Die Burg – Status- und Machtsymbol

Unter allen Bauwerken im Mittelalter ist die Burg, bedingt durch einmalige politische, soziologische und wehrtechnische Voraussetzungen, eine typische und nur in dieser Zeit mögliche Erscheinung im Bauwesen. Wehrbauten gab es längst zuvor und lange danach, jedoch hier wie da in Formen, die nicht als Stil- oder Entwicklungsstufe des Typs Ritterburg = Herrenburg gelten können. Es gingen Volksburgen, Refugien, Wallanlagen voraus, und es folgten Festungen, Feldlager etc. Die Burg als Herrschaftssitz eines einzelnen jedoch konnte nur im Feudalsystem des Hochmittelalters entstehen, also in der Zeit, als das Lehnswesen alle rechtlichen und den Besitz zwischen den Menschen betreffenden Fragen regelte. Ihre höchste Blüte fand die Entwicklung dieses Bautyps in Deutschland in der Stauferzeit. Burgen wurden zu allen Zeiten angelegt, weil die Menschen ein Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit hatten, weil sie Angriffe auf Leib und Leben oder den Raub ihrer Habe befürchteten. Deshalb suchten sie schon immer einen Ort der Geborgenheit vor Unsicherheit und Bedrohung. Die Ritterburg des Hochmittelalters spiegelt dieses Bedürfnis auch wieder, aber sie ist insofern eine Sonderform, als sie das Ergebnis einer Entwicklung im Staatswesen und Gesellschaftsgefüge war: die Welt des Mittelalters war eine aristokratische Welt, deren Geschichte von den Taten und Entscheidungen des weltlichen und geistlichen Adels bestimmt wurde. Das Lehnswesen bestimmte die Art und Weise, wie Herrschaft sich damals darstellte. Die Burg, Mittelpunkt einer Herrschaft, diente den Besitzern als Wohnsitz. Das Bauwerk, eine Verkörperung von Stärke und Wehrhaftigkeit, war Status- und Machtsymbol. Durch den Aufstieg des Rittertums im 12. und 13. Jahrhundert kam der Burgenbau zu höchster Blüte. Größe und Umfang des zu einer Burg gehörigen Herrschaftsgebietes waren demnach ausschlaggebend für die Burgendichte eines Landes, eines Gaues oder Bezirks. Nachdem das Recht des Königs und später des Hochadels, allein Burgen bauen zu dürfen, durch deren Machtverfall verloren war, konnten Burgen des niederen Adels unkontrolliert da entstehen, wo der betreffende Ritter dies wünschte. Immerhin waren Einschränkungen möglich, wo die Territorialmacht einzelner Länder ein Bauverbot aussprach oder eine Genehmigungspflicht durchsetzen konnte. Die Verbreitung der Burgen in der Landschaft war auch abhängig von der Verbreitung und Gliederung des Adels und der unterschiedlichen Form der Herrschafts- und Territorialbildung (d. h. der Entstehung von Landesherrschaft). Die Gegebenheiten des Geländes waren für den Burgenbau wichtiger als die Dichte der Besiedlung. Von Bedeutung waren auch verfassungsrechtliche Gegebenheiten. In Gebieten mit gefestigter Herrschaft in einem größeren Territorium gab es weniger Burgen als da, wo gleichwertige Anwärter auf die Herrschaft sich um die Macht stritten. Weniger Burgen wurden auch dort gebaut, wo der Adel nicht in der Lage war, Burgen zu bauen oder sich in Stadthäusern, Wohntürmen in größeren Siedlungen konzentrierte. Endlich waren Anreiz zur Herrschaftsbildung und die jeweilige politische Entwicklungsstufe der Adelsgesellschaft in verschiedenen Zeiträumen wichtige Faktoren für Förderung, Stagnation oder Ausfall im Burgenbau. Ein weiteres Motiv zum Burgenbau war ihre Schutzfunktion, wobei Schutz des Umlandes und die Überwachung von Verkehrswegen nicht immer an erster Stelle standen. Geschützt werden mussten Siedlungen, Bergwerke, landwirtschaftliche Anbaugebiete, zumal der Weinbau und die Wälder. Um diesen Ansprüchen zu genügen, war es bei der Wahl der Baustelle wichtig, Vorteile, die die Landschaft gewährte, zu nutzen. Ursprünglich saßen die Adeligen in unbefestigten Höfen in der Dorfgemeinschaft. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg des Adels, der eine stärkere Betonung von Standesunterschieden bewirkte, bahnte sich auch die räumliche Scheidung des adeligen Herrn von den bäuerlichen Untertanen an. Die Folge war eine fortschreitende Intensivierung und Isolierung der Herrschaft. Für die Burg musste nun im Gelände ein Platz gefunden werden, der Sicherheit bot und den Bau als Herrschaftssitz und Herrschaftssymbol nach dem Grundsatz: »sehen und gesehen werden«, sinnfällig darstellte. Geografischer Ort und Bautechnik
Günstige Voraussetzungen für den Burgenbau waren dort gegeben, wo sich geeignete Bauplätze anboten, wo brauchbares Baumaterial in der Nähe vorhanden war und genügend ausgebildete Bauarbeiter zur Verfügung standen. Als Baumaterial dienten Bruchsteine, die beim Aussprengen der Gräben anfielen ebenso wie zu Quadern mit und ohne Bossen (vorstehende glatte bzw. unbearbeitete Steinflächen) verarbeitete Blöcke. Ferner Findlinge, Bachkiesel und nach örtlicher Gegebenheit Ziegelsteine. Zum Ausbau wurde Holz benötigt, Hartholz – Eiche und Buche – für Tragbalken und Stützen, Weichholz für Verschalungen oder Vertäfelungen. Zur Dachdeckung nahm man Stroh, Schilf, Schindel, Ziegel oder Steinplatten. Erwies sich eine Baustelle über weite Zeiträume günstig, so lag es nahe, den Platz wiederholt zu benutzen und die Bebauung dem jeweiligen Stand der Wehrbauentwicklung anzupassen. Bei der Platzwahl waren hingegen nicht nur strategische Gesichtspunkte maßgebend, es war ebenso die Versorgung der Burgbewohner sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten sicherzustellen. So sollte beispielsweise ein landwirtschaftliches Anwesen mit einer entsprechenden Anbaufläche in erreichbarer Nähe liegen. Vor allem aber wichtig war die Wasserversorgung, die durch Quellen im Burgraum, Zuleitung aus außerhalb liegenden Quellen, Brunnenanlagen zum Grundwasser oder zu Wasseradern im Fels, Zisternen zum Auffangen und Läutern der Dachwässer und endlich Antransport von Wasser durch Träger garantiert wurde. Grundprinzip der Verteilung war von der Frühzeit bis ins Mittelalter, dem Verteidiger einen höheren Standort zu geben als ihn ein Angreifer einnehmen konnte, weil nur die Schwerkraft und die Muskelkraft als Energiequelle zum Einsatz von Waffen zu Gebote stand. Waren Beweggründe dieser Art entscheidend für Stellung und Gestaltung einer Herrenburg, so gab es daneben noch andere Motive und Gegebenheiten, die das Bauprogramm bestimmten und zu einer gewissen Typenbildung beitrugen. Gerade in der glanzvollen Periode staufischer Profankunst, die zugleich auch die Zeit der Hochblüte des Rittertums war, erreichte der Burgenbau zahlenmäßig ebenso wie praktisch und ästhetisch die höchste Stufe der Entwicklung.

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Info 18.01.2018 04:57
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