Der Verrat Heinrichs V. an seinem Vater

König Heinrich V. berief für Weihnachten eine Reichsversammlung nach Mainz. Er lud hierzu die Fürsten und auch sonst viele Vornehme ein, um allen kundzutun, er wolle jetzt Herr und Herrscher sein. Auch der Kaiser [Heinrich IV.] beschloss mit seinen Getreuesten zum Reichstag zu kommen. [...] Als seine Gegner das erfuhren, bangten sie für sich und ihre Sache. [...] Sie rieten deshalb dem König zu folgender List: er solle seinem Vater entgegeneilen, sich ganz zerknirscht gebärden [...], um Gnade flehen und beteuern, es schmerze ihn, so schlimmen Einflüsterungen nachgegeben zu haben, er sei zu jeder Genugtuung bereit, wenn er nur wieder Gnade fände. Biete sich dann Gelegenheit zu einer neuen List, so solle er sie benützen, wenn nicht, [...] so solle die Heuchelei zur Wahrheit werden.

Als er sich demgemäß ränkevoll seinem Vater näherte, glaubte dieser nur zu leicht den Worten und Tränen seines Sohnes [...], sah ihm Schuld und Strafe nach und verwies ihm nur mit väterlicher Milde die Kränkungen, die er ihm zugefügt hatte. [...] So war es dem Sohn gelungen, den Vater durch erheuchelte Reue zu täuschen, und nun hinterging er ihn noch durch einen listigen Vorschlag. Wie man ihm zuvor beigebracht hatte, überredete er den Kaiser dazu, die ihn begleitenden Truppen zu entlassen [...], denn nachdem sie sich beide geeinigt hätten, könnte ihnen auch niemand mehr Widerstand leisten [...] Der Kaiser stimmte zu. Er entließ also bis auf dreihundert Mann alle seine Leute und wollte in Begleitung seines Sohnes sich zum Reichstag begeben. Unterwegs musste man einmal übernachten. Der Sohn widmete sich die ganze Nacht seinem Vater. Der freute sich unsäglich über ihn [...], er ahnte nicht, dass es die letzte Nacht der Freude war. Als man sich am nächsten Morgen Mainz näherte, kam die Kunde, die Baiern und Schwaben rückten mit einer ungeheueren Truppenmacht an. Da legte der Sohn dem Kaiser nahe, es sei unsicher, sich mitten unter die Feinde zu wagen, wenn man sich nicht zuvor über ihre Gesinnung vergewissert hätte. [...] Es wäre daher am besten, der Kaiser ginge in eine nahe gelegene Burg [Böckelheim], während er sich selbst zu den Feinden begeben, sie von ihrer Absicht abbringen und sie ihm dann um Gnade und Versöhnung flehend zuführen wolle. Der Kaiser tat, wie ihm sein Sohn geraten, und ritt auf die Burg, ohne den Fallstrick zu bemerken, den das gleisnerische Wesen des verlogenen Sohnes so gut zu verbergen verstanden hatte.

Kaum hatte der Kaiser mit ein paar Mannen die Burg betreten, da wurden deren Tore verschlossen und seine Getreuen nicht mehr eingelassen. So ward der Trug offenkundig, er der wie der Herr aufgenommen war, wurde als Gefangener festgehalten. Der Sohn stellte seinen Vater unter Bewachung und kehrte über seine gelungene List triumphierend nach Mainz zurück. Dort berichtete er, wie er seinen Vater gefangen, und brüstete sich damit, als hätte er ein verdienstvolles Werk vollbracht. Da hallte der Reichstag von tosendem Beifall wider, das Unrecht wurde als Gerechtigkeit, der Trug als Tugend gefeiert.

Der Sohn schickte sofort einen Boten an den Kaiser und ließ ihm sagen, wenn ihm sein Leben lieb sei, habe er ihm sofort die Krone [...] und die Reichskleinodien zu übersenden und ihm seine festesten Burgen zu übergeben. Der Kaiser zögerte nicht, all dem nachzukommen, denn die Herrschaft ging ihm nicht über sein Leben. Doch das schien noch nicht genug, er musste selbst [in Ingelheim] erscheinen und vor allen auf die Regierung verzichten. Er wurde also nicht als freier Mann, sondern als Gefangener vorgeführt [...] und musste sprechen, wie es das Los eines Gefangenen mit sich brachte. [...]

Viele der Anwesenden wurden durch die Rede des Kaisers zu Tränen gerührt, nur den Sohn konnten selbst die natürlichen Gefühle nicht zum Mitleid bewegen. Und während sich der Vater dem Sohne zu Füßen warf und ihn anflehte, er solle doch wenigstens das Naturrecht in sich berücksichtigen, wandte dieser sein Angesicht von ihm ab und verschloss ihm sein Herz.
Aus: Vita Heinrici IV. imperatoris (Das Leben Kaiser Heinrichs IV.), vermutlich von Bischof Ertung von Würzburg.
 
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Referat: 4336 - Der Verrat Heinrichs V. an seinem Vater
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