Kirchenorganisation im Merowingerreich

Es war sicher ein Verhängnis, dass diese merowingischen Herrscher zugleich die Herren der fränkischen Kirche waren. Als »Landeskirche« hatte sie fast keine Bindung an den Papst in Rom, sie war allein vom Willen des Königs abhängig. Der König berief die Kirchenversammlungen, die Synoden, ein und konnte ihre Beschlüsse bestätigen oder ablehnen. Vor allem aber bestimmte er die Bischöfe nach eigenem Gutdünken und immer zu seinem Nutzen. Diesen Bischöfen oblag die eigentliche Leitung der Kirche. Der frühmittelalterliche Bischof war in erster Linie Herr und Schützer seines Kirchensprengels, der Diözese. Neben seinen geistlichen Aufgaben nahm er jetzt an seinem Sitz auch Pflichten wahr, die früher in den großen Städten römischen Beamten zugefallen waren: Er vertrat die Staatsgewalt, entschied Rechtsfälle, setzte sich für das öffentliche Wohl ein bis hin zu Seuchenbekämpfung und Lebensmittelversorgung, er verteidigte die Bevölkerung gegen Angriffe und zog gar an der Spitze eines eigenen Heeres in den Kampf. Der Bischof, fast immer aus begüterter adeliger Familie stammend, war ein Kirchenfürst, der diese Stellung auch in seiner äußeren Amts- und Lebensführung mit gebührendem Aufwand zu repräsentieren wusste. Wegen seiner Aufgaben- und Machtfülle war er für die weltliche Politik des Königs von größter Bedeutung, gleichermaßen genoss er die Verehrung seiner Gläubigen. Der Bischof der frühen fränkischen Kirche verkörperte, etwa in der Gestalt eines Gregor von Tours, das Ideal des christlichen Lebens. Nahezu alle Heiligen der Zeit kommen aus diesem Stande. Schwieriger war die Organisation der Kirche im östlichen, heute deutschen Teil des fränkischen Reiches, weil es hier fast keine großen Städte gab und man auch nicht auf die Tradition alter Bischofssitze zurückgreifen konnte. Auf diesem Territorium entstanden vorwiegend Landpfarreien, deren Kirchen von Adeligen auf eigenem Grund und Boden gestiftet worden waren. Nach sogenanntem germanischen Eigenkirchenrecht (Siehe unten) blieben diese Adeligen nicht nur die Besitzer der Kirchen, sondern sie hatten auch die volle geistliche Verfügungsgewalt darüber. Das bedeutete, dass alle Einnahmen und die oft beträchtlichen Schenkungen der Kirche immer dem adeligen Herrn zufielen und dass er das Recht hatte, Geistliche nach Belieben ein- und abzusetzen. Vielfach wurden dazu Verwandte ausgewählt, aber auch eigene Knechte, die man, häufig gegen ihren Willen, zum Priester weihen ließ. Von ihren geistigen und geistlichen Voraussetzungen her waren solche Priester für ihr Amt oft völlig ungeeignet, christliche Unterweisung der Gemeinde oder gar Seelsorge konnte von ihnen nicht erwartet werden. Sie standen in der gleichen Abhängigkeit von ihrem Kirchenherrn wie die untertänigen Bauern, deren Lebensweise sie übernahmen: Sie waren durchweg verheiratet und lebten meist in bitterster Armut. Trotz mancher Schattenseiten erwies sich die fränkische Reichskirche im politischen Chaos der Merowingerzeit als die einzige glaubwürdige Autorität. Besonders die Fürsorge für Arme und Schwache brachten ihr Ansehen und Verehrung. Bischöfe verteidigten Angeklagte vor weltlichen Gerichten, in den Gotteshäusern wurde uneingeschränkt Asyl gewährt, Hörige und Sklaven in kirchlichen Diensten erhielten die Freiheit. Eine wesentliche Aufgabe sah die Kirche in der persönlichen Betreuung der Armen und Bettler, die häufig Gäste in den Wohnungen der Geistlichen waren. Auf einem Konzil wurde bestimmt, dass auch die Arbeitsunfähigen Nahrung und Kleidung erhalten sollten. Unterstützt wurde die Kirche bei ihren karitativen Tätigkeiten durch großzügige Zuwendungen und Schenkungen frommer Stifter, die sie bald zur reichsten Grundbesitzerin im Lande machten. Schließlich wurde aber auch die Kirche in den Strudel des Verfalls des merowingischen Staates mit hineingerissen. Verlockt durch den kirchlichen Reichtum, erkauften oder erschlichen sich viele Adelige hohe geistliche Ämter. In einem Brief an den Papst fragt ein Missionar: »Was hältst Du von Bischöfen, die durch Bestechungsgelder zu ihrer Weihe gelangt sind? Solche kennt man in diesem Lande viele.« Zwangsläufig verfiel damit auch die Kirchenzucht. Im gleichen Schreiben ist von Diakonen die Rede, die sich »durch Unzucht vergangen haben und dann zu Bischöfen gewählt wurden«. Die hohen Geistlichen gingen weltlichen Vergnügungen nach wie andere Adelige auch. Sie waren »stärker in Waffenübungen und Bogenschießen als in der Ausübung der Gottesdienste«, wird von anderer Seite vermerkt. In den Reihen der Dorfpfarrer fänden sich jetzt Säufer, Unzüchtige, Ehebrecher, Verschwörer und Meineidige. Heidnische Vorstellungen und Bräuche wucherten im Glauben des einfachen Volkes weiter. Christen verkauften ihre Sklaven als Menschenopfer an ungetaufte Nachbarn und aßen mit diesen bei rituellen Mahlzeiten Pferdefleisch. Die Kirche befand sich in einem heillosen, verrotteten Zustand. Erneuerung und Reformen konnten nur von außen kommen. Eigenkirche
Sie steht auf privatem Grund und Boden eines Grundherrn und kann eine kleine Kirche, ein ganzes Kloster oder sogar ein Bistum sein, kann verkauft und vererbt, aber nicht ihrem Zweck entfremdet werden. Der Eigenkirchenherr (also der König, ein Adeliger, Bischof oder Abt) zieht somit Nutzen aus dem Vermögen und trifft Entscheidungen in rein kirchlichen Fragen. Wichtige Funktion: Seelsorge auf dem flachen Lande in der Zeit des Niedergangs der Städte. Im 11. Jahrhundert gerät die Eigenkirche verstärkt in die Schusslinie kirchlicher Kritik und wird im 12. Jahrhundert allmählich in das Patronat umgewandelt, das im Wesentlichen nur noch ein Präsentionsrecht war: der Gründer, Erbauer oder Stifter einer Kirche konnte den Geistlichen vorschlagen.