Deutsche Barockliteratur

Ein Ungeheuer mit Pferdeleib und Bärenkopf stampft mit groben Hufen durch das Land, seine Zähne zermalmen heiliges Gerät und goldene Ketten. Aus seiner linken Schulter wächst ein menschlicher Arm, der drohend den noch unversehrten Städten einen Speer und brennende Fackeln entgegenschüttelt. Voll Entsetzen fliehen vor ihm die Menschen, ein Landsknecht stürzt zu Boden, todwund, Weinberge und Felder werden verwüstet unter seinen Tritten, und der garstige Schwanz des Untiers peitscht seuchenbringende Nattern und Kröten aus dem Boden. Hinter ihm brennen am Horizont Dörfer, aus denen die Bewohner ihre wenige Habe retten. Auf dem freien Feld, in das sich eine Frau mit ihrem Kind geflüchtet hat, fordert die Knochenhand des Todes das letzte, das den Menschen in ihrem Elend bleibt: das nackte Leben.

So zeigt ein anonymes Flugblatt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wie die Menschen die Kriegsfurie erfahren haben, wie grundlegend sie davon berührt wurden. Dies gilt ganz besonders für jene, die schreibend versuchten, diese Welt einzufangen und zu deuten: die Dichter der Barockzeit. Aber nicht nur die direkten Erfahrungen, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Folge dieses Krieges sind wichtige Voraussetzungen dieser Dichtung.

Politisch-soziale Bedingungen für Dichter und Dichtung
Als der Krieg 1648 ein Ende fand, hatte Deutschland ein Drittel seiner Bevölkerung verloren, die wirtschaftliche Entwicklung in den Städten war um Jahrzehnte zurückgeworfen, und weite Landstriche waren verwüstet. Der Versuch der Gegenreformation und der kaiserlichen Zentralgewalt, die alte religiöse Einheit wiederherzustellen, war gescheitert. Weder Katholiken noch Protestanten hatten Erfolge erzielt, dafür hatten die anderen europäischen Nationen auf Kosten Deutschlands ihre Macht ausgebaut. Frankreich, das Richelieu und Mazarin in einen absolutistischen Staat umgeformt hatten, wurde politisches, wirtschaftliches und kulturelles Vorbild. In Deutschland waren die partikularen Mächte, d. h. die Fürsten Sieger geblieben. Sie vermochten um so leichter diesem Beispiel zu folgen, als der Krieg Bauern und Bürger besonders belastet hatte, und der Landadel, der ja von den Bauern lebte, weitgehend verarmt war. So boten insbesondere der absolutistische Hof und zum Teil die reichen Patriziergeschlechter der Städte Aufstiegschancen für an Universitäten und Gymnasien ausgebildete Bürgerliche und Adelige, denn die breite Masse des Volkes konnte weder schreiben noch lesen. An diesem sozialen Ort entstand die barocke Dichtergeneration, die in fürstlichen oder städtischen Diensten als Juristen oder Sekretäre tätig war.

Die meisten Dichter hatten Europa durchreist, kannten Frankreich, Holland und Italien, Paul Fleming war sogar nach Moskau und nach Persien gekommen. Sie beherrschten mehrere Sprachen, lasen italienische, französische, spanische und englische Literatur, die lateinische Sprache und die »Klassiker« waren ihnen wohlvertraut, und sie übersetzten viele dieser Werke. Sie waren eng auf den kleinstaatlichen Hof bezogen, der Fürst unterstützte die Dichter als Mäzen, und diese wiederum widmeten ihre Werke häufig dem adeligen Gönner. Damit diente die Dichtkunst gleich der Baukunst und der Musik dem repräsentativen Bedürfnis des absolutistischen Hofes. Das prunkvolle Äußere der Gebäude und Feste, die Verklärung des Fürsten im Gedicht und Theaterstück dokumentierten den Abstand zu den Untertanen. Zwar verhinderte die kleinstaatliche Zersplitterung Deutschlands die Herausbildung kultureller Zentren wie Paris oder London, dafür bildeten sich literarische Inseln, verteilt über den deutschsprachigen Raum, die teils katholisch, teils protestantisch geprägt waren. Allen voran stand Schlesien - kein anderes Territorium stellte so viele Dichter wie dieses von Wien aus beherrschte Land. Dies belegen klingende Namen wie Martin Opitz, Andreas Gryphius, Daniel Caspar von Lohenstein, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Angelus Silesius, um nur die wichtigsten zu nennen.

Was ist Barock? Grundbegriffe und Leitvorstellungen
Das Zeitalter des Barock (etwa von 1600 bis 1720) vereinigte als letzte große Kunstepoche noch einmal verschiedene Kunstformen zu einem Ganzen im Dienst des absolutistischen Fürsten. Im katholischen Raum Südwesteuropas nahm sie ihren Ursprung. Deshalb wird sie häufig als Kunst der Gegenreformation bezeichnet; schließlich drückte sie großen Teilen Europas ihren Stempel auf. In der Literatur löste die Barockdichtung die Epoche der Renaissance ab und führte Anfang des 17. Jahrhunderts in das Zeitalter der Aufklärung über.

