Niemand wird heute von sich behaupten können, alle Bereiche des Wissens auch nur zu kennen. Und doch gab es eine Zeit, in der schöpferische Kraft und Erkenntnisdrang einen einzelnen Menschen befähigten, auf allen Gebieten der Wissenschaften Leistungen von Rang zu vollbringen. Als die Fortschritte der Naturwissenschaften dem Menschen die Überzeugung vermittelten, alle Daseins- und Wissensbereiche geistig durchdringen zu können, wenn nur die Vernunft das Denken bestimme, war der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz Wegbereiter dieser europäischen Bewegung in Deutschland. Leibniz wurde am 1. Juli 1646 als Sohn einer Professorenfamilie in Leipzig geboren, erwarb mit zwanzig Jahren die Doktorwürde, schlug aber die ihm angebotene Professur aus und trat in den Dienst des Kurfürsten von Mainz. Nach Aufenthalten in Paris und London war er von 1676 bis zu seinem Tode am 14. November 1716 als Hofrat und Bibliothekar für den Herzog von Braunschweig tätig. Er entwickelte unabhängig von dem Engländer Isaac Newton (1643-1727) die Infinitesimalrechnung und entdeckte 1678 das Prinzip von der Erhaltung der Kraft. Die Mathematik verwendet noch heute seine Symbolik, aber auch die Medizin rühmt sein Wirken. Auf seine Anregungen hin entstanden die Akademien der Wissenschaften in Berlin, Wien und Petersburg. Auch in den Rechts- und Sprachwissenschaften fand der Gelehrte neue Denkansätze. Der Theologe Leibniz warb für eine Versöhnung zwischen Protestanten und Katholiken. In seiner eigenwilligen Philosophie sieht er die Welt aus körperlichen und geistig-seelischen Monaden (griech.: monás = Einheit) zusammengesetzt, die sich wie zwei Uhren ohne gegenseitige Beeinflussung in »prästabilierter Harmonie«, d. h. einer von Gott festgesetzten Übereinstimmung, befinden. In der Erkenntnis der göttlichen Vernunftordnung steigt der Mensch zu immer höheren Graden der Vollkommenheit, ja zu Gott auf: ein Bekenntnis zu Fortschritt und Wissenschaft, das bald Skepsis und vehementen Widerspruch hervorrufen sollte.
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