Im Laufe des 8. Jahrhunderts gerieten die nordgermanischen Stämme, die lange im Windschatten der Weltgeschichte ein unbeachtetes Dasein geführt hatten, zunehmend in Bewegung. Am Rande der unwirtlichen Wald- und Felsregionen mit ihren tief eingeschnittenen Fjorden und zahllosen vorgelagerten Inseln lebten auf weitverstreuten Einzelgehöften freie Bauern, die sich gegen ihre raue Umgebung zäh behaupteten und selbstbewusst ihre eigene politische Ordnung gestalteten. Gemeinsame Sprache und die ständige Auseinandersetzung mit den Gefahren des allgegenwärtigen Meeres förderten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Voraussetzung für die weitgespannten Unternehmungen war, die jene »Normannen« (Nordmänner) oder »Wikinger« (vielleicht »Männer der Buchten«) über die Meere zu fernen Küsten vorstoßen ließen. Als nämlich infolge von Klimaverschlechterungen oder Übervölkerung die Vieh- und Ackerwirtschaft zur Ernährung der Bevölkerung nicht mehr ausreichte, gingen wagemutige Männer dazu über, als Händler und Freibeuter auf dem Meer ihr Glück zu versuchen. Die reichen Handelsgüter, die von Kaufleuten aus aller Welt nach Nordeuropa gebracht wurden, werden ihre Begehrlichkeit geweckt haben. Außerdem trieben die Machtkämpfe rivalisierender Häuptlinge, die der Entstehung der skandinavischen Staaten vorangingen, die unterlegenen Anführer mit ihrem Anhang nicht selten zum Verlassen der alten Heimat. So berichtet die Heimskringla-Saga, die wichtigste isländische Geschichtsquelle, recht anschaulich, »dass während der kampferfüllten Zeiten, da König Harald Norwegen unter seine Herrschaft brachte, fremde Länder, so die Färöer-Inseln und Island, besiedelt wurden. Großen Zustrom hatten die Shetlands, und viele Adelige, die König Harald als Geächtete fliehen mussten, wandten sich auf Wikingerzügen nach Westen, wo sie auf den Orkneys und den Hebriden überwinterten, um im Sommer wieder nach Norwegen zurückzukehren und dort große Verwüstung anrichteten«. In einer seltsamen Mischung aus Not und Abenteuerlust zogen damals Tausende von Wikingern über das Meer und kehrten mit Ruhm und Beute beladen nach Hause zurück. Andere folgten dem Ruf adeliger »Seekönige« und schafften ihre Familien samt Hausrat und Vieh auf die Schiffe, um in der Ferne eine neue Heimat zu suchen.
Dabei kam den Skandinaviern ihre jahrhundertelange Erfahrung in der Hochseeschifffahrt zugute. Die berühmten Schiffsfunde von Gok-stad und Oseberg, im Roskildefjord und neuerdings in Haithabu geben Aufschluss über die hohen technischen Fähigkeiten der Erbauer der gefürchteten Boote mit den Drachenköpfen am Steven. Der geringe Tiefgang dieser bis zu 30 Meter langen, etwa fünf Meter breiten und kaum mehr als zwei Meter hohen offenen Schiffe aus Eichenholz, die von etwa 30 Ruderern angetrieben wurden und insgesamt 40 bis 70 Krieger aufnehmen konnten, ermöglichte es den Wikingern, an seichten Ufern bequem zu landen oder auf Flussläufen weit ins Landesinnere vorzustoßen. Ein kräftiger Kiel verlieh den flachen Booten Stabilität und Seetüchtigkeit, sodass auch auf hoher See der Mast aufgerichtet und Segel gesetzt werden konnten. Dadurch erreichten die Wikingerschiffe einen Aktionsradius von etwa 220 Seemeilen (400 Kilometer) am Tag.
Plünderer, Kolonisten und Staatengründer
Nach der Besetzung der kleineren Nordseeinseln tauchte erstmals im Jahre 787 eine Wikingerflotte vor der englischen Küste auf, die seitdem nahezu alljährlich das Ziel skandinavischer Seeräuber war. Die barbarische Zerstörung der altehrwürdigen Inselklöster Lindisfarne, Jarrow, Wearmouth und Iona erschütterte das christliche Europa.
Schließlich organisierte der tatkräftige König Alfred der Große von Wessex (871-899) erfolgreich den angelsächsischen Widerstand; aber auch er konnte nicht verhindern, dass sich skandinavische Kolonisten für lange Zeit in England festsetzten. Auch Irland und die Insel Man gerieten unter die Herrschaft der Wikinger, die sogar die gefahrvolle Überfahrt nach dem menschenleeren Island wagten (874). Die Siedler organisierten die Insel am Polarkreis als eine Republik freier Bauerngeschlechter und schufen sich im Althing 930 die älteste noch bestehende parlamentarische Versammlung der Welt. Bis auf den heutigen Tag lebt in Sprache und Kultur der Isländer vieles vom Geist der alten Wikinger fort.
Von Island führte Erik der Rote die ersten Kolonisten nach Grönland, von wo aus sein Sohn Leif um das Jahr 1000 den amerikanischen Kontinent (wohl auf Labrador und Neufundland) erreichte, ohne jedoch in Hellu-, Mark- oder Vinland (d.h. Felsen-, Wald-, Wiesenland) auf Dauer Fuß fassen zu können.
Dagegen stieß der schwedische Zweig der Wikinger, die Waräger (d.h.: »Eidgenossen«), über die Ostsee weit in den slawischen Raum hinein, wo unter Rurik und seinen Nachkommen zunächst in Nowgorod und später (907) in Kiew Reiche entstanden, die man als Vorläufer des russischen Staates bezeichnen könnte. Bald tauchten die Flotten der Waräger auch vor der Kaiserstadt Konstantinopel auf, deren starke Mauern für sie freilich unbezwingbar blieben.
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