Die endgültige Christianisierung des späteren Deutschland gelang bald darauf Mönchen und Nonnen der angelsächsischen Kirche Englands, einer eng mit Rom verbundenen Bischofskirche. Ihre zentrale Gestalt war Bonifatius. Nach kurzer missionarischer Tätigkeit bei den Stammes- und sprachverwandten Friesen hatte sich Bonifatius um 719 mit dem persönlichen Sendungsauftrag des Papstes der Mission Thüringens und später der Hessens zugewandt. Diese Gebiete waren als Basis für die schwierigere Sachsenmission ausersehen. 722 wurde Bonifatius in Rom zum »Bischof der Deutschen« geweiht, unverkennbar mit der Absicht, die fränkische Landeskirche stärker der päpstlichen Hoheit zu unterstellen. Durch sein volksnahes Auftreten und durch seine schlichte Predigt, aber auch durch aufsehenerregende Taten - er fällte eigenhändig die Donareiche bei Geismar, den geheiligten Baum des höchsten germanischen Gottes - waren dem Wirken in seinem Missionsgebiet große Erfolge beschieden. Als Stützpunkte des neuen geistlichen Lebens errichtete er Kirchen und gründete Klöster. Aus dem Freundes- und Verwandtenkreis seiner angelsächsischen Heimat stießen immer wieder junge Missionare zu ihm, denen er, wie Willibald und Burkhard oder Lioba und Thekla, als Bischöfen und Äbtissinnen wichtige Aufgaben übertrug. Die kirchlichen Befugnisse des Bonifatius wurden von Rom aus immer mehr erweitert, er wurde Erzbischof, schließlich Apostolischer Legat mit dem besonderen Auftrag, Bistümer einzurichten: »Wo Du es für notwendig findest, dort weihe als Unser Stellvertreter Bischöfe«, schreibt Papst Gregor III. an ihn. Im Jahre 739 gründete er in Baiern die Diözesen Passau, Regensburg, Freising und Salzburg, wenig später Eichstätt und für Thüringen Würzburg und Erfurt und besetzte sie mit Bischöfen seines Vertrauens. Bonifatius hat damit die Ansätze einer süd- und mitteldeutschen Kirchenorganisation geschaffen, die in ihren Grundzügen bis auf den heutigen Tag besteht.
Als es ihm die politischen Umstände erlaubten, wagte sich Bonifatius an die innere Reform der fränkischen Landeskirche, deren Ordnung, wie er dem Papst berichtete, »mit Füßen getreten und zerrüttet wurde«. Die Bischofsstühle seien »größtenteils im Besitz habgieriger Laien oder eingeschwärzter Kleriker«, die Bischöfe selbst vielfach »Säufer, Pflichtvergessene, die der Jagdiust frönen, Leute, die bewaffnet im Heer kämpfen«. Der Vorgänger auf dem Bischofsstuhl in Mainz - dieser Sitz war Bonifatius 746 übertragen worden - hatte noch nach germanischer Sitte unbehelligt Blutrache geübt! In zäher Beharrlichkeit drückte Bonifatius auf einer Reihe von Landessynoden gegen erbitterten Widerstand eine neue Kirchenordnung durch, die Geistlichen das Waffentragen und die Teilnahme an politischen Händeln verbot. Die Ehelosigkeit der Priester wurde zum Ideal erhoben, Unzucht mit drakonischen Kirchenstrafen belegt. Alle Bischöfe mussten schließlich dem Papst einen Treueid leisten.
Um diese Reformbestrebungen nachdrücklich fördern zu können, gründete Bonifatius inmitten seines Missionsfeldes die Abtei Fulda als Musterkloster.
Als sich Bonifatius am Ende seines Lebens noch einmal der Mission in Friesland zuwandte, wo er 754 den Märtyrertod fand, hatte er die deutsche Kirche im Wesentlichen in ihrer inneren und äußeren Ordnung befestigt. Sein Lebensziel, diese Kirche aus der Vormundschaft des fränkischen Herrschers herauszulösen und direkt dem Papst zu unterstellen, hatte er indes nicht erreicht. Über Bonifatius hinweg hatten Pippin, der Vater Karls des Großen, und der Papst jene schicksalhafte Interessengemeinschaft geschlossen, die es den Karolingern mit päpstlicher Billigung und Segnung gestattete, dem rechtmäßigen, aber machtlosen merowingischen König die Krone des Frankenreiches abzunehmen. Als Gegenleistung wurde dem Papst und seinem Kirchenstaat fortan der politische Schutz des fränkischen Königs zugesichert.
Unter Karl dem Großen sollte dieses Bündnis für die fränkische Kirche segensreich, zugleich aber längerfristig gefährlich werden. Als »Stellvertreter Gottes«, in dessen Macht- und Schutzbereich das gesamte öffentliche Leben fiel, verstand sich Karl wie sein biblisches Vorbild, der Priesterkönig David, auch als der oberste Herr der Kirche. Aus aufrichtig frommer Verantwortung hat er die fränkische Kirche nachdrücklich gefördert und so das Reformwerk des Bonifatius fortgesetzt. Er sicherte ihre materiellen Grundlagen, indem er die Abgabe des »Kirchenzehnten« aus den Einkünften der Untertanen zu einer staatlichen Steuer erhob. Ein besonderes Anliegen war ihm auch eine zureichende Ausbildung der Geistlichen. Deshalb gründete er Klosterschulen und legte ein theologisches Mindestwissen gesetzlich fest. Er veranlasste eine Neuordnung der Liturgie, die weit über das Mittelalter hinaus gültig blieb. Ja, selbst die private Religionsausübung wurde reglementiert: Wer den Pflichten eines Christen nicht nachkam, hatte mit Strafen zu rechnen.
Auf der anderen Seite begründete Karl mit seinem Anspruch, »Rektor« der Kirche zu sein, auch die volle Verfügungsgewalt über diese Kirche. Politik und Religion vermischten sich - so erscheint es uns zumindest aus heutiger Sicht - oft in bedenklicher Weise. Christliche Mission, bislang immer friedlich betrieben, musste sich der kriegerischen Unterwerfung der Sachsen dienstbar machen. Die Bischöfe, die jetzt nur noch der König ernennen durfte, wurden als Beamte bei Hof, fern ihrer Bistümer, ebenso in die politische Pflicht genommen wie die kleinen Dorfpfarrer, die nun auch für die öffentliche Ordnung in ihrem Sprengel verantwortlich waren. Die fränkische Kirche war in vollem Umfang wieder Reichskirche geworden. Selbst der Papst wurde praktisch auf die Stufe eines abhängigen Reichsbischofs herabgedrückt. Als nach Karls Tod die Macht seiner Nachfolger auch über die fränkische Kirche zunehmend verfiel, blieben ihre Bischöfe und Geistlichen doch weiter in die Geschäfte der weltlichen Politik verstrickt. In ihrer inneren Substanz hatte sich die Kirche des Frankenreiches jedoch gefestigt: sie, die 100 Jahre zuvor noch selbst Missionsgebiet gewesen war, konnte nun Missionare aussenden, die die Völkerschaften des Nordens und Ostens christianisieren sollten.
Literatur
Daniel-Rops Henry: Die Kirche im Frühmittelalter.
Kantzenbach Friedrich Wilhelm: Die Geschichte der christlichen Kirche im Mittelalter.
Kawerau Peter: Geschichte der mittelalterlichen Kirche.
Stutz Ulrich: Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-germanischen Kirchenrechts.
Kategorie: Christentum im Frankenreich Nach oben