Von Westfälischen Frieden bis zum Ende des Nordischen Krieges

Unter den Augen einer vieltausendköpfigen Menschenmenge wurden am 18. Februar 1649 in Münster die Worte »Vivat pax« (Es lebe der Friede!) mit Pechfackeln zu einem Freudenfeuer entzündet. Man hatte die Buchstaben an einem Seil über die Rathausgasse gespannt und genoss unter lautem Jubeln die lodernden Flammen. Anlass war der Austausch der Ratifikationsurkunden, die unwiderruflich das Ende des Dreißigjährigen Krieges besiegelten. Ein Freudentaumel erfasste die Stadt, denn noch immer hatten sich Ungewissheit und Furcht nicht verflüchtigt, war der Krieg in seinem Grauen sichtbar.

In vielen Teilen des Deutschen Reiches standen fremde Truppen weiterhin kampfbereit. Erst als allmählich alle ausländischen Einheiten abrückten, glaubte man in Stadt und Land an den Neubeginn. Man feierte ihn mit Psalmen und Lobliedern, allerorten ertönte das »Te Deum«. Üppige Tafeln ließ die Stadt Nürnberg für den kaiserlichen Gesandten anrichten und selbst der gemeine Mann sollte am Tage der Befreiung von fremder Herrschaft Milde und Wohltaten erfahren.

Die nun anbrechende Zeit, lange herbeigesehnt, brachte erstaunlich rasch Bewegung in die verschiedenen politischen Kräfte. Sie schienen wie aus einer Erstarrung gelöst. Zwar mahnten die Pfarrer von den Kanzeln, das Feuer des Krieges habe »den größten und besten Teil Deutschlands gefressen«, weil »übergroßer Stolz, Hoffahrt und Übermut« die Menschen erfasst hätten. Doch die politisch überlebenden Fürsten und Herren waren bereits der Zukunft zugewandt. Sie orientierten sich nach vorn, um bei den zu erwartenden Entwicklungen die eigenen Interessen ins Spiel zu bringen. Mit welcher Fortune und machtpolitischen Unterstützung des europäischen Auslandes sie diesen Gedanken verfolgten, hatten ja bereits die Vereinbarungen des Westfälischen Friedens bewiesen.

Die neuen Realitäten und die Folgen für das Reich
Nur wenige von ihnen dürfte dabei der Gedanke nachdenklich gestimmt haben, dass in der getroffenen Friedensvereinbarung und angesichts der Schwäche des Deutschen Reiches bereits der Funke neuer Kriege sichtbar wurde. Dies war nur einigen Politikern der Zeit bewusst. Sie brachten ihre Bedenken in Warnungen zum Ausdruck, die daran erinnerten, dass der verderbliche Krieg gezeigt habe, wie »fremde Helfer endlich den Gewinn davontragen«, wenn man gegen die eigenen Landsleute mit Gewalt einen Vorteil zu erreichen sucht. Mahnende Worte dieser Art mussten zurücktreten hinter die akuten Probleme in den deutschen Territorien, die, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß, unter einem erschreckenden Wirtschaftsverfall und verheerender Entvölkerung litten. Optimismus und Selbstbewusstsein der Städte waren an vielen Orten gebrochen. Als Beispiel mag die einst blühende Handelsstadt Magdeburg stehen, die nie mehr an ihre großen Zeiten vor dem Krieg anknüpfen konnte. Vor dem Hintergrund der neuen politischen Realitäten übernahmen die Fürsten eine unbestrittene Führungsrolle beim Wiederaufbau des Landes. Dass der Friedensvertrag ihre Stellung noch entschieden gefestigt hatte, kann zweifellos als begünstigende Sicherung ihrer Aufbaupläne angesehen werden.

Trotz allem blieb der Reichsgedanke weiterhin wach. In der Realität haben ihn Libertät und Souveränität der Fürsten zwar ausgehöhlt, aber die vorhandenen verfassungsmäßigen Institutionen trugen durchaus zu einem übergreifenden Reichsverständnis bei. Dass die sichtbar auseinanderstrebenden Kräfte überwogen, war nur zu verständlich. Schließlich war selbst der Kaiser als Territorialfürst auf die Entfaltung seiner eigenen Territorien bedacht, während die Verantwortung für das ganze Reich erst an zweiter Stelle rangierte. Wer sollte es den übrigen Fürsten verdenken, wenn sie den Anreiz, sich eigene Machtbereiche zu schaffen, über andere Pflichten stellten.

Die Verfechter einer Politik mit dem Ziel, das Reich bewusst zu stärken, blieben in der Minderheit. Man konnte sie unter den Reichsbeamten, an den Universitäten und in den Reihen der gelehrten Reichsjuristen finden. Die praktischen Versuche des Kaisers andererseits, den verblassten Glanz der Krone wieder aufzupolieren und die kaiserliche Machtstellung zu erneuern, schlugen fehl. Dies zeigte sich unmissverständlich, als Kaiser Ferdinand III. (1637-1657) im Juni 1653 in Regensburg den Reichstag zusammentreten ließ. Die Fürsten gaben deutlich ihren Willen zu erkennen, die einmal gewonnene Libertät auch weitgehend zu nutzen. Deshalb gelang es dem Kaiser dann nicht, einen Antrag durchzusetzen, demzufolge Mehrheitsbeschlüsse in Fragen der Steuerbewilligung für alle Mitglieder des Reiches bindenden Charakter haben sollten.

Finanziell mangelhaft ausgestattet konnten so weder ein schlagkräftiges Heer noch eine effektive Reichsverwaltung aufgebaut werden. Damit hatte sich der Reichstag als Barometer erwiesen, das eindeutig die politische Stimmungslage widerspiegelte. Zwar blieb er weiterhin eine zentrale Einrichtung, konnte jedoch nicht politisch richtungsweisend wirken, da er viel zu schwerfällig arbeitete. Selbst wenn nach langwierigem Verfahren, das die Zustimmung der drei Kollegien (Kurfürsten, Fürsten und Städterat) voraussetzte, eine Entscheidung getroffen war, und der Kaiser zugestimmt hatte, waren die einzelnen Beteiligten völlig ungebunden. Sie konnten die Durchführung der getroffenen Vereinbarung nach Belieben akzeptieren oder in ihrem Herrschaftsbereich unterbinden!

Hohe Schule der Diplomatie
Frankreichs Rolle in der Reichspolitik

Besondere Bedeutung gewann diese machtpolitische Konstellation im Deutschen Reich angesichts der vollkommen anders gearteten Verhältnisse in den europäischen Nachbarländern. Strebten in deutschen Landen die Territorialherren nach Festigung ihrer Teilgewalten, so konnte man in Frankreich, England oder Holland beobachten, wie die staatliche Gewalt im Innern systematisch ihre Machtposition ausbaute - und dies trotz unterschiedlicher Regierungssysteme in den genannten Ländern! Diese Staaten schufen sich damit die Grundlage, um auf internationalem Parkett als Mächte von Rang in ihrem Sinne politisch zu wirken. Deutsche Fürsten traten dagegen vielstimmig und nicht selten uneinig auf, da sie ihre Stellung als Landesherren auch nach außen durch selbstständige Aktionen dokumentieren wollten.

Mögliche Folgen solcher Politik sollten sich bald einstellen, als der frühe Tod Kaiser Ferdinands III. hektische Aktivitäten auslöste. Ermuntert durch das wenig überzeugende Auftreten der Reichsfürsten sah der französische Kardinal Mazarin, bereits 1648 als souveräner Wahrer französischer Interessen hervorgetreten, eine Chance, den eigenen Einflussbereich auszudehnen. In einem schwer durchschaubaren Spiel aus Intrigen und Diplomatie gelang es ihm zwar nicht, seinen Favoriten, Ferdinand Maria von Baiern, als Kaiser krönen zu lassen, dennoch setzte die französische Diplomatie mit ihrem dreisten Auftreten neue Maßstäbe im Rahmen internationaler Verhandlungsführung. Es sollte sich erweisen, dass sie für die Zukunft bestimmend würden.

GeneralissimusGeneralissimus der schwedischen Heere. Karl X. Gustav, später König von Schweden, befehligte nach 1648 die Truppen seines Landes in Deutschland. Stockholm, Nationalmuseum.

Interessen am Rhein
Einstweilen begnügten sich die Franzosen mit der Zusicherung, der neue Kaiser Leopold I. (1658-1705) dürfe sich nicht mit Spanien verbinden, also die beiden Zweige des Hauses Habsburg vereinigen. Einen weiteren Eingriff in die deutsche Politik stellte daneben die Gründung eines Rheinbundes dar, dem Frankreich beitrat. Diese Allianz, ins Leben gerufen von kleinen Ländern wie Mainz, Köln, Hessen-Kassel und anderen, verstand der französische Nachbar zunehmend zum Instrument eigener politischer Vorstellungen umzugestalten.

Es beginnt sich damit ein Konzept abzuzeichnen, das mit Raffinesse und Augenmaß das Aufwertungsbedürfnis der selbstständig handelnden deutschen Kleinstaaten gegenüber dem Gewicht Habsburgs unterstützt, ohne dabei französische Interessen am Rhein und gegenüber Schweden zu vernachlässigen. Willkommene Voraussetzung dazu war freilich die Territorialisierung des Reiches, das neben Österreich lediglich Sachsen, Brandenburg und Baiern als europäisch ernst zu nehmende Partner aufweisen konnte.

Für die Zeitgenossen stand es dabei außer Frage, dass die französische Überlegenheit in ihrem Kern auf der monarchischen Herrschaft beruhte, die unter dem Schlagwort Absolutismus in die Geschichte eingegangen ist. Wenn in historischen Darstellungen immer wieder davon die Rede ist, der Kaiser und die Fürsten des Reiches hätten diese Regierungsform im 17. und 18. Jahrhundert nachzuahmen versucht, muss einschränkend betont werden, dass dies in sehr unterschiedlichem Maße geschah.

Absolutismus, ein französisches Staatsmodell für Europa
Am schärfsten hatte der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) die absolutistische Staatstheorie formuliert. Da der Mensch von Natur aus böse und auf gegenseitige Vernichtung aus sei, müsse er sich schon aus Selbsterhaltungstrieb einer uneingeschränkten Macht unterwerfen, die ihm Schutz und Wohlergehen gewährleiste. Die im Anschluss an derartige Überlegungen in Frankreich etablierte und nun nach ganz Europa ausstrahlende Staatsform des Absolutismus fand deshalb in ihrem Ursprungsland deutlichste Ausprägung.

