Absetzung und die letzten Jahre Friedrichs II.

Im Juni 1245 in Lyon berief Papst Innozenz IV. ein Konzil ein, das nichts Geringeres beschließen sollte als die Absetzung des Kaisers Friedrichs II.

Aber dieser ließ noch nicht alle Hoffnung fahren. Noch einmal steigerte er das Angebot für eine Versöhnung mit der Kirche. Der französische König Ludwig IX. und andere christliche Könige traten für ihn ein, französische und englische Kirchenfürsten sprachen für ihn vor dem Konzil. Da zerstörte Friedrich II. selbst durch eine nur aus dem Haß erklärbare Gewalttat gegen die papstfreundliche Stadt Viterbo die letzte, vielleicht nur trügerische Hoffnung. Umsonst vertrat der Großhofrichter Thaddäus von Suessa mit scharfsinnigen Argumenten und in meisterlicher Form die Sache des Kaisers. Innozenz IV. wollte von all dem nichts mehr wissen. Ihm ging es um die völlige und endgültige Vernichtung des Gegners, nicht um einen gerechten Prozess. Am 17. Juli 1245 verkündete er vor den versammelten Kirchenfürsten feierlich die Absetzung des Kaisers.

Der Spruch »schlug wie ein Blitz ein und rief einen ungeheuren Schrecken hervor. Meister Thaddäus und die übrigen Vertreter des Kaisers brachen mit ihrem Gefolge in laute Klagerufe aus ... und konnten sich nur mit Mühe der hervorbrechenden Tränen erwehren.« Der englische Chronist, der diese Szene überliefert, weiß ferner, dass Thaddäus in den Ruf ausbrach: »Das ist der Tag des Zornes, des Unglücks und des Elends!« Einschneidende Folgen hatte die Entscheidung von Lyon zunächst für Deutschland. Dort war zwar die antikaiserliche Propaganda bisher ohne große Wirkung geblieben. Nur die rheinischen Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier standen in Opposition zum Kaiser.

Jetzt, nach der Absetzung Friedrichs II., traten sie offen auf die Seite seiner Gegner und wählten zusammen mit einigen Bischöfen und ohne Mitwirkung eines weltlichen Fürsten den Thüringer Landgrafen Heinrich Raspe zum Gegenkönig. Doch Heinrich hatte in der kurzen Lebenszeit, die ihm noch beschieden war, keine Chance, sich durchzusetzen. Nach neun Monaten starb er, ohne die Krone empfangen zu haben.

Unter den weltlichen Fürsten bestand darauf wenig Neigung, die Nachfolge Heinrich Raspes als Gegenkönig anzutreten. Auch ausländische Fürsten winkten ab. Erst im Oktober 1247 fand sich in der Person des jungen Grafen Wilhelm von Holland ein neuer Kandidat für die Rolle des Gegenkönigs. Dieser »Pfaffenkönig«, um den sich im Wesentlichen nordwestdeutsche Kirchenfürsten scharten, musste bis zum 1. November 1248 auf die Krönung warten. Anerkennung in Süddeutschland fand er trotz seiner Krönung nie. Dort war die Stellung Konrads IV., des Sohnes Friedrichs II., unbestritten. Die Entscheidung zwischen Konrad IV. und Wilhelm stand noch aus, als Friedrich II. 1250 starb und Konrad IV. zur Wahrung der staufischen Ansprüche nach Italien aufbrach.

