Der schnelle Aufstieg des Deutschritterordens vom kleinen Feldlazarett von Akkon zu einem der reichsten und am modernsten organisierten Staaten Europas gehört mit zu den faszinierendsten Prozessen mittelalterlicher Staatenbildung. Ihre Bedeutung lässt sich nur gerecht beurteilen, wenn man die Maßstäbe der mittelalterlichen Welt zugrunde legt, für die eine Verbindung der mönchischen mit der ritterlichen Lebensform ebenso selbstverständlich wie der Kampf gegen die »Feinde des Glaubens« zwingend notwendig war, wovon der Prolog des Ordensstatuts ausdrücklich spricht. An dieser »Schwertmission« mit ihren jahrelangen, erbitterten Kämpfen hat die moderne Kritik immer wieder Anstoß genommen, obwohl die Deutschordensritter keinesfalls eine »Ausrottungspolitik« betrieben haben. Der Theologe Marian Joseph Tumler (1887-1987), bis 1970 Hochmeister des Deutschen Ordens, hat dazu die Gegenfrage gestellt, ob es vorstellbar wäre, dass der Orden einen Staat hätte errichten können, wenn vorher das zukünftige Staatsvolk völlig vernichtet und seiner natürlichen Lebensgrundlagen beraubt worden wäre. Viele Fragen bedürfen gerade im Hinblick auf die Wertung noch gründlicher Diskussion.
Dagegen lassen sich relativ problemlos einige wesentliche Aussagen zur Struktur des Deutschordensstaates und seiner kulturellen Leistungen machen. Geleitet wurde er von einem auf Lebenszeit über ein Wahlmännergremium gewählten Hochmeister, dem fünf Großgebietiger (Großkomtur, Marschall, Trapier, Treßler, Spitler) beigeordnet waren. In Preußen, Livland und im Deutschen Reich gab es Landmeister, Landkomturen und Komturen als Leiter der mittleren und unteren Verwaltung der Stiftungen, geschenkten oder käuflich erworbenen Ländereien. Mehrere Komturen bildeten eine Ballei. Die höchsten Ämter blieben Brüdern ritterbürtiger Abkunft vorbehalten. Die übrigen leisteten Militär- und Verwaltungsdienst. Da im 13. Jahrhundert zahlreiche Spitäler in den Orden integriert wurden, finden wir auch Ordensschwestern in caritativen Diensten. Sogenannte Familiare waren Laien, die ihr Vermögen ganz oder teilweise dem Orden übereignet hatten und sich dessen Leitung unterstellten. Für den Unterhalt der Zivil- und Militärverwaltung entstanden dem Ordensstaat insofern keine Kosten, als die Kommenden für den Unterhalt der Ritterbrüder aufkamen. Zur Verteidigung stand eine mobile, etwa 5000 Mann starke Einheit bereit, die durch Ritter, Stadtbürger und Söldner jederzeit ergänzt werden konnte. Pulverbüchsen fanden seit 1362, Geschütze seit 1408 Verwendung. Zwischen den weit gestreuten Ordensburgen, von denen die Marienburg mit dem Sitz des Hochmeisters die bedeutendste war, hielten Melde- und Postreiter die Verbindung zwischen den Ordensburgen aufrecht, und wichtige Elemente der Ordensregel wurden von Templerorden übernommen. Das hängt damit zusammen, dass die Ordensstifter theologisch und juristisch zu wenig geschult waren, um eine eigene Regel entwerfen zu können. Nach dem Laterankonzil von 1215 durften ohnedies keine neuen Ordensregeln aufgestellt werden. Es ist dabei sehr interessant, dass ein Ordensritter neben dem Gelübde des Gehorsams, der Enthaltsamkeit und Armut noch eine Reihe anderer Gebote beachten musste, die unserer Vorstellung von einem mittelalterlichen Ritter zu widersprechen scheinen. Zum Beispiel waren ritterliche Spiele oder Jagdvergnügungen untersagt und 120 Fasttage im Jahr vorgeschrieben. Für geistliche Übungen schrieb der Tagesplan eines Ordensmannes fünf Stunden vor. Schon bei geringsten Übertretungen drohten schwere Bußstrafen. Diese Forderungen waren ein Grund dafür, dass die Zahl der Ordensmitglieder nie sehr groß gewesen ist. So vermeldet die Chronik des Ordens im ausgehenden 14. Jahrhundert, dass die gesamten Balleien Deutschlands zusammen lediglich 700 Brüder zählten. Im preußischen Ordensland gab es allerdings um 1400 etwa 3000 Ritterbrüder, Indiz für den Missionseifer und die Attraktivität kriegerischen Engagements in diesen Jahren der Eroberung.
