Nichts deutete zu Beginn des 17. Jahrhunderts darauf hin, dass das Land Brandenburg und seine Kurfürsten später einmal, im 18. und 19. Jahrhundert, in der deutschen und europäischen Geschichte eine besondere Rolle spielen sollten. Seit rund 200 Jahren regierten die Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern in ständiger Rivalität mit den mächtigen Ständen ein ansehnliches und zunächst auch geschlossenes, aber wirtschaftlich wenig ertragreiches und bevölkerungsarmes Territorium abseits der großen Handelsstraßen. Kriegerischen Ehrgeiz kannten weder sie noch der Adel des Landes.
Gebiete am Rhein und im Osten: Brandenburg vergrößert sich
Da traten noch vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zur Zeit des Kurfürsten Johann Sigismund (1609-1618) Ereignisse ein, die - den Zeitgenossen freilich noch nicht erkennbar - für Brandenburg und für das Herrscherhaus bedeutsam werden sollten. Aufgrund älterer Heiratsverträge fielen 1614 das niederrheinische Herzogtum Kleve und die Grafschaften Mark und Ravensberg an Brandenburg: Streubesitz ohne territorialen Zusammenhang und unterschiedlicher Religionszugehörigkeit.
Einen noch beträchtlicheren Zuwachs gewann der Zollernstaat, als 1618 das Herzogtum Preußen, der ehemalige Ordensstaat, durch Erbschaft an Brandenburg fiel: ein nicht unproblematisches Erbe, weil Preußen noch unter polnischer Lehnshoheit stand und Polen den preußischen Adel zum Widerstand gegen die Zollern ermutigte. Probleme ergaben sich vor allem daraus, dass Kurfürst Johann Sigismund 1613 zum Calvinismus übergetreten war und damit die starre lutherische Orthodoxie gegen sich aufgebracht hatte. So kam es zu der bemerkenswerten Konstellation, dass der katholische König von Polen die lutherischen Stände gegen die calvinistischen Kurfürsten unterstützte.
Was war nun bedeutsam an diesen Ereignissen? Brandenburg trat aus seiner bisherigen territorialen Zurückgezogenheit heraus und sah sich künftig auch in die Ereignisse am Niederrhein, bei Kleve, und im polnischen Raum verwickelt. Künftige Zollernherrscher betrachteten es als vordringlichste Aufgabe, die getrennten Teile ihres ›Staates‹ zusammenzuführen, ein Prozess, der erst 1866 durch die gewaltsame Einverleibung Hannovers abgeschlossen wurde. Aber noch etwas ist bemerkenswert in dieser Zeit konfessioneller Spannungen an der Schwelle des Dreißigjährigen Krieges: Die Hohenzollern entwickelten angesichts der verschiedenen Konfessionen ihrer Untertanen - es gab Lutheraner, Calvinisten und Katholiken - seit dieser Zeit eine sonst nicht überall geübte religiöse Toleranz. Nach den Worten des Kurfürsten Johann Sigismund sollte den »Kurs und Lauf der Wahrheit Gott allein befehlen, weil es nicht an Rennen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen gelegen ist«.
Im heraufziehenden Großen Krieg spielte Brandenburg eine untergeordnete Rolle. Infolge einer ungeschickten Bündnispolitik und aus geografischen Gründen wurde das Land immer wieder von fremden Truppen durchzogen, zeitweise besetzt, ausgeplündert und ruiniert. Zur Gegenwehr fehlte es dem Staat an Kräften. Der Kurfürst Georg Wilhelm (1619-1640) zog sich für Jahre in das kriegsferne Preußen zurück.
Staatliche Konsolidierung unter dem Großen Kurfürsten
Auch der Sohn und Nachfolger Georg Wilhelms, Friedrich Wilhelm, der später der Große Kurfürst genannt wurde (1640-1688), konnte zunächst wenig ändern. Trotz seiner Bemühungen, zwischen Kaiserlichen und Schweden einen neutralen Kurs zu steuern und die eigenen Truppen zu verstärken, musste er den Schweden weiter Durchzug gewähren; aber vertragliche Vereinbarungen zielten bereits auf den künftigen Frieden. Während der zähen Verhandlungen, die dem Westfälischen Frieden vorausgingen, zeigte es sich klar, dass Brandenburg zu den Mächten minderen Ranges gehörte und auf seine Kosten vor allem schwedische Wünsche erfüllt wurden. Von den Erbansprüchen auf ganz Pommern blieb nur Hinterpommern; dazu kamen die Bistümer Halberstadt, Minden und Cammin und die Anwartschaft auf Magdeburg. Alle anderen Wünsche blieben unberücksichtigt.