Text der Zeit - Konzil von Lyon 1245
Am ersten Sitzungstag des Konzils sprach der Papst Innozenz IV. über das Thema »Euch sage ich allen, die ihr vorübergeht, schaut doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz!« Dabei verglich er in gewählter Rede seine fünf Hauptschmerzen mit den fünf Wunden des Gekreuzigten. Als ersten Schmerz bezeichnete der Papst die unmenschlichen, die ganze Christenheit bedrohenden Tataren, als zweiten den Abfall der griechischen Kirche ... als dritten den Aussatz der neuen Ketzerei, der Patariner, Bugarer und anderer schismatischer Sekten ..., als vierten die Zustände im Heiligen Land ... als fünften Schmerz bezeichnete er den Kaiser, der als der berufene oberste weltliche Vater und Schirmherr der Kirche Christi in Wirklichkeit ihr mächtiger innerer Feind und ein offener Gegner ihrer Diener geworden sei. ... Am Schluss sprach er von den ungeheueren Verfehlungen des Kaisers, von dessen Ketzerei, Kirchenschändung und neben anderem Schlimmen auch davon. Dass er auf christlichem Boden eine neue, große und stark befestigte Stadt gegründet und mit Sarazenen besiedelt habe [Lucera] deren Gebräuche oder richtiger Missbräuche und Aberglauben er selbst unter Verachtung der christlichen Lehre und Religion angenommen habe. Ferner sei er mit dem Sultan von Kairo und einigen anderen Sarazenenfürsten eng befreundet und besudle sich, von lächerlichen Lüsten gelockt, schamlos mit Mädchen und mit sarazenischen Buhlerinnen. Außerdem warf er dem Kaiser vielfachen Eidbruch vor und dass er gegen Treu und Glauben nie seine Verträge und Versprechungen halte [was der Papst durch Vorlegen verschiedener Urkunden zu beweisen suchte]. Da aber erhob sich Thaddäus [ein Richter und kaiserlicher Gesandter] furchtlos vor der Versammlung, widersprach dem allen und legte seinerseits päpstliche ... Schreiben vor, welche die Behauptung des Papstes zu widerlegen schienen. [Bei eingehendem Vergleich dieser Briefe kam jedoch die Versammlung zu der Auffassung, der Papst habe seine Zusagen nur bedingt, der Kaiser aber unbedingt gemacht, und so sei er schuldig.]

Dann wandte sich Thaddäus allen Versammelten zu und bemerkte zu der Anklage der Ketzerei: »Meine Herren, über diesen schwerwiegendsten Punkt kann sich kein Mensch Klarheit verschaffen, wenn mein Herr nicht selbst zugegen ist und mit eigenem Munde offenbart, was in seinem innersten Herzen verborgen liegt. Dass er aber kein Ketzer ist, wird schon hinlänglich dadurch bewiesen, dass er weder im Kaiserreich noch in seinen Königreichen einen Wucherer duldet.« Damit traf er die römische Kurie, die bekanntlich am meisten an diesem Übel krankt. ... »Die Sarazenen aber verwendet der Kaiser auf seinen Feldzügen in der Annahme, dass kein Christ den Tod eines dieser Ungläubigen beweinen wird, und so verhindert er unnützes Vergießen von Christenblut. Die Sarazenenmädchen aber hielt er nicht zum Beischlafe - wer kann das beweisen? -, sondern wegen ihrer netten Gauklerstücklein und weiblichen Kunstfertigkeit. Nachdem man aber Anstoß daran genommen hatte, entließ er sie ein für alle Mal.«

Zum Schluss bat Thaddäus, man möge den Kaiser persönlich auf dem Konzil vernehmen. Da entgegnete der Papst: »Das sei ferne! Ich fürchte die Fallstricke, denen ich nur mit Mühe entronnen bin! Erscheint hier der Kaiser, so reise ich auf der Stelle ab!«

