Erste christliche deutsche Literatur

Von diesen wenigen altertümlichen Zeugnissen heidnischen Denkens abgesehen, setzt die eigentliche »deutsche« Literatur - wie oben schon angedeutet - ab 750 ein. Ein Grund ist in der Missionsarbeit der Kirche zu suchen. Die angelsächsischen und iroschottischen Mönche waren nahezu die einzigen, die die lateinische Sprache beherrschten und der Schrift kundig waren. Sie also trugen das »geistige Leben«. Im 8. Jahrhundert finden wir in Süddeutschland erste äußerst mühsame Versuche der Geistlichen, die verschiedenen einheimischen Dialekte -eine althochdeutsche »Schrift-« oder »Hochsprache« gab es noch nicht - für die Wiedergabe christlichen Gedankenguts zu verwenden. Diese Versuche wurden in den kulturellen Zentren der Zeit, den Klöstern und den ihnen angegliederten Schulen, unternommen, z. B. in Freising, St. Gallen und auf der Reichenau. Dort machte man sich an das harte Geschäft, für lateinische Begriffe Entsprechungen im jeweiligen einheimischen Dialekt zu finden. Man braucht nur daran zu denken, wie schwierig dieses Unterfangen selbst bei einer heutigen Mundart wäre, um sich die Aufgabe bewusstzumachen, die den Missionaren gestellt war.

Kurz nach 750 schrieben Mönche im Kloster zu Freising eine Art lateinisch-deutsches Wörterbuch, den »Abrogans«, wie es nach seinem ersten lateinischen Wort genannt wird: das erste Stück »deutscher« Literatur! Ein solches Wörterverzeichnis bezeichnet man als »Glossar«, und Glossare ergänzten nun die ersten Übersetzungsversuche, die »Interlinearversionen«, in denen man Wort für Wort der lateinischen Vorlage durch deutsche Ausdrücke wiedergab, öfters auch zwischen den Zeilen, wie es heute noch Schüler in ihren fremdsprachlichen Texten machen. Übersetzt wurden zuerst die grundlegenden kirchlichen Gebrauchstexte wie z. B. das Taufgelöbnis, Beichtformulare, das Vaterunser. Die Probleme und die Wege ihrer Lösung werden vielleicht anhand einiger Zeilen des althochdeutschen Taufgelöbnisses deutlich, da wird z. B. übersetzt: »Verschwörst du Diabolae? - Ich verschwöre Diabolae.« Da es kein einheimisches Wort für den Teufel gibt, wird der griechisch-lateinische Begriff beibehalten. - »Glaubst du an Gott, allmächtigen Vater? Ich glaube an Gott, allmächtigen Vater.« Auch die Vorstellung von einem Vater-Gott war den Germanen unbekannt. - »Glaubst du an heiltragendes Gespenst? - Ich glaube an heiltragendes Gespenst.« Die lateinischen Bezeichnungen für »heilig« und »Geist« ließen sich im damaligen Deutsch nur auf Kosten des Sinnes wiedergeben.

Bei aller offensichtlichen Unbeholfenheit erfüllten solche Übersetzungen in der Praxis doch ihren Zweck, die Laien an das Verständnis der elementaren christlichen Glaubenswahrheiten heranzuführen. Das äußerste, das in dieser Zeit auf dem Gebiet der Übersetzung möglich war, stellt wohl der »Weißenburger Katechismus« dar, fünf althochdeutsche Texte (u.a. das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und ein Sündenverzeichnis) aus der Zeit um 800. Die Aufgabe, die Dreifaltigkeit des christlichen Gottes sprachlich zu beschreiben, ist hier im Credo schon in beachtlichem Maß gelöst.
 
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