Regino von Prüm, ein Werk wie die »Weltchronik« des Abtes Regino aus dem Eifelkloster Prüm, die mit dem Jahre 908 endete, war und blieb die große Ausnahme für die folgenden 150 Jahre. Nach dem ›jahresweisen‹, ›annalistischen‹ Prinzip, jedoch größere Zeitabschnitte zusammenfassend, hatte Regino von Christi Geburt an wichtige historische Ereignisse in lateinischer Sprache festgehalten: »Denn unwürdig erschien es mir, dass, während die Geschichtsschreiber der Hebräer, Griechen, Römer und anderer Völker das geschichtliche Tun ihrer Zeit in Büchern uns zur Kenntnis übermittelt haben, über unsere, obwohl viel näher liegende Zeit, so tiefes Schweigen herrscht. Als ob in unseren Tagen menschliches Handeln verschwunden wäre oder sich vielleicht nichts ereignet hätte, was der Überlieferung wert wäre oder sich, falls solche erinnerungswürdigen Taten doch vollbracht wurden, keine geeigneten Geschichtsschreiber gefunden hätten.« Bewahrung des Geschehenen, Einfügung der eigenen Zeit in den großen Gang der Weltgeschichte und bewusste Berufung vor allem auf die bedeutenden Historiker der Antike sind Ziele, zu denen sich Regino mit diesem Vorwort bekennt, und nicht nur er. Freilich, die Anknüpfung an die griechischen und römischen Klassiker und ihre Nachahmung im Stil oder gar der Tiefe ihrer Gedanken gelang weniger oft als es den Wünschen entsprach. Und doch blieben sie dem Mittelalter Vorbilder, an denen man sich orientierte, selbst wenn die Wurzeln nicht direkt zu ihnen hinabreichten, sondern bei den christlichen Autoren der Spätantike zu suchen sind, die wie Eusebius († 339), Hieronymus († 420) oder Orosius († nach 418) in »Weltchroniken« aus christlicher Sicht eine zusammenhängende Darstellung wichtiger Begebenheiten der Weltgeschichte vom Beginn der Welt an aufgeschrieben haben und die christliche Zeitrechnung mit den verschiedenen heidnischen oder der jüdischen Datierung zu synchronisieren suchten.
Originalität kann man heute von den mittelalterlichen Geschichtsschreibern nicht erwarten, sie ist ein Wertmaßstab unserer Zeit, über den Antike und Mittelalter gar nicht sprachen, ja die Schriftsteller dokumentierten ihre Belesenheit geradezu dadurch, dass sie Passagen anderer wortwörtlich oder leicht paraphrasiert ohne Stellenangabe zitierten. So sind auch die Geschichtsschreiber des Mittelalters gar nicht originell, für unsere Begriffe ›Plagiatoren‹, in ihren Denkschemata an der Antike festgefahren und in ihrer stofflichen Konzeption recht einfach - vom Stil ganz zu schweigen! Der dürre, trockene Annalen-Chronikenstil bekommt nur in den Lebensbeschreibungen ab und zu etwas Farbe.
Frutolf von Michelsberg, Ekkehard von Aura und Otto von Freising
Noch war Regino von Prüm die Koordination der verschiedenen Zeitrechnungselemente nicht gelungen. Erst eineinhalb Jahrhunderte später hat der Mönch Hermann von der Bodenseeinsel Reichenau, einem Zentrum nicht nur der Literatur sondern auch der Malerei und bildenden Kunst in ottonisch-salischer Zeit, die Zeitbestimmung dadurch vereinheitlicht, dass er in seinem »Chronicon« von Christi Geburt bis zum Jahr 1054 die Jahre ausschließlich »nach Christi Geburt« zählte.
Etwa 100 Jahre später erreichte die Entwicklung mit Bischof Otto von Freising († 1158) ihren Höhepunkt. Seine beiden Vorläufer in der Salierzeit, Prior Frutolf vom Kloster Michelsberg in Bamberg († 1103), der zur wichtigen Quelle für das Leben Heinrichs IV. wurde, und sein Fortsetzer, Abt Ekkehard aus dem Kloster Aura bei Bad Kissingen († 1125), in dessen Werk sich der ganze Konflikt im Verhältnis Heinrichs V. zum Papsttum widerspiegelt, haben uns ebenfalls unersetzliche Quellen hinterlassen. Unter Übernahme entscheidender Gedanken des heiligen Augustinus und seines Schemas der sechs Weltzeitalter gelang aber Otto von Freising in vielen Partien seines Werkes »Chronica sive historia de duabus civitatibus« (»Chronik oder Geschichte von den zwei Staaten«) eine der Antike ebenbürtige christlich-philosophische Deutung der Weltgeschichte.
An den heutigen Maßstäben darf man die Chroniken allerdings nicht messen, ganz gleich, ob sie die Welt in den Mittelpunkt stellen oder ein Bistum, ein Kloster, die Kaiser oder Päpste. Denn nicht so sehr die natürliche Verknüpfung der Ereignisse noch der Kausalzusammenhang, die Frage nach Ursache und Wirkung, interessierte in erster Linie, sondern das Festhalten wichtiger Geschehnisse in zeitlicher Ordnung von einem fiktiven Schöpfungsdatum aus bis in die selbsterlebte Gegenwart. Schwierigkeiten einer Gliederung dieser universal angelegten Geschichtsbetrachtung kannte man nicht: Die Chronisten übernahmen das spätantike Schema von der Abfolge der vier Weltreiche (Assyrer-Babylonier, Meder-Perser, Makedonen-Griechen, Römer) oder die Einteilung nach den sechs Weltaltern, die durch Augustinus Verbreitung gefunden hatte.
