Wenn man von den Anfängen der deutschen Sprachkunst sprechen will, darf man den Begriff »Sprachkunst« nicht zu eng fassen. Literatur heißt in dieser frühen Zeit zunächst nichts anderes als »mit Buchstaben niedergeschriebene Sprache«, etwa ab 750 beginnt man im deutschen Sprachgebiet, in der sprachlichen Stufe des Althochdeutschen, Texte in der Volkssprache niederzuschreiben. Dieser Zeitpunkt markiert zugleich den Anfang einer Epoche, die durch die überragende Gestalt Karls des Großen geprägt wurde: der karolingischen Zeit. Unter den sächsischen Kaisern folgte später die mehr dem Kirchenlatein zugewandte ottonische Phase früher Literatur.
Götter, Heldenlieder und magische Sprüche
Natürlich gab es auch vor dieser Epoche eine »Literatur«. Sie unterschied sich aber von aller späteren dadurch, dass sie nur mündlich weitergegeben wurde. Der adelige Sänger der germanischen Zeit, der Skop, trug bei festlichen Anlässen am Hof des Stammesfürsten seine Lieder vor. Sie handelten hauptsächlich von den Taten der Götter und Helden, von Tanz und Liebe. Auch »Lebenshilfe« konnte der Sänger anbieten: diesem Zweck dienten vor allem die magischen Sprüche und Zauberlieder. Kennzeichnend für die mündlich überlieferte Dichtung war ihre Versform, der Anfangs- oder Stabreim (»Mit Kind und Kegel«, »Mit Haut und Haar«).
Wir besitzen ein Denkmal der alten Heldendichtung, das um die Mitte des 9. Jahrhunderts von Mönchen des Klosters Fulda auf dem Einbanddeckel eines Gebetbuches von einer nicht erhaltenen Vorlage abgeschrieben wurde: ein Bruchstück von 68 Zeilen des altertümlichen »Hildebrandslieds« aus dem Sagenkreis um den ostgotischen König Theoderich. Der Text ist im 6./7. Jahrhundert entstanden. In diesem Stabreimgedicht können wir noch das Weltbild der heidnischen Germanen der Völkerwanderungszeit fassen: Im Mittelpunkt steht die Begegnung des alten Hildebrand, der nach 30 Jahren Kriegsdienst heimkehrt, mit seinem Sohn Hadubrand. Als der Vater sich seinem Sohn zu erkennen gibt, sieht der misstrauische Hadubrand darin nur eine List. Er glaubt seinen Vater längst tot, nennt Hildebrand höhnisch »alter Hunn« und wirft ihm Feigheit vor. Da muss der Alte den Kampf mit dem eigenen Kind aufnehmen: In tragischer Verstrickung zwischen Heldenehre und Blutsverwandtschaft muss er seinem Sohn beweisen, dass er sein tapferer Vater ist, indem er ihn tötet. Der germanische Schicksalsglaube tritt hier deutlich zutage: »wewurt« geschieht, sagt Hildebrand, d. h. Unglück, das die Götter über die Menschen verhängen und dem man sich stellen muss. Doch zugleich ruft er auch den »Waltant Gott«, den »Herrscher Gott« an - Signal dafür, dass christliche Vorstellungen bereits bekannt, wenn auch noch nicht wirksam geworden sind.
Aus dem Bereich der Kultdichtung besitzen wir ebenfalls in althochdeutscher Zeit niedergeschriebene heidnische Stabreimtexte: die beiden »Merseburger Zaubersprüche«. Auch sie sind in einer geistlichen Handschrift aus dem 10. Jahrhundert erhalten, sind aber in der Zeit vor 750 entstanden. Sie zeigen die typische Zweiteiligkeit des magischen Spruchs: Erst wird eine Erzählung gebracht, die das Wirken der angerufenen Götter modellhaft vorführt, dann folgt die eigentliche Zauberformel, deren Sprechen die magische Beschwörung ist. Wie es Wodan - so der zweite Merseburger Spruch - gelungen ist, den verrenkten Fuß eines Pferdes wieder zu heilen, so soll er auch jetzt beschworen werden, wieder in gleicher Weise zu wirken: »Bein zu Bein / Blut zu Blut / Glied zu Glied / als ob sie geleimt sei ’n!« - so übersetzte der berühmte Altgermanist Friedrich von der Leyen.
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