Das Wort »barock« leitet sich aus dem Portugiesischen ab, »parola baroca« nannten dort die Juweliere eine unregelmäßig geformte Perle. Auf die Kunst übertragen steht dieser Begriff für etwas Unregelmäßiges, Verschnörkeltes, also von der Regel Abweichendes. In diesem abwertenden Sinne wurde der Begriff zuerst von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) verwendet für Verzierungen, Schnörkel und Muschelwerk in der Baukunst. Hinter dieser Abwertung steht ein klassisches Kunstideal, das nur das Klare und Einfache als schön ansieht. Erst seit rund achtzig Jahren versteht man barocke Kunst in ihrem geschichtlichen Zusammenhang und als einen eigenständigen Wert. Diese unterschiedlichen Bewertungen zeigen, dass der Zugang zu jener Dichtkunst nicht leicht ist. Deshalb sollen zunächst einige Leitvorstellungen und Grundbegriffe geklärt werden.

Den heutigen Leser befremdet, dass ein persönliches Erleben in der Barockliteratur zurückgedrängt ist oder weitgehend fehlt. In dem Sonett »Menschliches Elende« von Andreas Gryphius (1616-1664) wird die Klage über das persönlich Erlebte durch rhetorische Mittel stark überformt:

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muss auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muss mit der Luft entfliehn,
Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch von starken Winden.


Ein Zentralbegriff (hier Menschsein) wird mit gesuchten und konstruierten Bildern (z. B. ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, ein Ball des falschen Glücks) erläutert und verfremdet. Nicht das Erlebnis bestimmt das Gedicht, sondern es wird nach festen Regeln aufgebaut, es wird konstruiert. Die Grundhaltung Andreas Gryphius' ist pessimistisch, und dies ist typisch für die vom Krieg erschütterte Zeit. Vergänglichkeit, »Eitelkeit«, d. h. leerer Schein (der lateinische Begriff lautet »vanitas«), kennzeichnen das menschliche Streben, denn in der Welt regiert Fortuna, und auf ihrem Glücksrad erfahren die Menschen wahllos unverhofften Aufstieg und Erfolg oder Elend, Not und Tod. Wie ein Spielball ist der Mensch den Ereignissen ausgeliefert, von blinden Leidenschaften getrieben, bleibt er ohne Orientierung.

Trost und Halt findet er jedoch in der stoischen Lehre der Antike, deren wichtigste Vertreter Platon und Seneca waren. Seneca (4-65 n. Chr.) hatte als Zeitgenosse des skrupellosen Kaisers Nero das Morden und die Gräuel in der Stadt Rom erlebt, und seine Lehre wurde der Barockzeit zur Richtschnur: Der Mensch müsse seine Leidenschaften, welche die Ursache der Not und Gräuel seien, überwinden, müsse sich selbst treu bleiben und seinen unerschütterlichen Kern suchen. Diese innere, unveränderliche Ruhe (lat.: constantia) und die Hoffnung auf die göttliche Gerechtigkeit nach dem Tode halfen dem Menschen, in der von Fortuna beherrschten Welt zu bestehen.

Sonett
Sehr beliebt bei den barocken Dichtern war das Sonett. Es besteht aus 14 Zeilen, die sich in vier Strophen gliedern. Auf zwei Vierzeiler, auch Quartette genannt, folgen nach einem deutlichen Einschnitt zwei Dreizeiler oder Terzette. Das Reimschema ist abba abba cdc dcd. Petrus de Viena (1190-1249), der italienische Kanzler Kaiser Friedrichs IL, gilt als Schöpfer dieser Gedichtform.


Weltdeutung nach Maßgabe von Vernunft und Harmonie
Als weitere Kraft, das Chaos, den Schein der Welt zu durchdringen und den Sinn freizulegen, wurde die Vernunft angesehen: »Gewisslich ist eine Zusammenstimmung aller Sachen in diesem gantzen Erdkreis/ und vergleichet sich / der sichtbare Himmel mit der Erden / der Mensch mit der gantzen Welt«, schreibt Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658). Man glaubte an eine Harmonie von Makro- und Mikrokosmos, der Mensch selbst wird zum Abbild der Natur und des Alls, und diese wiederum seien Zeichen Gottes. In der Ordnung der Zahlen, im Lauf der Gestirne, in der Mischung der Elemente zeigen sich Entsprechungen zum Wesen Gottes. So fand Rene Descartes feste Regeln in der Geometrie, Leibniz und Newton entwickelten die Infinitesimalrechnung, Kepler beschrieb die Bewegungen der Planeten und deutete sie als eine göttliche Ordnung, eng verknüpft mit der Musik: »Es sind also die Himmelbewegungen nichts anderes als eine fortwährende mehrstimmige Musik [durch den Verstand, nicht das Ohr fassbar, ...]. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Mensch, der Nachahmer seines Schöpfers, endlich die Kunst des mehrstimmigen Gesangs, die den Alten unbekannt war, entdeckt hat.«

Angelus Silesius sieht in den drei »Grundelementen« Schwefel, Salz und Quecksilber eine unmittelbare Entsprechung zur Dreifaltigkeit Gottes: »Die Dreyeinigkeit in der Natur - Dass Gott Dreyeinig ist / zeigt dir ein jedes Kraut / Da Schwefel / Salz / Mercur in einem wird geschaut.« Das Erkennen dieser göttlichen Harmonie in der Welt -hierzu verhalf die Vernunft - und das sich Einordnen des Menschen führte zur Tugend.

