen Tanks in die deutschen Stellungen am 8. August 1918 wurde zum »schwarzen Tag des deutschen Heeres«, wie Ludendorff selbst einräumte, und von da an war der Rückzug auf die sogenannte »Siegfriedstellung« unaufhaltsam und ging weiter bis zu einer Widerstandslinie, die bis zum Waffenstillstand noch belgisches und, in geringerem Maß, auch noch französisches Gebiet umschloss. TankWachsende Zerstörung durch erhöhten Materialeinsatz. Rückeroberung von Fontaine nach der Tankschlacht von Cambrai im Jahr 1917, in der erstmals in großem Umfang diese neue Tank-Waffe eingesetzt wurde. Auch die Bundesgenossen Deutschlands waren am Ende. Am 30. September schloss Bulgarien, am 30. Oktober die Türkei Waffenstillstand. Der österreichische Kaiser, seit 1916 Karl I., setzte am 27. Oktober den deutschen Kaiser Wilhelm II. davon in Kenntnis, dass sein »Volk weder imstande noch willens ist, den Krieg weiter fortzusetzen« und dass er um Waffenstillstand nachsuchen werde. Am 3. November erhielt er ihn. Das Habsburgerreich begann sich aufzulösen. In diesen krisenhaften Tagen verlor Ludendorff offenbar die Nerven. Brüsk und ohne Vorankündigung forderte er am 29. September die Reichsregierung auf, sofort Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen, da er bei einem Großangriff der Gegner eine Katastrophe für das Heer fürchte. Das Angebot musste fast einer Kapitulation gleichkommen; darüber war man sich sowohl in Berlin als auch im Hauptquartier der OHL im klaren. Darum wandte sich auch der neue Reichskanzler, Prinz Max von Baden, am 3. Oktober noch einmal an Hindenburg und erhielt die Auskunft, nach menschlichem Ermessen bestehe »keine Aussicht mehr, dem Feind den Frieden aufzuzwingen«. Damit hatte die Oberste Heeresleitung noch einmal eindeutig die militärische Niederlage eingestanden, und der Reichsregierung blieb daraufhin nichts anderes zu tun, als in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober in einem Telegramm an Wilson um Waffenstillstand auf der Grundlage der »Vierzehn Punkte« nachzusuchen. Um den erwarteten Forderungen nach einer Demokratisierung des Reiches zuvorzukommen, hatte die OHL am 3. Oktober nicht nur der Berufung des liberalen Prinzen Max, sondern auch einer Parlamentarisierung der Reichsregierung zugestimmt. Im neuen Kabinett saßen auch Zentrumsangehörige und Sozialdemokraten. Das undemokratische »Dreiklassen-Wahlrecht« in Preußen, Stein des Anstoßes für die westlichen Demokratien, wurde mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Wie ablehnend die OHL im Grunde die Entwicklung betrachtete, geht daraus hervor, dass Ludendorff, kaum war die Verbindung zu Wilson geknüpft und der Notenwechsel im Gang, plötzlich wieder die Fortsetzung des Krieges verlangte. Am 26. Oktober forderte er und erhielt er schließlich seinen Abschied vom Kaiser – zu früh, denn so konnten später er und mit ihm die nationalistische Propaganda die Verantwortung für das Ende, für den Waffenstillstand und für den Frieden den Politikern des Zentrums und der Sozialdemokraten aufbürden. Die Dolchstoßlegende
Das war die Geburtsstunde der sogenannten »Dolchstoßlegende«, nach der die Sozialisten der »im Felde unbesiegten Armee« von hinten den Dolch zwischen die Schultern gestoßen habe, eine Geschichtslüge, die die politische Atmosphäre der künftigen Republik tödlich vergiften sollte. Die revolutionären Ereignisse der Endphase des Krieges traten erst nach dem Eingeständnis der Niederlage durch die militärischen Befehlshaber ein. In den letzten Oktobertagen 1918 begannen die Matrosen der deutschen Hochseeflotte, die in der Kieler Förde lagen, zu meutern, als Gerüchte auftauchten, die Schlachtflotte solle zu einer letzten heroischen Fahrt auslaufen, um die Ehre der Marine zu retten, die so lange tatenlos in ihren Häfen gelegen hatte. Anfang November griffen die Unruhen auf andere Städte über; es bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Am 7. November floh der bayerische König aus seiner Hauptstadt, am 9. November wurde in Berlin die Republik ausgerufen; am 10. ging der Kaiser ins Exil nach Holland. Unter dem Eindruck all dieser Ereignisse traf die deutsche Waffenstillstandsdelegation, an ihrer Spitze der Zentrumspolitiker Erzberger, am 8. November im Wald von Compiègne auf den Sieger, auf Marschall Foch. Am 11. November wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Das war das Ende des bis dahin größten technisierten Völkergemetzels, erstmals unter Einsatz von Flugzeugen, U-Booten, Panzern, unter Verwendung von Maschinenwaffen, modernen Transportmitteln und Giftgas. KriegDas Ende aller Kriege: Gräber von Soldaten aus aller Welt, von Vätern, Söhnen, Brüdern, Kindern. In Frankreich, Russland, Italien, Deutschland … Soldatenfriedhof des Ersten Weltkriegs bei Douaumont/Verdun. Menschenverluste des 1. Weltkrieges
Gefallene
Deutschland: 1,8 Millionen
Russland: 1,7 Millionen
Frankreich: 1,4 Millionen
Österreich und Ungarn: 1,2 Millionen
Großbritannien: 950000 Tausend
Italien: 460000 Tausend
Türkei: 330000 Tausend
USA: 120000 Tausend
Verwundete
Russland: 4,9 Millionen
Deutschland: 4,2 Millionen
Österreich und Ungarn: 3,6 Millionen
Frankreich: 3,1 Millionen
Großbritannien: 2,1 Millionen
Italien: 970000 Tausend
Türkei: 400000 Tausend
USA: 150000 Tausend Der Erste Weltkrieg war zu Ende, der Friede noch nicht gewonnen.

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Info 22.11.2017 17:35
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