Der Dombau von Cluny, ein Jahrhundertwerk

Cluny selbst wurde noch in anderer Hinsicht wenigstens für den burgundischen Raum vorbildlich, nämlich durch seine Baukunst. Als Abt Hugo im Jahre 1109 die Augen schloss, ging die Kirche St. Peter und Paul allmählich ihrer Vollendung entgegen, die größte Kirche der damaligen Christenheit, fast um die Hälfte größer als die damalige Peterskirche in Rom. Die Anfänge – zweihundert Jahre früher – waren bescheidener gewesen, denn das Kirchlein St. Peter und Paul (Cluny I), das einst der Gründungsabt Berno hatte errichten lassen, dürfte kaum größer als eine Kapelle gewesen sein. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts errichtete man, da die Zahl der Mönche zunahm, anstelle von »Cluny I« eine größere Peterskirche (Cluny II), der auch kunstgeschichtliche Bedeutung und Wirkung zukam, denn ihr strenger Stil wurde beispielhaft für andere Abteikirchen bis hin nach Deutschland. Diese Peterskirche blieb bestehen, als unter Abt Hugo der schon erwähnte Bau der Riesenkirche St. Peter und Paul (Cluny III) in Angriff genommen wurde. Cluny war reich geworden, vielleicht zu reich und zu üppig. Die Fürbitten der Mönche standen beim Adel in hohem Ansehen, und so mancher großer Herr stattete die Abtei mit Schenkungen aus, um für sein Seelenheil zu sorgen. Im Jahre 1085 legte Abt Hugo den Grundstein zu einem ehrgeizigen Unternehmen, das in Konkurrenz treten sollte zum Symbol weltlicher Macht: Cluny sollte den Dom der Salier in Speyer an Pracht und Größe übertreffen. Bereits zehn Jahre später war man so weit, dass Papst Urban II., einst selbst Cluniazenser, die Altarweihe vornehmen konnte. Obwohl im Jahre 1125 ein Teil des Gewölbes einstürzte, machten die Arbeiten gute Fortschritte, 1130, zur Zeit des Abtes Petrus Venerabilis, weihte Papst Innozenz II. die vollendete Kirche. Ihre Maße seien hier genannt, um eine Vorstellung des gewaltigen Kirchenraums zu geben: Die Länge einschließlich Vorkirche betrug 187,31 Meter, die Höhe des Hauptschiffs 30 Meter, die Breite des Hauptschiffs dagegen nur zehn Meter, sodass der Blick nach oben gezogen wurde und nach vorne, wo allerdings die Schranken des mächtigen Mönchschors dem Besucher entgegenstanden. Von außen bot das Gotteshaus »mit seinen um den mächtigen Vierungsturm versammelten Türmen, mit dem Aufbau in gestufte Dächer, Querschiffe und den gleich Küchlein um den Chor geschalten Kapellen des Chorumgangs das Bild einer gleichsam hierarchischen Gliederung der Bauteile [...]«, wie der Clunyforscher Domke schreibt. Die Klosteranlagen selbst dürften sich – insbesondere vor dem Bau von Cluny III – grundsätzlich nur wenig von anderen Klöstern unterschieden haben, die nach der Regel des heiligen Benedikt errichtet wurden. Auch Cluny war im Grunde ein Wohnhaus der Gemeinschaft, und musste materielle und geistige Bedürfnisse befriedigen. Wir wissen nicht genau, wie viele Mönche etwa zur Zeit des Abtes Odilo das Kloster beherbergte, es lässt sich aber aus manchen Anzeichen erschließen, dass damals etwa 75 dort gelebt haben dürften: die Ausmaße des Dormitoriums (Schlafsaal) und des Refektoriums (Speisesaal) und schließlich die Zahl der Latrinen legen diese Schätzung nahe. Eine Klosterbeschreibung aus dieser Zeit wird weitgehend von den Ergebnissen der Ausgrabungen im Klosterbereich bestätigt: Odilos Cluny war ein Kloster, das nicht zu geräumig war und trotzdem für alle Bedürfnisse genügend Platz hatte. Seine Proportionen waren human und harmonisch. Luft, Helligkeit und frisches Wasser – diese Gaben der Natur, Kanalisation und eine ausreichende Zahl von Latrinen, Badeöfen und hygienisch eingerichtete Krankenräume – diese Einrichtungen menschlicher und mönchischer Kultur beweisen, dass in Cluny nicht nur für das Heil der Seele, sondern auch für die Gesundheit des Leibes gesorgt war. Wer allerdings heute ins Tal der Grosne in Burgund kommt, um dort als Kunstfreund oder als Geschichtsbeflissener die Stätte zu besuchen, deren Wirkungen über ganz Europa ausstrahlten, wird bitter enttäuscht sein. Er findet nämlich kaum etwas von der alten Klosterpracht, kaum etwas von Cluny III und nichts von Cluny II. 1790 wurde die Abtei im Zuge der Französischen Revolution aufgelöst – und die Gebäude standen leer. Doch neues Leben kam in die Mauern, als der französische Staat die Klosteranlagen wenig später an einen Abbruchunternehmer verkaufte, der diesen Schatz gründlich mit Pickel und Sprengladungen wie eine Goldmine ausbeutete. »Weiß Gott, welche Häuser, Straßen und Dämme man mit dem erlauchten gelben Stein von Cluny zusammengeschustert hat«, fragt Domke. Von den Ausmaßen und der künstlerischen Bedeutung der großen Kirche Cluny III künden heute nur noch die Reste zweier Querschiffe und die großartigen Säulenkapitelle im Museum, Bildhauerarbeiten von höchster Qualität. Was sonst zu sehen ist, gehört im Wesentlichen späteren Bauepochen an.

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Info 20.11.2017 05:10
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