Rudolfs I. Hausmachtpolitik und der Krieg gegen Ottokar II. von Böhmen

1275/76 begann der König Rudolf I. mit der Konsolidierung und Rückgewinnung der ohne Zustimmung der Kurfürsten im Interregnum der Krone ›entfremdeten‹ (d. h. widerrechtlich angeeigneten) Königsgüter, es verstand sich, dass die Kurfürsten, die oft selbst die fettesten Brocken geschluckt hatten, von dieser Aktion ausgenommen blieben, ja vielfach noch die unerbittliche Ausführung dieser Politik Dritten gegenüber betrieben. Rudolf I. selbst konzentrierte sich auf das ehemalige staufische Reichsgut im Südwesten, was auch einiges einbrachte. Bezeichnend war jedoch, dass der König gegen den stärksten der dortigen Territorialherrn, den Grafen von Württemberg, nichts ausrichten konnte! Der eigentliche Adressat scheint jedoch Ottokar II. von Böhmen gewesen zu sein, dessen Erwerb von Österreich und Steiermark trotz Legalisierung, nämlich Belehnung durch Richard von Cornwall, umstritten war. Schon auf den Hof- bzw. Reichstagen von Würzburg und Augsburg 1275 waren aus der Steiermark besonders heftige Klagen gegen Ottokars II. »Usurpation« und harte Regierungsmethoden laut geworden, Philipp von Kärnten bestritt Ottokars II. Herrschaft über das ihm angestammte Herzogtum - und Rudolf I. gab dem Kärntner recht! Vom Adel Steiermarks wurde der König rundheraus gefragt, wann er denn endlich gedenke, die Reichsrechte in diesem Herzogtum wieder durchzusetzen. Über dem Böhmen braute sich ein Gewitter zusammen, seine kurfürstlichen Kollegen rührten keinen Finger! So wunderte sich niemand, dass Ottokar II. noch 1275 geächtet und auch von der Kirche gebannt wurde, weil er keiner Ladung Folge geleistet und die umstrittenen Reichsländer auch nicht herausgegeben hatte.

Ein Reichskrieg gegen ihn war unvermeidlich und begann 1276. Schon die Anfangsphase der kriegerischen Auseinandersetzung machte deutlich, dass Ottokars II. Herrschaft in vielen Gebieten ungesichert war, da er als hart durchgreifender Mann verhasst war: Steiermark und Kärnten fielen sofort von ihm ab, im Osten regten sich seine alten Feinde, die Ungarn, und auch der Adel seiner Stammlande Böhmen und Mähren muckte auf. Rudolf I., der vom Westen her gegen König Ottokar II. heranzog, liefen die Anhänger in Scharen zu, sodass der Böhmenkönig sich am 3. Dezember 1276 zum Frieden bequemen musste, ohne dass ein ›heißer‹ Krieg wirklich stattgefunden hätte. Ottokar II. musste die Herzogtümer Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain abtreten, erhielt aber gegen die offizielle Huldigung an Rudolf I., der im Lederkoller auf einem Schemel sitzend den prunkvoll auftretenden Böhmenherrscher empfing, seine Kernländer Böhmen und Mähren als Reichslehen wieder.