In diesem Zusammenhang erst wird das Emblem oder Sinnbild, das sehr häufig in der Barockdichtung verwandt wird, für uns verständlich. Hinter den Abläufen und Vorgängen in der Natur sah die deutende Vernunft grundlegende Wahrheiten verborgen. Der Vorgang, dass Fliegen und Falter von dem Licht einer brennenden Kerze angezogen werden und in den Flammen umkommen, galt als Beispiel für blinde Leidenschaft, die ins Verderben führt. So glaubte man, dass die Winterstarre des Frosches und sein Lebendigwerden im Frühjahr die christliche Vorstellung vom Tod und der Wiederauferstehung des Menschen widerspiegele. Dass das Krokodil Tränen über die Beute vergieße, deutete man als Sinnbild für menschliche Falschheit.

EmblemEmblem gegen den Krieg. Motto: »Du wirst durch Sprechen siegen«; Bild: von einem Schwert durchstoßenes Buch; Interpretation: Siege sollten nicht mit Waffen, sondern durch den Verstand errungen werden.

Neben dem Emblem war auch die Allegorie bei den Dichtern der Barockzeit sehr beliebt. Dazu kehren wir zu unserem Eingangsbild zurück. Dort wird dem Betrachter die Vorstellung von Krieg mit Hilfe einer Allegorie vermittelt. Ein greifbares, konkretes Wesen, hier ein Ungeheuer, zusammengestellt aus Pferd, Mensch, Bär usw., veranschaulicht die Vorstellung, die abstrakte Idee. Noch heute wird die Idee der Gerechtigkeit durch eine Frau mit verbundenen Augen und der Waage in der Hand allegorisch dargestellt. Emblematisches und allegorisches Darstellen sind also ähnliche Verfahren, nur ist beim Emblem der anschauliche Teil als wirklich, als in der Natur vorkommend gedacht (z. B. das weinende Krokodil), bei der Allegorie ist dieser Teil dagegen vom Künstler erfunden.

Emblem
Das Emblem besteht aus drei Teilen:
1. der Überschrift (inscriptio), auch Motto (z. B. »Festina Lente«: Eile mit Weile)
2. dem Bild (pictura), (z. B. Schildkröte mit Segel auf dem Rücken)
3. der Auslegung (subscriptio) oder Interpretation.
Die Ereignisse und Gegenstände, die das Bild festhält, werden zum Zeichen für einen dahinterliegenden Sinn. Die Renaissance- und Barockzeit kennt eine Vielzahl solcher Embleme, die auch in Emblemsammlungen vereinigt wurden. Als Beispiele seien erwähnt Andrea Alciati »Emblematum liber« (1531) und Mathias Holtzwart »Emblematum Tyrocinia« (1581).


Emblem: PalmordenRichtigkeit und Reinheit der Sprache wollte die Fruchtbringende Gesellschaft (1617-1680) fördern. Ihr Emblem war der Palmbaum. Deshalb hieß diese älteste deutsche Sprachgesellschaft auch »Palmorden«.