Die Erfahrungen des Krieges und der Friedensverhandlungen hatten den jungen Kurfürsten gelehrt, dass ein Staat ohne Armee im Streit der Mächte nur wenig Gewicht besitzt. Ein eigenes stehendes Heer, über das der Fürst uneingeschränkt verfügen konnte, war daher sein erstes Ziel. Das allerdings konnte erst nach langen Auseinandersetzungen mit den Ständen erreicht werden, bei denen das Recht der Steuerbewilligung lag. Gegen sie musste Friedrich Wilhelm den fürstlichen Herrschaftsanspruch durchsetzen. Die kurbrandenburgischen Stände fügten sich schließlich und erhoben keine Einwände gegen die fürstlichen Forderungen. Als Gegenleistung erhielt der Adel auf seinen Gütern die volle Justiz- und Polizeigewalt und vor allem Steuerfreiheit zugestanden. Weniger bereitwillig zeigten sich die Stände in Preußen (d. h. im späteren Ostpreußen), die bisher nahezu uneingeschränkt geherrscht hatten. Hier gelang es dem Kurfürsten erst 1660, nachdem er sich der polnischen Lehnsoberhoheit entledigt hatte, die widerstrebenden Stände zu beugen. Die juristisch bedenkliche Hinrichtung eines der Führer der Adelsopposition, des Obersten von Kalkstein, war als Warnung an die adeligen Standesgenossen gedacht. Wie die brandenburgischen Stände seit 1653, so wurden die ostpreußischen seit 1671 nicht mehr einberufen. Nur in Kleve und Mark, in der Nachbarschaft der republikanischen Niederlande, konnte sich die ständische Vertretung bis auf weiteres eigene Rechte erhalten.
Bereits 1656 konnte Kurfürst Friedrich Wilhelm ein Heer ins Feld führen und mit Schweden den Sieg über die Polen bei Warschau teilen. Der Sieg hatte zwar keine unmittelbare politische Bedeutung, war aber, zusammen mit Friedrich Wilhelms diplomatischem Geschick, eine der Voraussetzungen für die Lösung Preußens aus der polnischen Lehnsoberhoheit im Vertrag von Oliva 1660 - einer der bedeutendsten Erfolge in der Regierungszeit des Großen Kurfürsten. Fortan war er souveräner Herr über das Herzogtum Preußen, das nicht dem Reichsverband angehörte und daher auch lehnsrechtlich nicht dem Kaiser unterstand.
Um das Heer weiter vergrößern und unterhalten zu können, ging Friedrich Wilhelm daran, die Finanzen und die Wirtschaft des Staates zu organisieren und zu heben. Zur bäuerlichen Grundsteuer (Kontribution) kam für die Städte eine allgemeine Verbrauchssteuer (Akzise). Doch neue Steuervorschriften allein genügten nicht in einem von Natur aus armen Land, das auch die Folgen des Krieges noch nicht überwunden hatte und dessen Steuerkraft bescheiden war.
Der Kurfürst hatte in jungen Jahren in Holland die Grundzüge einer modernen Wirtschaftspolitik kennengelernt. Danach galt es, zunächst die Steuerkraft der Untertanen durch staatliche Förderung zu stärken. In den vorwiegend agrarischen Ländern Friedrich Wilhelms kam die staatliche Fürsorge zunächst der Landwirtschaft zugute: Bodenverbesserung, Musterwirtschaften, Neuansiedlungen (»Peuplierung«) in entvölkerten Landstrichen und die Verteilung von Saatgut und Ackergerät.
Innen- und Außenpolitik im Zeichen des Absolutismus
Langsamer, doch beharrlich machte auch die Einrichtung von Manufakturen Fortschritte, in denen vorwiegend heimische Wolle verarbeitet wurde, so dass kein Bargeld ins Ausland abzufließen brauchte. Der Gesamtwirtschaft diente ein Kanalbau zwischen Oder und Spree mit Anschluss an die Elbe und nach Hamburg. An der Odermündung und in Stettin saßen ja seit 1648 die Schweden. Zu einer zeitgemäßen Wirtschaftspolitik gehörten auch weitergreifende Unternehmungen, wie der Bau einer kleinen Flotte und die Gründung einer Kolonie Groß-Friedrichsburg an der Westküste Afrikas im heutigen Ghana. Eine große Zukunft hatte die Kolonie allerdings nicht. Schon der Nachfolger verkaufte sie an die Holländer.