Es zeigte sich jedoch bald, dass das Jahr 1276 keine wirkliche Entscheidung zwischen Rudolf I. und Ottokar II. gebracht hatte. Eine Ratifizierung des Friedens zwischen beiden scheiterte an der Durchführung von Einzeldetails, und Ottokar II. war sowieso zu einer neuen Auseinandersetzung entschlossen: Er ließ seine Silbertaler unter den Reichsfürsten rollen und die Reihen in Rudolfs I. Heer begannen sich schnell zu lichten - der Habsburger war auch in den Augen mancher Fürsten schon ein wenig zu erfolgreich! Auf dem Lande und bei den Städten litt in diesem Augenblick Rudolfs I. Beliebtheit auch, weil er um der hohen Kriegskosten willen die Steuerschraube sehr stark anziehen musste. Als dann im Sommer 1278 die Feindseligkeiten erneut offen ausbrachen, konnte Rudolf I. nur auf Streitkräfte aus seinen eigenen Besitzungen und den Beistand der Ungarn rechnen. Im August standen sich dann beide Heere auf dem Marchfeld bei Dürnkrut gegenüber, die Schlacht wurde nach Ritterbrauch für den 26. August 1278 verabredet und geschlagen. Rudolf I. hatte sein Heer in vier Abteilungen geteilt: die ersten beiden bestanden aus Ungarn, die dritte aus Salzburgern, Schwaben, Steirern, Kärntnern und Krainern unter dem persönlichen Befehl des Königs und die vierte aus Österreichern. Auf Ottokars II. Seite kämpften Abteilungen aus Böhmen, Mähren, Sachsen, Thüringen und Niederbaiern. Das Gefecht war blutig und überaus verbissen, lange stand die Sache auf Messers Schneide - Ottokar II. und Rudolf I. waren immer mitten im Gewühl an den Brennpunkten zu finden. Nach geraumer Zeit wurden die Reihen Rudolfs I. durchbrochen und er selbst aus dem Sattel geholt, nur die Tapferkeit eines Getreuen, der den gestürzten König deckte, rettete hier den Habsburger, der schließlich doch den Sieg errang, weil er auf dem Höhepunkt des Kampfes aus einer verdeckten Stellung heraus eine bis dahin zurückgehaltene, frische Reserveabteilung in die Schlacht werfen konnte. Dies entsprach zwar nicht ganz dem ritterlichen Kampfeskodex, rettete Rudolf I. aber das Leben, ließ ihn die Schlacht gewinnen und leitete den Aufstieg seines Hauses zur späteren Weltmacht ein. Seinem Gegner, dem »Goldenen König«, war ein elendes Schicksal beschieden: Verwundet fiel er in die Hände steirischer Ritter, welche den Böhmenkönig aus persönlicher Rachsucht erledigten.

Doppelte Staatsbeute
Trotz dieses glänzenden Sieges blieb Rudolf I. klug und überspannte den Bogen nicht: Ottokars II. Erblande blieben seinem Sohn und Erben Wenzel II. erhalten, der mit einer der vielen Töchter Rudolfs I. vermählt wurde, damit wurde eine enge Familienbindung zwischen dem aufstrebenden Habsburgerhaus und der nach wie vor reichen und mächtigen Przemyslidendynastie hergestellt, was Habsburg noch einmal reiche Zinsen bringen sollte. Die Herzogtümer Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain verwaltete Rudolf I. als erledigte Reichslehen zunächst selbst von Wien aus, wo er vier Jahre residierte, und bewies, dass er unter den damaligen deutschen Fürsten wohl der fähigste Administrator war. Gleichzeitig setzte er in der Städtepolitik seine neue Linie fort, denn trotz aller Trübungen des Verhältnisses gab es zwischen Städten und König nach wie vor ein starkes Band gemeinsamer Interessen: Eindämmung der Territorialfürsten und als Ergebnis Steigerung der königlichen Macht und größere wirtschaftliche Freiräume und Sicherheit für die Kommunen. Als Politiker mit nahezu ›bürgerlich‹ pragmatischem Verstand hatte Rudolf I. als erster deutscher König wirklich begriffen, dass mit dem ökonomisch orientierten und leistungsfähigen Bürgertum ein neuer Faktor in die Politik hineingekommen war, der für die Zentralgewalt viele Möglichkeiten bot.

Freilich wusste der illusionslose Habsburger auch, dass er als König die innenpolitischen Entwicklungen des 12. und 13. Jahrhunderts nicht rückgängig machen konnte, wozu eben auch der »Leihezwang« gehörte. Er konnte hier nur versuchen, für das Königtum und seine Familie das Beste daraus zu machen, was dann auf dem Reichstag zu Augsburg 1282 auch geschah. Nachdem nach langem, aus ihrer Sicht durchaus verständlichem Zögern die Kurfürsten ihre »Willebriefe« (siehe unten) gegeben hatten, belehnte Rudolf I. seine Söhne mit den Herzogtümern Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain. 1283 übernahm dann der älteste Sohn Albrecht, ein ›geborener Herrscher, die alleinige Regentschaft über diese Länder, deren Landstände sich gegen die Regentschaft von zwei Brüdern ausgesprochen hatten. Dadurch stand die Hausmacht der Dynastie auf zwei festen Beinen, von denen sich das südöstliche als das weitaus kräftigere bis zum revolutionären Sturz der Habsburgermonarchie im Jahre 1918 erweisen sollte.