Bereits im 16. Jahrhundert hatte der französische Philosoph Jean Bodin (1530-1596) die Forderung gestellt: »summa potestas (regis) legibus (ab) soluta est« (lat., Die höchste Gewalt des Königs ist nicht an Gesetze gebunden) - der König kann unbeschadet von Gesetz oder Vorschrift regieren. In diesem Sinne stärkten ab 1624 die Kardinäle Richelieu (1585-1642) und Mazarin (1602-1661) als Berater und erste Minister der französischen Könige die Macht des Staates nach innen und außen. Während Mazarin für den unmündigen Ludwig XIV. (1643-1715) die Staatsgeschäfte leitete, schuf er durch außenpolitisches Geschick und innenpolitische Härte die Voraussetzungen, dass Ludwig XIV. 1661 unangefochten seine Regierung antreten konnte. Sofort konfrontierte er seine Umgebung mit seinem neuen Regierungsstil: »In Zukunft werde ich selbst mein erster Minister sein. Sie werden mich mit ihren Ratschlägen unterstützen, wenn ich sie befrage.« Mit diesen, an seinen Staatsrat gewandten Worten soll er seine Selbstregierung begonnen haben, die sich an der Maxime Bodins orientierte. Jeder Einflussnahme ledig, fühlte sich der König allein Gott verantwortlich. Der absolute Herrscher »von Gottes Gnaden« war eine geheiligte Person, die stellvertretend für Gott von Fürsten wie gemeinen Untertanen vollkommenen Gehorsam forderte, da der Herrscher mit seiner Macht auch die nötige Einsicht empfangen habe, die dem Staat und den Untertanen zum Wohle gereichen sollte. Seine uneingeschränkte Macht war aber eingebunden in die Verantwortung gegenüber Gott, wodurch Tyrannei und Willkür ausgeschlossen sein sollten.

Wie der absolute Herrscher seine gesamte Tatkraft in den Dienst Gottes zu stellen versprach, sollten die Untertanen alle Kräfte zum gottgefälligen Ruhme des Herrschers aufbieten. So konnten auch unzumutbare Anstrengungen zur Stärkung des Landes und vor allem zur Ausgestaltung höfisch repräsentativen Lebens gerechtfertigt werden. Gleichzeitig bot Frankreich als Flächenstaat mit traditionell starker Königsherrschaft günstige Bedingungen für die wichtigen Säulen absolutistischer Herrschaft. Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung waren ebenso in der Hand des Königs wie der Oberbefehl über das Heer, die alleinige Verantwortung für außenpolitische Entscheidungen und die staatlich gelenkte Wirtschaft. In all diesen Bereichen hatten die Kardinäle uneigennützig den Boden bereitet und die Machtstellung des Adels, der jetzt auf eine symbolische Größe zusammenschrumpfte, schon stark eingeschränkt. Ein zentralistisch organisierter Beamtenapparat verwaltete in königlichem Auftrag alle zivilen und militärischen Angelegenheiten. Er sicherte damit dem absoluten Herrscher die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über alle Hebel der Macht.

AbsolutismusStaatsauffassung und Gesellschaft im Absolutismus.

Wirtschaftliche Stärke bedeutet politische Macht
Kostspielige Schlossbauten mit ausschweifendem Hofleben einerseits und der Ehrgeiz ein stehendes Heer zu unterhalten, das nach modernsten Gesichtspunkten ausgerüstet und geführt sein sollte, zwangen die absolutistischen Herren dazu, ihre Einnahmen ständig zu steigern. Heer wie Hofhaltung repräsentierten dabei das Selbstverständnis der Herrscher, innen- wie außenpolitisch dem Kult ihrer Person und ihrem Machtbedürfnis Rechnung zu tragen, wenn nötig auch mit Gewalt.

Zur Lösung finanzieller Schwierigkeiten versuchte Ludwigs XIV. Wirtschaftsminister Jean Baptiste Colbert (1619-1683) ein System zu entwickeln, das von der These ausging, wirtschaftliche Macht bedeutet gleichzeitig auch politische Stärke. Nach seinen Vorstellungen wurde eine ausgedehnte staatliche ›Planwirtschaft‹ angestrebt, die Frankreich allmählich zu einer Nation weiterentwickeln sollte, die ihren Reichtum aus dem Handel mit meist hochwertigen handwerklichen Erzeugnissen erlangen sollte. Er erkannte, dass arbeitsteilig organisierte Werkstätten, Manufakturen, Güter in hoher Qualität und Stückzahl fertigen konnten. Wenige qualifizierte Handwerker lernten rasch billige Arbeitskräfte für einfache Handgriffe an und ermöglichten so effektive Produktion bei niedrigem Preis.

Man warb handwerkliche Spezialisten aus ganz Europa an, verbot andererseits die Auswanderung und beseitigte die Binnenzölle. Nach außen wurde Frankreich durch Einfuhrzölle gegen billige Importwaren geschützt, während man die Ausfuhr eigener hochwertiger Produkte in jeder Weise förderte. Rohstoffe sollten möglichst preiswert aus den Kolonien kommen und die Landwirtschaft auf geringem Preisniveau eingefroren werden, um die Lebensmittelversorgung preisgünstig zu halten. Wenn ein Land diese Politik des »Merkantilismus« geschickt betreibe, so Colberts These, dabei auf die Einfuhr von Luxuswaren wie etwa Seife, Spitzen, Seidenwaren usw. verzichte, aber auch Kanonen und Militärausrüstung selbst herstelle, ließe sich leicht Reichtum anhäufen.

Diesen Gedanken einer aktiven Handelsbilanz verfolgte der französische Absolutismus mit großer Konsequenz und unterstützte die wirtschaftlichen Maßnahmen durch gezielte Verkehrspolitik. Die deutschen Fürsten beobachteten, wie Frankreich im 17. Jahrhundert rasch zu einer, wenn auch nicht andauernden wirtschaftlichen Blüte gelangte, an der aber weite Teile der ländlichen Bevölkerung keinen Anteil nahmen, und die in einem Land stattfand, das insgesamt viel weniger als das Deutsche Reich unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden gehabt hatte. Die so gewonnene Überlegenheit drängte natürlich nach außenpolitischer Bestätigung, zumal auch auf diesem Felde die Kardinäle bereits die Weichen für eine Expansion Frankreichs gestellt hatten.

Der richtige Zeitpunkt für neue Konzepte
Erleichtert wurde der Plan, den französischen Einfluss auf das Reich auszuweiten, insbesondere durch die Bereitschaft mit der sich Kaiser und Fürsten an absolutistischen Herrschaftsidealen zu orientieren begannen. Die sich im Reich herausbildende Staatslehre wurde in dieser Zeit wesentlich beeinflusst durch den seit 1660 in Heidelberg lehrenden Professor des Natur- und Völkerrechts Samuel Pufendorf. Für ihn war, anders als bei Hobbes, der Mensch zugleich gut und böse veranlagt, was ihn einerseits befähige, andererseits jedoch auch zwinge, sich freiwillig zum Wohle aller der souveränen Gewalt eines Fürsten zu unterwerfen.

Die Einmütigkeit, mit der im Europa des 17. Jahrhunderts der Absolutismus als Regierungsform akzeptiert wurde, überrascht den Betrachter nur scheinbar, denn wenn man die politische Situation vor allem im Deutschen Reich etwas näher ansieht, lassen sich zahlreiche erklärende Gesichtspunkte feststellen. War eine monarchische Regierung, die keine andere Gewalt neben sich duldete und kompromisslos gegen jeden Widerstand vorging, nicht so bedrohlich, dass alle Kräfte dagegen mobilisiert werden müssten?

Diese für den heutigen Leser naheliegende Frage stellte sich den politisch Beteiligten des 17. Jahrhunderts zunächst sicher nicht, da sie unter dem Eindruck schier endloser Gewaltakte und der Auflösung jeder Ordnung standen. In dieser Lage dürfte der Wunsch nach politischer und materieller Sicherheit mögliche Bedenken überspielt haben, ganz zu schweigen von der ungebrochenen Faszination göttlich legitimierter Herrschaft. Eine absolute Gewalt, die Ruhe im Innern garantierte, Konfessionsstreitigkeiten verhinderte und damit den Rahmen bot, innerhalb dessen sich das öffentliche Leben allmählich normalisieren konnte - eine solche Gewalt war vielen Menschen willkommen. Schließlich hatte man es meist fürstlichen Initiativen zu danken, wenn der Wiederaufbau der Länder vorangetrieben wurde. Der Landesvater wurde sich seiner Verantwortung und Pflichten bewusst, indem er die Kräfte in seinen Territorien zusammenfasste. Dahinter standen patriarchalische Grundvorstellungen, die sich verbanden mit dem Gedanken, die eigene Position zu behaupten und den Einfluss der Stände nach Möglichkeit zurückzudrängen.

Erst allmählich wandelte sich diese patriarchalische Haltung der fürstlichen Herren in Richtung auf den höfischen Regierungsstil à la Versailles. Der absolute Herrscher bahnte damit gleichzeitig einer modernen Staatsauffassung den Weg, die eine einheitliche Verwaltung anstrebte und das geschlossene Staatsgebiet als Hoheitsbereich einer staatlichen Gewalt ansah. Wie weit dies im politischen Alltag tatsächlich gelingen konnte, wurde entscheidend mitbestimmt durch Stellung und Einfluss der ständischen Institutionen.

Allein von daher kann man nicht die pauschale Behauptung aufstellen, der Absolutismus in den deutschen Landen sei als eine einheitliche Herrschaftsform übernommen und durchgesetzt worden. Vielmehr müssen wir von unterschiedlichen Ausprägungen ausgehen, die stets vom Einfluss der Landstände abhingen. Wenn auch insgesamt die Landesherren Ausmaß und Richtung politischer Maßnahmen bestimmten, hingen die Erfolge nicht zuletzt von fürstlichem Durchsetzungsvermögen und der ständischen Bereitschaft zur Kooperation ab.

Dass absolutistische Politik fast immer modifiziert übernommen werden musste, mag zunächst das Beispiel des Merkantilismus zeigen. Als »Kameralismus« entwickelte sich im Deutschen Reich eine besondere Variante der merkantilistischen Wirtschafts- und Verwaltungspolitik, für die der preußische König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) an den Universitäten von Halle und Frankfurt/Oder im Jahre 1727 eigene Lehrstühle einrichten ließ. Die dort gelehrten Kameralwissenschaften, eine staatliche Verwaltungslehre, gekoppelt mit betriebs- und volkswirtschaftlichen Fragen, kann man als Vorläufer der modernen Wirtschaftswissenschaften ansehen. Entsprechend den speziellen deutschen Verhältnissen wurden zum Beispiel eine aktive Ansiedlungspolitik und die landwirtschaftliche Entwicklung gefördert, während man gleichzeitig dem Binnenhandel mehr Gewicht beimaß als den Außenhandelsbeziehungen. Dies lässt sich allein schon erklären aus der lähmenden Wirkung zahlloser innerdeutscher Zollschranken und der Überlegenheit französischer Manufakturen und Handelsorganisation, da ein einheitlicher Territorialstaat wirtschaftlich viel planvoller entwickelt werden konnte.

Kein Patentrezept für jedermann
Die deutschen Territorien gehen eigene Wege

Im Herrschaftsgebiet der Habsburger bot zwar die flächenmäßige Ausdehnung einen guten Ansatzpunkt zu absolutistischer Machtausübung, und dennoch konnte sich gerade hier die absolute Monarchie nur bedingt entfalten. Ein Grund dafür dürfte darin liegen, dass man »die Herrschaft des Hauses Österreich« als »eine monarchische Union von Ständestaaten bezeichnet« hat, wie der Historiker Rudolf Vierhaus treffend formuliert. Das heißt, der Monarchie waren eindeutige Grenzen gezogen, ein zentralistischer Staatsgedanke konnte sich nur bedingt durchsetzen. Neben der vielfältigen Zusammensetzung der habsburgischen Länder beeinträchtigten auch einzelne Herrscherpersönlichkeiten die Chancen einer absolutistischen Durchdringung der österreichischen Territorien.