Am Anfang stand die Theorie: Martin Opitz und die Sprachgesellschaften
Das Programm für die Barockdichtung lieferte ein Büchlein von etwa fünfzig Seiten, das 1624 in knapp fünf Tagen niedergeschrieben worden war und das selbst Goethe noch knapp zweihundert Jahre später als wichtig ansah: Es hieß »Buch von der Deutschen Poeterey«, geschrieben von Martin Opitz. Der Dichter, 1597 in Schlesien geboren, hatte das lutherische Magdalenen-Gymnasium in Breslau besucht. Dem Krieg ausweichend, kam er nach Holland, dort besuchte er die Universität in Leyden, dann musste er aus Kriegs- und Glaubensgründen nach Jütland und gar nach Siebenbürgen ausweichen. 1626 wurde er vom Kaiser Ferdinand II. zum Dichter gekrönt und trat in dessen Dienste. 1634 schloss er sich der protestantischen Partei an und floh nach Danzig. Er starb 1639 an der Pest. Sein schmales Werk war eine »Poetik«, also ein Buch, das Regeln für die Dichtkunst enthielt und an Beispielen erläuterte. Zahlreiche Poetiken waren bereits vor diesem Buch entstanden, so die berühmte Poetik des Aristoteles und die des Horaz, auch die Renaissancezeit hatte viele Poetiken hervorgebracht, von denen Opitz übrigens eifrig abgeschrieben hatte. Trotzdem leistete er nichts Geringeres, als dass er den Grundstein für die neuere deutschsprachige Literatur legte. Seine Reform umfasste drei Punkte:
Erstens: Er setzt sich für das Neuhochdeutsch oder Lutherdeutsch als Dichtersprache ein und bemüht sich um eine Reinigung der Sprache von fremd- oder umgangssprachlichen Worten.
Zweitens: Er fordert für das Versmaß den regelmäßigen Wechsel von betonten und unbetonten Silben in Übereinstimmung mit dem Wortakzent. Weiterhin fordert er den reinen Reim am Versende.
Drittens: Er übernimmt die Regeln der Poetiken des Aristoteles, des Horaz und der modernen Renaissancetheoretiker und macht sie für Deutschland fruchtbar.
Durch viele Übersetzungen aus der ausländischen Literatur und durch eigene Werke (er übersetzte zum Beispiel den Staatsroman »Argenis« des Engländers John Barclay als Muster für einen modernen Roman, Sophokles' »Antigone« aus dem Griechischen, Senecas »Trojanerinnen« aus dem Lateinischen usw.) lieferte er Vorlagen für die sich entwickelnde deutschsprachige Dichtung. Opitz' Bemühungen wurden vielerorts von Sprachgesellschaften unterstützt. Hier trafen sich gelehrte Bürger und Adelige, um die deutsche Sprache zu pflegen und zu reinigen und die Dichtkunst zu fördern. Man darf nicht vergessen, dass bislang das Latein die Sprache der Dichter und Gelehrten in Deutschland war, und wir verdanken es Opitz und den Sprachgesellschaften, dass sie den besonderen Wert der deutschen Sprache hervorgehoben haben. So haben ausländische Vorbilder wie die »Accademia della Crusca« (seit 1582) in Florenz Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen angeregt, selbst eine Sprachgesellschaft zu gründen: 1617 schuf er die »Fruchtbringende Gesellschaft« oder den »Palmenorden«, die bedeutendste Sprachgesellschaft im deutschen Raum. 1633 folgte die »Aufrichtige Tannengesellschaft« in Straßburg, 1636 die »Musikalische Kürbishütte« in Königsberg. Philipp von Zesen stiftete 1643 die »Teutschgesinnte Genossenschaft« in Straßburg und 1644 Georg Philipp Harsdörffer den »Hirten- und Blumenorden an der Pegnitz« in Nürnberg, kurz die »Pegnitzschäfer« genannt. Als Rechtfertigung der Tätigkeit dieser Sprachgesellschaften schrieb Johann Klaj: »Es haben sich die grausamen Römer trefflich mausig gemacht / dass sie in ihrer Sprache die Stimme der Tiere nachahmen können. Lasset uns aber hierbei auch unser Teutsches in Acht nehmen / und besinnen mit was kräftig kurzer Ausrede / nach Geheiß der innerlichen Eigenschaft / die Teutsche Sprache sich hören last / Sie blitzet erhitzet / sie pralet und stralet / sie sauset und brauset« [...] und tausend anderen Stimmen der Natur weis sie nachzuahmen.«

Lyrik: Auftragsarbeit und mystisches Erleben
»Kurtz bey Heyrath und bey Leiden Spricht man mich umb Lieder an Gleich als einen Arbeitsmann« und »O Haupt vol blut und Wunden Vol Schmerz und voller Hohn! O Haupt zum Spott gebunden mit einer Dornen Krohn!« sind zwei Ausschnitte aus Gedichten, die widersprüchlicher nicht sein können. Das erste stammt von Simon Dach, es entstand anlässlich einer Hochzeitsfeier, das zweite ist ein Kirchenlied von Paul Gerhardt. Die Ausschnitte zeigen, dass sich barocke Lyrik kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt.

Der größte Teil der barocken Lyrik entstand als Auftragsdichtung: Ein fürstlicher Gönner, eine reiche Bürger- oder Patrizierfamilie bestellte für feierliche Anlässe (Geburt, Heirat, Kriegstaten, Tod) passende Gedichte, dafür erhielt der Dichter oft gute Bezahlung oder wurde zum festlichen Essen und Trinken mit eingeladen. Es versteht sich daher von selbst, dass hier nicht das eigene Erlebnis, das Gefühl und das Genie des Dichters ausschlaggebend waren - diese Forderung wurde erst erhebliche Zeit später in den Vordergrund gerückt-, sondern das Gedicht wurde nach Regeln gemacht, der Dichter war »Arbeitsmann«, d. h. Handwerker! Die Kenntnisse für seinen Beruf lieferten die Bildungsstoffe der Gymnasien und Universitäten, hier vor allem die von der Antike überlieferten Kenntnisse und die Poetiken, insbesondere Opitz' »Buch von der Deutschen Poeterey«. Opitz wetterte zwar gegen diesen Brauch, huldigte ihm jedoch notgedrungen selbst. Aber auch bei den scheinbar persönlichen Gedichten befremden den Leser häufig starke Überformung und starrer Aufbau. Dies gilt auch für die Liebesgedichte, wo der heutige Leser gefühlsbetonte Sprache und Form erwartet. Betrachten wir das Sonett »Vergänglichkeit der Schönheit« von Hofmann von Hofmannswaldau (1624-1677):

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen,
Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen,
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand;

Der Augen süßer Blitz, die Kräfte deiner Hand,
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.
Das Haar, das itzund kann des Goldes Glanz erreichen,
Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Der wohlgesetzte Fuß, die lieblichen Gebärden,
Die werden teils zu Staub, teils nichts und nichtig werden,
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Dies und noch mehr als dies muss endlich untergehen.
Dein Herze kann allein zu aller Zeit bestehen.
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.