Willebrief
Regierungshandlungen und -pläne der Könige erfordern seit der Ausbildung des Kurfürstenkollegiums die Zustimmung der Fürsten in Form eines schriftlichen Beschlusses: Willebriefe waren also zustimmende Urkunden, die Meinung und Absichten der fürstlichen Berater dokumentierten. Sie sicherten die Bindung der königlichen Aktionen an den Konsens (d. h. Zustimmung, in gewisser Weise auch Genehmigung) der Fürsten.

Text der Zeit
Der Zusammenstoß Rudolfs von Habsburg mit Ottokar von Böhmen

Die Fürsten verhandelten 1273 nach altem Herkommen über die Wahl eines deutschen Königs. Sie fassten verschiedene Männer ins Auge, erwogen die Taten der einzelnen nach dem Ruf der Trefflichkeit, und dabei erinnerten sie sich auch des Grafen Rudolf von Habsburg. Und wie es dem Herrn gefiel, so wurden sie eines Sinnes und gaben alle ohne irgendwelche Widerrede ihre Stimme für Rudolf ab [Ottokar II. hatte allerdings nicht für Rudolf I. gestimmt!]. Dem Pfalzgrafen wurde aufgetragen, das Wort der Erwählung auszusprechen, er erhob sich und sagte: »Im Namen der Heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit! Nachdem mir die Stimmen aller Wahlfürsten übertragen worden sind, verkünde und erwähle ich Rudolf den Grafen von Habsburg, zum deutschen König!«

Sofort entsandten die Fürsten den Marschall mit den Insignien des Reiches und forderten Rudolf auf die Belagerung von Basel aufzuheben, sich mit den Bürgern zu vertragen und unverzüglich mit seiner Gemahlin herbeizukommen, um die Krone zu empfangen.

Nachdem sich Rudolf mit den Baslern geeinigt hatte, fuhr er den Rhein hinab zu den Fürsten, die seiner harrten und ihm unter großen Freudenbezeigungen entgegenkamen. In der Stadt Aachen aber, wo alles Volk frohlockte und Gassen und Häuser durch Tücher und Gehänge geschmückt waren, wurde er, mit dem Zepter, dem weißen Obergewand, dem Mantel und den übrigen königlichen Abzeichen geschmückt, zusammen mit der Königin von der Pfalz zum Sitz Karls des Großen geleitet und dort gekrönt.

1274 schrieb der König einen Hoftag nach Nürnberg aus, auf dem die Fürsten, Prälaten und Edlen des Reiches zusammenkamen.

König Ottokar [II. von Böhmen] kam nicht zu dem Hoftag und wurde daher nach Würzburg beschieden. Dorthin schickte er den Bischof Bernhard von Säckau, der sich inmitten der Fürsten erhob und nach Kräften bemühte, die Wahl Rudolfs mit vielen gleißenden Worten anzufechten. [Im Jahr danach rüstete Rudolf zum Kampf gegen Ottokar IL, rückte in Österreich ein und erzielte dort militärische Erfolge.]

Ottokar erbat nun in seiner Bedrängnis durch die Vermittlung des Bischofs Bruno eine Unterredung mit dem König. So begab sich dieser mit einem glänzenden Gefolge von Österreichern und Steirern zu Ottokar und besprach sich in aller Freundlichkeit mit ihm. Jetzt endlich nahm Ottokar aus der Hand Rudolfs Böhmen und Mähren zu Lehen, alle anderen Länder aber gab er heraus, setzte die Adeligen in Freiheit, die er verhaftet hatte, und vereinbarte eine doppelte Familienverbindung mit Rudolf, indem sein Sohn eine Tochter Rudolfs, seine Tochter aber einen Sohn des Habsburgers heiraten sollte. So schieden sie, nachdem Ottokar dem Reich Treue geschworen hatte, in Frieden und bester Eintracht voneinander, indem sie zuvor noch die Zeit für die Hochzeiten festsetzten.

