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Im Geiste Benedikts

Die Gebetsgewohnheiten, wie sie der Ordensgründer Benedikt empfohlen hatte, änderten die Reformäbte von Cluny ab, indem sie lange Chorgebete einführten, die auch die besonderen Bitten der einzelnen Mönche und die Fürbitten für Auftraggeber umfassten. Die Gottesdienste erhielten ihr besonderes Gepräge durch den Chorgesang der Mönche und durch die Pracht der liturgischen Gewänder und Geräte, die in auffallendem Gegensatz zu der asketischen Erscheinung der Mönche standen. Petrus Damiani, einer der großen Führer der Kirchenreform, berichtet um 1063: »Die gottesdienstlichen Handlungen füllen derart den Tag aus, dass neben den notwendigen Arbeiten den Brüdern kaum eine halbe Stunde zu ehrbarer Unterhaltung und zu den notwendigen Besprechungen übrigbleibt.« Ausgefüllt war auch ein Teil der Nacht, denn im Sommer begann der erste Gottesdienst bald nach ein Uhr, und die Stunden der Ruhe waren gering. Da konnte es nicht ausbleiben, dass manchmal ein Mönch beim nächtlichen Gottesdienst einnickte. Um das zu verhindern, machte der Klosterprior regelmäßige Kontrollgänge unter Assistenz eines Laternenträgers: jeder Mönch musste mit Kopfnicken kundtun, dass er noch wach war. Zeigte es sich, dass er schlief, musste er um Vergebung bitten und die Lampe weitertragen. Es ist dennoch nicht anzunehmen, dass alle Mönche an allen Gottesdiensten und Chorgebeten immer teilnehmen mussten und konnten. Zwar waren die Mönche von den schwereren Arbeiten befreit, wer aber in der Küche Dienst tat oder im Krankenraum, wer sich um Gäste kümmerte oder Almosen unter die Armen verteilte, erhielt einen Dispens, und mancher wurde sogar befreit, wenn er sich rasieren oder baden musste. So liegt die Annahme nahe, dass auch jene Brüder gelegentlich eine Befreiung erhielten, die sich mit Büchern beschäftigten. Gewiss gab es Klöster, deren Leistungen in den Wissenschaften und in der Literatur berühmter waren als die Clunys. Aber bei aller Askese und Abgeschlossenheit des Lebens in Cluny – es wurde dort auch geschrieben, und zwar nicht nur über Dinge, die das Kloster betrafen, und es wurde gelesen und studiert. Die Sammlung von Handschriften soll sogar die reichste und größte Bibliothek Frankreichs gewesen sein. Es besteht also kein Zweifel, dass man auch in Cluny Bücher schätzte. Was auf den Tisch kam, war recht einfach, aber gewiss gesund und bekömmlich. Das Mittagessen bestand vorwiegend aus Gemüse oder Fisch, Eier und Käse. Abends wurden rohe Früchte, Brot und Mehlkuchen gegessen, Dinge also, die das Kloster selbst produzierte. Fleisch gab es nicht, es sei denn, ein Kranker bedurfte der Stärkung. Das gewöhnliche Getränk, bereits zum Frühstück, war Wein, der unter Umständen auch gewürzt werden konnte. Grundsätzliche Unterschiede zwischen den Mönchen gab es nicht. Die dunkle Kutte, die gemeinsame Regel und das gemeinsame Leben unter dem strengen Regiment des Abtes machten sie gleich, sodass der Mann von einfacher Herkunft sich prinzipiell nicht von einem Adeligen unterscheiden sollte. Allen gemeinsam war auch das strenge Gebot des Schweigens, das unnütze Worte unterband, die Besinnung förderte und die Mönche zwang, sich zu gewissen Zeiten nur durch bestimmte Zeichen zu verständigen. Bewundernd fasst Petrus Damiani seine Eindrücke zusammen, wenn er schreibt: »Was soll ich sagen von der strengen Abtötung der Sinne, von der Disziplin im Einhalten der Regel, von der Ehrfurcht vor dem Kloster und vom Stillschweigen? Außer im Notfall wagt es niemand, zur Zeit des Studiums, der Arbeit oder der geistlichen Lesung im Kreuzgang umherzugehen oder zu reden.«

emu