Kaiser Ferdinand III. und sein Nachfolger Leopold I. traten beide nicht als Herrscher hervor, die mit Überzeugungskraft und Standvermögen die Stellung der Monarchie festigten. Insgesamt wenig durchschlagskräftig versäumten es beide, Finanzpolitik und Verwaltung wirksam zu koordinieren, und als man 1669 einen zentralen Rat kaiserlicher Minister, die »Geheime Konferenz«, begründete, erwies sich dieses Instrument ebenfalls als ungeeignet, die auseinanderstrebenden Kräfte der Habsburger Territorien zu einen. Lediglich in der Heeresorganisation und in Ansätzen zur wirtschaftlichen Belebung zeigte sich die monarchische Zentralgewalt. So wurde das stehende Heer zur größten zentralisierenden Einrichtung im habsburgischen Herrschaftsbereich, während andererseits die Stände weiterhin an der Macht beteiligt blieben und selbst unter Kaiser Karl VI. (1711-1740) in finanziellen wie militärischen Fragen gehört werden mussten. Zwar wurden in der Hofkammer die Staatsfinanzen und im Hofkriegsrat die Armeeführung durch zwei zentrale Behörden geleitet, womit jedoch eine konsequente Verwirklichung absolutistischer Verwaltung bei weitem nicht auf allen Ebenen erreicht wurde.

So blieben die Versuche Karls VI., die Wirtschaft des Landes zu entwickeln, vielfach nur wohlgemeinte Ansätze. Selbst die Bemühungen, mit einer neugegründeten orientalischen Companie und einer ostindischen Gesellschaft im Überseehandel Fuß zu fassen, brachten nicht die gewünschten Ergebnisse. Die drohenden Türkeneinfälle und der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) fügten die Habsburger Territorien zwar zusammen, schwächten sie jedoch gleichzeitig. Es fehlten daher nicht zuletzt auch die Kraftreserven und finanziellen Mittel, die man benötigt hätte, um das Land allmählich umzugestalten.

Karl VI. hielt am Gedanken einer Einheit zumindest fest, als er für den Fall festlegte, dass kein ehelicher Sohn als Nachfolger zur Verfügung stehe, sondern nur Töchter, die älteste von diesen die Krone übernehmen sollte. Dieses 1713 als sogenannte »Pragmatische Sanktion« erlassene Hausgesetz sicherte wenigstens einen habsburgischen Gesamtstaat. Dennoch mussten sich auch die Nachfolger Maria Theresia (1740-1780) und Joseph II. (1765-1790) damit begnügen, nur ansatzweise eine funktionsfähige Herrschaftsorganisation in absolutistischem Sinne ausbilden zu können.

Ganz anders verlief die Entwicklung diesbezüglich in Baiern, wo die Stände entschlossen entmachtet und damit Wege zu einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Neugestaltung frei wurden. Was sich in Baiern und den Habsburger Gebieten andeutete, setzte sich in den kleineren deutschen Territorien fort: eine individuelle, kaum zu vereinheitlichende Herrschaftsgestaltung.

Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz (1648-1680) etwa trieb die Entwicklung seines Landes mit großer Übersicht voran. Mit Hilfe französischer Einwanderer gelang es seiner Bevölkerung, die Pfalz im Laufe weniger Jahre zu einer Art Musterstaat umzugestalten. Mit Eifer wurden Häuser errichtet, Plantagen und Weinberge angelegt. Als Karl Ludwig 1652 mit Mannheim ein neues Handelszentrum gründete, zog er mit Zoll- und Steuerfreiheit rasch Handwerker aus ganz Europa an. Geistige und religiöse Toleranz zeigten ihn als fortschrittlichen Geist, der sich um ein einvernehmliches Verhältnis mit dem französischen Nachbarn bemühte, was Ludwig XIV. nach dem Tod des Kurfürsten nicht von einem Überfall auf die blühende Pfalz abhielt.

Ähnlich besorgt um wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlergehen seiner Untertanen war Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha (1601-1675). Er beschäftigte den politischen Philosophen Ludwig von Seckendorff (1626-1692) lange Zeit als Rat und dürfte dessen Abhandlung über den Fürstenstaat in seiner Herrschaftspraxis stark berücksichtigt haben, insbesondere was die Aufforderung an den Fürsten anbelangt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen sowie Religion und Erziehung zu fördern.

Andere Ziele verfolgte dagegen Johann Friedrich von Hannover (1665-1679), der versuchte, aktiv in die großen machtpolitischen Auseinandersetzungen einzugreifen und deshalb sein Hauptaugenmerk auf ein schlagkräftiges Heer richtete, dessen Kosten sein Land extrem belasteten. Trotzdem wurde es nie zu einem politisch ausschlaggebenden Faktor. Typisch an diesem Fall erscheint die Rigorosität, mit der fürstliche Vorstellungen in die Tat umgesetzt wurden, ohne nach dem Schicksal der Landeskinder zu fragen. Regierungsstile dieser Manier findet man nur allzu häufig - etwa in Sachsen, Württemberg, Hessen, Braunschweig und Hessen-Kassel, um einige Beispiele anzuführen.

In den geistlichen Fürstentümern waren die Fürstbischöfe ebenfalls zu absoluter Herrschaftsausübung übergegangen, obwohl hier die fehlenden dynastischen Nachfolgerechte den Ausbau der bischöflichen Machtstellung insgesamt erschwerten. Dennoch gelang es einzelnen Familien, bestimmte Bistümer über lange Zeit in ihrer Hand zu halten, etwa das Erzbistum Köln, das von 1583 bis 1761 unter dem Einfluss der Wittelsbacher stand. Als prägend erwies sich ebenfalls die Familie Schönborn, die Bischöfe in Mainz, Würzburg, Worms, Bamberg und Speyer stellte und die ihr anvertrauten Gebiete durchaus mit Umsicht verwaltete.

Zusammenfassend gilt es festzuhalten, dass weltliche wie geistliche Fürsten in der Verwirklichung absolutistischer Grundeinstellungen sehr stark differierten und ihre Politik daher schwankte zwischen patriarchalisch fürsorgender Landesentwicklung und rücksichtsloser Ausbeutung der eigenen Untertanen, um den Ruhm des Herrscherhauses zu vergrößern, französischen Hofidealen zu entsprechen oder einfach die nötigen Finanzmittel für die eigenen machtpolitischen Träume zu erlangen.

KriegsalltagKriegsalltag. Söldner versuchen vor dem Marketenderzelt, mit Alkohol und Musik den Krieg zu vergessen. Ölgemälde von Philips Wouwermann. Hamburg, Kunsthalle.

Der preußische Weg aus der Nachkriegsmisere
Eine Sonderstellung in vieler Hinsicht nahm Brandenburg ein. Fernab von den Handelszentren des Reiches gelegen, dünn besiedelt und vergleichsweise gering entwickelt, wurde das Kurfürstentum mit seiner schwer zu verwaltenden Streulage zunächst wenig beachtet. Es sollte sich jedoch zeigen, dass gerade die ungünstigen äußeren Bedingungen die Herrscher herausforderten, mit Risikofreude und Tatkraft absolutistische Herrschaftsorganisation am beharrlichsten und erfolgreichsten durchzusetzen. Nirgendwo im Deutschen Reich geschah dies mit mehr Konsequenz und nirgendwo nahm ein Staatswesen eine erstaunlichere Entwicklung.

Am 8. Juni 1662 gab »Ihre Kurfürstliche Durchlaucht zu Brandenburg« das Zeichen, den »Anfang zum Schiffsgraben« zu machen. Fünf Jahre später war das kühne Projekt eines Kanalbaus mit Hilfe italienischer Ingenieure vollendet; Elbe, Oder und Spree waren mit Nord-und Ostsee verbunden. Berlin avancierte von nun an zu einem neuen Handelszentrum. Das ehrgeizige Unternehmen ermöglichte den kostengünstigen Transport von Massengütern, stellte sicher, dass die werdende Großstadt Berlin versorgt werden konnte und ließ neue Messen und Märkte entstehen. Kurfürst Friedrich Wilhelm (1640-1688) hatte damit nach französischem Vorbild eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Handel und Gewerbe geschaffen.

In der Folgezeit wurden neue Chausseen angelegt und der Bau von Schiffen vorangetrieben. Selbst eine Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie wurde gegründet - obwohl Brandenburg keinen eigenen Seehafen hatte!-, die nach vielversprechenden Anfängen der holländischen Konkurrenz unterlag.

Planmäßig verfolgten der Kurfürst und seine Nachfolger den eingeschlagenen Weg weiter. Sie eröffneten staatliche und private Manufakturen, die vornehmlich Wolle und Leder verarbeiteten, Textilien und Porzellan herstellten. Dabei trat Berlin als bevorzugter Standort solcher Unternehmen hervor. Gerade Porzellanmanufakturen galten als einträgliche Geschäfte, weswegen zahlreiche Fürsten Produktionsstätten dafür einrichteten. Darunter fallen so berühmte Beispiele wie Meißen 1710, Wien 1718, Höchst 1746, Nymphenburg 1747 oder Berlin 1751. Wie weit die Überlegungen reichten, zeigt das preußische Bemühen, vom teuren Rohseideimport unabhängig zu werden. Im 18. Jahrhundert wurden ausgedehnte Maulbeerbaum-Plantagen angelegt und Seidenwürmer gezüchtet, womit die Seidenmanufakturen versorgt werden sollten.

Gefördert wurde daneben das sogenannte »Verlagswesen«. Kaufleute übertrugen (»vorlegen«) bei diesem Verfahren kleinen finanzschwachen Herstellern Rohmaterialien, die diese termingerecht zu verarbeiten hatten. Die so in der Regel in Heimarbeit hergestellten Waren wurden zu vereinbarten Preisen von den Kaufleuten übernommen und weiter vertrieben. In Brandenburg finden wir außerdem Schneiderzünfte, die gemeinsam Uniformstoffe von staatlichen Stellen kauften und dafür Uniformen in großer Stückzahl lieferten. Überhaupt wurde in diesem Land das Militär zunehmend ein Auftraggeber großen Stils!

Maßnahmen mit dem Blick auf Preußens Zukunft
Friedrich Wilhelm sorgte sich als Kurfürst intensiv um die Landwirtschaft, deren Erträge durch Kriegseinwirkungen und mangelhafte Anbaumethoden auf äußerst niedrigem Niveau lagen. In jungen Jahren hatte er in den Niederlanden Erkenntnisse gewonnen, die er jetzt unter anderem durch holländische Einwanderer in Brandenburg verwirklichen ließ. Nach holländischem Vorbild wurden nun Milchwirtschaft und Gartenbau effektiv betrieben und Vieh planmäßig gezüchtet. Staatliche Mustergüter dieser Art nannte man daher Holländereien.