Alle Maßnahmen des Großen Kurfürsten, die Ausschaltung der Stände, die Gründung eines stehenden Heeres, die Durchsetzung einer geordneten Finanzverwaltung und die moderne Wirtschaftspolitik zeigen, dass in Brandenburg der Absolutismus Einzug gehalten hatte. Sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die verschiedenen Landesteile, die fürstliche Heiratspolitik und die Willkür eines Friedensvertrags zusammengefügt hatten, durchaus keine Einheit bildeten oder ein Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Bewohner entstehen ließen. Denn welche gemeinsamen Interessen hatte ein Handelsmann vom Niederrhein mit einem adeligen Grundbesitzer in Hinterpommern oder mit einem leibeigenen Bauern am Ufer der Memel? Gemeinsam war ihnen zunächst nur die Dynastie.
Im Konzert der europäischen Mächte spielte Brandenburg trotz seiner disziplinierten, aber immer noch kleinen Armee nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle. Um aber seinem Staat zwischen den großen Machtblöcken Habsburg, Frankreich und Schweden einen respektablen Platz zu sichern, suchte der Große Kurfürst nach Möglichkeiten, um Anschluss an die jeweils stärkste Mächtegruppierung zu finden. So focht er zunächst an der Seite des Kaisers gegen Ludwig XIV., wechselte aber bedenkenlos die Partei, als die Schwäche des Kaisers und die Überlegenheit Frankreichs offenbar wurden. Auf den Druck Ludwigs XIV. hin musste er 1775 auf die Früchte seines glänzendsten Sieges bei Fehrbellin über die Schweden verzichten, ohne dass ihm der Kaiser helfen konnte. Da schlug er sich zu den stärkeren Bataillonen und suchte das Bündnis mit Frankreich. Dass er damit die Reunionspolitik Ludwigs XIV. und den Raub Straßburgs förderte, kümmerte ihn wenig, denn eine deutsch-patriotische Politik kannte er nicht; und dass er später in einem Geheimvertrag wieder zum Kaiser stand und sich von Frankreich löste, ist wieder nur Machtpolitik.
Politische und wirtschaftliche Erwägungen, aber nicht zuletzt auch eine aufrichtig christlich-tolerante Gesinnung waren die Gründe dafür, dass er im Jahre 1685 durch das Edikt von Potsdam 20000 Hugenotten in seinem Land aufnahm, die unter dem Druck der Glaubensverfolgungen Frankreich verlassen hatten. Schon vorher hatte er Juden aus Wien, Waldensern und Mennoniten Zuflucht gewährt. Diese Politik brachte dem Staat nicht nur tüchtige und zum Teil kapitalkräftige Handwerker und Unternehmer, sondern sie setzte die unter Kurfürst Georg Wilhelm begründete tolerante Haltung in Religionsfragen fort. Wenn von preußischen Traditionen die Rede ist, ist auch daran zu erinnern, nicht nur an Armee und Beamtenstaat.
Der Große Kurfürst starb am 9. Mai 1688, nachdem er sich durch Gebet und christliche Gespräche auf den Tod vorbereitet und seinem ältesten Sohn und Nachfolger letzte Ermahnungen gegeben hatte.
Unter Friedrich III. (1688-1713) blieben die Grundzüge der Politik des Vaters im wesentlichen erhalten. Neu war allerdings eine üppige Hofhaltung und damit verbunden eine enorme Geldverschwendung. Das Vorbild Ludwigs XIV. wirkte auf die einst bescheidene Mark Brandenburg. Neu war auch, dass der Kurfürst nicht mehr selbst die Politik leitete, sondern leitende Minister schalten und walten ließ, sie dann aber auch fallen ließ, wenn sie seine Gunst verloren hatten. Außenpolitisch wurden die neugeknüpften Beziehungen zum Kaiserhof in Wien weiter gepflegt; so nahm Brandenburg an der großen antifranzösischen Koalition im Pfälzer Erbfolgekrieg teil (1688-1697). Allerdings endete dieses Unternehmen mit einer schweren Verstimmung zwischen Brandenburg und dem Kaiser.
Text der Zeit
Schreiben des Großen Kurfürsten an Kaiser Leopold I.
