Abgesehen von gewissen Detailverbesserungen in der Bewaffnung änderte sich an dieser Ausrüstung dann lange nichts mehr. Ein solches Panzerreiter, später Ritterheer war vor allem ein Angriffsinstrument, das den Gegner durch den wuchtigen Anprall zurückwarf und dann verfolgte. Darauf zielte auch das Einzel- wie das Gruppentraining ab, das bereits im jugendlichen Alter begann und eine regelrechte Lehrzeit mit einschloss. Im Ernstfall focht man in Familien- und Stammesverbänden, wie z. B. bei der Lechfeldschlacht. Eine Reserve zurückzuhalten, mit der man im entscheidenden Moment des Kampfes unversehens aus einer verdeckten Stellung heraus die Sache entschied, galt als hinterlistig und unfein. Die taktischen Manöver auf dem Schlachtfeld waren sehr einfach und variantenarm. Man kämpfte nach der Methode »Drauf und Dran«, denn diese Vasallenheere wurden nicht auf dem Exerzierplatz gedrillt, auch Straßenkampf oder reine Verteidigung waren nicht so sehr ihre Sache. Im Laufe der Zeit wurde die Defensivbewaffnung immer schwerer, der Kämpfer immer schwerfälliger, was sich ganz besonders dann verhängnisvoll auswirkte, wenn er zu Fuß fechten musste oder gar aus dem Sattel geholt wurde. Wie eine Schildkröte auf dem Rücken wurden die Ritter in einer solchen Situation nahezu wehrlos ein leichtes Opfer oder eine willkommene Lösegeldquelle für die nichtadeligen Infanteristen, die in einem Ritterheer militärisch wie sozial eine untergeordnete Rolle spielten! Wenn man in den Kreuzzügen auch einiges dazulernte, so war doch die technische Kriegführung nicht gerade die starke Seite eines Ritterheeres - hier hinkte Europa im 12. Jahrhundert noch weit hinter dem brillanten Können antiker oder byzantinischer Militäringenieure her. Eine technische Kriegsführung entsprach auch nicht der Mentalität und dem Selbstverständnis dieser Adelssoldaten, an die der Bauer mit wenigen regionalen Ausnahmen seine Waffenfähigkeit verloren hatte.
Die Verwundbarkeit gepanzerter Ritterheere war relativ hoch, wenn ein leicht gerüsteter Gegner beweglich als berittener Bogenschütze kämpfte, sich dem geballten Stoß entzog, floh, wieder umkehrte und die Ritter mit Pfeilen eindeckte. Dies zeigten deutlich die Kämpfe mit Ungarn, Normannen und Arabern, blieb ein solcher Gegner aber stehen, erwies sich der europäische Ritter als ›König des Schlachtfeldes‹. In südlichen Gefilden wurde eine andere Schwäche der gepanzerten Reiterheere sichtbar: Heiße Witterung war für Roß und Reiter schieres Gift, da der Kämpfer in seiner Eisenrüstung fast gebacken wurde und auch der Ventilation entbehrte, während das schwer belastete Roß schnell ermüdete. Was im Süden die Hitze, das waren im Norden Wald, Sumpf, Schnee und Eis.
Im Laufe der Zeit wurde auch in Europa für den Panzerreiter der zunächst taktisch verbesserte Einsatz der Fernwaffen immer gefährlicher. So zerbrachen z. B. die stürmischen Attacken der französischen Ritterschaft an den geschlossenen aus Feldbefestigungen abgegebenen Pfeilsalven der englischen Langbogenschützen. Auch die Armbrust, von einem kaltblütigen Schützen aus einer gewissen Deckung heraus bedient, war für den Ritter und sein Pferd eine tödliche Waffe: sie schoss präziser als der Bogen und ihre rasanten Bolzen durchschlugen bei günstigem Auftreffwinkel auch die Panzerung, weswegen sie auch als etwas unstandesgemäße »Meuchelwaffe« galt!
Eine andere, gegen Ritterheere überaus erfolgreiche Taktik, die das Ende der Ritterschaft auf dem Schlachtfeld überhaupt einläutete, war der dicht gestaffelte Verband der Langspießträger zu Fuß. Geriet ein solches Karree bzw. »Igel« beim Ansturm der Reiter nicht in Panik, so musste deren Angriff zerschlagen bzw. sich selbst aufspießen. Hier waren es die eidgenössischen Milizheere, welche der österreichischen und burgundischen Ritterschaft empfindliche Lektionen erteilten. Das endgültige »Aus« für die ritterliche Kampfweise, die sich nur noch als ritterliches Turnier hielt, brachte dann im 14./15. Jahrhundert die Verbreitung der Feuerwaffen im Verbund mit Soldkriegern zu Fuß.
Da Zusammensetzung und Struktur des Ritterheeres ein Produkt des Lehnswesens waren, hatte das Heer auch die Nachteile dieses Systems: Zumindest in Deutschland waren die kleinen Vasallen, die ja die große Masse des Heeres ausmachten, mehr ihren direkten fürstlichen Lehnsherren als dem königlichen Oberbefehlshaber verpflichtet. Dies machte die Befehlsstruktur sehr uneinheitlich, manche Kronvasallen im Westen des Reiches waren gleichzeitig Lehnsträger Frankreichs, was ihre Zuverlässigkeit auch nicht gerade vergrößerte. Heeres-folgepflicht galt zwar auch in Deutschland allgemein, war aber durch eine Reihe von Klauseln durchlöchert und konnte dazu noch durch eine Steuer abgelöst werden. So hatte Deutschland keine festen Ziffern für das Reichsaufgebot! Alles in allem war das ritterliche Vasallenheer bei starkem Königtum und loyaler Fürstenschaft für Jahrhunderte ein scharfes Kampfinstrument, verlor diese Eigenschaften aber, als sich die politischen und technischen Voraussetzungen änderten.
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