Gleichzeitig ließ er sumpfige Gelände entwässern und Saatgut an Bauern ausgeben, deren Lage König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) durch Schutzbestimmungen nachhaltig verbesserte, freilich in erster Linie, weil er gesunde Bauern als Soldaten ausheben wollte. Von Militärdienst befreit blieben dagegen Adelige, Beamte und Bürger, deren Vermögen 6000 Taler überschritt. Man sieht also, dass für Wirtschaft und Verwaltung unentbehrliche Gruppen ausgenommen wurden. Dies tritt noch deutlicher hervor, wenn man bedenkt, dass auch Einwanderer zeitweise befreit waren und sogar Arbeiter bestimmter Manufakturen vom Militärdienst mitunter verschont blieben. An den Bauernsöhnen hingegen nahmen die preußischen Herrscher unnachsichtig ihr göttliches Recht der Heeresfolge wahr. Die Bibel gab die Begründung.

Nach und nach fanden in dem aufstrebenden brandenburgischen Staat österreichische Juden ebenso Aufnahme wie Hugenotten aus Frankreich, denen 1685 der französische König die freie Religionsausübung untersagt hatte, oder Protestanten, die der Bischof von Salzburg außer Landes gejagt hatte. Allein bei dieser Gruppe soll es sich um 20000 Personen gehandelt haben. Sie alle brachten Kenntnisse und Eifer mit, in vielen Fällen sogar nicht unbeträchtliches Vermögen. Damit ermöglichten sie Kurfürst Friedrich Wilhelm und seinen Nachfolgern überhaupt erst die Verwirklichung vieler ehrgeiziger Pläne.

Selbstverständlich nutzten auch andere Landesfürsten die Gunst der Stunde und nahmen Emigranten auf. Kaum ein Land tat dies jedoch so zielbewusst und erfolgreich wie Brandenburg-Preußen, das im Laufe der Jahre einen systematischen inneren Landesausbau betrieb. Kurfürst Friedrich Wilhelm wagte sich dabei sogar so weit vor, die Monopolansprüche der christlichen Zünfte zu beseitigen, denn den »jüdischen Familien [soll] es vergönnt sein, ihren Handel und Wandel im ganzen Lande [...] Unseren Edikten gemäß zu treiben«, begründete der Landesherr seinen ungewöhnlichen Schritt.

Handel und Wandel, das waren die Stichworte, an denen sich preußische Wirtschaftspolitik ausrichtete. Trotzdem reichten die Einnahmen aus königlichen Domänen, Manufakturen und Steuern nicht aus, die kostspieligen militärischen Pläne des Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seiner Nachfolger zu decken. Daher wandelte der Kurfürst das Steuersystem derart um, dass neben einer direkten, auf bäuerlichem Grundbesitz beruhenden Abgabe (Kontribution) eine indirekte Verbrauchssteuer (Akzise) erhoben wurde. Damit sollten der sichtbar anwachsende städtische Handel und das Gewerbe zum Staatshaushalt beitragen. Gerade die Akzisenverwaltung jedoch verlangte ein rationelles und zuverlässiges Verwaltungssystem. Es wurde daher ein Beamtenapparat aufgebaut, der nicht selten mit brutalen Methoden zu der Dienstauffassung erzogen wurde, die als preußische Beamtentugend bis heute allgemein bekannt ist.

Selbst wenn nicht alle Beamten unbestechlich und pflichtbewusst auftraten, schuf sich der preußische Staat dennoch eine zentral gelenkte und leistungsfähige, ja sogar lange Zeit in ihrer Art einmalige Verwaltung. Absolutistische Härte übten die preußischen Herrscher dabei bereitwillig und unnachsichtig gegen ihre Untertanen aus, sobald das große Ziel eines starken, straff und erfolgreich geleiteten Staates Brandenburg-Preußen in Gefahr schien. Schenkt man der Anekdote Glauben, so hat König Friedrich Wilhelm I. pflichtvergessene Beamte notfalls eigenhändig aus dem Bett geprügelt. Den preußischen Geist spürten die kleinen beamteten Posthalter ebenso wie die Mitglieder der von Friedrich Wilhelm I. 1723 neu formierten obersten zentralen Verwaltungsbehörde, des sogenannten »Generaldirektoriums«, an dessen Spitze der König stand und ein äußerst strenges Regiment führte.

Ermöglicht hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm die von seinen Nachfolgern weitergeführte Politik unter anderem dadurch, dass er die konkurrierende Macht der Stände bereits früh gewaltsam ausgeschaltet hatte. Sein Vorgehen dabei mag der Fall des Grafen Ludwig von Kalkstein illustrieren. Diesen Verfechter ständischer Interessen, der sich vor kurfürstlichen Häschern nach Warschau geflüchtet hatte, ließ der brandenburgische Landesherr kurzerhand in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführen und im November 1672 »seinen Kopf auf den Block des Scharfrichters legen«, wie Barbara Beuys den Vorgang drastisch schildert.

Dass König Friedrich Wilhelm I. als konsequent absolutistisch denkender, aber sparsamer Regent die Politik des Kurfürsten beibehielt und, was die Förderung der militärischen Stärke betraf, sogar noch steigerte, ließ Preußen bis 1740 zu einem Staat werden, der aufgrund seiner inneren Verfassung in ganz Europa als vorbildlich bewundert wurde. Der Beamtenapparat war bis zum kleinsten Steuereintreiber durchorganisiert, das preußische Heer durch modernste Ausrüstung und unmenschlichen Drill so schlagkräftig, dass die Worte des Königs von 1714 als Resümée gelten können: »Sie müssen versichert sein, dass die alten Zeiten vorüber sind [...]. Ich habe das Kommando über die Armee und soll nicht Kommando haben über 10000 Tintenkleckser!«

Frankreich und das Deutsche Reich
Zwei ungleiche Partner

Die außenpolitischen Entscheidungen und Verwicklungen des Deutschen Reiches von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis etwa zum Jahr 1740 waren geprägt von einer unheilvollen Abhängigkeit deutscher Politik. Egoistische Einzelinteressen vor allem ermöglichten es dabei immer wieder, dass sich einzelne Reichsfürsten in dynastische Erbrechtsauseinandersetzungen und andere Konflikte hineinziehen ließen, die wiederholt zu Krisen und Kriegen führten, nicht selten gegeneinander und in der Regel mit fragwürdigem Gewinn.

In diesen Jahren gab Ludwig XIV. weitgehend Zielrichtung und Art der Auseinandersetzungen in Europa an, was sich bereits kurz nach seinem Regierungsantritt abzeichnete. Aufbauend auf seiner Schiedsrichterrolle unter den europäischen Mächten, die auf den Westfälischen Frieden zurückging, entfaltete das absolutistische Frankreich eine außenpolitische Konzeption mit dem Anspruch, zur ersten Macht in Europa aufzusteigen. Ein Plan, der zeitweise selbst die schließlich nicht zu realisierende Wahl Ludwigs XIV. zum Kaiser vorsah.

Um die Hegemonie Frankreichs zu sichern, war es unumgänglich, die Habsburger in Österreich und Spanien ideell zur Anerkennung französischer Vorstellungen und konkret zu Gebietsabtretungen zu zwingen. Für dieses Ziel setzte der französische König die unterschiedlichsten Mittel ein, die er gleichwohl alle in überlegener Manier beherrschte. Er erkannte die Bedeutung einer mit allen Tricks arbeitenden Diplomatie, die nicht davor zurückschrecken durfte zu schmeicheln und zu drohen. Politische Versprechungen wechselten ab mit handfesten Bestechungssummen, wofür deutsche Fürsten in ihrer chronischen Finanznot immer empfänglich waren.

Nach und nach verschärfte Ludwig XIV. allerdings in Überschätzung seiner Kräfte die Annexionspolitik derart, dass selbst antihabsburgisch gesonnene Kreise im Reich von ihm abrückten und sich so allmählich eine europäische Front gegen Frankreich zu bilden begann. Zunächst jedoch profitierte er von der Zerrissenheit des Reiches und der stetigen Bedrohung seiner Ostflanke durch die Türken.

Als Mitglied des Rheinbundes hatte Ludwig XIV. zwar ein 6000 Mann starkes Kontingent aufgeboten, das zusammen mit einem 1664 mühevoll aufgestellten Reichsheer den Türken entgegentrat, doch die Sorge, Frankreich wolle sich damit in Reichsangelegenheiten einmischen, war wohl stärker als die Freude über diese unverhoffte Unterstützung. Schließlich konnte es Frankreich nur von Nutzen sein, wenn das Reich sich ständiger Bedrohung durch die Türken zu erwehren hatte. Ludwig tat das Seine dazu, indem er französische Militärexperten und Unterstützungsgelder zum Sultan nach Konstantinopel entsandte, um so eine Fortsetzung türkischer Expansionsbestrebungen zu unterstützen. Natürlich fiel dies in den Bereich der Geheimdiplomatie. Vor aller Augen hingegen ließ der französische König seine Truppen 1667 in die spanischen Niederlande einrücken!

Frankreich expandiert in die Niederlande
In Paris konnte man kaum damit rechnen, dass die damit verbundenen angeblichen Erbansprüche (Ludwig XIV. hatte eine spanische Prinzessin zur Frau) nach dem Tode Philipps IV. von Spanien (1621-1665) akzeptiert wurden. Daher waren bereits die diplomatischen Vertreter Ludwigs mit Raffinesse dabei, etwaige Konflikte zu entschärfen, und zwar so erfolgreich, dass der Kurfürstenrat zwar heftig debattierte, sich jedoch nicht zu einem Eingreifen entschließen konnte. Die rheinischen Fürsten waren vorsorglich durch Subsidienverträge günstig gestimmt worden, die ihnen militärische und finanzielle Unterstützung versprachen. Nach Wien schließlich ging von Paris ein Schreiben, in dem der französische Gesandte als »der dreisteste Diplomat auf der Welt« gelobt wurde, weil »er es sich in den Kopf gesetzt habe, durch [...] Zureden und [...] Drohungen zu erreichen, dass ein Kaiser es nicht wagt, Rekruten für seine Armee auszuheben«.

Dieser »Coup«, wie es in dem Brief treffend heißt, gelingt tatsächlich. Der Kaiser weicht zurück, da Probleme in Ungarn und die Haltung der Reichsfürsten ein Unternehmen wenig erfolgversprechend erscheinen lassen. Einige Tage schwirren Gerüchte durch die Empfangsräume des kaiserlichen Palais, schließlich legt sich die Aufregung, und der Gesandte Frankreichs kann voll Genugtuung eine Depesche an seinen König abposten.

Lediglich die Seemächte England und Holland sowie kurz darauf Schweden zwangen als Trippel Allianz Ludwig XIV. 1668 zum Frieden von Aachen. Frankreich durfte von seiner Beute nur zwölf flandrische Festungen behalten, hatte sich damit aber zugleich für zukünftige Unternehmen eine vorteilhafte Ausgangsposition eingeräumt. Das Klima in Europa war wieder angespannter geworden, man wartete förmlich auf weitere militärische Aktionen.