Der Autor wählt hier das Sonett, dessen strenge äußere Form bereits den Inhalt einengt und auf Wesentliches konzentriert. Die Sprache des Autors wird weder durch die erotische Wahrnehmung der Geliebten, noch in der Klage über deren Vergänglichkeit lebendig, sie ist kein unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen. Der Dichter übernimmt aus einer reichen Sammlung von Begriffen, Bildern, die bereits die Antike geschaffen hat und die von der Renaissance wieder aufgegriffen wurde (siehe: Petrarkismus, unten), die Formulierungen und wendet sie entsprechend den Regeln an. Aber unter dieser Oberfläche bestehen Spannungen, die typisch für barockes Denken sind. Hier der Reiz des Erotischen, die Lust am glücklichen Moment, dort der Verzicht, dank der Einsicht in die Vergänglichkeit. Zwei Haltungen stehen unvermittelt gegenüber: »carpe diem«, d. h. ergreife die glückliche Stunde und frage nicht weiter oder »vanitas«, d. h. verzichte auf die Welt, denn sie ist vergänglich, »eitel«.

Einen Gegenpol zu den stark formalisierten Gedichten bilden die Kirchenlieder. Die Gesangbücher heute sind noch voller barocker Dichternamen wie Paul Gerhardt (O Haupt voll Blut und Wunden, Geh aus mein Herz und suche Freud, Nun ruhen alle Wälder), Johann Heermann (Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen), Johann Rist, Friedrich Spee usw. Es ist die gefühlsbetonte, unmittelbare Sprache, die diese Lieder auch heute noch zum Allgemeingut werden lässt. Sie waren in ihrer Entstehung eng verknüpft mit dem religiösen Pietismus und der Mystik, deren wichtigste Vertreter der Schuster Jakob Böhme (1624-1677) und der gelehrte Arzt Johannes Scheffler, genannt Angelus Silesius (1624-1677) waren.

Böhmes Hauptwerk »Aurora oder Morgenröte im Anfang« ist aus der inneren Versenkung, dem Gefühl des Einswerdens mit Gott, der »unio mystica« heraus entstanden. Er entwickelte eine eigene Lehre über Gott und den Ursprung des Bösen. In Gott selbst seien latent beide Prinzipien, das Böse und das Gute, enthalten gewesen, bis der Schöpfungsakt diese getrennt habe: »Das Wesen aller Wesen ist nur ein einiges Wesen, scheidet sich aber in seiner Gebärung in zwei Prinzipia, als in Licht und Finsternis, in Freud und Leid, in Böses und Gutes, in Liebe und Zorn, in Feuer und Licht [...].« Von ähnlichen mystischen Erlebnissen beeinflusst, schrieb der Schlesier Angelus Silesius den »Cherubinischen Wandersmann«. Seine Erfahrungen formulierte er hier teilweise in kurzen, inhaltlich äußerst verknappten, zweizeiligen Gedichten, genannt »Epigrammen«. Hier gelingt aus den Erfahrungen und dem Gefühl des Mystikers und den strengen barocken Formbedürfnissen eine Synthese, die auch heute noch anspricht: »Mensch, werde wesentlich! Denn wann die Welt vergeht, / so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.«

Petrarkismus
»Nach dem Minnesang entwickelt sich in der Nachahmung der Dichtung Petrarcas (ein berühmter Renaissancedichter) ein zweites erotisches System von europäischer Geltung, der Petrarkismus. Von Petrarca werden die Grundzüge der erotischen Situation übernommen. Der Mann ist der klagende Sklave, die Frau ist die kühle, grausame Tyrannin. [...] Die reiche Skala der Sprache Petrarcas reduzieren die Petrarkisten zu einem von allem Bekenntnishaften befreiten Formelschatz. Zu den bekanntesten [...] Formeln der Frauenbeschreibung gehören: Das Antlitz ist Diamant, die Wangen sind Rosen, die Haare Gold, die Brüste Marmorbälle. Dieser Formelschatz beherrschte bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts die Liebesdichtung.« (Marian Szyrocki)


Christliches Martyrium und Hoher Fall der Mächtigen im Trauerspiel
Die Tragödie entspräche am ehesten dem »Heroischen getichte«, sie erlaube nicht, »das man geringen Standes personen und schlechte Sachen [Opitz meint Bürgerliches!] einführe: weil sie nur von Königlichem willen, Todtschlägen / verzweiffelungen / Kind- und Vätermörden / brande / blutschanden / kriege und auffruhr / klagen / heulen / seuffzen und dergleichen handelt«, schreibt Opitz in seiner Poetik. Wenn der Leser nun blutige Handlungen und Konflikte in den Tragödien der Barockzeit erwartet, so sieht er nur die äußere Seite. Was die innere Form angeht, hat die Barockdichtung zwei Formen von Tragödien hervorgebracht: das Märtyrerdrama und die Staatstragödie.

