Fernhandelszentrum an der Schlei

Am Haddebyer Noor, einer flachen Bucht am Ende der Schlei, die sich an der Ostküste Schleswig-Holsteins als eine flussartige Förde 40 Kilometer weit ins Landesinnere hineinzieht, entstand gegen Ende des 8. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Dänenkönigs Göttrik der Handelsplatz Haithabu, d.h. »Siedlung auf der Heide« (dän.: Hedeby, angelsächs.: aet haethum). Die fränkischen Reichsannalen erwähnen unter dem Namen Sliesthorp (später Sliaswich) diese »Siedlung an der Schlei« erstmals zum Jahr 804, als Karl der Große nach der endgültigen Unterwerfung der Sachsen die Nordgrenze seines Reiches gegen die Dänen zu sichern suchte. Schon die Vielfalt der Namensformen verweist auf die einstige internationale Verflechtung des Ortes, der sich im Schutz des Danewerks, eines gegen Süden gerichteten dänischen Verteidigungssystems quer über die schmalste Stelle der Halbinsel Jütland, rasch zur Drehscheibe des Verkehrs zwischen Nord- und Ostsee entwickelte, da hier die Landbrücke zum Nachbarhafen Hollingstedt, der über die Flüsse Treene und Eider mit der Nordsee verbunden war, nur 16 Kilometer breit ist. Dank dieser günstigen Lage stieg Haithabu zu einem der belebtesten nordischen Umschlagplätze im wikingischen Fernhandel auf, der in seiner Blütezeit wohl zwischen 800 und 1000 Einwohner zählte, eine für das frühe Mittelalter recht beachtliche Zahl.

Intensive Grabungen fördern immer noch neue Funde zutage, die es erlauben, nicht nur den äußeren Bestand der Siedlung mit ihrem Schiffsverkehr, ihren Hafenanlagen und Straßen, Wohnhäusern und Werkstätten bis in kleinste Einzelheiten zu rekonstruieren, sondern auch ein genaues Bild vom geschäftigen Leben der Kaufleute und Handwerker der Wikingerzeit zu gewinnen, das sonst zu einseitig durch Erobererzüge bestimmt wäre. »Es lassen sich das Verzimmern, Böttchern, Drechseln und Schnitzen von Holz am Orte beobachten, das Ausschmieden und Verarbeiten von Eisen, das Gießen verschiedener Metalle und das Feuervergolden, das Zurichten von importierten Mahl- und Schleifsteinen, das Verarbeiten von Geweih- und Knochenmaterial, das Schneiden und Drechseln von Bernstein, das Schmelzen von Glas, das Verarbeiten von Leder, das Verspinnen von Leinenfasern und Wolle und das Töpfern von Gefäßen«. Keramik aus Irland und dem Ostseeraum und nicht zuletzt zahlreiche Münzen fränkischer, arabischer und byzantinischer Herkunft belegen die Reichweite und Vielfalt der Handelsbeziehungen, die auch und gerade in unruhigen Zeiten gepflegt wurden. Nicht zuletzt war Haithabu auch ein Zentrum des internationalen Sklavenhandels. Zugleich aber kann es als das Eingangstor des Christentums zu den Völkern Skandinaviens gelten, seit der heilige Ansgar, der Apostel des Nordens, im Jahre 832 hier die erste Kirche errichtete.

Der Reichtum der Stadt lockte immer wieder Eroberer an. 934 zwang der deutsche König Heinrich I. den damals in Haithabu herrschenden Schwedenfürsten Knuba, sich zu unterwerfen und das Christentum anzunehmen. Nach mehrfachem Besitzerwechsel und zweimaliger Plünderung und Zerstörung (1050 und 1066) verlor der Ort rasch an Bedeutung. Folgerichtig wurde deshalb der 947 von Otto dem Großen gegründete Bischofsitz in eine neue Siedlung am Nordufer der Schlei verlegt. Der alte Name Schleswig ging auf sie über. Im freien Gelände erinnern nur noch ein einsamer Runenstein für einen vor Haithabu gefallenen skandinavischen Krieger und das eindrucksvolle Halbrund eines bis zu zwölf Meter hohen Erdwalles, der ein Areal von 24 Hektar umschließt, an die bewegte Vergangenheit dieses Platzes. Seine Bedeutung als wirtschaftliche und kulturelle Begegnungsstätte zwischen den Völkern des Nordens und den übrigen Europäern in der Frühzeit ihrer Geschichte kann kaum überschätzt werden.

Die erste Erwähnung dieses bedeutenden, vom Handel lebenden Ortes Haithabu fällt in eine Zeit, die gerade erst durch einen brutalen Überfall aufgeschreckt wurde: die Brandschatzung des Inselklosters Lindisfarne (793) vor Englands Küste durch skandinavische Piraten. Es war der erste aufsehenerregende Auftritt jener dreihundert Jahre lang Europa in Schrecken und Not stürzenden Wikinger, die einer ganzen Epoche ihren Namen aufprägten. Von Norwegen über Island, Grönland bis nach Amerika, von Schweden über Russland bis Byzanz, von Skandinavien nach England und Irland, nach Deutschland, Frankreich, Spanien und Sizilien trugen die schnellen Boote dieser Nordmänner den Schrecken so tief in die Völker, dass die Erinnerung an sie noch heute vielerorts wach ist. Und doch sind es dieselben Männer, die in Haithabu erfolgreich Handel trieben, die in Schweden Birka gründeten, in Dorestad kauften und verkauften - ehe sie es niederbrannten -, in Südrussland Kontakt zu arabischen Händlern pflegten und selbstbewusst griechischen Boden betraten. Staatsgründungen in der Normandie, in England und in Russland, aber auch in Unteritalien und Sizilien stehen am Ende ihrer Epoche. Wer eigentlich waren diese so unberechenbar erscheinenden Skandinavier, denen die 1980 in London veranstaltete große Ausstellung ein hohes handwerkliches und kulturelles Niveau bescheinigte.
 
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