Immerhin hatten die deutschen Territorien erfahren, wie Frankreich vorzugehen bereit war. Außerdem lag nun offen zutage, dass ohne die beiden Seemächte einer Expansion nicht entgegenzutreten war. Viele deutsche Fürsten wurden von Unsicherheit erfasst, was wohl auch dazu führte, dass sie den Rheinbund 1668 nicht mehr erneuerten. Doch wirkte dies im Grunde nur hilflos. Oder glaubten die Fürsten mit einer Art Trotzreaktion die Franzosen zu beeindrucken? In Paris war man indessen nicht weiter beunruhigt, denn noch immer herrschte im Deutschen Reich die »planmäßige Anarchie«, wie der französische Gesandte im Reichstag einmal seinem König gemeldet hatte.

Französische Geheimdiplomatie und offene Gewalt: Holländisch-schwedischer Krieg
Bevor sich Frankreich erneut in kriegerische Verwicklungen mit dem Reich und anderen Gegnern einließ, wurde das Terrain zunächst durch diplomatische Vorstöße sorgsam bereitet.

Mit Bestechungsgeldern und Drohungen verhinderte Ludwig XIV. jeglichen Widerstand gegen einen handstreichartigen Überfall auf das Herzogtum Lothringen im Jahre 1670. Überstürzt musste der Herzog die Flucht ergreifen. Der Wiener Hof hingegen verhandelte nach bekanntem Muster, bis er sich gar zu einem Neutralitätsabkommen mit dem Franzosen bereitfand.

Als nächstes Ziel seiner Expansionspolitik hatte Ludwig XIV. die Vereinigten Niederlande ins Auge gefasst. Der wirtschaftliche Erfolg dieses Landes, gepaart mit einer betont antiabsolutistischen Grundeinstellung, wurde in Paris als provokativ empfunden. Stimulierend dürfte zudem das Stillhalten des Reiches im Falle Lothringens gewirkt haben. Die rheinischen Fürsten waren diesmal ebenso leicht für die französische Seite zu gewinnen wie auch Baiern und die Pfalz, wo der Kurfürst durch die Heirat seiner Schwester Liselotte mit dem Bruder Ludwigs XIV. nun an die Partei des französischen Königs gebunden war. Eine entscheidende Rolle spielten wieder die Engländer und das Königreich Schweden. Beide Staaten konnten aus der Trippel Allianz gelöst werden, da Frankreich ihre Interessenlage richtig kalkulierte: Schweden benötigte die versprochenen französischen Hilfsgelder für seine Armee, und England sah eine willkommene Gelegenheit, seinen schärfsten Handelskonkurrenten empfindlich zu treffen.

Lediglich die Haltung Brandenburgs blieb lange ungewiss. Obwohl dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. über ein Geheimbündnis Hilfsgelder von Paris zuflossen, zögerte er mit seiner Entscheidung. Französische Beauftragte bedrängten den Brandenburger und waren schließlich bereit zu akzeptieren, dass der Kurfürst wenigstens neutral bliebe. Friedrich Wilhelm I., den persönliche Zuneigung mit den Niederlanden verband, wurde eindringlich gewarnt, zumal der kaiserliche Hof in Wien sich in Schweigen hüllte.

Im Mai 1672 setzte der Kurfürst überraschend seine Unterschrift unter ein Verteidigungsbündnis mit den Niederlanden. »Mir stehen die Haare zu Berge«, soll sein Berater Schwerin aus diesem Anlass in sein Tagebuch notiert haben, wie man in der Biografie Friedrich Wilhelms I. von Barbara Beuys nachlesen kann. Nun wurde umgehend gehandelt. Gegen eine Subsidienzahlung zogen 20000 Soldaten gen Westen. Brandenburg konnte allerdings in der Folgezeit nicht, wie man erhofft hatte, weitere Reichsfürsten gewinnen, dem französischen Rechtsbruch Einhalt zu gebieten.

Der Kaiser reagierte erst, als Franzosen unter Missachtung der Neutralität auf Reichsgebiet vorstießen. Jetzt wurde die Order ausgegeben, ein kaiserliches Heer sollte zu den Brandenburgern stoßen und gemeinsam mit ihnen vorrücken. Die vereinigten Heere zogen schließlich ziellos umher und vermieden auf Drängen der Österreicher einen offenen Schlagabtausch. So litten die durchzogenen Gebiete unter ihnen mehr als der Feind.

Inzwischen war es in den Niederlanden nach raschen französischen Erfolgen zu einem politischen Umschwung gekommen, der Wilhelm III. von Oranien als Statthalter und Generalkapitän auf Lebenszeit an die Macht brachte. Der Einundzwanzigjährige organisierte einen leidenschaftlichen Verteidigungskampf. Man schreckte dabei nicht davor zurück, die Dämme zu durchstechen und so in höchster Not vor den heranrückenden Franzosen das eigene Land zu überfluten. Ludwig XIV. sah ein, wie unmöglich es im Augenblick war, zu einem überzeugenden Erfolg zu kommen. Zusätzlich fühlte er sich durch die kaiserlich-brandenburgischen Truppen gestört, über deren Auftreten in den jetzt geretteten Niederlanden wenig schmeichelhafte Witze verbreitet wurden, und lenkte ein.

Während die Friedensverhandlungen noch andauerten, schwenkte der brandenburgische Kurfürst unerwartet auf die Seite Frankreichs. Den Sonderfrieden mit Paris ließ er sich mit Subsidienzahlungen vergolden, die angeblich noch stattlicher ausfielen als die holländischen. Dafür zogen sich die Franzosen von allen brandenburgischen Besitzungen im Westen zurück. Dieses unrühmliche Schauspiel beschämte den Kurfürsten im nachhinein so, dass er sich wochenlang nicht bei Hofe blicken ließ und keine französischen Gesandten empfangen wollte.

Ludwig XIV.Ludwig XIV. überschreitet die deutsche Grenze. Der von Hofmaler Van der Meulen detailliert dargestellte Übergang des französischen Heeres über den Rhein war Teil der Reunionspolitik. Amsterdam, Rijksmuseum.

Die historische Tat des Friedrich Wilhelm von Brandenburg
Inzwischen waren die Aktionen der Franzosen in Lothringen, im Elsass, in Trier und der Pfalz als so unerträglich empfunden worden, dass man öffentlich nach einer gemeinsamen Initiative rief. Nach Verhandlungen gelang es, eine Verständigung verschiedener Mächte herbeizuführen, die schließlich das Reich, Spanien, Lothringen, aber auch Holland und England als Koalition sah. Der Regensburger Reichstag rang sich zu einem seltenen Entschluss durch. Außer Baiern und Hannover stimmten alle Beteiligten für den Reichskrieg gegen den französischen König. Kurfürst Friedrich Wilhelm I., durch Sonderfrieden an Ludwig XIV. gebunden, wurde aufgefordert, sich zu entscheiden.

Wieder hielt Brandenburg eine Überraschung bereit. In Berlin wurden französische Diplomaten zu unerwünschten Personen erklärt. Kurz darauf, im August 1674, zogen der Kurfürst, sein Hofstaat und 18000 Mann »wider Frankreich zum andern Mal«. Mitbestimmend für den plötzlichen Frontwechsel dürfte gewesen sein, dass Frankreich zunehmend bemüht war, im benachbarten Polen an Einfluss zu gewinnen. Mit Ernüchterung verbreitete sich bald die Erkenntnis, wonach das 50000 Mann starke Reichsheer nicht in der Lage war, die französischen Truppen nachhaltig zu schwächen, so dass Versorgung und Moral der Einheiten mit jedem Tag abnahmen.

In dieser Situation ermunterte Ludwig XIV. Schweden, in Brandenburg einzufallen. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. rang um die Hilfe des Kaisers und der Niederländer. Trotz verbindlicher Zusagen verstrich die Zeit, ohne dass etwas geschah. Da brach er mit seiner gesamten Streitmacht Richtung Nordosten auf, von wo ihm schlimme Nachrichten entgegengebracht wurden. Bei Fehrbellin warf er die Schweden in einer, wie Augenzeugen berichten, tollkühnen Schlacht zurück, in der Friedrich Wilhelm I. selbst an der Spitze seiner Verbände kämpfte. Dieser klare Sieg mit anschließender Verfolgung der Feinde weit über die Grenzen brachte dem Brandenburger den Ehrennamen der »Große Kurfürst« ein. Gleichzeitig wurde offenkundig, wie stark die Macht der Schweden momentan einzuschätzen war, und dass Brandenburg durchaus auch allein seine Interessen wahren konnte.

Der 28. Juni 1675 wurde zu einer Art nationalem Feiertag, ein Datum, das noch im 19. Jahrhundert zum Kanon preußisch-deutscher Heldenverehrung zählte. Für die zentrale Auseinandersetzung am Rhein und in Flandern blieb der preußisch-schwedische Waffengang von untergeordneter Bedeutung. Mangelnde Koordination innerhalb der Alliierten und die Überlegenheit der französischen Heeresführung ließen die Front der Gegner Frankreichs auseinanderfallen. Nun war es wieder an Ludwig XIV., sein diplomatisches Geschick auszuspielen.

1677 vermittelte England in Nijmwegen Friedensverhandlungen, die sich bis zum endgültigen Abschluss zwei Jahre hinzogen. Nach dem Ende aller taktischen Schachzüge fiel die Freigrafschaft Burgund an Frankreich, ebenso mussten dreizehn spanische Festungen in den Spanischen Niederlanden an Ludwig XIV. abgetreten werden. Das rechtsrheinische Freiburg wurde französisch, und auch Lothringen blieb in der Hand des Königs. In einem gesonderten Vertrag musste der Große Kurfürst weitgehend auf seinen pommerschen Landgewinn aus der ruhmreichen Vertreibung der Schweden zu deren Gunsten verzichten.

Damit hatte Paris so nachdrücklich wie nie zuvor seine Vormachtstellung hervorgehoben, obwohl lange Zeit der Wind scharf in die entgegengesetzte Richtung geweht hatte. In Kreisen der Diplomatie munkelte man von neuen Plänen des französischen Königs, und in Brandenburg lehnte der Große Kurfürst, für Kenner der Verhältnisse inzwischen nicht mehr überraschend, ein Bündnisangebot des Kaisers ab.

Das brandenburgische Heer verschlang große Summen, die er nur aufbringen konnte in »Frankreichs Freundschaft und Allianz«. Also wechselte er ein weiteres Mal die Partei. Konnte er vielleicht so durchsetzen, was ihm bislang gegen Schweden versagt geblieben war?

Eroberung mitten im Frieden - Neue Initiativen für alte Ziele
Brandenburgs Kehrtwendung zugunsten Ludwigs XIV. war lediglich eine Reaktion dieser Art unter vielen. Der erfolgreiche Nachbar warb mit verlockenden Angeboten, mit Schutzverträgen und finanzieller Unterstützung. Zunächst griffen die angrenzenden deutschen Territorien zu, weitere folgten, denn der Eindruck des Friedens von Nijmwegen von 1679 ermunterte manchen, sich auf die siegreiche Seite zu schlagen. Die Hoffnung auf eine Beruhigung der europäischen Konfliktzone war jedoch nur von kurzer und von Seiten Frankreichs wohl kalkulierter Dauer.