Cleve, 22. Februar 1661. Ich habe nicht Umgang nehmen können, E. K. M. [Eurer Kaiserlichen Majestät] untertänigst zu hinterbringen, wasgestalt ich also-fort bei Meiner Anherokunft mit höchster Befremdung erfahren müssen, wie dass [...] [der] Pfalzgraf zu Neuburg [...] die Evangelischen in denen Fürstentümern Gülich [Jülich] und Berge dergestalt getractiret, dass ich mich nicht zu erinnern weiß, ob zu einiger Zeit und an einigem Orte, auch da die Verbitterung am heftigsten gewesen, der gleichen Prozeduren gegen die Evangelischen vorgenommen sein. [...] Alldieweil ich aber nichts mehr desiderire [begehre] als mit hochgedachten Pfalzgrafen in guter Verständnis und Freundschaft zu leben, auch meines Teils die Pacta stricte zu observiren [Vereinbarungen genau zu beachten], dannenhero Ich auch bishero die Römisch Katholischen allhier dergestalt geschützt und aller Freiheit genießen lassen, dass desfalls die geringste Klage wohl nicht wird gehöret sein, sondern vielmehr alle Geistlichen Mir das Zeugnis geben, dass ich dieselben bishero dergestalt regiret, dass, ob sie auch unter römisch-katholischer Obrigkeit gesessen wären, sie es nicht besser wünschen könnten, so will ich zwar an mehrgemelten Pfalzgrafen beweglich schreiben und sie ersuchen, dass sie von dergleichen Verfolgung abstehe [...]. Im Fall aber dieselbte solches alles außer Acht setzen, so viele unschuldige Menschen, wie bishero geschehen, ferner betrüben, auch dero verstorbene Leiber, so heutiges Tages schwerlich mehr unter Barbaros mag gehöret werden, nicht verschonen sollten, so kann alsdann auch Ich in Meinem Gewissen, länger darbei stillzusitzen, nicht verantworten, besondern werde auf solchen Fall dergleichen wider die Römisch Katholischen in diesen Landen vorzunehmen und es mit denselben eben also, wie es den Evangelischen im Lande Gülich und Berge widerfährt, zu halten wider Meinen Willen genöthiget [...]. Im übrigen werde Ich allzeit beweisen, dass ich so wenig Hasses gegen die römisch-katholischen Untertanen habe, als nützlich und höchstnöthig Ich vielmehr befinde, dass man im römischen Reiche [...] einmütig beieinander lebe, und allen Eifer vielmehr gegen diejenigen gebrauche, von denen man die größte Gefahr zu besorgen.
Bei: Lohmann, Preußen und die katholische Kirche seit 1640.
Der Große Kurfürst mit seine Familie, um ihn geschart. Er hatte 1646 Luise Henriette geheiratet, die Tochter des Prinzen von Oranien. Sie brachte holländische Architektur, Bewässerungsanlagen und Gartenbau nach Preußen und bestärkte ihren Gemahl in seinem Plan, aus Brandenburg einen calvinistischen Modelstaat zu machen.
Vom Kurfürst zum König
Damit schienen vorübergehend die seit längerem erwogenen Pläne in Gefahr, den brandenburgischen Kurfürsten eine Königskrone zu schaffen, was umso dringender erschien, als August der Starke von Sachsen seit 1697 König von Polen war und das Haus Hannover Aussicht auf den englischen Thron hatte - eine Prestigefrage also. Noch zauderte man am katholischen Kaiserhof, nicht zuletzt aus religiösen Gründen. Andererseits hegten die Jesuiten die Hoffnung, bei dieser Gelegenheit die Hohenzollern zum wahren Glauben bekehren zu können. Da traten Ereignisse ein, die die Entwicklung beschleunigten. Der Kaiser brauchte in dem sich abzeichnenden europaweiten Spanischen Erbfolgekrieg Verbündete. Gegen die Zusicherung eines Kontingents von 8000 Mann konnte Kurfürst Friedrich III. das souveräne Herzogtum Preußen zum Königreich erheben.
Am 18. Januar 1701 setzte er sich im Rahmen verschwenderisch aufgezogener Feierlichkeiten in Königsberg die Krone auf. Dann ließ er sich den Segen der Kirche erteilen. Kurfürst Friedrich III. war nunmehr König Friedrich I. in Preußen - nicht von Preußen, denn mit diesem Anspruch hätte man das Königreich Polen herausgefordert, zu dem Westpreußen gehörte. Erst Friedrich IL, der Große, der Enkel, nannte sich König von Preußen, nachdem er 1772 bei der Ersten Polnischen Teilung Westpreußen an sich gerissen hatte. Schon bald bürgerte sich die Bezeichnung »Preußen« für alle Länder der Monarchie ein, für Brandenburg, Pommern und die westlichen Territorien.
