Deutschland importiert mönchische Zucht

Die Reformbestrebungen des lothringischen Klosters Gorze Widerhall erreichten im 11. Jahrhundert 160 Abteien (z. B. in Erfurt, Füssen, Regensburg, Passau, Salzburg), während der Geist von Cluny erst verhältnismäßig spät Einzug hielt. Clunys Einfluss blieb gering, bis im Investiturstreit, eine erst später entstandene kirchenpolitisch äußerst aktive Gruppe, die ›Jungcluniazenser‹ von Hirsau aus sich ausbreiteten. Diese ›Hirsauen‹ hatten ihren Ausgangspunkt in der 830 gegründeten und später wieder verfallenen Benediktinerabtei Hirsau im nördlichen Schwarzwald nicht weit von dem Städtchen Calw. Im Jahre 1065 wieder hergestellt, entfaltete die Abtei unter ihrem zweiten Abt Wilhelm (1069-1091), der aus Regensburg berufen worden war, eine rege Reformtätigkeit im Sinne Clunys, in die allerdings auch die radikalen Kirchenreformideen der Männer um Papst Gregor VII. mit einflossen. In den Jahrzehnten der Blüte wurde Hirsau, inzwischen mit ähnlichen Rechten wie Cluny ausgestattet, Mittelpunkt des Reformmönchtums in Deutschland und gleichzeitig Zentrum der Papstpartei im Kampf Gregors VII. gegen Kaiser Heinrich IV. Als Abt Wilhelm das Regiment übernahm, war dort, wie der Biograf Haimo berichtet, »die Strenge mönchischer Zucht ein wenig erschlafft.« Nun, Wilhelm war der Mann, der »durch die Gnade Gottes immer bessere Fortschritte« machte und sich energisch für die Verbesserung der Stellung der Klöster in Kirche und Gesellschaft einsetzte. Im Zuge seiner Bemühungen wurde weltlicher Einfluss auf die Klöster enorm verringert, da es ihm – wie auch den Cluniazensern – gelang, sich der Vogtei des Klostervogts zu entledigen, auch löste er Hirsau aus dem Diözesanverband und damit von bischöflicher Gewalt und Einflussnahme (Exemtion): dem sehr mächtigen Abt war damit – wie auch in Cluny – nur noch der Papst übergeordnet. Die Klostergesetze (Konstitutionen) Hirsaus regelten den Tagesablauf in allen Einzelheiten und für alle Verrichtungen – seien es religiöse Pflichten oder Arbeiten im Klosterbereich, sei es das Schweigegebot oder sei es die Form der Unterhaltung – und sie ließen auch die Körperkultur nicht aus: »Sonst pflegen sich die Menschen, wenn sie sich rasiert haben, zu baden. Von unseren Brüdern brauchen wir nicht viel zu sagen. Nur zweimal im Jahre, dann freilich ohne Erlaubnis, kann baden wer will: vor Weihnachten und vor Ostern. Sonst darf man mit Erlaubnis baden, wenn es die Gesundheit erfordert [...].« Der sittlichen Gefährdung jüngerer Brüder wusste man dadurch zu begegnen, dass man ihr Bett neben dem eines älteren Wächters aufstellte, der den Jüngeren stets zu beobachten und während der Nacht »zu Notwendigem« zu führen hatte, wobei er ihn, wenn auch »bescheiden«, mit der Laterne im Auge behalten musste. Wohl erreichte Hirsau nie die Bedeutung Clunys, in Deutschland aber wurde das Kloster im Schwarzwald – vor allem zwischen Elsass und Bodensee, an der Donau und in Thüringen (Ruine von Paulinzella) Vorbild für viele Klöster und sichere Bastion der Papstpartei gegen Kaiser Heinrich IV. und seine – auch oft bischöflichen – Anhänger.