Trotz der Verteidigung durch Thaddäus und obwohl auch andere Stimmen sich für den Kaiser erhoben, beschließt der Papst die Bannung. Der vor der ganzen Kirchenversammlung verlesene Bannspruch schlug wie ein Blitz ein und rief einen ungeheueren Schrecken hervor. Der Meister Thaddäus und die übrigen Vertreter des Kaisers brachen mit ihrem Gefolge in laute Klagerufe aus, schlugen zum Zeichen ihres Schmerzes auf Schenkel und Brust und konnten sich nur mit Mühe der hervorbrechenden Tränen erwehren. Thaddäus rief: »Das ist der Tag des Zornes, des Unglücks und des Elends!« Der Herr Papst aber und die anwesenden Prälaten verfluchten, die angezündeten Kerzen in der Hand, den Kaiser, der nicht mehr Kaiser zu nennen sei, schrecklich und furchtbar, während die Sachwalter des Kaisers die Versammlung bestürzt verließen.
Aus: Matthäus Parisiensis Chronica maiora (Die Chronik des Matthäus von Paris - Matthäus lebte von etwa 1195 bis 1259, wirkte seit 1217 als Mönch in St. Albans, seine Chronik ist die wichtigste englische Quelle für den Zeitabschnitt). M. G. SS. XXVIII, S. 258 ff.

Die Jahre vor Friedrichs II. Tod brachten eine Steigerung der Kämpfe: Friedrich II. beschloss nach dem Urteil von Lyon, nun nicht mehr Amboss, sondern Hammer zu sein. Beide Parteien setzten in der letzten Phase des Kampfes alle denkbaren Mittel ein: eine immer grausamere Kriegführung, bei der sich Gewaltmenschen wie der kaiserliche Schwiegersohn Ezzelino und der Kardinal Rainer von Viterbo hervortaten, eine zügellose Propaganda und schließlich Verrat, Dolch und Gift.

Bereits im Frühjahr 1246 wurde eine Verschwörung aufgedeckt, von der auch der Papst wusste. Ihr Ziel war es, den Kaiser und Ezzelino zu ermorden und auf diese Weise den Gegenkönig Heinrich Raspe zu unterstützen. Friedrich II. reagierte wie einst sein Vater in der gleichen Situation. Die Verschwörer wurden barbarisch zu Tode gefoltert oder grässlich verstümmelt der Öffentlichkeit vorgeführt. Zwei Jahre später war es der kaiserliche Leibarzt, der seinem Herrn Gift zu verabreichen suchte. Und zur gleichen Zeit entdeckte man, dass sich der engste Berater des Kaisers, Petrus von Vinea, ungeheuerlich bereichert hatte. Er endete im Kerker durch Selbstmord.

Schon vorher war Friedrich II. auch das Kriegsglück untreu geworden. Bei der Belagerung von Parma nutzten die Belagerten die Unvorsichtigkeit der Kaiserlichen zu einem Ausfall und zerstörten und plünderten die Lagerstadt. Trotz beträchtlicher Verluste hatte der Kaiser das Heft bald wieder in der Hand, aber seinen Gegnern machte dieser Sieg wieder Mut. Ein schwerer persönlicher Schlag traf den Kaiser im Jahr 1249, als sein Sohn Enzio, dem er besonders nahe stand, in die Gefangenschaft der Bolognesen geriet. Vergebens bot er ein ungeheures Lösegeld - angeblich wollte er ganz Bologna mit einem silbernen Reif umgeben -, Enzio blieb bis zu seinem Tod 1272 in Haft.

Aller Widerwärtigkeit zum Trotz war die allgemeine politische und militärische Lage im Jahre 1250 für Friedrich nicht ungünstig. Süditalien und Sizilien befanden sich unbestritten in seinem Besitz. In Oberitalien baute Ezzelino von Verona aus eine starke Stellung auf, im Lombardischen Städtebund knisterte es, und in Deutschland hielt Konrad IV. den Gegenkönig Wilhelm von Holland in Schach. Papst Innozenz IV. selbst war in Lyon nicht mehr sicher, denn Ludwig IX. von Frankreich wollte ihn dort nicht länger dulden, wenn er nicht mit Friedrich II. Frieden schlösse, und Friedrich selbst rüstete bereits zu einem Zug nach Lyon, um die Entscheidung herbeizuführen.
 
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