Die politisch führende Stellung Sachsens am Beginn des 10. Jahrhunderts hatte in diesem Teil des Reiches eine Geschichtsschreibung geradezu provoziert: Am Anfang steht ein typisches Produkt rein sächsischen Geistes, nur erklärlich aus dem großen Selbstbewusstsein dieses Stammes, dem Reich die Königs- und Kaiserdynastie der Liudolfinger (Ottonen) geschenkt zu haben. Es zählt zur Gattung der »Origines« (lat.: Ursprungsgeschichten eines Stammes) und ist ein Werk des Mönches Widukind aus dem Kloster Corvey an der Weser. Trotz des Titels »Res gestae Saxonicae« (lat.: Geschichte der Sachsen), gehören seine drei Bücher nicht zur Gattung der »Gesta«, sondern zu den »Origines«, weil er dem Beginn der Ottonen die Frühzeit des sächsischen Stammes, seinen Ursprung (origo) und die Landnahme voranstellt und bis zu Heinrich I. sich weitgehend auf das mündlich überlieferte Sagengut stützt, ehe er für die beschriebene Zeit bis 973 sich auf sicherere Quellen und eigene Kenntnisse verlassen kann. Wahrheitsgetreu, ohne einseitige Parteinahme, aber getragen vom Stolz auf den Sachsenstamm und seinen größten Vertreter, Otto I., schreibt er in erster Linie sächsische Geschichte, nicht Reichsgeschichte. Das ganze Mittelalter hindurch ist Widukinds Werk viel gelesen und benutzt worden, auch von Bischof Thietmar von Merseburg, der es neben den Quedlinburger Annalen in seiner Chronik verarbeitete.
Die acht Bücher der Thietmarschen Chronik bilden den Abschluss sächsischer Geschichtsschreibung in ottonischer Zeit. Ursprünglich als ein Bericht über die Geschichte Merseburgs und die Taten seiner Bischöfe gedacht, wäre es der Gattung der »Gesta« zuzuweisen, hätte sich nicht der Stoff unter seinen Händen zu einer Weltgeschichte geweitet, die zwar wegen der unsicheren Quellenlage auf jedes Ausschreiben früherer Gewährsmänner verzichtet, dafür aber um so mehr zeitgeschichtlichen Charakter trägt. Da Thietmar durch seine weitläufige Verwandtschaft mit dem gesamten Hochadel des Reiches verbunden war, konnte er aufgrund dieser Beziehungen und eigener Erlebnisse ein anschauliches, recht objektives Bild der Herrscher Sachsens zeichnen und den engen Blickwinkel Widukinds durch eine reichsgeschichtliche Betrachtungsweise bis zu seinem Todesjahr 1018, überwinden. Auch über die den Sachsen benachbarten Slawenvölker gibt dieses großartige Werk Auskunft.
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