Christlicher Kalender und politische Annalen im Mittelalter nah verwandt
Noch einfacher hatten es die »Annalisten«, Verfasser von »Annalen« oder »Jahrbüchern«, die nur nach aufeinanderfolgenden Jahren gliederten. Das taten zwar die Chronisten auch, und die Übergänge zwischen beiden Gattungen sind in diesem Punkte fließend, doch schrieben die Annalisten meist anonym, ohne großen literarischen Ehrgeiz, reihten knapp, trocken und streng chronologisch die Fakten jahrweise aneinander, ohne auf eine zusammenhängende Darstellung oder die Zusammenfassung zumindest größerer Zeitabschnitte Wert zu legen.
Entstanden ist diese zweite Gattung in Verbindung mit den »Ostertafeln«, die über einen längeren Zeitraum das jährlich wechselnde Osterfestdatum festhielten, nach dem sich die anderen Hochfeste des Kirchenjahres ausrichten. Die ursprünglichen Einschübe wichtiger Jahresereignisse neben dem Ostertermin des betreffenden Jahres verselbstständigten sich rasch, zumal diese »Ostertafeln« mit ihren Notizen von Kloster zu Kloster, von Kirche zu Kirche weitergegeben, abgeschrieben und mit eigenen Zusätzen versehen wurden.
Seit den »Annales regni Francorum« (Reichsannalen) der karolingischen Zeit ist diese Form der Geschichtsschreibung nicht mehr abgerissen und in der ottonisch-salischen Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts zu neuer Blüte gelangt. So hat der Mönch Adalbert vom Kloster St. Maximinus in Trier, von Otto I. 968 als erster Bischof des neugegründeten Erzbistums Magdeburg eingesetzt, die Weltchronik Reginos von Prüm in einfacherer, annalistischer Form bis zum Jahre 967 fortgesetzt (»Continuatio Reginonis«, Fortsetzung des Regino). Vertraut mit den Geschehnissen in Italien, Lothringen und natürlich dem Ostfrankenreich, bleibt sein Werk für Ottos I. Zeit eine objektive und unentbehrliche Quelle allerersten Ranges, gespeist aus dem Rückgriff auf andere Annalen wie die vom Kloster Reichenau oder Fulda, vor allem aber gegründet auf eigene Erfahrung. Die enge Verzahnung von Religion und Politik, die, wie für die Karolinger, so auch für die Zeit der Ottonen charakteristisch ist, reicht deutlich bis in die Geschichtsschreibung hinein. Wenn mit der »Continuatio«, der Fortsetzung der Reichsannalen durch Adalbert nach einem halben Jahrhundert literarischer Dürre zugleich neues geistiges und künstlerisches Leben erwachte, dann dank der Initiative und Förderung Ottos I. Sein Impuls ist um so höher zu bewerten, weil er selbst die denkbar schlechtesten Vorbedingungen mitbrachte: spät erst hat er Lesen und Schreiben gelernt. Die aufkeimende Geschichtsschreibung in Klöstern oder Domschulen zunächst des sächsischen Raumes, erfreute sich Ottos I. vollster Unterstützung, und sicher hatte sie auch politische Bedeutung. Die Annalen des Klosters Hersfeld (bis 984/1044), des Domstiftes und des Michaelklosters in Hildesheim (bis 1043 bzw. 1040) und die Quedlinburger Annalen geben wertvolle Nachrichten über die ottonische Zeit, die im Kloster Abdinghof in Paderborn entstandenen »Annales Patherbrunnenses« über die Regierung der Salier und den Beginn der staufischen Herrschaft.
Weitgehend aus dem Rahmen fällt das »Annales« betitelte Werk des Hersfelder Mönches Lampert († etwa 1080), eine auch stilistisch glänzende Leistung. Mit der Schöpfung beginnend, werden die knappen, in annalistischer Form dargebotenen Ereignisse der Weltgeschichte, die aus mehreren Vorlagen stammen (siehe Kompilation unten), vom Jahr 1040 an immer ausführlicher, bis sie ab den Jahren 1069-1077 in eine zusammenhängende Darstellung einmünden und den annalistischen Rahmen überschreiten. Für Heinrich III., Heinrich IV. und den Investiturstreit ist Lampert deshalb eine Hauptquelle, allerdings tendenziös, ganz gegen König Heinrich IV. eingenommen und daher mit Zurückhaltung zu benutzen.
Kompilation (lat, eigentlich »Plünderung«)
Ein seit dem 16. Jahrhundert abschätzig gebrauchter Begriff für die im Mittelalter und in der Antike sehr beliebte Zusammenstellung von Ausschnitten aus verschiedenen Texten zu Lehrzwecken. Diese Art der Textproduktion kam in dem Maße in die Schusslinie der Kritik, als schriftstellerische Originalität gefordert wurde.
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