Sein großes Kulturwerk begann der Deutsche Ritterorden in vollem Umfang erst nach 1380, d. h. nach der Befriedung der kriegerischen Pruzzen. Bei der Besiedelung und bei der agrarischen Erschließung der eroberten Gebiete haben sich deutsche Bauern verdient gemacht. Sie kamen aus Niedersachsen, Franken, Schwaben und Holland und erlangten für ihre harte Arbeit persönliche Freiheit und Erbbesitzrechte. Erst als der Zustrom aus den Altsiedlungsräumen im Laufe des 14. Jahrhunderts merklich nachließ, zog der Orden auch pruzzische und litauische Siedler zur Kolonisation heran. Nach dem zweiten Thorner Frieden 1466 nahmen zudem noch Masowier an der Landgewinnung teil. Bei diesen Rodungsarbeiten wurden Umsiedlungen durchgeführt - Maßnahmen, die heute wie damals wohl nie ohne Härte durchgeführt werden konnten. Die Pruzzen erhielten pro Familie kriegsdienstpflichtige Güter von 20 bis 25 Hektar Größe und wurden zum Wege- und Burgenbau herangezogen. Die deutsche Bauernfamilie besaß im Durchschnitt 35 bis 40 Hektar Land. Im Rahmen der Kolonisationstätigkeit des Deutschen Ritterordens konnten 93 Städte und an die 2000 Dörfer gegründet werden. Die Kolonisten haben allein im Weichseldelta 150 000 Hektar Agrarland dem Niederungs- und Waldgebiet abgerungen. So erklärt es sich, dass der Ordensstaat zum Hauptexporteur für Getreide und Holz in Osteuropa werden konnte. Er trug dabei für mehr als ein Jahrhundert zur Sicherung der Ernährung der westeuropäischen Bevölkerung bei. Die Städte des Ordensstaates haben am Aufstieg der Hanse entscheidenden Anteil, allen voran Danzig, der Vorort der ostpreußischen Städte im hansischen Städteverband. Rege Handelsbeziehungen unterhielten die Binnenstädte des Ordenslandes zu Polen, Ungarn und Russland. Dabei spielte neben dem Pelz-, Wachs- und Honigexport der Handel mit Bernstein eine wichtige Rolle. Für die Gewinnung und Ausfuhr dieses Minerals besaß der Ordensmeister das Monopol.
Auch in anderen Wirtschaftsbereichen konnte der Ordensstaat segensreich wirken. So mobilisierte er im Zusammenhang mit dem Städte- und Burgenbau ein ganzes Heer von Arbeitern, Ziegelbrennern, Zimmerleuten, Schlossern und Tischlern. Eine große Zahl von Dienstleuten fand ihr Auskommen auf den riesigen Domänen der Ordensburgen. Hier galt es nicht nur, gewaltige Vorratslager für Getreide und Malz zu schaffen und sich auf die Eventualitäten eines Krieges einzustellen - von den Ordensburgen mussten im Verteidigungsfalle viele Menschen des Umlandes versorgt werden -, hier waren auch große Viehherden zu betreuen, zeitweise besaß der Orden über 13 000 Pferde, 61 000 Schafe, 10 000 Rinder und an die 2000 Schweine. Aus politischen Gründen konnten manche Pläne zur Optimierung von Landwirtschaft und Handel nicht mehr durchgeführt werden, darunter der Bau eines 400 Kilometer langen Binnenlandkanals.
Auch bildungspolitisch ist der Orden hervorgetreten. Zahlreiche Dorfschulen wurden errichtet, Domschulen nahmen in den Bischofsstädten des Ordensstaates ihre Tätigkeit auf. Der Plan zu einer Hochschule in Kulm konnte infolge der Katastrophe von Tannenberg nicht mehr verwirklicht werden. Unter den vielfachen wissenschaftlichen und literarischen Leistungen der geistlichen Brüder seien lediglich das Wörterbuch der pruzzischen Stammessprache und der um 1350 entstandene pruzzische Katechismus erwähnt.
Nach der Säkularisation des Ordensstaates verlor der Deutschritterorden mehr und mehr an Bedeutung. Napoleon I. hat ihn 1809 aufgehoben, Kaiser Franz I. von Österreich 1834 wieder erneuert. Nunmehr war es üblich, dass Erzherzöge als Hoch- und Deutschmeister wirkten. In unserem Jahrhundert lebt nur noch ein klerikaler Zweig des Ordens fort. Seine Niederlassungen sind weit verstreut. Viele Spuren der einstigen Kulturarbeit des Ordens sind ausgelöscht und verweht, aber nicht vergessen.
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