Gewiss war König Friedrich I. kein Kriegsfürst, der Schlachten gewann und sein Reich vermehrte; er war auch kein bedeutender Staatsmann; und er war vor allem kein hausväterlicher, sparsamer Verwalter der Staatseinkünfte. Es war nicht nur die neu erworbene Krone, die dem brandenburg-preußischen Staat neuen Glanz verlieh, sondern es war auch die Förderung von Kunst und Wissenschaft. Der König betrieb sie vielleicht mehr aus Gründen der fürstlichen Repräsentation, seine kluge Gemahlin, Sophie Charlotte von Hannover, aber aus tiefer Anteilnahme. Im Jahre 1694 wurde die Universität Halle gegründet, zwei Jahre später die Akademie der Künste und im Jahre 1700 die Akademie der Wissenschaften, deren erster Präsident kein geringerer war als der Philosoph und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1. Juli 1646 - 14. November 1716). Zu den Aufgaben der Akademie gehörte auch, so der ausdrückliche Wunsch des Stifters, die Sorge um die Reinheit der im Krieg ›verwilderten‹ deutschen Sprache. Die Hauptstadt Berlin erhielt durch den Architekten und Bildhauer Andreas Schlüter (1664-1714) repräsentative Akzente. Durch das neu errichtete Triumphtor des im Umbau befindlichen Schlosses hielt König Friedrich I. nach der Krönung seinen Einzug. Dem Vater des Königs, dem Großen Kurfürsten, wurde von Schlüter ein Reiterdenkmal aus Bronze errichtet.
Sparsam und streng regiert: Der preußische Militär- und Beamtenstaat
Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. (1713-1740) brachte, wie es im Hause der Hohenzollern nicht selten geschah, eine scharfe Zäsur. Schon als Kronprinz hatte er die Verschwendung am Hof seines Vaters Friedrich I. heftig kritisiert. Unmittelbar nach den Begräbnisfeierlichkeiten, bei denen noch ein letztes Mal der ganze Glanz des alten Hofes entfaltet wurde, löste der junge König den prunkvollen Hofstaat auf und reduzierte erbarmungslos die Zahl der Hofbeamten und Bediensteten und allen Aufwand, auch wenn er der königlichen Familie galt. Den Krönungsmantel des Vaters, dessen Diamantknöpfe Stück für Stück 30000 Dukaten gekostet haben sollen, verkaufte er ohne Umstände; ebenso das kostbare Porzellan und die luxuriösen Pferdegespanne. Das Tafelsilber wanderte in die Münze.
»Der Vollkommene Deutsche Soldat« exerziert, lässt sich drillen und muss gelegentlich das Strafinstrument »Esel« besteigen. Exerzierendes preußisches Wachbataillon, um 1725.
Arbeitswille und Arbeitskraft und dazu ein hervorragendes Organisationstalent des Königs waren die Voraussetzungen für die umfassenden inneren Reformen, denen der Staat im ersten Jahrzehnt der Regierung Friedrich Wilhelms I. unterworfen wurde. Völlig umgebaut wurden die Oberbehörden, das Generalfinanzdirektorium und das Generalkriegskommissariat, die bisher nicht immer reibungslos zusammengearbeitet hatten. So entstand das Generaldirektorium als umfassende Finanz- und Wirtschaftsbehörde, der auch Angelegenheiten der Armee und andere öffentliche Aufgaben unterstanden. Spitze der Behördenhierarchie war der König selbst; ihm war Bericht zu erstatten, von ihm kamen die Weisungen.
Dem Generaldirektorium war auch die Oberrechenkammer angegliedert, die mit peinlicher Genauigkeit über Einnahmen und Ausgaben wachte, wie es der Wille des Königs war. Die Korrektheit dieser und anderer Behörden begründeten den Ruf des preußischen Beamtentums: Genauigkeit, Sparsamkeit, aber auch eine nicht immer liebenswürdige Strenge und Kleinlichkeit. Diese Haltung, die der König selbst vorlebte und mit militärischer Unerbittlichkeit durchsetzte, wurde beispielhaft für Generationen von preußischen Beamten, deren Besoldung übrigens von spartanischer Kargheit war. »Mehr vor die Ehre als um Besoldung« sollten sie König und Staat dienen. Da die Verwaltung effektiver arbeitete, konnten die Einkünfte des Staates beträchtlich gesteigert werden. Wie schon unter dem Großen Kurfürsten wurden Manufakturen, besonders tuchverarbeitende, ins Leben gerufen und gegen ausländische Konkurrenz durch Schutzzölle abgeschirmt. Auch Friedrich Wilhelm I. sorgte für die »Peuplierung« des Landes, d. h. für die Neubesiedlung von Gebieten, die durch Krieg und Seuchen entvölkert waren. Als 1731/32 der Erzbischof von Salzburg die Protestanten aus seinem Land vertrieb, fand ein Teil von ihnen in Preußen bereitwillige Aufnahme und neue Siedlungsgebiete in Ostpreußen.
