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Mittelpunkt eines Klosternetzes

Am Anfang von Cluny stand der Wille des Gründers und des Gründungsabtes zur Reform. Da dieser Wille auch bei anderen adeligen Klosterherrn lebendig war, wurden bereits dem Abt Berno weitere Klöster in Burgund unterstellt, die die Regel von Cluny übernahmen. Damit bahnte sich eine Entwicklung an, aus der unter den folgenden Äbten bis ins 12. Jahrhundert das »Reich« von Cluny hervorging, jener ordensähnliche Verband von Klöstern (Kongregation), der sich über weite Teile Frankreichs, Englands, Italiens und Spaniens erstreckte und – in geringerem Maße – auch Deutschland erreichte. Die Zahl der Klöster, die sich den Reformen Clunys anschlossen, wuchs unter Bernos Nachfolger Odo rasch an, unsicher bleibt freilich, ob er bereits die Bildung eines engeren Verbandes ins Auge fasste. Die Ausdehnung der Kongregation machte rasche Fortschritte unter den Äbten Majolus und Odilo, bis sie unter Hugo dem Großen einen vorläufigen Höhepunkt erreichte und Anfang des 12. Jahrhunderts weit über 1400 Klöster umfasste. Es ist Cluny gelungen, einen großen Teil der zur Reform anvertrauten monastischen (d. h. mönchischen, von lat.: monasterium = Kloster) Niederlassungen mehr oder weniger von sich abhängig zu machen. Mochten im Einzelnen auch Zugeständnisse an bestimmte regionale Besonderheiten gemacht werden, die wichtigsten Entscheidungen traf der Großabt von Cluny. Er konnte die Äbte und Prioren der abhängigen Klöster nach Belieben einsetzen und absetzen, er überwachte auf ausgedehnten Inspektionsreisen die Einhaltung der klösterlichen Zucht und der gemeinsamen Regel und er forderte seit dem 11. Jahrhundert alle Mönche zum Empfang der Weihe nach Cluny. Was den cluniazensischen Klosterverband zusammenhielt, war die Bindung der Tochterklöster zum Mutterkloster Cluny und seinem Abt, während die Einzelklöster untereinander nur wenige Beziehungen hatten. Für diese wahrhaft europäische Bedeutung Clunys gibt es eine Reihe von Gründen, darunter auch seine Sonderstellung gegenüber geistlichen und weltlichen Herren und das energische Wirken der ersten drei großen Äbte, deren Regierungszeit zusammen mehr als 150 Jahre umfasste: Majolus (954-994) – eine hervorragende Erscheinung, gewandt im Umgang mit Fürsten und Päpsten und als Berater selbst im Kaiserhaus geschätzt, Odilo (994-1048) – fruchtbarer Schriftsteller, Staatsmann und Friedensfürst, Hugo (1049-1109) – Stütze der Päpste im Investiturstreit, Pate Heinrichs IV. und Vermittler von Canossa, der große Bauherr und Repräsentant der glänzendsten Epoche Clunys. Der Historiker Gerd Tellenbach schreibt über diese Äbte: »In ihrer Zeit kommt es für die kirchliche Entwicklung darauf an, dass die Ideale strenger christlicher Lebensführung, der Hingabe an den Sakramentendienst, die Achtung vor den kirchlichen Ordnungen, des betenden Einstehens des Christen für seine Mitchristen in weiten Kreisen durchdringen. Und dieses ist es, worin die Cluniazenser [...] vorangingen.« Ihr Wirken entsprach also in besonderem Maß den religiösen Bedürfnissen ihrer Zeitgenossen. Und dennoch gehörten vermutlich sie nicht zu den treibenden oder gar unversöhnlichen Kräften des Investiturstreits im 11. Jahrhundert.

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