Heinrich IV. – Erfolge in Deutschland – Rückschläge in Italien

In den Jahren nach dem Tod Gregors VII. erleben wir Heinrich IV. auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der von ihm unterstützte Gegenpapst Clemens III. fand in Italien und Deutschland immer mehr Anerkennung. Die Kardinäle ihrerseits wählten als Nachfolger Gregors VII. den Abt Desiderius von Monte Cassino, der zunächst in sein Kloster zurückkehrte und sich erst nach einem Jahr bereitfand, sich weihen zu lassen. Er bestieg als Victor III. im Jahr 1086 den Stuhl Petri. Obwohl der neue Papst am Verbot der Laieninvestitur festhielt und auch den Bann gegen den Kaiser nicht aufhob, wäre unter diesem gütigen Mann wohl ein Ausgleich möglich gewesen. Doch Victor III. starb schon im darauffolgenden Jahr 1087. Ihm folgte der Kardinalbischof Odo von Ostia, ein Schüler Erzbischofs Bruno von Köln und ehedem Prior in Cluny, ein Franzose.

Urban II. (1088-1099) - so nannte sich der neue Papst -, ein überzeugter Anhänger der Kirchenreform, besaß überdurchschnittliches diplomatisches Geschick. Er starb nach einem erfolgreichen Pontifikat zwei Wochen nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer.

In Deutschland hatte die Opposition nach dem Tod ihres führenden Kopfes, Otto von Northeim, der den Gegenkönigen Rudolf von Rheinfelden und Hermann von Salm-Luxemburg Rückhalt gegeben hatte, an Boden verloren. Hermann von Salm-Luxemburg wurde im September 1088 bei der Erstürmung einer Burg in Lothringen tödlich verwundet. Schließlich verlor auch Markgraf Ekbert II. von Meißen, das Haupt der sächsischen Opposition, durch einen ungeklärten Meuchelmord in einer Mühle im Selketal (Harz) das Leben.

Der Kaiser, der nun im Norden Deutschlands weitgehend anerkannt war, wandte sich 1090 wieder Italien zu. Dort hatte der mit raffinierter Klugheit vorgehende Papst Urban II. eine Ehe zwischen dem siebzehnjährigen Sohn des Baiernherzogs Welfs IV. (I.) und der dreiundvierzigjährigen Mathilde von Tuscien zustande gebracht und damit den süddeutschen Gegnern des Kaisers neuen Auftrieb und Rückhalt gegeben. Doch zunächst blieb Heinrich IV. der Erfolg treu. Papst Urban II. musste, als Heinrichs Heer heranrückte, Rom verlassen und wie sein Vorgänger bei den Normannen Schutz suchen, während der Gegenpapst Clemens III. wieder einmal in die heilige Stadt einzog. Erst als der Kaiser 1092 bei Canossa - welche Erinnerungen mögen ihn bewegt haben? - eine Niederlage einstecken musste, kam es zum Abfall wichtiger lombardischer Städte wie Mailand, Cremona, Lodi, Piacenza: die in Fragen der Kirchenreform radikale Pataria, einzelne Adelige und Bürger, die für städtische Freiheiten kämpften, hatten sich verbündet. Als sich dann auch noch des Kaisers eigener Sohn Konrad der päpstlichen Partei zuwendete und sich zum König der Lombardei krönen ließ, als Herzog Welf die Alpenpässe sperrte, sah sich Heinrich IV. mit seinem Heer von Deutschland abgeschnitten. Zu allem Unglück verließ in dieser bedrohlichen Lage den Kaiser auch noch seine zweite Frau Praxedis, genannt Adelheid, eine Tochter des Großfürsten von Kiew, die der verwitwete Heinrich IV. im Sommer 1089 in Köln geheiratet hatte. Er hatte sie in Verona wegen des Verdachts ehelicher Untreue festgehalten. Nun, 1094, floh sie zu Mathilde von Tuscien und erhob schwerste Vorwürfe gegen ihren Gemahl, der sie angeblich zum Ehebruch habe veranlassen wollen. Die Vorwürfe trafen den Kaiser tief und lähmten ihn für lange Zeit. Unter all diesen Umständen musste er froh sein, in Verona und seiner Umgebung für die nächsten Jahre Zuflucht zu finden.

Weitere Erfolge für Papst Urban II.
Der Papst aber konnte im Jahre 1095 einen doppelten Triumph für sich verbuchen. Einmal schleuderte er auf der Synode von Piacenza den Bannfluch erneut gegen den kaisertreuen Papst Clemens III. und seine Anhänger und konnte in Cremona einen Sicherheitseid des Kaisersohnes Konrad, der als äußeres Zeichen seiner Ergebenheit und Dienstbereitschaft des Papstes Pferd am Zügel führte (siehe Stratordienst, unten), entgegennehmen. Zum anderen gelang es ihm auf einer Synode in Clermont-Ferrand (Zentralfrankreich), die anwesenden Fürsten und Ritter durch eine hinreißende Predigt für einen Kreuzzug zur ›Befreiung‹ Jerusalems und der heiligen Stätten aus der Hand der ›Ungläubigen‹ zu gewinnen und damit der abendländischen Christenheit eine neue, ihre Aktivität zugleich herausfordernde und bindende Aufgabe zu geben.

Stratordienst (lat. strator: Stallknecht)
Beim Aufsteigen auf das Pferd wird der Steigbügel gehalten. Diese höfliche Geste konnte von päpstlicher Seite aus als Geste der Unterwerfung, als Anerkennung lehnsmäßiger Abhängigkeit ausgelegt werden. Dies geschah im Hinblick auf Lothar III.: Ein Fresko im Lateran zeigt ihn mit gefalteten Händen die Kaiserkrone empfangend, Bildunterschrift: Er »wird Lehnsmann des Papstes«.

Die deutschen Kaiser lehnten diese Interpretation selbstverständlich ab und ließen es mitunter zu Zeremoniellstreitigkeiten hinsichtlich des üblichen Strator- und Marschalldienstes kommen (ahd. marah-scalc: Pferdeknecht, Führen des Pferdes).
 
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