Mit einem neuerlichen, diesmal ›friedlichen‹ Vorstoß wusste der französische König seine westlichen Nachbarn zu überraschen. Das dabei angewandte Verfahren bezeichnete man später als »Reunionspolitik«. Angestrebt wurde eine Reunion, Wiedervereinigung, ehemals französischer Gebiete des Reiches mit ihrem Ursprungsland, und zwar Gebiete, die nach neuer Interpretation aus Paris lediglich als Reichsgebiete Frankreich »entfremdet« waren. Dieses selbst den Zeitgenossen bereits abenteuerlich erscheinende Verfahren sollte gerechtfertigt werden durch eine mehr oder weniger offene Rechtsbeugung. Ihr Stichwort im Französischen: Réunion, d. h. soviel wie »Wiedervereinigung«.

Man errichtete 1679 daher sogenannte Reunionskammern. Diese in Metz, Breisach und Besançon bestehenden besonderen Gerichtshöfe sprachen der französischen Krone Gebiete zu, die zu irgend einem Zeitpunkt einmal von einem französischen Territorium abhängig waren. Zur Begründung musste das mittelalterliche Lehnsrecht dienen, das mit Beweisstücken, nicht selten zurückreichend bis in merowingische und karolingische Zeiten, fragwürdiger Qualität belegt wurde. Wenn eine Reunionskammer fündig wurde, folgte sofort die Aufforderung an das entsprechende Gebiet, Ludwig XIV. den Lehnseid zu leisten. Eine Möglichkeit, dem auszuweichen, bestand praktisch nicht, da französische Einheiten sofort in die reunionierten Gebiete einrückten, wenn dem Wunsch des Königs nicht entsprochen wurde.

Tatenlos sah man im Reich diesem Treiben zu, wie der größte Teil des Elsass, Bereiche bis weit in die Pfalz und sogar Gebiete von Trier an die französische Krone fielen. Weitere Grenzverschiebungen wurden hingenommen, bis sich die freie Reichsstadt Straßburg Ende September 1681 unter Gewaltandrohung einem französischen Heer ergeben musste, das im Morgengrauen vor den Toren aufmarschiert war. Bei diesem Handstreich bemühte man sich um überhaupt keine juristische Rechtfertigungen. Ludwig XIV. war in seinem machtpolitischen Ehrgeiz ein weiteres Mal zu weit vorgestoßen. Oder konnte er im Ernst annehmen, das Reich würde diese Provokation ganz ungerührt hinnehmen?

Der während der gesamten Reunionspolitik unterschwellig vorhandene Unmut brach nun offen hervor. An vielen Höfen stellte man sich die Frage, was noch geschehen müsse, bis dem Franzosen seine Grenzen gewiesen würden. In dieser Lage ergriff der kaiserliche Hof die Initiative und suchte die Unzufriedenheit und Empörung im Reich in eine neue gemeinsame Verteidigungsaktion umzumünzen. Wieder sperrten sich zwei Länder, diesmal Brandenburg und Mainz, doch der Reichstag beschloss im Jahre 1681 eine reformierte Reichskriegsverfassung. Hannover, Sachsen und Baiern bezogen Stellung gegen Frankreich. Der Kaiser vereinigte weite Teile des Reiches zu einer Allianz, die mit Holland, Schweden und Spanien zu einer ernsthaften Koalition zusammenzuwachsen drohte. Ein optimistischer Beginn mit zweifelhaften Perspektiven.

Wie so oft profitierte Ludwig XIV. von den Spannungen im Reich, die ein entschlossenes Vorgehen unmöglich machten. Besonders Brandenburg richtete seine Interessen stärker auf den Konflikt mit Schweden, und die anderen Fürsten zeigten sich mit der Zeit bereit einzulenken, da ihnen eine Drohgebärde auszureichen schien. Krieg wollten sie vermeiden. In dieser Hoffnung etwa hatten sich zum Beispiel Köln, Mainz, Münster, Trier und die Pfalz beteiligt. Im Südosten des Reiches traten kaum zufällig im Frühjahr 1683 türkische Truppen erneut gegen das christliche Abendland an, trafen aber auf eine wohl vorbereitete habsburgische Abwehrfront.

Für den Konflikt mit Frankreich fehlten damit endgültig die nötigen Machtmittel, so dass im Regensburger Stillstand 1684 Ludwig XIV. sein Ziel doch noch erreichte. Der Kaiser bestätigte alle Reunionen seit dem 1. August 1681 und die Besetzung von Straßburg und Luxemburg. Dies sollte für zwanzig Jahre gelten, aber so lange würde der Friede kaum dauern. Alle Erfahrungen jedenfalls sprachen dagegen. Der Unmut im Reich über das zuletzt offen unverschämte Verhalten Frankreichs und das erstarkte Selbstbewusstsein des Kaisers nach den bewunderten Siegen über die Türken ließen neue Konfrontationen in Kürze befürchten.

Frankreichs fragwürdige Forderungen
Der Überfall Ludwigs XIV. auf die Pfalz

Bereits 1685 spitzte sich die politische Lage wieder zu. In diesem Jahr starb der pfälzische Kurfürst Karl (1680-1685), dessen Schwester als Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans mit Ludwig XIV. verschwägert war. Ohne jede Berechtigung erhob nun der französische König in deren Namen Erbansprüche auf die Pfalz. Nach Reichsrecht jedoch folgte der katholische Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg.

Damit war ein Konflikt konstruiert, der zum Krieg führen sollte, ein Krieg allerdings mit anderen Vorzeichen als die vorausgegangenen. Zunächst unterstrich der französische König seine drohende Haltung durch massive Einmischung in die Nachfolgeverhandlung für das Erzbistum Köln, wobei er bereits energischen Widerstand zu spüren bekam. Selbst eine Kompromissformel, wonach er sich finanziell für seine Ansprüche in der Pfalz entschädigen lassen wollte, stieß im Reich auf taube Ohren, ebenso seine bekannten diplomatischen Manöver. Woher kam diese plötzliche Standfestigkeit?

In Europa zeichnete sich ein breites Bündnis gegen Frankreich ab. Zur Führungsfigur stieg dabei Wilhelm III. von Oranien auf, der inzwischen König von England geworden war. Unvergessen war sein entschlossener und verbissener Abwehrkampf in den Niederlanden. Mit dem Fall von Belgrad 1686 bekam zudem auch der Kaiser freie Hand, so dass 1689 das Deutsche Reich, Spanien, Holland, England, Schweden und Savoyen zu einer großen Koalition zusammenfanden. Frankreich als Seemacht auszuschalten war dabei ein Motiv, ein anderes resultierte aus der Bedrohung des Reiches und den nach 1685 in Frankreich durchgeführten Hugenottenverfolgungen, die vor allem protestantische Mächte beunruhigten.

Ludwig XIV. war isoliert, die französische Wirtschaft überanstrengt und der Krieg insgesamt schlecht vorbereitet. Dennoch erwartete man in Paris einen schnellen Sieg. Um möglichen Aktionen der zusammentretenden Koalition zuvorzukommen, eröffnete Frankreich im September 1689 die Feindseligkeiten. Über Nacht wurde das linke Rheinufer bis kurz vor Köln besetzt, und von der Pfalz aus suchten Truppen des französischen Königs das angrenzende Württemberg heim. Als die norddeutschen Fürsten und die übrigen Teile der Allianz zum Gegenschlag antraten, konnte der Franzose seine Stellung nicht halten.

Wer die Lage einzuschätzen verstand, sah deutlich die »unwiderrufliche militärische und politische Wende«, wie der Historiker Walther Hubatsch prägnant formuliert. Nun folgte ein militärisch sinnloses und gleichzeitig wenig ruhmvolles Nachspiel. Auf Befehl des französischen Kriegsministers Louvois, eines Mannes mit fragwürdigem Ruf, verwüsteten seine Truppen bei ihrem Rückzug Stadt und Land. Von französischen Offizieren wird berichtet, sie hätten sich voll Abscheu und Entsetzen von diesem sinnlosen Zerstörungswerk abgewendet. Vor allem die Pfalz sollte praktisch unbewohnbar werden. Systematisch wurden daher blühende Städte in Schutt und Asche gelegt, darunter Heidelberg, Mannheim, Worms und Speyer, um nur einige zu nennen. Damit verstießen die Franzosen so nachhaltig gegen die Konventionen der Kriegsführung, dass sie noch stärker isoliert wurden. Jedes Mittel schien ihnen zur Vergrößerung ihres Staatsgebiets recht.

Eine europäische Allianz und eine neue Erfahrung: Auch Frankreich ist verwundbar
Nun suchten auch die englischen und holländischen Verbände die Franzosen zur See zu stellen. Sie konnten schließlich im Mai 1692 am Kap la Hogue die französische Flotte vernichtend schlagen. Dies traf Ludwig XIV. zwar hart, ergab für die Alliierten am Rhein allerdings keinen entscheidenden Vorteil. Was das bedeutete, spürte etwa die Stadt Heidelberg schmerzhaft. Waren beim eiligen Rückzug Frankreichs zu Beginn des Krieges noch einige Gebäude vor den Flammen gerettet worden, so schossen im Mai 1693 die anrückenden französischen Kommandos die verbliebenen Häuser und Festungswerke endgültig zusammen. Es zog sich der Krieg ohne Entscheidung hin, bis er zuletzt wegen Erschöpfung und Uneinigkeit der Verbündeten zum Stillstand kam.

Schweden vermittelte daraufhin 1697 in Ryswijk einen Friedensschluss, der Ludwig XIV. erstmalig zu Zugeständnissen zwang. Er musste sich von seinen Brückenköpfen am rechten Rheinufer zurückziehen. Seine Ansprüche auf die Pfalz und die Mitentscheidung bei der Wahl des Kölner Erzbischofs wurden zurückgewiesen. Außerdem hatte er das Herzogtum Lothringen herauszugeben. Ihm Straßburg und das Elsass abzunehmen, um es wieder dem Reich anzugliedern, gelang dagegen nicht.

Etwa zur gleichen Zeit zeichnete der Erzbischof Fénélon in einem Brief an seinen König ein düsteres Bild von der inneren Lage Frankreichs: »Seit mehr als zwanzig Jahren sind wir Ursache blutiger Kriege [...]. Das Volk selber fängt an, die Verehrung für Sie zu verlieren [...]. Vielmehr zündet nach und nach in Teilen des Landes der Funke des Aufruhrs.« Aber Frankreich war längst nicht bezwungen, obwohl seine Mittel nicht mehr unerschöpflich schienen. Mit dem Frieden von Carlowitz 1699 erkannte das Osmanische Reich zudem die habsburgische Herrschaft über ganz Ungarn an, d. h. in Paris konnte man nicht mehr mit türkischer Rückendeckung rechnen. Mit dem frischen Ruhm der Balkansiege wandte sich der Kaiser den Entwicklungen in Mitteleuropa zu, entschlossen, die eigenen Großmachtvorstellungen den französischen Hegemoniebestrebungen entgegenzusetzen.

