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Klosterregel des seligen Wilhelm von Hirsau

An welchen Orten das Stillschweigen zu halten ist: Der Novize muss auch die Zeichen sorgfältig lernen, mit ihnen spricht er in gewissem Sinne schweigend. Ehe er in den Konvent aufgenommen wird, darf er nur sehr selten sprechen. Die Orte aber, an denen im Kloster nach der Überlieferung und den Bestimmungen unserer Väter ein immerwährendes Stillschweigen zu beachten ist, sind diese: Kirche, Schlafsaal, Speisesaal, Klosterküche. Wird an einem dieser Orte, sei es bei Tag oder bei Nacht, nur ein Wort gesprochen und gehört, so muss man freiwillig um Verzeihung bitten. Kommt diese Nachlässigkeit nur zuweilen vor, so wird sie nicht bestraft [...] Wenn ein Novize nur eine Antifon oder ein Responsorium oder irgend so etwas ohne Buch spricht oder beim Sprechen nicht zugleich in das Buch sieht, dann wird das beurteilt, als hätte er das Stillschweigen völlig gebrochen. Im Sprechraume darf er nicht im Sitzen sprechen außer mit dem Herrn Abt oder Prior [...] Auch wird niemals, wenn zwölf Lektionen sind, oder im Sommer an gewöhnlichen Tagen vor Beendigung der Litanei oder im Winter vor Beendigung der Terz dort oder in irgendeinem Raum des Klosters etwas gesprochen. Dies gilt auch für die Zelle der Novizen, nur kann hier der Herr Abt, der Prior oder Novizenmeister zur gewöhnlichen Zeit die Beichte eines Novizen hören. Von der Zeichensprache
Das allgemeine Zeichen: Man schlägt die Finger der einen Hand in die der anderen und umschließt so die eine Hand mit der anderen. Das Zeichen für Brot: Mache mit den beiden Daumen und den beiden Zeigefingern einen Kreis, dann meinst du ein rundes Brot. Für das Brot, das in Wasser gekocht wird und etwas besser als das tägliche Brot ist, mache zuerst das allgemeine Zeichen, dann lege die eine Handfläche auf den Rücken der anderen Hand und bewege die obere Hand im Kreise. [...] Von Strafarten
Wir haben auch noch andere Arten von Strafen, die nicht nur der Herr Abt, sondern auch der Herr Prior in dessen Abwesenheit verhängt. Nichts entehrt nämlich die Klostergemeinde so sehr, als wenn sich ein Bruder schwer vergeht und dies dann vernachlässigt wird, und wenn der, welcher gefehlt hat, ohne entsprechende Buße bleibt. Kommt einer bei dem Volke ins Gerede wegen einer Schuld, die er außerhalb des Klosters begangen hat, so soll er auch vor dem Volke büßen, damit, wer seine Sünden erfahren hat, auch seine Sühne sehe. Vor allen, die zuschauen wollen, werde er mitten auf einem freien Platz, an dem Ort, wo er sich verging, entblößt, gebunden und gegeißelt. Ist aber der Fehler nicht gerade besonders schwerer Art, sondern hat er z. B. mit jemandem ungehörig gestritten, sodass es Leute aus der Bevölkerung hören konnten, dann stelle er sich an einem Sonn- oder Feiertage, der festlich begangen wird und an dem das Volk zahlreich zum Frühamt kommt, mit bloßen Füßen vor die Kirchentür mit einem ziemlich großen Buch in der Hand. Die Kapuze aber setze er nicht auf, damit ihn alle erkennen. Zu keinem, der ein- oder ausgeht, spreche er ein Wort. Ein Diener aber stehe immer bei ihm, der alle Fragen, warum der Mönch büßen muss, beantwortet. Vor Beendigung der Messe darf er diesen Platz nicht verlassen. Vom Aufstehen der Mönche zum nächtlichen Chorgebete
Sobald der Bruder das Zeichen zum Aufstehen vernommen hat, eile er sich zu erheben. Ehe er jedoch die Decke abwirft, ziehe er im Bett sitzend die Kukulle (Obergewand) an und bedecke damit seine Beine, ehe er sich vor sein Bett stellt. [...] Er darf aber das Bett nicht nachlässig liegen lassen, er muss die Decke anständig darüber ausbreiten und es so in Ordnung bringen. Das Kopfpolster verbirgt er vollständig unter der Decke [...], dann weckt er nötigenfalls mit Zischen die Brüder, die ihm zunächst liegen [...], er erinnere sich auch immer daran, dass er nicht auf die Treppen des Schlafsaales spucken soll.
Aus: Wilhelmi consuetudinis Hirsaugienses … (Konstitutionen des Wilhelm von Hirsau).

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