250 Jahre mittelalterlicher deutscher Geschichte - was diese schier endlose Reihe von Kaisern, Königen, Herzögen und Bischöfen von der Geschichte in anderen Ländern unterscheidet, sind die zahllosen Italienzüge der deutschen Könige - strapaziöse Gewaltmärsche von mehreren Monaten Dauer, ruinös für die Gesundheit aller Beteiligten.
Verschneite Alpenpässe, eisige Gletscher, unbefestigte Straßen, Hitze und Kälte mussten die Italienfahrer ertragen, am Reiseziel angekommen, fielen sie oft erschöpft vom Pferd, leichte Beute im Grunde für einen Gegner. Für reines Machtstreben, bares Abenteurertum oder die häufig erbetene Hilfeleistung für einzelne Päpste waren diese Romzüge zu aufwendig und kostspielig. Es war allein die Kaiserkrone, die die deutschen Könige so in ihren Bann schlug, dass sie enorme Mühen und finanzielle Lasten dafür in Kauf nahmen. So sehr alle Italienfahrer dieses gemeinsame Ziel auch einte, so unterschiedlich waren die Probleme, die das Amt eines Kaisers den gekrönten Herren bereitete. Dies kann schon an den Kaisertiteln abgelesen werden: Nach seiner Kaiserkrönung nannte sich Karl der Große »König der Franken und Langobarden ... von Gott gekrönt ... der das Römerreich regiert«, Otto I. wählte nach seinem Einzug im oberitalienischen Pavia den Titel »König der Franken und Langobarden«, als Kaiser dagegen nannte er sich »Imperator Augustus«, d. h. Kaiser und Mehrer des Reiches, während Otto II. und Otto III. ihre Eigenschaft als »Kaiser der Römer« betonten und damit den alten römischen Kaisertitel führten, als herrschten sie tatsächlich noch ausschließlich über Römer und nicht vielmehr über Franken, Alemannen, Sachsen und andere germanische Stämme. Heinrich II. ließ sich einige Jahre später als »König der Franken« titulieren und griff auf die Siegelumschrift Ludwigs des Frommen zurück: »Wiederherstellung des Frankenreichs«.
Diese verwirrende Vielfalt von Titeln ist beileibe nicht dem Einfallsreichtum der Herrscher zuzuschreiben, sie gibt uns vielmehr wichtige Aufschlüsse über einige Besonderheiten mittelalterlicher deutscher Geschichte:
Im Unterschied etwa zu Frankreich oder England sind die deutschen Könige meist auch Kaiser. Als Könige beherrschen sie ein »Regnum« (Plural: Regna), d. h. ein Königreich - bei Karl dem Großen umfasste dies noch ganz Westeuropa, bei Otto I. nur noch Deutschland, Burgund und Italien. Das Regnum ist ein geografischer Raum, in dem die Stämme angesiedelt sind, deren Herzöge dem König durch Lehnrecht verbunden sind. Das Regnum ist die wirtschaftliche Grundlage königlicher Herrschaft, das Territorium, in dem sich seine Politik zumeist in der Auseinandersetzung mit den Stammesgewalten abspielt. Als Kaiser beherrschen die deutschen Könige seit der Erneuerung des Kaisertums durch Karl den Großen ein mehr ideell oder geistig verstandenes »Imperium«, d. h. Kaiserreich, in der Nachfolge des römischen. Dieses Imperium bezeichneten die Zeitgenossen als »einzig und unteilbar«. Diese Beschreibung drückte auch ihren Respekt und ihre Ehrfurcht vor dem Imperium und seinen Würdenträgern aus. Die Kaiserkrone, wichtigstes Symbol für das Imperium, setzte in der Regel ein Papst dem jeweiligen Kaiser aufs Haupt.
Die Existenz und der Charakter des Kaisertums warfen eine Reihe von Problemen auf, die alle deutschen Könige auf ihre Weise zu lösen versuchten. Schon die Formulierungen, mit denen sie ihren Rang umschrieben, werfen für uns heute ein Schlaglicht auf ihre unterschiedlichen Lösungsstrategien. Verzicht auf das Kaisertum wäre für sie einem Verzicht auf zusätzliche Legitimität und Weihe gleichgekommen und damit auf den Vorrang, den die deutschen Könige vor den Herzögen und den anderen europäischen Königen in Anspruch nahmen. Gerade deshalb scheuten die deutschen Kaiser auch nicht davor zurück, durch diese Würde möglicherweise in die Abhängigkeit des Papstes zu geraten, ebensowenig davor, durch wachsendes Engagement in Italien, durch häufig angeforderte Hilfeleistungen für den Papst und durch eine Politik zum Zwecke eigener Machterweiterung im Süden ihren Einfluss im deutschen Regnum preiszugeben und außerdem geradewegs auf einen Konflikt mit Byzanz zuzusteuern. Denn bis zur Krönung Karls des Großen galt der Herrscher von Byzanz, der Basileus, in der mittelalterlichen Welt unangefochten als rechtmäßiger Nachfolger der römischen Kaiser - erst mit dem Weihnachtstag 800 entstand das sogenannte Zweikaiserproblem.
Für uns ist heute die Frage nicht ganz uninteressant, wie die deutschen Könige diese Konflikte aus der Welt zu schaffen versuchten, wie sie ein Dilemma bewältigten, das darin bestand, die Kaiserwürde einerseits dringend zu benötigen und damit andererseits zusätzliche politische Schwierigkeiten einzuhandeln. Dabei wollen wir nicht nur danach fragen, welche politischen Aktionen von den Herrschern ausgingen, sondern auch, wie denn nun dieses »Imperium« aussah, das seinen Charakter je nach dem Träger und der allgemeinen politischen Großwetterlage ständig wandelte.
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