Der nach all diesen Kriegen verständliche Wunsch eines Chronisten, »dass die gegenwärtige Friedenssonne lange scheinen möge und nicht durch neue Unwetter verdunkelt werde«, erfüllte sich indes nicht. Die Vorbereitungen für einen neuerlichen Waffengang liefen bereits an. Den Hintergrund bildeten diesmal zwei gleichberechtigte Ansprüche auf den spanischen Thron, die im Sinne eines Gleichgewichts der Kräfte entschieden werden sollten. Zuvor allerdings überzog der sogenannte Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) fast vierzehn Jahre lang Westeuropa und die kolonialen Besitzungen der beteiligten Mächte in Übersee.

Weltreich der Habsburger oder Weltmacht der Bourbonen?
Der Konflikt hatte sich weit vorher angebahnt, da nach dem Tod des kinderlosen spanischen Königs Karl II. (1665-1700) die Rivalen um das Erbe antreten würden. Ludwig XIV., selbst Sohn der ältesten Tochter Philipps III., war verheiratet mit der ältesten Tochter Philipps IV. von Spanien. Kaiser Leopold I. war Ehemann der jüngsten Tochter Philipps IV. und außerdem Sohn der jüngsten Tochter Philipps III. von Spanien. Als dritter Anwärter konnte Kronprinz Joseph Ferdinand von Baiern auftreten, ein Enkel Karls II. Paris hatte zwar vor Jahren auf alle Ansprüche verzichtet, widerrief jedoch jetzt diese Erklärung. Ein Plan zur Teilung des Erbes fand Zustimmung bei Ludwig XIV., der seinen Enkel Philipp von Anjou in Spanien auf dem Thron sehen wollte. Mit einem geteilten spanischen Erbe, signalisierten England und Holland, würden sie ihre eigenen Interessen verbinden können.

Einem möglichen Alleinerben würden nämlich das Mutterland Spanien, die Spanischen Niederlande, Mailand, Neapel und Sizilien, sowie Gebiete in Indien und auf dem amerikanischen Kontinent zufallen. Das Haus Habsburg beanspruchte das gesamte Erbe, erhielt indes zunächst überhaupt nichts, da der verstorbene Karl II. überraschenderweise alles ungeteilt seinem Erben, dem Enkel Ludwigs XIV., Philipp V. von Anjou hinterlassen hatte. Dieser trat die Nachfolge an und wusste den französischen König hinter sich.

Durch diese unerwartete Wendung bekam der Kaiser unverhoffte neue Bundesgenossen für seine Pläne: die Seemächte. Außer Baiern und Köln, beide von Wittelsbachern regiert, waren die deutschen Fürsten entschlossen, Kaiser Leopold I. in dieser dynastischen Auseinandersetzung beizustehen. Sie hatten zwar lediglich ein untergeordnetes Interesse an der Nachfolgefrage, sahen andererseits jedoch die unverminderte Expansionsgefahr, die von Frankreich ausging. Brandenburg-Preußen spürte eine besondere Verpflichtung gegenüber Wien, nachdem Kurfürst Friedrich III. (1686-1713) vom Kaiser im Januar 1701 als Friedrich I., »König von Preußen«, anerkannt worden war. Sein Königstitel bezog sich also auf Preußen, ein souveränes Territorium außerhalb des Reiches.

Wilhelm III. von Oranien hatte 1701 im Haag zwischen den Seemächten und dem Kaiser eine Allianz vereinbart. Damit war es ihm noch einmal gelungen, seinem Gegner auf dem französischen Thron eine enorme Streitmacht entgegenzuwerfen. Die weitverzweigten Besitzungen und die kolonialen Interessen der Kriegführenden ließen erstmals einen weltumspannenden Krieg entbrennen, in dem die deutschen Fürsten nur eine bescheidene Rolle spielen konnten. Es lag außerhalb ihrer Möglichkeiten, in Indien oder Nordamerika mitzustreiten, gerade dort, wo Paris entscheidend geschlagen wurde.

Mit baierischer Unterstützung fielen die Franzosen siegreich in Süddeutschland ein, wo der Markgraf von Baden die Reichstruppen führte. Ein anderer hochdekorierter Sieger über die Türken stand an der italienischen Front: Prinz Eugen von Savoyen. Nach Vorteilen für die kaiserlichen Verbände verlagerte sich das Zentrum des Krieges 1703 nach Spanien. Hier hatte man Karl III., Sohn Kaiser Leopolds I., zum spanischen König ausgerufen. Auch auf der iberischen Halbinsel schien sich die Waagschale zugunsten Habsburgs zu senken. Die europäische Entscheidung sollte allerdings auf deutschem Boden fallen.

Göttin DianaAls Diana, Göttin der Jagd, stellt Willem van Honthorst Luise Henriette von Nassau-Oranien dar, die spätere Gemahlin des Großen Kurfürsten. Utrecht, Zentral Museum.

Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg.Preußen wird Königreich. Bis zu seiner Krönung 1701 war Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg. Gouache von J. H. Schildt. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum.

England diktiert den Frieden: Gleichgewicht der Mächte oder Das Ende einer Epoche
Immer stärker konzentrierten sich die Aktionen auf drei Feldherren, den Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, den Prinzen Eugen von Savoyen und den englischen Herzog von Marlborough. Dieser Engländer wurde zur treibenden Kraft der Verbündeten. Am Abend des 13. August 1704 kritzelte er in einem Gasthaus einige Zeilen auf eine gestärkte Tuchserviette, die er mit Eilboten nach England zu seiner Familie schickte. Der Brief enthielt eine unerhörte Nachricht. In der ersten großen Feldschlacht des 18. Jahrhunderts bei Höchstädt und Blindheim hatten sich die französischen Truppen geschlagen geben müssen - ein in diesem Ausmaß bis dahin einmaliges Ereignis! War damit das Ende Ludwigs XIV. greifbar? Marlborough und seine Verbündeten ließen jedenfalls in den folgenden Jahren weitere Siege folgen, bis 1709 mit 100000 Alliierten gegen 90000 Franzosen eine der größten Schlachten des 18. Jahrhunderts ausgetragen wurde. Nach diesem blutigen Treffen verließen Frankreichs Truppen wieder geschlagen das Schlachtfeld und dennoch waren ihre Kräfte noch nicht am Ende.

Taktisch unkluges Verhalten der Alliierten verhinderte in diesem günstigen Augenblick einen möglichen Friedensschluss. Die Kampfhandlungen schwelten daher weiter, bis 1711 Kaiser Joseph I. (1705-1711) kinderlos und ohne männlichen Erben unerwartet starb. Karl III. von Spanien hatte als Bruder des Verstorbenen das erste Anrecht auf die Nachfolge, und noch im gleichen Jahr wurde er als Karl VI. zum Kaiser gewählt. Damit war eingetreten, womit niemand gerechnet hatte, was England und Holland auf keinen Fall billigen konnten, wenn sie nicht ein neues habsburgisches Weltreich in Kauf nehmen wollten.

Paris atmete auf, die Koalition zerfiel. Zugleich bahnte sich eine Verständigung zwischen England und Frankreich an, die durch diplomatische Bemühungen nicht mehr verhindert werden konnte. Ein Friedenskongress in Utrecht arbeitete daraufhin eine neue, für Karl VI. unbefriedigende Lösung aus. Danach erhielt Philipp von Anjou im Mutterland Spanien mit seinen Kolonien die Königswürde. Spanien dürfte aber niemals mit Frankreich vereinigt werden. Das Königreich Sizilien fiel an Savoyen mit der Zusage einer Thronfolge in Spanien, falls die Bourbonen aussterben sollten. Habsburg musste sich mit Mailand, Sardinien und Neapel begnügen. Mit den Spanischen Niederlanden wurde Kaiser Karl VI. darüber hinaus ein strategisch wichtiges Gebiet zugesprochen. Dennoch, im Vergleich zu den hochfliegenden Plänen musste man in Wien von diesem mageren Ergebnis enttäuscht sein. Daher wurde im April 1713 der Friede in Utrecht nur von Frankreich, Holland, England, Savoyen, Portugal und Preußen unterzeichnet, das ebenfalls nur geringfügige Gewinne einstreichen konnte.

Kaiser Karl VI. setzte auf eine militärische Lösung. Mit dem Prinzen Eugen an der Spitze sollten die kaiserlichen Verbände eine militärische Wende herbeiführen, standen ohne Bundesgenossen aber auf verlorenem Posten. Bald sah man auch in Wien ein, dass die Vereinbarungen von Utrecht so nicht zu revidieren waren und akzeptierte zähneknirschend, was vor allem England diktiert hatte. Im März 1714 schließlich tauschten österreichische und französische Unterhändler in Rastatt die Friedensurkunden aus.

Endlich konnte die Bevölkerung auch in deutschen Landen wieder aufatmen. Vierzehn Jahre hatte der Krieg getobt, zwar nicht ständig überall, doch selbst wo man nicht direkt darunter zu leiden hatte, hingen die drohenden Wolken möglicher Kämpfe, Verwüstungen durchziehender Soldatenhorden oder nur die unablässige Furcht über den Bewohnern, Väter und Söhne in einer der Schlachten zu verlieren. Mehr noch als 1695 bekamen die kritischen Worte des Erzbischofs Fenelon Gültigkeit, der Ludwig XIV. vorgeworfen hatte, dass er seine Untertanen erniedrige. Die letzten Siege waren wahrlich »kein Fest mehr für Frankreich«, wie Fenelon bemerkt hatte, dessen Bevölkerung ausgesaugt, dessen Wirtschaft durch Kriege und Hofhaltung ruiniert waren.

Ähnlich muss die Lage in den deutschen Territorien eingeschätzt werden, vor allem im Bereich der eigentlichen Kampfhandlungen. Was die viel zu aufwendigen Höfe nicht an Steuern und Aufgaben auffraßen, das verschlangen die Kriege. Nicht genug, die Landeskinder für fragwürdige dynastische Interessen in den Kampf zu schicken, verkaufte sie mancher Fürst meistbietend. So geschehen in Hessen, wo Karl I. 1702 9000 Untertanen an die Seemächte und 12000 Mann nach dem Utrechter Frieden an König Georg I. von England ›lieferte‹.

Die Fürsten im Reich profitierten zwar zum Teil durch ihre Subsidienverträge von den kriegerischen Auseinandersetzungen, aber zu den Gewinnern zählten sie aufs Ganze gesehen nicht. Selbst Habsburg und Frankreich hatten die selbst gesteckten Ziele verfehlt. Diesbezüglich sprachen die Vereinbarungen von Utrecht und Rastatt eine deutliche Sprache. Blieb allein noch England als beteiligte Großmacht. Die Seemacht hatte ihr Kolonialreich erweitert und gefestigt, aber zugleich die Schiedsrichterrolle in Europa übernommen. Ob es sich für das Reich und seine Einzelstaaten vorteilhaft auswirken würde, dass Frankreichs Expansionsdrang endgültig gebrochen und an die Stelle seiner Vormachtsbestrebungen das englische Konzept eines Mächtegleichgewichts, eine »balance of power« getreten war, musste die Zukunft erst beweisen. Zweifellos hatten sich die zukunftsweisenden Entwicklungen weit über den Köpfen der Reichsfürsten abgespielt, die vielfach in maßloser Überschätzung ihrer Möglichkeiten die Tage damit verbrachten, französisches Hofleben zu imitieren. Während sie sich noch am allmählich welkenden Glanz von Versailles ergötzten, war England zur Weltmacht aufgestiegen.

