Vitae und Gesta

Eine spezifischere Form der Geschichtsschreibung, eingeschränkt auf das Leben und Wirken bedeutender Heiliger, Herrscher oder Kirchenfürsten waren die hochgeschätzten Biografien, »Vitae« (lat.: Lebensbeschreibungen) genannt. Einhards Darstellung Kaiser Karls des Großen war die erste Herrschervita des Mittelalters gewesen, eine geglückte Verbindung der antiken Biografie mit eigenen Vorstellungen.

Eigenartigerweise hat diese Form der Herrscherbiografie im Ostfrankenreich nicht Schule gemacht. Eine Vita Kaiser Heinrichs II. aus der Feder des Bischofs Adalbold von Utrecht, die hauptsächlich auf der Chronik Thietmar von Merseburgs beruht, blieb unvollendet, die Vita Heinrichs IV., von einem treuen Anhänger, wahrscheinlich Bischof Erlung von Würzburg, »mit Tränen geschrieben, nicht ohne Tränen zu lesen«, war eine Ausnahme. Die »Gesta Chuonradi II. imperatoris« (lat.: Tatenbericht Kaiser Konrads II.) von seinem Kaplan Wipo und die »Gesta Frederici I. imperatoris«, verfasst von Bischof Otto von Freising, sind im eigentlichen Sinne gattungsmäßig keine Biografien, sondern eher zwischen Biografie und Chronik anzusiedeln, weil sich die Darstellung nicht zu einem biografischen Lebensablauf abrundet oder Wert auf eine charakterliche Porträtierung legt, sondern nur bemerkenswerte Taten des betreffenden Papstes, Bischofs, Abtes oder Königs herausgreift. Wesentlich höher in der Gunst des Publikums und der Autoren standen Biografien markanter Kirchenfürsten. Nicht zufällig beginnt die Blüte dieses Vitentyps unter Otto I. Durch die von ihm geförderte enge Bindung der Bischöfe an das Reich und die daraus resultierende Politisierung der hohen geistlichen Würdenträger konnte man die bisher blutleere Beschreibung ihres geistlichen Tuns mit den ungleich interessanteren weltlichen Tätigkeiten farbenprächtig auffrischen. Die Bischofsviten U(da)lrichs von Augsburg, Bernwards oder Godehards von Hildesheim, Alberos von Trier oder Brunos von Köln, des jüngsten Bruders Ottos I., repräsentieren diesen Typus der ottonisch-salischen Zeit.
 
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