Spaziergang durch eine wehrhafte Burg

Bei aller Unterschiedlichkeit der Burgtypen waren es doch grundsätzlich die einzelnen Wehrbauelemente, die, verschieden kombiniert, dem Zweck der passiven und aktiven Verteidigung dienten. Die Terminologie des Wehrbaus kann am besten auf einem erdachten Gang zur Burg und durch die Burg erläutert werden: Am Wege zur Burg standen zuweilen Türme und Höfe der Burgmannen, die in der Burg Dienst taten. Der Burgweg war vielfach so – links um die Burg herum – angelegt, dass sich der feindlich gesinnte Ankömmling der Burg mit der schildentblößten Rechten näherte. Gegen feindliche Angriffe war die Burg bereits im Vorgelände, wo der Feind keine Deckung fand, durch Gebück-Hecken, Erdwälle und den Graben gesichert. Der Graben, der wohl in den meisten Fällen aus dem Fels ausgesprengt wurde, konnte als Sohlgraben oder Spitzgraben gebildet sein, die Grabenwände nennt man »Skarpen«. Trennt der Graben die Burganlage auf einer Bergzunge vom Plateau oder Bergkamm, so spricht man von einem »Halsgraben«, umzieht er die ganze Burg, so ist es ein »Ringgraben«. Gräben, die die Burg in mehrere Verteidigungsabschnitte teilen, heißen »Abschnittsgräben«. Der Überwindung der Gräben diente im normalen Verkehr die Brücke, die jeweils zu Toren und Torhäusern führte. Man legte sie als feste Konstruktion oder mit teilweise beweglichen Teilen an, sodass der Zugang bei Gefahr unterbrochen wurde. Zu diesem Zwecke bediente man sich der Zugbrücke, die um eine Achse durch verschiedene Mechanismen aufgezogen werden konnte. Die aufgezogene Brückenplatte diente dann auch als zusätzlicher Torverschluss vor den eigentlichen Torflügeln. Aufgezogen wurde die Zugbrücke mittels Stricken oder Ketten, die über Rollen in Mauerschlitzen liefen. Entweder war man dabei auf reine Muskelkraft angewiesen oder Gegengewichte erleichterten die schwere Arbeit. Eine andere Hebevorrichtung waren »Schwungruten«, in Mauerschlitzen über dem Tor schwenkbare Balken oder Ruten mit Gegengewichten am inneren Teil, an deren äußerem Ende mit Ketten die vordere Kante der Brückenplatte befestigt war. Endlich konnte die Brückenplatte auch in Form einer Balkenwaage so angebracht sein, dass diese, sich um eine Achse am Fuß drehend, mit dem äußeren hochklappenden Teil das Tor verschloss, während der innere Teil, den möglicherweise bereits ein Angreifer erreicht hatte, innen in eine Grube, die Wolfsgrube, schlug, die dieser Brückenteil in Normalstellung bedeckte. Diese Zugbrücke heißt man »Kipp-« oder »Wippbrücke«. Den Innenraum der Burg erreichten Reiter und Wagen meist durch das Haupttor des Torbaus, das zu einer Torhalle führte. Eine seitliche kleine Pforte diente den Fußgängern. Fehlte eine solche Pforte, musste sich der einzelne Fußgänger einer kleinen Öffnung in einem Torflügel des Haupttores bedienen, des sogenannten »Mannlochs«. Die Torflügel, aus festen Bohlen gezimmert, waren durch Vernagelung, Eisenbänder und Beschläge oder gar durch eine Auflage von Eisenblech gegen Stoß und Brand gesichert. An der Innenseite verriegelten Torbalken, in hakenförmige Schlitze eingelassen, in Nuten eingeschoben oder aus einem Mauerloch gezogen, die Torflügel. Zur weiteren Sicherung der Torhalle diente das Fallgatter, das entweder als Balkenrost mit spitzen Eisenschuhen an den unteren Enden oder als Eisenrost aus Vierkanteisen gebildet war. Das Gatter, in Wandnuten laufend, konnte man, wie der Name sagt, bei Gefahr herabfallen lassen. Vom äußeren Tor gelangte der Eintretende in die Vorburg, ein meist auf niedrigerem Plateau als die Kernburg liegendes Areal, das als weiteres Hindernis und als Standort von Wirtschaftsgebäuden diente. Eine Ringmauer bildete den äußeren Abschluss. In den Kreuzzügen hatten die deutschen Ritter an den Wehrbauten des Orients den Wert eines doppelten Mauerringes schätzen gelernt: Man umschloss einen Geländestreifen vor der