Der Tod des heiligen Bonifatius

Bonifatius zog durch ganz Friesland und predigte, nachdem er den Götzendienst verdrängt und des Heidentums Irrtum zerstört, anhaltend das Wort des Herrn, erbaute in eifrigen Sorgen nach Zerstörung der Götzenbilder Kirchen und hatte bereits viele Tausend Menschen, Männer, Frauen und Kinder getauft, unterstützt von seinem Genossen, dem Chorbischof Eoba, dem er in der Stadt, die da Trecht [d. i. Utrecht] genannt wird, das Bistum über die Friesen übertragen hatte, damit dieser bei der Schwäche seines Alters ihn unterstütze, von den Presbytern und Diakonen. Sie alle streuten in Gemeinschaft mit dem heiligen Bonifatius des himmlischen Lebens Samen soweit unter das Volk und erlangten durch die Gnade des Herrn Gottes solchen Preis, dass ihnen, die nach der Vorschrift der apostolischen Lehre ein Herz und eine Seele waren, auch ein und dieselbe Palme des Märtyrertums und des Triumphes Herrlichkeit zuteil wurde.

Nachdem also durch Friesland des Glaubens Licht leuchtete und das glückselige Ende unserer Heiligen herannahte, schlug er am Ufer des Bordneflusses [d. i. Borne], der die beiden Grenzgebiete, die sie in ihrer Landessprache Ostor- und Westeraeche nennen, trennt, nur von seiner Mannen Schar begleitet, seine Zelte auf. Als er nun das schon weit und breit verstreute Volk von dem Tage in Kenntnis gesetzt hatte, an dem die Neugetauften vorgeführt und von dem Bischof die Handauflegung und Firmung erteilt werden sollte, kehrten sie alle nach Hause zurück.

Aber als der bestimmte Tag dämmerte und des Lichtes Morgenröte mit der aufgehenden Sonne hervorbrach, da kamen umgekehrt statt der Freunde Feinde und neuartige Schergen statt der neuen Gläubigen herbei, und eine gewaltige Anzahl Feinde drang mit blinkenden Waffen, mit Speeren und Schilden in ihr Lager. Da stürzen sich ihnen sofort Mannen aus den Zelten entgegen, zücken Waffen gegen Waffen und versuchen die Heiligen gegen die wütende Macht des rasenden Volkes zu schützen. Als der Mann Gottes das Andringen des tobenden Haufens gewahr wurde, sammelt er sofort die Schar seiner Geistlichen, nimmt die Reliquien der Heiligen, die er stets bei sich führte, schreitet aus dem Zelt heraus und verbietet sofort den Kampf indem er sie hart anlässt und spricht: »Lasst ab, Männer, vom Kampf meidet Krieg und Schlacht, denn das wahre Zeugnis der Heiligen Schrift lehrt uns, nicht Böses mit Bösem, sondern Böses mit Gutem zu vergelten. Denn schon ist der lang ersehnte Tag da und unserer Auflösung willig erwartete Zeit steht bevor. Darum seid stark im Herrn und ertragt dankbar, was er uns geschickt hat. Hoffet auf ihn, denn er wird eure Seele erlösen.«

Zu den in der Nähe befindlichen Priestern und Diakonen und den Männern, die in niederen Graden Gott dienten, sprach er mit väterlich mahnenden Worten. Während er mit seinen Ermahnungen die Schüler antrieb, sich die Krone des Märtyrertums zu verdienen, stürzte der ganze wütende Haufe der Heiden mit Schwertern und in voller Kriegsrüstung über sie her und machte die Leiber der Heiligen in heilbringendem Mord nieder.

Darauf stürzte der Haufe der Heiden auf die Siegesbeute seiner Verdammnis, plünderte das Lager, verteilte die erraffte Habe, doch auch die Kisten, in denen viele Bücher lagen, und die Büchsen, die Reliquien enthielten, raubten sie in dem Wahn, sie hätten Gold und Silber gewonnen. Dann eilten sie zu den Schiffen, in denen sich der tägliche Lebensbedarf der Geistlichen und der Männer und ein kleiner Rest Wein befanden. Als sie nun das geschätzte Nass entdeckt hatten, begannen sie sofort zu trinken, endlich aber, als es an die Verteilung der Beute ging, beratschlagten sie untereinander, wie das bis dahin noch nicht einmal erblickte Gold und Silber gegenseitig unter sie verteilt werden sollte. Allmählich begann man mit Schimpfworten aufeinander loszufahren, und endlich entstand so heftige Zwietracht, dass der von Wut und Tobsucht erfüllte Haufe sich in zwei Parteien schied und zuletzt die Waffen, mit denen sie kurz vorher die heiligen Märtyrer umgebracht hatten, in grausenerweckendem Kampf gegeneinander kehrten.
Aus: Vita Sancti Bonifatii (Leben des Heiligen Bonifatius) von Willibald - entstanden zwischen 754 und 768.
 
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Referat: 4213 - Der Tod des heiligen Bonifatius
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