Politisches Testament. Bereits 1667, Elf Jahre vor seinem Tod, hatte Friedrich Wilhelm die Grundgedanken seiner Politik als Vermächtnis für seinen Nachfolger niedergelegt. Berlin, Geheimes Staatsarchiv.
Nur ein Soldatenkönig?
Strenge Frömmigkeit ohne einen Anhauch von Aufklärung und ein hohes Verantwortungsbewusstsein vor Gott gehören zum Bild Friedrich Wilhelms I. Er verstand sein Amt so, wie er es seinem Sohn Friedrich in seinem Testament beschrieb: »Der liebe Gott hat Euch auf den Thron gesetzt, nicht zu faulenzen, sondern zu arbeiten und Seine Länder wohl zu regieren.« Mit dieser Pflichtauffassung war er den meisten fürstlichen Kollegen seiner Zeit überlegen.
In die Geschichte ging Friedrich Wilhelm I. vor allem recht einseitig, nämlich als der »Soldatenkönig« ein. Bekannt sind Bilder und Beschreibungen, die ihn als kleinen und gedrungenen »Königs-Korporal« zeigen, wie er auf dem Potsdamer Exerzierplatz die sogenannten »Langen Kerls«, die Potsdamer Riesengarde, kommandiert.
Gewiss, die Steigerung der Wirtschaftskraft Brandenburg-Preußens kam in erster Linie der Armee zugute. In diesem Punkt kannte der König keine Sparsamkeit. Auch er hatte, wie schon der Große Kurfürst, erfahren, dass ein mittlerer, militärisch schwacher Staat seine Interessen zwischen den Mächtigen nicht wirksam vertreten kann. So wurde die Truppenstärke ganz unverhältnismäßig gesteigert, von 38000 auf 80000 Mann. Die Offiziersstellen waren dem Adel vorbehalten, der damit, wie mit anderen Privilegien, für seine politische Entmachtung entschädigt wurde und in einer Art von neufeudaler Bindung an den Herrscher auch ein neues Ethos fand.
Um die Regimenter zu füllen, reichten die bisherigen Methoden der Soldatenanwerbung, die zu bedenklichen, ja rechtswidrigen Erscheinungen geführt hatten, nicht mehr aus. Von jetzt an wurden zunehmend Landeskinder herangezogen, die nicht ohne Härten nach einem bestimmten System ausgewählt wurden. Von einer allgemeinen Wehrpflicht kann keine Rede sein, da die Auswahl nur Bauernsöhne und Handwerkersöhne betraf, während Bürger und Manufakturarbeiter ausgenommen waren.
Erbarmungsloser Drill, barbarische Strafen bei Disziplinlosigkeit oder gar Fahnenflucht sorgten dafür, dass die preußische Armee zu einem in ganz Europa beachteten ›Präzisionsinstrument‹ wurde.
Aber, merkwürdigerweise: der »Soldatenkönig« setzte dieses Instrument der Macht nur einmal, und da sehr vorsichtig ein, als er im Nordischen Krieg an die Seite der Gegner Schwedens trat und einen Teil von Vorpommern gewann. Denn, so schrieb er seinem Nachfolger ins Testament, »Gott hat ungerechte Kriege verboten und Ihr müsst immer Rechenschaft ablegen für jeden Menschen, der in einem ungerechten Krieg gefallen ist.« So war der »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I., der Schöpfer des preußischen Militarismus, einer der politisch friedfertigsten Fürsten seiner Zeit.
Der Nachfolger freilich hielt sich nicht an die Mahnung des Vaters, wie er sich schon als Kronprinz oft genug - wenn auch häufig aus rein ›privaten‹ Motiven heraus - über die väterlichen Wünsche und Gebote hinweggesetzt hatte. Er bediente sich unmittelbar nach seinem Regierungsantritt 1740 freudig und ohne Skrupel des Machtinstruments, das sein Vater geschaffen hatte.
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