Lebenslange Wanderschaft – Die irischen Mönche

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts tauchten im fränkischen Reich Männer auf, die wegen ihres seltsamen Aufzuges Aufsehen erregten: bekleidet mit langen schwarzen Mänteln, führten sie große Stöcke mit sich, über den Schultern trugen sie lederne Proviantsäcke, ihre Augenlider waren rot oder schwarz bemalt, das vorne kurzgeschorene Haar fiel in langer Mähne nach hinten. Es waren Mönche der irischen Kirche. Nach der Missionspredigt des heiligen Patrick im 5. Jahrhundert hatte sich in Irland eine Mönchskirche ausgebildet, die keine Beziehung zum Papst in Rom unterhielt. In großen Klosterkolonien betrieben die Mönche unter der Leitung eines Abtes theologische Studien und verrichteten teilweise seltsam anmutende asketische Frömmigkeitsübungen. Eine dieser Übungen war das Hinausziehen in die Welt, damit der Verzicht auf die geliebte Heimat, die »Wanderschaft für Christus« (»Peregrinatio«). Auf solchen Reisen durchstreiften die irischen Mönche auch das Frankenreich. Sie predigten und tauften, unterwiesen die fränkischen Christen in der rechten kirchlichen Lehre und gründeten kleine Klöster, die bald Zentren des geistlichen Lebens wurden. Durch die Einführung der privaten »Ohrenbeichte« schafften sie die bis dahin übliche öffentliche Bußpraxis mit ihren oft brandmarkenden Kirchenstrafen ab. Bei ihrem Bekehrungswerk, das sie mit Feuereifer betrieben, gingen sie andererseits meistens sehr behutsam und verständnisvoll vor. Da sie das Heidentum nicht radikal ausrotten konnten, vernichteten sie nur die Bilder der Götter, um deren Ohnmacht zu erweisen. An heidnischen Kultstätten jedoch weihten sie christliche Kapellen, die Donarheiligtümer wurden auf St. Petrus umgewidmet. (Aus dem Wettergott Donar wurde so der »Wettergott« Petrus!) Die beiden höchsten Feiertage der Christenheit, Ostern und Weihnachten, tragen noch heute die Namen heidnischer Feste. Trotz ihrer hohen sittlichen Forderungen erreichten die Missionare Massenbekehrungen, offenbar vermochte auch das Beispiel ihrer vorbildlichen Lebensführung die Franken zu überzeugen. Der wohl bedeutendste der zahlreichen iroschottischen Missionare war Columban, Gründer des nachmals berühmten Klosters Luxeuil in Burgund. Als er wegen unterschiedlicher Kultauffassungen mit dem fränkischen Klerus in Streit geriet und sich auch mit dem Hof überwarf, wurde er des Landes verwiesen und verlegte seine Tätigkeit nach Süddeutschland und dann nach Oberitalien. Auf seinen Schüler Gallus geht die Gründung von St. Gallen zurück. Im Donautal um Regensburg wirkte Emmeram, Rupert gewann den Baiernherzog für das Christentum. Im Maingebiet bezahlten der Frankenapostel Kilian und seine Gefährten die freimütige Missionspredigt am Herzogshof in Würzburg mit dem Märtyrertod. Dauerhafter Erfolg blieb der Mission der irischen Wandermönche nicht selten versagt: sie hatten meist versäumt, das Erreichte auch zu sichern, weil das Ideal des Umherziehens ein Verweilen verhinderte. Auf die Bekehrung hätte notwendig die Seelsorge folgen müssen. Möglich wäre das nur gewesen, wenn die neuen christlichen Gemeinden einer festen »staatlichen« Kirchenorganisation hätten eingegliedert werden können, die es aber gerade im Ostfrankenreich nicht gab.