Über 600 Jahre lang stellte das Imperium Romanum rings um das Mittelmeer ein in sich ausgeglichenes, sicheres und verkehrsmäßig erschlossenes Wirtschaftsgebiet dar. Als die schlimmsten Völkerwanderungswirren zwischen dem 3. und dem 5. Jahrhundert vorüber waren, zeigte es sich, dass die wirtschaftliche Kontinuität dieses Raumes zur Antike doch nicht zerbrochen war. Der Ostmittelmeerraum erfuhr unter den frühbyzantinischen Kaisern wieder einen kräftigen Aufschwung, und auch der Westen erlebte nach dem Untergang des spätrömischen Staates mit seiner permanenten Kriegswirtschaft eine deutliche Konsolidierung und wirtschaftliche Stärkung. Zumindest in der Nähe der Mittelmeerküsten erholte sich die Stadtkultur, der Geldkreislauf funktionierte weiter, und die Handelsbeziehungen zum Osten konnten wieder geknüpft werden. In den mehr germanisch geprägten Gebieten des Nordwestens entwickelte sich ein neuer Handel - besonders bei den germanischen Friesen, auf dem flachen Lande freilich wurden die romanischen Impulse schwächer, und ein Rückzug zu den mehr archaischen Formen der Hauswirtschaft ist nicht zu übersehen.
Einen totalen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Zusammenbruch, den der französische Historiker Pirenne als Folge der arabischen Expansion in den Mittelmeerraum während des 8. Jahrhunderts behauptet, hat es in dieser Härte nicht gegeben, da u. a. die Verbindung über Italien nach Byzanz halbwegs offenblieb. Von einer spürbaren Beeinträchtigung des Handels muss jedoch ausgegangen werden: So trennte diese neue Invasion das gotische Spanien und vor allem das fränkische Gallien doch recht empfindlich von den alten Wirtschafts- und Kulturzentren am Bosporus, in Syrien, Ägypten und Nordafrika, für das Franken- bzw. das frühe Karolingerreich beginnt mit den Sarazeneneinfällen eine Zeit wirtschaftlicher Selbstgenügsamkeit und eines gewissen zivilisatorischen Stillstands. An die Stelle der römischen übergreifenden Handels- und Wirtschaftsverbindungen tritt nun eine - wie R. Sprandel sagt - »Verschachtelung« von kleinen Rechts- und Wirtschaftseinheiten. Diese »Verschachtelung« entspricht in gewisser Weise dem auf Autarkie hin angelegten Grundherrschaftssystem, weil sie die Tendenz hat, jeden halbwegs geschlossenen, durchorganisierten Staatsaufbau zu durchbrechen. Mit anderen Worten: »Mittelalterliche« Verhältnisse kommen jetzt mit aller Deutlichkeit ins Blickfeld, da die Gesellschaft nun wirklich rein agrarisch geworden ist, diese Tendenz verstärkten seit dem 9. Jahrhundert die Plünderungszüge der normannischen Wikinger. Gleichzeitig fiel auch die Donau als natürlicher Handelsweg nach Byzanz weitgehend aus, da sie durch die Reitervölker der Awaren und später der Ungarn blockiert wurde. Diese Ereignisse trafen besonders die Wirtschaftsentwicklung im Osten des Karolingerreiches.
Silber statt Gold
Die Wirren im Gefolge des Reichszerfalls nach dem Tode Ludwigs des Frommen verschärften die Missstände in Ostfranken spürbar: Der Geldumlauf brach zwar auch dann nicht zusammen, verdünnte sich aber stark, sodass anzunehmen ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung damals überhaupt weitgehend aus der Geldwirtschaft ausschied und auf den vielen kleinen Lokalmärkten der Tauschhandel wieder seinen Einzug hielt. Doch bleibt im Einzelnen hier manches in der historischen Forschung umstritten. So gibt es z. B. recht konträre Erklärungen für die Gründe, welche zur Umstellung der fränkischen Reichswährung von Gold auf Silber führten, wobei hinter dieser wissenschaftlichen Kontroverse auch ein im Grundsätzlichen recht unterschiedliches Urteil über die Wirtschaftsentwicklung im Westen steht.
So ist für Henri Pirenne diese Währungsreform ein Indiz für Verarmung, für wirtschaftlichen Rückschritt, andere dagegen wie z. B. der belgische Historiker Dhondt sehen gerade darin den Beweis für hohe Handelsaktivität und die enge wirtschaftliche Verbindung des Frankenreiches zur byzantinischen und arabischen Welt. Sie sind dabei von einer verblüffend schlüssig wirkenden These inspiriert, welche besagt, dass die Goldbesitzer des Westens ihre Goldmünzen an die Byzantiner und vor allem die Araber verkauft hätten, weil eine Münzreform im Orient dort den Goldpreis erhöht habe. Gegen diese Begründung, welche nun tatsächlich enge Verbindungen und scharfes Wirtschaftsdenken voraussetzt, spricht freilich etwas die wirtschaftsgeschichtliche Erfahrung, dass Goldabfluss meist ein Beweis für deutliche wirtschaftliche Unterlegenheit ist - und Westeuropa war damals in der Tat der unterlegene Partner! Womit hätte es denn seine notwendigen und nachweislich getätigten Einfuhren von bestimmten Luxusgütern aus dem Orient wie beispielsweise Seide bezahlen sollen außer mit Gold?
Quantitätsmäßig umfassten diese Importe kleine, ja kleinste Kontingente, waren also keine Massengüter und benötigten auch keinen Massenverkehr, für den die militärisch-politische Situation im Mittelmeer, das damals weitgehend von sarazenischen Flotten beherrscht wurde, recht ungünstig war. Dazu würde auch passen, dass die auf Autarkie ausgerichteten Grundherrschaften des Westens gewisse Luxusgüter einfach nicht herstellen konnten und dass ein städtisches, marktproduzierendes Gewerbe kaum vorhanden war, dessen Exportprodukte die Handelsbilanz ohne Goldabfluss hätten ausgleichen können (die Ausfuhr der in aller Welt geschätzten fränkischen Schwerter und Panzer war gesetzlich verboten). Dagegen wurde aber etwa zur selben Zeit das kirchliche Zinsverbot allgemein durchgesetzt - nicht gerade eine Maßnahme zur Förderung des Handels, da es die Kapitalbildung und deren gezielten Einsatz drastisch erschwerte - und die Juden, als Nichtchristen davon nicht betroffen und im Orienthandel führend, als Wucherer diskriminiert. Diese Maßnahme korrespondierte wiederum recht gut mit damaligem Zeitgeist, der stark vom weit abgewandten Denken der Kirche geprägt war: Für Handel und Gewinnstreben, für das Bemühen, die materiellen Lebensbedingungen hier auf Erden zu verbessern oder zu erleichtern, war da wenig Platz!
Es bleiben hier einige offene Fragen - nicht die einzigen im Frühmittelalter -, und es lässt sich nur so viel sagen: Grenzüberschreitenden Handel gab es im Karolingerreich, eine prosperierende, weltoffene Handels- und Wirtschaftsmacht war dieses Reich aber nicht.
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