Etwas im Schatten der geschilderten Ereignisse bewegte den Norden und Nordosten Europas zur gleichen Zeit ein Konflikt von noch längerer Dauer als der Spanische Erbfolgekrieg. Der Ausgang dieses Konflikts gestaltete das Kräfteverhältnis in dieser Region weitgehend neu und stärkte die Position Brandenburg-Preußens nachhaltig.

Als die Großmacht in Nordeuropa hielt Schweden seit dem Dreißigjährigen Krieg die Ostseeküsten weitgehend in seinen Händen. Seit diesen Tagen lauerte Dänemark auf eine Möglichkeit, wieder teilzuhaben an der Ostseeherrschaft. Hinzu kam das intensiv nach Macht strebende Brandenburg-Preußen mit seinen bislang erfolglosen Bemühungen um die Odermündung. Auch Polen glaubte, sich einen Küstenstreifen sichern zu können, besonders seit in Livland starker Unmut über die schwedische Herrschaft entflammt war.

Wer beherrscht den Ostseeraum?
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Kurfürst August I., genannt der Starke, von Sachsen (1694-1733) hatte sich 1697 als August II. die polnische Königskrone sichern können. Von da an waren seine Bemühungen darauf gerichtet, den unterschwelligen Konflikt um die Ostsee anzuheizen. 1699 gelang ihm das schließlich mit einem Bündnis zwischen Sachsen-Polen, Dänemark und Russland. Im Frühjahr 1700 rückte diese Allianz gegen Schweden vor und eröffnete damit den Nordischen Krieg (1700-1721). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Russische Reich noch niemals in einen europäischen Konflikt als Bündnispartner eingegriffen. Warum nun diese Wende?

Zar Peter I. (1682-1725), eine Persönlichkeit mit ungewöhnlichen Kenntnissen, bewunderten Führungsqualitäten und dem unbeugbaren Willen, sein Reich in kürzester Zeit dem Standard westlicher Großmächte anzugleichen, richtete kulturell, wirtschaftlich und außenpolitisch seine Anstrengungen nahezu ausschließlich auf die Verwirklichung dieses Vorhabens. Auf Reisen nach Frankreich und den Niederlanden hatte er Erfahrungen gesammelt, wie er eine zuverlässige Armee ausrüsten und eine überlegene Flotte aufbauen könnte. Diese Pläne verband er mit Aufträgen an Schiffswerften, Pulver- und Waffenfabriken. Er legte Eisenhütten an und gründete Manufakturen nach westlichem Vorbild. Gegen heftige Widerstände versuchte er westliche Bekleidungs- und Umgangsformen einzuführen und machte seine Umgebung mit französischem Hofzeremoniell bekannt, bis etwa die Moskauer Kavaliere, zunächst widerstrebend, beim Tanz mit ausländischen Damen auf dem Parkett bestehen konnten. Diese Beispiele für eine radikale Umgestaltung vieler Lebensbereiche ließen sich beliebig fortsetzen.

Die Linie des Zaren gegen seine orthodoxe, konservative und dem Westen abholde Opposition überzeugend durchzusetzen, bedurfte es sichtbarer Erfolge. Eine Möglichkeit sah Zar Peter I. darin, »ein Fenster nach Europa durchzubrechen«, d. h. einen Zugang zur Ostsee zu gewinnen. Würden damit gleichzeitig die Schweden aus diesem Raum verdrängt, könnten so dem russischen Handel mit dem Westen neue Impulse vermittelt werden.

Von daher war also das Bündnis zu erklären.

Zudem schien der Zeitpunkt günstig, da in Schweden seit Karl XII. (1697-1718) ein noch jugendlicher Herrscher gerade erst den Thron bestiegen hatte, ein König, dessen unkonventioneller Lebensstil ihm in den Augen seiner Gegner zu Unrecht wenig militärisches Ansehen einbrachte.

»Es war ein Raubkrieg und ohne einen anderen sachlichen Grund als den des Landerwerbs.« Mit diesen Worten charakterisiert Walther Hubatsch die 1700 mit dem Angriff auf Schweden begonnene Auseinandersetzung. Karl XII. erwies sich in den folgenden Jahren als ein Heerführer, dessen Kühnheit und Verbissenheit an den Höfen Europas manche Bewunderer fanden. In rascher Folge schaltete er 1700 nacheinander Dänemark und ein Heer des Zaren bei Narwa aus. Statt dem geschwächten russischen Heer nachzusetzen, unterschätzte der Schwedenkönig die Reserven des Zaren, da er eine Attacke gegen König August IL, den Starken, für vordringlicher erachtete. Wieder behielt er die Oberhand, vertrieb den ihm verhassten polnisch-sächsischen König und setzte einen Gegenkönig ein, der jedoch bald wieder weichen musste.

Einstweilen gab August der Starke seine Sache verloren, zog sich gezwungenermaßen aus dem Krieg zurück, ja musste sogar dulden - was ihn und seine Untertanen besonders schmerzte - dass sich das schwedische Heer in Sachsen einquartierte. Von hier aus trat der Schwedenkönig dem Zaren entgegen, wobei es ihm nicht gelingen wollte, die Russen in einer Feldschlacht zu stellen. Karl XII. ließ sich vielmehr auf die russische Taktik ein und folgte dem Zaren in aufreibenden Märschen bis in die Ukraine. Hier unterlagen die nach einem strengen Winter völlig ausgezehrten Schweden 1709 bei Poltawa. Von diesem Zeitpunkt an war der Krieg im Grunde entschieden, obwohl Karl XII. noch nicht aufgab.

Das Ende der schwedischen Großmachtstellung
Nach Konstantinopel geflüchtet, wiegelte der Schwedenkönig die Türken gegen den Zaren auf. Peter I. hatte inzwischen die Initiative ergriffen, die ihm zur Vormachtstellung an der Ostsee verhelfen sollte. Den nahen Sieg vor Augen traten Dänemark und Sachsen-Polen wieder zur Allianz, kurz darauf folgten Preußen und Hannover, die sich ebenfalls Hoffnungen machten. Währenddessen wuchs auch die Furcht vor einem zunehmenden Ausgreifen der Russen gegen Westen, so dass man in Preußen Vorbereitungen für den Ernstfall traf.

Karl XII. hatte nach vergeblichen Verhandlungen, aus der Türkei zurückgekehrt, den Kampf wieder aufgenommen, war dabei jedoch unverhofft 1718 vor der norwegischen Festung Fredrikshall gefallen. Nun neigte der schwedische Adel mit englischer Unterstützung zur Verständigung, da man in London die eigenen Handelsinteressen durch Russland gefährdet sah. In Stockholm 1719, Friedrichsburg 1720 und in Nystad 1721 wurde Schweden als Ostseemacht abgelöst. An Hannover fielen die Herzogtümer Bremen und Verden, an Preußen Vorpommern bis zur Peene. Damit war Schweden bis auf einen unbedeutenden Gebietsrest vom deutschen Reichsgebiet verdrängt. Der schwedisch-dänische Konflikt wurde beigelegt und Russland mit dem Gewinn von Livland, Estland, Lettland, Ingermanland und Südkarelien unumstrittene Vormacht im Ostseeraum.

August der Starke konnte, obwohl in Polen als König bestätigt, keinen weiterreichenden politischen Einfluss ausüben, da Kriegsfolgen und eklatante Verschwendungssucht seine Gebiete ausgeplündert hatten. Immerhin korrigierte der Nordische Krieg den Westfälischen Frieden von 1648 zugunsten des Reiches. Als neue Großmacht hatte sich außerdem das ausgesprochen selbstbewusste Königreich Preußen etabliert, wo König Friedrich Wilhelm I. seit einigen Jahren mit harter Hand den Aufstieg seines Landes vorantrieb. Rigide Sparsamkeit, absolute Pflichterfüllung und ein gefürchtetes Heer, all dies hatte ihm den Namen »Soldatenkönig« eingebracht. 38000 Mann standen unter Waffen, als er den Thron bestieg, 85000 waren es, als er starb.

Ein gewaltiger Aufstieg - und England konnte es recht sein, denn Preußen zeigte sich bereit und in der Lage, als Widerpart Russlands für Gleichgewicht im Ostseeraum zu sorgen. Auch für das Reich übernahm Preußen damit eine wichtige Aufgabe im Nordosten, da der russische Zar mit der Anlage von Petersburg, der neuen Residenzstadt, für jedermann sichtbar demonstrierte, dass er als Machtfaktor im europäischen Staatensystem von nun an mitwirken wollte.

Vor circa achtzig Jahren hatten die Einwohner von Münster unter Jubelgesängen und »Vivat pax«-Rufen die kommenden Friedenszeiten gefeiert. Sie hatten sich getäuscht. Aus dem Freudenfeuer schlugen bald wieder die Flammen neuer Kriege quer durch Europa. Erst jetzt, nach 1720, trat in Mitteleuropa eine Phase der relativen Ruhe ein, wenn auch nicht frei von Konflikten, so doch weitgehend unbelastet von großem Schlachtenlärm. Kaiser Karl VI. bemühte sich um die innere Festigung seines Reiches und konzentrierte seine Anstrengungen auf die Anerkennung der »Pragmatischen Sanktion«. In Frankreich verstand es Kardinal Fleury, die diplomatischen Fäden Europas scheinbar uneigennützig zu knüpfen, und zumindest kulturell blieb Versailles nicht nur in deutschen Landen tonangebend.

Mit dem Tod des Prinzen Eugen 1736 neigte sich eine Epoche habsburgischer Erfolge ihrem Ende entgegen, und ein unbefriedigend verlaufender Feldzug gegen die Türken schien dies kurz später zu bestätigen. Diese Phase scheinbarer Ruhe währte allerdings nur bis zum 20. Oktober 1740. An einem Abend gegen Ende dieses Monats fieberte man in Berlin der Aufführung eines französischen Opernensembles entgegen, für Preußen ein kulturelles Ereignis ersten Ranges. Der junge preußische König Friedrich II. (1740-1786) ließ auf sich warten und sagte schließlich sein Erscheinen ganz ab. Soeben hatte ihn die Nachricht erreicht, dass Kaiser Karl VI. am 20. Oktober 1740 überraschend gestorben war. Eine Nachricht, die dem ehrgeizigen, mit Sinn für Machtpolitik begabten Preußenkönig sofort in ihrer einschneidenden Bedeutung bewusst wurde. Europa stand am Anfang einer neuen historischen Etappe.
 
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