Vorläufer der barocken Tragödie waren die mittelalterlichen Mysterienspiele, das spanische Theater, hier insbesondere Calderón de la Barca, aber auch das lateinische Jesuitendrama der Gegenreformation in den katholischen Ländern. Ein Beispiel für letzteres ist Jakob Bidermanns (1578-1639) »Cenodoxus«. Die Hauptfigur ist ein hochgeachteter Gelehrter, der im Ruf besonderer Heiligkeit steht. Hinter dieser Maske verbirgt sich jedoch ein scheinheiliger Heuchler. Da er als stolzer Gelehrter die kirchlichen Bekehrungsversuche abweist, wird er verdammt und fährt zur Hölle. Die allzu freidenkenden Gelehrten sollten damit gewarnt, der Zuschauer sollte durch die Handlung gepackt und zur christlichen Einsicht geführt werden. Den Höhepunkt erreicht das barocke Drama mit den Dichtern Andreas Gryphius und Daniel Caspar von Lohenstein.

Gryphius sah als Aufgabe des Trauerspiels, den Zuschauer zu rühren und zu belehren, indem es ihm »die Vergänglichkeit menschlicher Sachen« vor Augen führt. So schuf Gryphius mit »Leo Armenius« (1646) das erste Trauerspiel in deutscher Sprache. Das Stück handelt von dem Aufstieg und Fall des Kaisers Leo Armenius von Byzanz. In »Carolus Stuardus« (1649) behandelt er die Hinrichtung Karls I. durch Cromwell. Als die wichtigsten sind noch zu nennen »Der sterbende Ämilius Paulus Papinianus« (1659) und »Katharina von Georgien« (1647), letzteres ein typisches Beispiel für Gryphius' Trauerspiele: Ein zeitgeschichtliches Ereignis, die Ermordung Königin Katharinas von Georgien durch den Schah Abas von Persien, wurde zur Vorlage des Stückes, welches Gryphius zu einer Märtyrertragödie ausgestaltete: Die christliche Katharina, von einem übermächtigen Heer des »Heiden« Abas bedrängt, begibt sich in dessen Heerlager, um Frieden zu erbitten. Sie wird aber vom Schah gefangengenommen und eingekerkert. Als der Schah, der die unterworfene Königin liebt, ihr die Ehe anbietet, schlägt sie sein Angebot aus. Deshalb erleidet sie grausame Folter und wird schließlich verbrannt.

Gryphius schuf in seinen Dramen Lehrstücke, die Helden demonstrierten vorbildliche Tugend, beweisen ihre christliche Beständigkeit und triumphieren mit ihrem Tod über die Scheinwelt Fortunas. So auch Katharina, sie zeigt Beständigkeit inmitten der Versuchungen oder »Eitelkeiten« der Welt und setzt die christliche Hoffnung auf Lohn im Jenseits, die innere Freiheit und die Treue zu ihrem Volk über kurzfristige Vorteile. Sie ist beispielhafte Märtyrerin.

Einen anderen Dramentypus entwickelte Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683). Seine Helden in den Tragödien »Ibrahim Bassa« (1653), »Cleopatra« (1661), »Agrippina« (1665), »Ibrahim Sultan« (1673) und »Sophonisbe« (1690) sind keine Märtyrer, sondern meist Machtmenschen, die, von ihren Leidenschaften getrieben, ins Unglück stürzen. Blutige Szenen, Massenmord und Verbrechen sollen den Zuschauer bestürzen, das negative Beispiel soll ihn zur Einsicht bringen.

Lohenstein liefert Staatstragödien, wie am Beispiel »Sophonisbes« kurz skizziert sei: Das Stück geht auf eine Episode des Zweiten Punischen Krieges zurück, die Livius überliefert hat. Sophonisbe, die Heldin des Stücks, und ihr Mann Syphax, der König von Numidien, verteidigen die Stadt Cyrta gegen die angreifenden Römer und Afrikaner unter der Führung des Feldherrn Massinissa. Als die Stadt durch Verrat fällt und Massinissa Syphax zu töten droht, bietet Sophonisbe Massinissa die Ehe an, um ihr Land und das Leben ihres Mannes zu retten. Massinissa, der Sophonisbe liebt, willigt ein, und die Hochzeit findet statt. Auf Drängen der mit Massinissa verbündeten Römer jedoch soll er die Ehe mit Sophonisbe lösen und sie den Römern ausliefern. Da nimmt Sophonisbe, um ihre Ehre zu retten, gemeinsam mit ihren Söhnen Gift.

Sophonisbe ist ein Beispiel für den politischen Menschen, der hier in den Strudel zwischen Machttrieb und Liebe gerät. »Die Schuld schwärmt um Verterb / Wie Mutten umb das Licht«, lautete der erste Satz Massinissas in diesem Trauerspiel, und das Stück wird zum Beispiel dieser aus einem Emblem geschöpften Erfahrung!