Ringmauer, den Zwinger, mit einer zweiten, niedrigeren Mauer, in die häufig auch noch in den Graben vortretende Türme eingefügt waren. Wesentlichster Schutz der Burg, das Grundelement aller Typen, war die Ringmauer, die zugleich der aktiven Verteidigung diente. Dies war eine hohe breite Mauer, zuweilen auf geböschtem (dossiertem) Sockel stehend, in der ortsüblichen Mauertechnik erstellt. Die Stärke der Mauer sollte dem Stoß oder Steinwurf der Kriegsmaschinen widerstehen, die Höhe das Ersteigen verhindern und die tiefen Fundamente, sofern die Mauer nicht auf dem Felsen stand, gegen unterirdische Minen absichern. Der aktiven Verteidigung diente der Wehrgang auf der Mauer, den eine Brüstung mit Zinnen deckte. Hier konnten die Verteidiger aus den Zinnenlücken oder aus Schießscharten in den Zinnen und am Brüstungsmauerfuß mit Bogen oder Armbrust schießen oder den Feind am Fuß der Mauer mit Steinen bewerfen bzw. mit siedenden Flüssigkeiten, Wasser, Öl oder Pech begießen. Zur Verstärkung der Ringmauer und zum Flankenschutz wurde es in der Stauferzeit üblich, Türme einzufügen, die aus der Mauerflucht außen in den Zwinger vortraten. Oft waren solche Türme an der Innenseite offen, um einem eingedrungenen Feind nicht als Schutz dienen zu können. Von allen Türmen auf der Burg war jedoch der meist frei im Burghof stehende »Bergfried« (Berchfrit, Beifried) der wichtigste, ein Bauwerk, das hierzulande als letzte Zuflucht diente. Dieser Aufgabe entsprechend lag der Zugang, vom Boden nur über eine Treppe oder Leiter erreichbar, in beträchtlicher Höhe. Um einen derart sicheren, hohen Standort zu schaffen, entstand im Inneren notwendigerweise ein tiefer Schacht, der als Speicher oder Verließ genutzt wurde. Der Wohnbau der Burg, der »Palas« oder Saalbau, war ein Gebäude, das zumindest einen großen Raum im Obergeschoss enthielt, dem im allgemeinen Erdgeschoss ein gleichgroßer, die »Dürnitz«, entsprach. Aus der Stauferzeit sind solche Palastbauten restauriert oder in Ruinen überkommen, die als Spitzenleistungen profaner Baukunst der Romanik gelten können und erkennen lassen, dass die Bewohner hier Sinn für Schmuck und Zierde und einen kultivierten Lebensstil hatten. Dem Gottesdienst diente auf jeder Burg ein besonderer Raum oder Bau. Im bescheidensten Fall bestand die Burgkapelle wenigstens in einer Wandnische, die nicht selten als Erker am Torbau angebracht war. Weitere Gebäude am oder im Burghof waren ein Brunnenhaus, ein Backhaus, ein Speicherbau, eine Zisterne (Regenwasserbrunnen) und ein Gefängnis. Einziger heizbarer Bau oder Raum war die Kemenate. Die Burgen der Stauferzeit waren fortifikatorisch, also besonders im Hinblick auf den Aspekt der Verteidigung und Sicherung, vollkommener als die frühen Burgen und zeichneten sich vor allem auch durch einen entwickelten Baustil und die Verwendung von Schmuckformen der Architektur aus. Die Rechtsverhältnisse einer Burg umfassten zu dieser Zeit juristische Vorgänge und Verträge in den Bereichen des Befestigungsrechts, des Burgfriedens, der Burgfronen bzw. Dienstbarkeiten, des Öffnungsrechts und des Burglehnsrechts. Als Urkunds- und Gerichtsort hatte die Burg eine wichtige Funktion im mittelalterlichen Gesellschaftsleben, Kanzlei und Archiv gehörten demnach gleichfalls zum Raumprogramm. Nach den Rechtsspiegeln stand dem Burgraum zunächst ein Friede im Sinne eines besonderen Rechtsschutzes nicht zu, erst im 13. Jahrhundert nahm der Burgfrieden den Charakter einer partnerschaftlichen Friedensregelung mehrerer Teilhaber an. Burgen als Mittel der Territorialpolitik waren in der Stauferzeit eine von allen Machtträgern geübte Form der Konsolidierung ihrer Macht. Beispielgebend war hier der Schwabenherzog Friedrich IL, Vater Friedrich I. Barbarossa, von dem der Chronist sagte, er habe stets am Schwanz seines Rosses eine Burg nach sich gezogen und damit die Macht der Staufer begründet.