Die letzten Jahre des Jahrhunderts brachten Heinrich IV. nach so vielen niederdrückenden und entnervenden Rückschlägen wieder Erfolge. Der junge Baiernherzog Welf trennte sich von Mathilde von Tuscien, sein Vater Welf IV. lenkte ein und wurde von Heinrich IV. deshalb erneut als rechtmäßiger Herzog von Baiern eingesetzt. In Schwaben kam es zu einer bedeutsamen Veränderung: Herzog Berthold II. von Zähringen verzichtete auf seinen Anspruch auf das Herzogtum, und der Kaiser belehnte den jungen Friedrich I. von Staufen, dessen Sohn Konrad III. (1138-1152) das Königtum der Staufer in Deutschland begründen sollte, mit dem Herzogtum. Ein Reichstag in Mainz (1098) setzte Heinrichs Sohn Konrad ab und wählte seinen damals noch minderjährigen Sohn gleichen Namens (Heinrich V.) zum König, der jedoch schwören musste, seinem Vater zu dessen Lebzeiten nicht in die Regierungsgeschäfte dreinzureden.
Es spricht für Heinrich IV. und seine Auffassung vom Herrscheramt, dass er in Zeiten, wo er sich wenigstens in Deutschland einigermaßen durchgesetzt hatte, sich tatkräftig an die Spitze von Friedensbewegungen stellte, die sich zum Ziel machten, dem vor keiner Willkür zurückschreckenden Fehdewesen durch genau umrissene und mit Strafandrohungen verbundene Friedensgebote Zügel anzulegen. Schon 1085 hatte der Kaiser auf einem Reichstag in Worms Ideen des Gottesfriedens, der sogenannten »treuga dei«, aufgenommen und einen Frieden für das ganze Reich verkündet. Auf dem Reichstag von Mainz kam es endgültig zu einer umfassenden Regelung und Verkündung des Reichslandfriedens für vier Jahre.
Der Sohn fällt Heinrich IV. in den Rücken
Doch unbeschadet dieser ansatzweise sehr idealistischen Initiative ging Heinrichs Kampf mit dem Papsttum weiter. Obwohl der Kaiser erkannte, dass er ohne Aussöhnung mit dem Papst keinen dauerhaften Frieden erreichen könne, gelang ihm keine Annäherung. Im Gegenteil: der als Nachfolger Urbans inthronisierte Papst Paschalis II. (1099-1118), ein schroffer und zu keinerlei Entgegenkommen bereiter Cluniazensermönch, war auch nach dem Tod des Gegenpapstes Clemens III. (1100) nicht geneigt zum Einlenken. Obwohl der Kaiser auf dem Mainzer Reichstag 1103 eine Kreuzfahrt nach Jerusalem versprach, wenn der Papst ihn vom Bannfluch löse, blieb Paschalis hart. Als zu allem Unglück auch noch des Kaisers Sohn Heinrich von seinem Vater abfiel, weil er fürchtete, dessen Politik könne zwischen Fürsten und Adel einerseits und dem Königtum andererseits eine unüberbrückbare Kluft entstehen lassen, war der König auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Durch hinterhältige Täuschung gelang es dem Sohn, den Vater auf Burg Böckelheim an der Nahe gefangen zu setzen und auf einem Fürstentag in Ingelheim (Rhein) zur Abdankung zu zwingen. Der König verzichtete zwar auf den Thron, verweigerte aber die Ablegung eines Sündenbekenntnisses. Schließlich gelang ihm die Flucht, und er fand in Lüttich Zuflucht. Am Gründonnerstag 1106 schlug er die Streitmacht des aufrührerischen Sohnes an der Maasbrücke bei Visé, starb aber bald darauf am 7. August in Lüttich.
Selbst der Leichnam Heinrichs IV. fand nur kurze Zeit die Ruhestätte, die sich der sterbende Kaiser gewünscht hatte: die Domgruft von Speyer. Bischof Gebhard, ein Anhänger der Reform, ließ das Grab aufreißen und den Sarg mit dem exkommunizierten Toten in die ungeweihte Kapelle der heiligen Afra zur Seite des Doms stellen. »Fast fünf Jahre stand die Kaiserleiche unter dem Fluche der Kirche in der unge-weihten Kapelle, doch das Volk besuchte gern die Stelle, wohin der Hass des Papstes und des Bischofs den toten Kaiser verbannt hatte. Endlich kamen andere Tage. Der König [Heinrich V.] zwang dem Papst das Investiturrecht ab, um welches der Vater so lange gestritten, und nötigte Rom, den Fluch von dessen Asche zu nehmen. Da wurde am 7. August 1111 - am Todestag des Kaisers - der Sarg abermals in den Dom und die Kaisergruft gebracht und jetzt geschah es mit allen kirchlichen Ehren und unerhörter Pracht« erzählt der Historiker Wilhelm von Giesebrecht.
Friedensbewegungen im 11. Jahrhundert
Gottesfriedensbewegung
Sie war am Ende des 10. Jahrhunderts in Burgund entstanden, das unter den Fehden seiner Barone, Grafen und Herzöge besonders stark zu leiden hatte. Eine der ältesten Friedensabmachungen war der Beschluss einer Synode der Diözese Poitiers 989 in Südwestfrankreich, dessen Vorrede so lautet:
»Fluch denjenigen, die in Kirchen einbrechen [...].«
»Fluch denjenigen, die Eigentum der Armen rauben [...].«
»Fluch denjenigen, die Kleriker [Geistliche] angreifen [...].«
Es handelt sich bei dieser Abmachung also zunächst um einen Beschluss der Kirche, bestimmte Gruppen der Bevölkerung unter besonderen Schutz zu stellen. Da das einzige Strafmittel der Kirche im Bannfluch bestand, waren die Erfolge der Bewegung gering. Doch bezeugte sie das gesteigerte religiöse Empfinden, das bei den oft emphatischen Massenveranstaltungen unter freiem Himmel zum Ausdruck kam.
Landfriedensbewegung
Wesentlich weiterging der Kaiser auf dem berühmt gewordenen Mainzer Reichstag 1103, der einen mit einer Amnestie (Straferlass) verbundenen Frieden für das ganze Reich verkündete: Der Kaiser und die Bischöfe verpflichten sich durch Handschlag zur Überwachung des Friedens, die weltlichen Fürsten leisten einen Eid auf ihn. Der Friede, unter dessen besonderem Schutz Geistliche, Mönche, Laienbrüder, Frauen und Juden stehen, gilt für vier Jahre.
Verletzungen des Hausfriedens, Brandstiftung, Verwundung und Totschlag, Verteidigung von Schuldigen und wiederholter Diebstahl werden mit dem Verlust der rechten Hand oder der Augen geahndet. Flucht vor dem Urteil bedeutet den Verlust von Eigentum und Lehen, zieht der Betroffene sich auf seine Burg zurück, so sollen eine Belagerung und die Zerstörung der Burg durch die Schwurgenossen erfolgen.
Diese Mainzer Beschlüsse stehen am Anfang einer segensreichen Entwicklung. Trotz unzähliger Rechtsbrüche - Macht ging auch damals oft vor Recht! - setzten die auf den deutschen Reichstagen immer wieder verkündeten Landfriedensbeschlüsse in der Folgezeit doch oft mehr Recht und Sicherheit für den niederen Adel, die Bürger und nicht zuletzt die einfachen Leute durch, brachten dafür aber den hohen Adel gegen den König auf.
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