Geiz, Kuppelei, Betrug und Spiel
Themen aus der bürgerlichen Welt in der Komödie

Die bedeutendsten Komödien der Barockzeit stammen ebenfalls von Andreas Gryphius: 1633 entstand »Horribilicribrifax«, ein Stück, in dem die Hauptleute Horribilicribrifax und Daradiridatumtarides als großsprecherische Soldaten auftreten, Beispiele für menschliche Hohlheit und Aufgeblasenheit. 1657 folgt das Stück »Absurda comica oder Herr Peter Squenz«. Hier führt der Schulmeister von Rumpelskirchen gemeinsam mit den rüpelhaften Handwerkern des Ortes die aus Shakespeares »Sommernachtstraum« stammende Szene »Piramus und Thisbe« vor dem König und dessen Hofleuten auf. Aber sie sind nicht erfolgreich mit ihrer Darbietung, sondern zeichnen sich durch viele Fehler, sprich »Säue« aus. Entsprechend belohnt sie der König nach der Anzahl der gemachten »Säue«.

Waren für das Trauerspiel nur adelige Personen des absolutistischen Hofes zugelassen, so durften nur in der Komödie Bürger auftreten: »Die Comedie bestehet in schlechten wesen und personen: redet von hochzeiten / gastgeboten / spielen / betrug und schalkheit der knechte / ruhmrätigen Landsknechten / buhlersachen / leichtfertigkeit der Jugend / geize des alters / kupplerey und solchen Sachen / die täglich unter gemeinen Leuten vorlaufen« dekretiert Opitz. Bürgerliches und bäuerliches Leben galt aus der Perspektive des absolutistischen Hofes - diesem hatte sich der Barockdichter angeschlossen - als ungeeignet, tragische Handlungen und Konflikte zu zeigen. Denn nur der »tiefe Fall« hoher Standespersonen garantiere Tragik. Den sozial »niedrig« Stehenden war die Komödie und das Schäferspiel zugewiesen, um dort belacht zu werden!

Barock SpiegeluhrUhren und mechanische Kunststücke faszinierten den europäischen Adel. Der Augsburger Uhrmacher Caspar Langenbucher fertigte 1649 diese Spiegeluhr, sein Meisterwerk. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Musem.

So wurde aus dem »Fallgesetz« abgeleitet, durch welches Personal auf der Bühne bestimmte Affekte, d. h. Gefühle erzeugt werden könnten.

Schäfer, Schelmen und getrennte
Liebende als Gegenstand des Barockromans

»[...] Die Romans, sie seyen jetzt Hirten-Helden oder Stats-Geschichte / handeln hauptsächlich und / meistenteils von der Liebe und Buhlerey. Nehmen ihnen ein Haupt-Par vor / dass nach vilen Ebentheuren und anderweitigen Nachstellungen / endlich zusammen gerathet. Da gibet es vil Episodia, oder Zwischenspiele. Die in einander stecken wie die Tunicae einer Zwibel [...] oder die Raeder in einem Uhrwerck / bis endlich eins die Zeigerstangen / oder das Schlagwerck erwitscht. Hiebey haben sie einige sonderbahre Regeln / dass der Leser bey dem Anfang mitten in die Geschicht hinein gefuehrt werde / dass die verworne Erzehlungen sich selbst nach und nach ohne Maschinen aufloesen sollen [...]«. Nicht gerade begeistert spricht Gotthard Heidegger in seiner »Mythoscopia romantica« von den heroisch-galanten Romanen, für die ein rüstiger Leser bei fleißiger Arbeit meist etliche Wochen benötigte, um sie zu lesen.

Das Vorbild hatte der Amadisroman geliefert, in dem die liebenden Helden getrennt und über eine Reihe von Abenteuern wieder zusammengeführt wurden. Dieses Schema wurde nun erweitert: Die fürstlichen Helden und die Liebesbeziehungen wurden vermehrt, die Abenteuerketten führen in ferne Länder, um enzyklopädisches Wissen ausbreiten zu können und den Lesehunger zu befriedigen. So bietet der Roman »Die durchleuchtige Syrerin Aramea« des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig (1633-1714) eine nahezu unentwirrbare Handlung mit 34 Hauptpersonen, von denen kaum einer mit dem richtigen Namen auftritt, die Helden werden verwechselt, verstellen sich, ihr Heldentum und Edelmut bewährt sich in vielen Prüfungen und Abenteuern. Schließlich finden alle Hauptpersonen in 17 Hochzeiten eine märchenhafte Lösung. So wirklichkeitsfremd diese Erzählung auch ist, im glücklichen Ende zeigt sich die göttliche Vorsehung als die eigentliche Wirklichkeit, so der barocke Dichter.

