Karl der Große – »Führer des Gottesstaates«

Unwidersprochen war Karl der Herr Europas. Skandinavien und England führten in den Randzonen ihr politisches Eigenleben, Spanien war zwar nicht vom Kontinent abgeschnitten, aber doch im größten Teil als mohammedanisches Kalifat zum Orient hin ausgerichtet. Aus dem fränkischen Stammeskönigtum war nun ein das Festland weithin umspannender christlicher »Einheitsstaat« geworden, bei bleibenden sprachlichen und stammesmäßigen Differenzen natürlich nicht zu vergleichen mit einem modernen. Karl verstand sich in seinem Herrscheramt als Führer und Verteidiger eines »Gottesstaates« auf Erden; so jedenfalls interpretierte er handfest die für das ganze Mittelalter programmatische Schrift des Kirchenlehrers Augustinus, der diesen Idealzustand einer Herrschaft allerdings erst am Ende aller Zeiten, wenn die Weltgeschichte abgelaufen sei, erfüllt sah. Karl hatte das Werk Augustinus schon während der Langobardenfeldzüge kennengelernt und dessen Gedanken mit Begeisterung aufgegriffen.

Die Verteidigung des Glaubens
Je mehr sich Byzanz im Abwehrkampf gegen Araber und Slawen verbrauchte, um so dringender fühlte er sich zum Repräsentanten christlicher Herrschaft und zur Verteidigung des wahren Glaubens gegen die »Mächte der Finsternis«, den nordischen Götterglauben und den heidnischen Islam, berufen. Er bezeichnete sich als »Führer der Kirche«, als ihren »ergebenen Beschützer und Mehrer«, der Klerus wandte sich an ihn, den »Herrn und Vater, König und Priester, aller Christen Leiter und Führer«. Ja, der Papst selbst betete: »Herr, bewahre den König, denn siehe, ein neuer allerchristlicher Gottesherrscher ist in unserer Zeit entstanden!«

794 verwarf die Synode zu Frankfurt unter Karls Vorsitz die Beschlüsse des allgemeinen Konzils von Nicäa über die Bilderverehrung, denen der Papst zugestimmt hatte. Der König fasste also seine Rolle als »Stellvertreter Gottes auf Erden« so wörtlich auf, dass er sich das Recht herausnahm, auch in theologischen Fragen eigene Entscheidungen zu treffen und seine Lehrmeinung gegen die des Papstes zu setzen.

Der Kaiser von Byzanz
In den »Libri Carolini«, den Karolinischen Büchern, die Karl selbst verfasst haben soll, wandte er sich gegen den Anspruch des »Königs des Ostens«, d. h. gegen den Kaiser von Byzanz, für die ganze Christenheit zu sprechen. Er, Karl, dürfe bei Dingen, die alle Christen beträfen, nicht übergangen werden. Ihm ging es also im Wesentlichen um Zuständigkeit und Gleichberechtigung, ein Problem, das die eigentliche Sachfrage, ob nämlich den Heiligenbildern göttliche Verehrung zukomme oder nicht, in den Hintergrund treten ließ, zumal die Entscheidung von Nicäa, die Bilderverehrung zu gestatten, nicht endgültig war und Bilderstürmer (Ikonoklasten) und Bilderverehrer (Ikonodulen) weiter miteinander im Streit lagen.
 
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Referat: 4192 - Karl der Große – »Führer des Gottesstaates«
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