Die Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen König

1272/73 drängte Papst Gregor X. energisch auf die Wahl eines Königs, den er auch für den neuen Kreuzzug brauchte, denn in Palästina lag das christliche Königreich Jerusalem in den letzten Zügen. Die Ambitionen des Königs von Frankreich, kraft seiner finanziellen Stärke einem Anjou die deutsche Krone zu »kaufen«, blockte Gregor X. aus verständlichen Gründen ab und verlangte ultimativ vom Kurkollegium einen Herrscher. So unter Zeitdruck gesetzt, wählte das Kollegium am 1. Oktober 1273 den Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen König, der mächtigste Reichsfürst, Ottokar II. von Böhmen, nahm verärgert an der Wahl nicht teil, da er für sich keine Aussichten sah.

Als Territorialherr war der neue Herrscher (er stammte von der Schweizer Habsburg im Aargau) kein Unbekannter, sondern im Kreise seiner nichtfürstlichen Standesgenossen sogar einer der erfolgreichsten. Als er mit 55 Jahren - gemessen an der damaligen Lebenserwartung schon ein alter Mann - König wurde, hatte er sein Erbe nahezu verdoppelt: um 1270 waren nämlich das südliche Elsass, der Breisgau, größere Teile der Nordschweiz und des südlichen Schwabens habsburgisch! Zu einem beträchtlichen Teil handelte es sich hier um sehr fruchtbare Landstriche, welche unter der gekonnten, ertragsorientierten Verwaltung Rudolfs I. gute Einkünfte abwarfen.

Unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen Popularität bzw. der Fähigkeit Rudolfs, bei der großen Masse der Bevölkerung populär und beliebt zu werden, hatten die Kurfürsten eine sehr gute Wahl getroffen -ja man kann sogar sagen, dass dieser Graf, der als König das Interregnum beendete, auf alle Stände große Faszination ausübte und als Persönlichkeit den Idealvorstellungen der Zeit wahrscheinlich recht nahe kam. Davon zeugt eine große Anzahl von Anekdoten und Geschichten, die über ihn umliefen und von Mund zu Mund weiterkolportiert wurden. Eine dieser in der interessanten Ausgabe von W. Treichler gesammelten und interpretierten Anekdoten möge hier stellvertretend wiedergegeben sein, auch wenn Treichler sie als »politisch ... kaum verwertbar« bezeichnet, was penibel gesehen ja stimmen mag. Trotzdem aber scheint diese Geschichte - mag sie sich nun wirklich so zugetragen haben oder nicht - in all ihrer Banalität, ja Vulgarität ein bezeichnendes Schlaglicht darauf zu werfen, was diesen Fürsten auszeichnete und vielen Leuten so sympathisch machte: »Schon in seiner Zeit als Graf war Rudolf mit einem Zürcher Ritter namens Müller erbittert verfeindet. Eines Tages lief eben dieser dem Habsburger in einer Situation über den Weg, die ein Ausweichen unmöglich machte. In seiner Not sprang Müller flugs vom Roß, warf sein Schwert weg, ließ die Hose herunter und hockte sich mitten auf den Weg, wie um seiner Natur freien Lauf zu lassen. Der Graf und seine Trabanten machten sofort Anstalten, den Zürcher in Stücke zu hauen, worauf dieser in Todesangst den grimmen Herrn anflehte: Es ist nicht recht, Euer Gnaden, einen Mann beim Verrichten seiner Notdurft zu töten, lasst mir wenigstens Zeit, die Hose hochzuziehen! Als Rudolf Gewährung signalisierte, erklärte der Schlaukopf, dass von nun an keine Hose mehr seinen Hintern berühren werde. Darauf ließ der Graf seinen Intimfeind laufen und dieser wurde später ein enger Vertrauter des Habsburgers.«

Auf Rudolf I., den frisch gekürten deutschen König, warteten nun freilich Aufgaben von viel größeren Dimensionen. Doch genauso unverzagt, wie er seine Wahl akzeptiert hatte, ging er nun ans Werk. Dabei zeigt sich ungebrochen ein Handlungsmuster, dem Rudolf I. jahrzehntelang als mittlerer Territorialherr gefolgt war: Er sah die Situation und die Realitäten, das Konzept seiner Regierung ergab sich daraus von Fall zu Fall als logische Folge - nämlich Frieden mit Papst und Kirche, Wiederherstellung friedlicher und geordneter Zustände im Reich (Landfriedenspolitik) und Sicherung des Krongutes, wo dies politisch noch möglich war. Dieses ›Regierungsprogramm‹ hatte Rudolf I. für seine Wähler offensichtlich akzeptabel gemacht. Kirche und Kurfürsten hatten sich einen ›nützlichen‹ Monarchen von überschau-und kontrollierbaren Dimensionen gewünscht, der frei von Ambitionen und Möglichkeiten war, die Pfade imperialer staufischer Politik nochmals zu betreten. Rudolf I. machte den Fürsten auch insofern die Sache leicht, als er in großzügiger Weise ihnen die ›Spesen‹ für Wahl und Krönung erstattete, eine Missentwicklung, welche von da an immer tollere Blüten trieb und die Blöße der Käuflichkeit nur dürftig bedeckte, dazu kam ein fürstliches Mitspracherecht bei der Handhabung des Krongutes. So weit, so schlecht könnte man sagen, wären hier nicht Rudolfs I. Zielstrebigkeit und eine dritte gesellschaftliche Gruppe gewesen, die zwar von der Königswahl ausgeschlossen war, als Machtfaktor aber ständig an Bedeutung gewann: Die Rede ist von den unaufhaltsam wirtschaftlich aufsteigenden Städten, die sich dem begehrten Zugriff der Fürsten ausgesetzt sahen und deren Prosperität das adelige Fehde(un)wesen empfindlich störte.
 
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Referat: 4456 - Die Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen König
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