Rudolf entließ sein Heer, ging nach Wien und widmete sich den Geschäften des Reiches. Ottokar kehrte nach Böhmen zurück und berichtete der Königin, seiner Gemahlin, von der Versöhnung, den Heiratsplänen und den übrigen Vereinbarungen. Jene aber höhnte ihn und sagte spottend: »Was für ein großmächtiger König bist du, der du Rudolf, als er noch ferne war, feindlich wie einen Hund angekläfft hast, sobald er aber herankam, hast du ihm vier treffliche Provinzen zu Füßen gelegt, ihm, der einmal wünschte, dein Lehnsmann zu sein, und der jetzt im Kleide von grauer Wolle es unternimmt, den Ruhm der Könige zu vernichten!« Ottokar, von Schamröte übergossen, stieß einen Wutschrei aus, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, meldete sogleich Rudolf, indem er ihm in aller Form absagte, ihm sei Unrecht geschehen, und kündete ihm Krieg an, indem er die Länder, die er dem König zugestellt hatte, wieder zurückverlangte.

Rudolf aber rief den König von Ungarn, die Schwaben, Österreicher, Steirer und Kärntner auf und brachte im Nu ein starkes Heer zusammen. Aber auch Ottokar sammelte Truppen um sich und rückte bis in das Gebiet des Flusses March vor. Seine Heeresmacht wurde auf dreißigtausend Krieger geschätzt. Die Rudolfs umfasste kaum den vierten Teil davon.

Bei dem Schloss Haimburg überschritt Rudolf die Donau und lagerte sich Ottokar gegenüber. Bei allen Schiffen kappte er die Ankertaue und ließ sie forttreiben, damit die Seinen nicht daran denken konnten, damit zu flüchten.

Ottokar bildete sechs Schlachthaufen und ließ eine Reserve unter Milot für den Notfall zurück. Die ungeheure Überzahl der Gegner aber schadete Rudolf nicht, weil das Heil nicht in der Zahl, sondern in der Tapferkeit liegt. Sein Heer ging vorsichtig und wohlgeordnet vor, Ottokar aber durchbrach, wie ein wütender Löwe angreifend, die Schlachtordnung Rudolfs.

Ein Thüringer sprang mit dem edlen Herrn von Vollenstein vor, sie hieben Rudolfs Streitross nieder und brachten ihn selbst arg ins Gedränge. Aber Ulrich von Kapellen sprang jetzt zwischen die Streiter und rettete nicht nur den König, sondern stellte auch die fast verlorene Schlacht her, griff Ottokar an und brachte ihn so ins Gedränge, dass dieser nun seinerseits Milot und dessen Reserve herbeirufen ließ. Aber dieser beachtete den Ruf nicht und zog sich aus der Schlacht zurück. Dem König Ottokar aber wurde von den Seinen ein Strick um den Hals gelegt und er so unter seinem Helm, der das Gesicht bedeckte, abseits geführt und im Stich gelassen, bald aber von den scharfen Schwertern der Österreicher und Steirer aus Rache für das Blut ihrer Freunde, die er schuldlos getötet hatte, niedergestoßen.

Als Rudolf seinen Tod erfuhr, blieb er noch drei Tage auf dem Schlachtfeld lagern, dann beschloss er, während die Leiche Ottokars nach Laa in Mähren gebracht wurde, in Böhmen einzufallen, um die Kriegskosten herauszuschlagen.
Aus: Johanis abbatis Victoriensis »Liber certarum historiarum« II, 1 ff (Johann von Victrings »Buch gewisser Geschichten«. - Johann war um 1312 Abt des Zisterzienserklosters Victring in Kärnten und häufig im Dienst der Herzöge von Kärnten tätig, † um 1345).
 
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