Bildung, Kunst und Wissenschaft

Höchstes Ansehen gewann der Hof zu Aachen durch die sogenannte »Hofschule«, eine Art Akademie, zu der Karl schon bald nach seinem Regierungsantritt den Anstoß gegeben hatte. Von da an berief er, wo immer es notwendig und möglich erschien, die gelehrtesten Männer aus seinem Reich und aus benachbarten Ländern an seinen Hof. Franken waren darunter, Angeln, Iren, Sachsen, Langobarden, Westgoten, Friesen und Baiern. Der bedeutendste unter ihnen war der Angelsachse Alkuin, der seit 782 als Berater Karls wirkte, 796 dann als Abt nach Tours ging, also nicht mehr zum Hof von Aachen gehörte. In ihm besaß der König einen Universalgelehrten, der das Bildungswesen im Fränkischen Reich organisierte, Stundenpläne und Lehrbücher für den Elementarunterricht entwarf und zugleich die antiken Wissenschaften mit der Überlieferung des Christentums zu verbinden suchte.

Man lernt um zu lehren
War sein Wahlspruch, und noch Generationen nach ihm waren Gelehrte stolz, die Schüler seiner Schüler gewesen zu sein. Sein Nachfolger in Aachen wurde der Westgote Theodulf, ein empfindsamer, etwas verschrobener Gelehrter, der für die Überlieferung antiken Geistesgutes aber noch mehr leistete als Alkuin. Gefürchtet war seine spitze Feder, wenn er den Hof oder Missstände im Rechtswesen rügte oder mit Frömmlern ins Gericht ging. Später wurde er Bischof von Orleans, doch setzte ihn Ludwig der Fromme, der Nachfolger Karls, wegen seiner freimütigen kritischen Äußerungen wieder ab.

Vita Caroli Magni
Aus Italien kam der Langobarde Paulus Diaconus, der große Geschichtsschreiber seines Volkes. Das Hofleben behagte dem einfachen Mönch aber nicht, und so kehrte er nach sieben Jahren wieder in das Kloster von Monte Cassino in Unteritalien zurück. Zu den ersten fränkischen Gelehrten gehörte der junge Angilbert, vermutlich der Geliebte von Karls Tochter Berta, die ihm angeblich zwei Söhne schenkte. Der Klosterschule von Fulda entstammte der vielseitige, emsige Einhard, der in den klassischen Wissenschaften ebenso zu Hause war wie in der Praxis der Steinmetz- und Goldschmiedekunst. Er wirkte selbst als Baumeister, überwachte die königlichen Baumaßnahmen, reiste als königlicher Gesandter nach Rom und kontrollierte als Geheimsekretär nicht nur die Niederschrift der Hofannalen, sondern verfasste auch selbst jene berühmte Lebensbeschreibung »Vita Caroli Magni« - Das Leben Karls des Großen -, mit der er seinem kaiserlichen Herrn und Freund ein liebevolles Denkmal gesetzt hat. Die berühmte Sage von Einhard (Eginhard) und Emma beruht allerdings auf einer Verwechslung mit dem oben erwähnten Angilbert.

Diese Männer standen zusammen mit einigen anderen im Mittelpunkt der Hofschule und beeinflussten die geistige Kultur des Karolingerreiches. Da ihre Schüler selbst wieder Schulen gründeten, verbreiteten sich die Früchte ihrer Studien und Forschungen erstaunlich schnell. Der König unterstützte sie, wo er nur konnte, und suchte ihren Umgang. Wie eng die freundschaftlichen Bindungen dabei waren, beweist die Sitte, sich im vertrauten Kreis Namen aus der Antike und der Bibel zu geben. Karl selbst hieß David, Theodulf war Pindar, Alkuin wurde Horaz genannt und Angilbert Homer.

Trotz seines immensen Arbeitspensums fand der König selbst Zeit für das Studium der Grammatik, auch nahm er Unterricht in Astronomie und Musik. Immer wieder wirkte er selbst als Anreger, forderte zu Fragen heraus, ließ beispielsweise über die Ursachen einer Mondfinsternis ebenso diskutieren wie über theologische und philosophische Probleme. Über die Hofschule förderte er zugleich die allgemeine Bildung in seinem Reich, die Ausbildung der Geistlichen, die damals sehr im argen lag, oder die Herausgabe theologischer und historischer Schriften. So konnte auch Alkuin lobend ausrufen: »Wenn viele wären wie Karl selbst, erstünde im Frankenreich ein neues Athen ...!«

Wahrscheinlich entstand im Umkreis dieser Hofschule auch die sogenannte »Karolingische Minuskel«, eine Schrift mit kleinen Buchstaben, die aber im Gegensatz zu den stets gleichhohen Buchstaben der bisher gebräuchlichen Majuskelschrift Ober- und Unterlängen aufwies. In ihrer eleganten Form fand sie rasch Eingang in die Schreibstuben der Klöster und wurde zur Mutter der abendländischen Schriftfamilie.

Aber nicht nur um die lateinische Sprache und Schrift kümmerte sich Karl, sondern auch um die deutsche Volkssprache. So gab er den Monaten deutsche Namen, ließ eine deutsche Grammatik erstellen und germanische Heldenlieder sammeln. Leider fielen letztere dem bigotten Eifer Ludwigs des Frommen zum Opfer, der sie wegen ihrer »heidnischen« Einflüsse vernichten ließ.
 
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