Ein zweiter Romantypus dieser Zeit ist der Schäferroman, der an antike Vorstellungen von der Idylle anknüpft. Zudem war an vielen adligen Höfen die Schäfermode üblich geworden: Man entfloh dem strengen Zeremoniell des Hofes in ein fantasievoll ausgestaltetes Landleben. In gepflegten Parks, mit eleganten Schäferkostümen bekleidet, spielte die höfische Gesellschaft Schäfer und Schäferin. Es versteht sich von selbst, dass diese Idylle eine Scheinwelt war, die mit der Realität der Bauern nichts zu tun hatte. Vorbild war der Schäferroman »Arcadia« des Engländers Sir Philipp Sidney (1554-1586), den Opitz ins Deutsche übertragen hatte. Der wichtigste deutsche Schäferroman war Philipp von Zesens »Adriatische Rosemund«: Die Liebe des protestantischen Junkers Markhold zur katholischen Venezianerin Rosemund scheitert an den religiösen Schranken, die Schäferin Rosemund geht daran zugrunde. Obwohl der Dichter hier eigene Erfahrungen in die Handlung eingewebt hat, sind die Helden noch schablonenhaft, mehr Idealfiguren als wirkliche Menschen.

Die bedeutendste Romanform war der Schelmenroman, für den Spanien das Vorbild lieferte. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Picaro, der Schelm, zumeist ein durchtriebener Bursche aus dem Volk, der mit listigen Streichen die Reichen und Toren übertölpelt und sich so durch die Welt schlägt. Von diesen Vorbildern angeregt, entstand der berühmteste Roman der Barockzeit, »Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch« des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676). Grimmelshausen erzählt in der Ich-Form die Geschichte eines Menschen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Der Held des Romans, ein Findelkind, wächst abgeschieden von der Welt im Spessart auf. Als der Hof seines Ziehvaters von plündernden Soldaten überfallen wird, flieht er und gelangt zu einem Einsiedler, der ihm den Namen Simplicius gibt, d. h. der Einfältige (lat.: simplicissimus = der Einfältigste), ihn zwei Jahre beherbergt und erzieht. Nach dessen Tode - später erfährt er, dass es sein wirklicher Vater war -kommt er nach Hanau, dort lässt der Stadtkommandant den Knaben den Hofnarren spielen. Eines Tages wird er von Kroaten entführt, verliert sein Narrenkleid und wird Soldat. Als Jäger von Soest zeichnet er sich bei den kaiserlichen Truppen aus, wird gefangengenommen, verheiratet, doch es verschlägt ihn nach Paris, wo er durch Liebesabenteuer mit den Damen der Gesellschaft rasch reich wird. Da bekommt er die Blattern, muss aus Paris fliehen, verliert sein Geld und schlägt sich als Quacksalber durch. Als er den alten Freund Herzbruder trifft, verspricht er sein Leben zu bessern, schließt sich jedoch den Marodebrüdern an, die sengend und mordend durchs Land ziehen. Erneut kommt er zur Besinnung und pilgert nach Maria Einsiedeln in der Schweiz. Hier wird er katholisch. Über Wien, wo er zum Hauptmann aufsteigt, gelangt er in den Schwarzwald und lässt sich dort als Bauer nieder. Er trifft seinen Ziehvater wieder und wandert zum Mummelsee, um das Reich der Sylphen zu erkunden. Eine neue Reise bringt ihn nach Moskau, von dort jagt ihn das Schicksal quer durch die Welt, bis er als Einsiedler die Kette der Abenteuer beendet.

Der lockere Aufbau des Buches zeigt dem Leser keine innere, »psychologische« Entwicklung des Helden, sondern stellt verschiedene Möglichkeiten des Menschseins vor, bis der Held die wahre christliche Daseinsweise gefunden hat. Der Weg des Helden, der die Unbeständigkeit der Welt in vielen Schicksalsschlägen erfährt, wird christlich gedeutet. Nichts auf Erden bietet Verlässlichkeit, Beständigkeit findet sich nur in der Abkehr von der Welt: Als Einsiedler wendet sich der Held Gott zu. Bereits die rätselhafte Figur des Titelkupfers deutet diesen Weg an. Die ausgestreckten Finger dieses Tier-Mensch-Wesens weisen auf einen Baum und ein Wickelkind. Der Baum steht für das Paradies, wo die Sünde des Menschen ihren Ursprung nahm, das Kind in der Krippe für die Erlösung des Menschen. So hat auch der Held der Geschichte beide Zustände durchlaufen: Reise durch die Welt und Einkehr, Sünde und Erlösung.

Der Erfolg dieses Romans hat Grimmelshausen zu Fortsetzungen und ähnlichen Geschichten ermutigt. Die bedeutendsten sind »Der seltzame Springinsfeld« und »Die Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche«.

In der Tradition des kritischen Schelmenromans stehen die »Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewald« von Johann Michael Moscherosch (1601-1669), die Schelmenromane Johann Beers (1665-1700) und Christian Weises (1642-1708) und schließlich Christian Reuters (1665-1712) satirischer Lügenroman »Schelmuffskys Wahrhaftige Kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung Zu Wasser und Lande«. Barocke Dichtung lief parallel zum Aufstieg des absolutistischen Fürstentums und diente meist der Verherrlichung des Hofes. Dort aber, wo sie diese propagandistische Aufgabe durchbrach und den Menschen und der Gesellschaft einen Spiegel vorhielt, hat sie die Zeit überdauert.
 
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