Heinrich VII. von Luxemburg

Die Anfänge Heinrichs VII. als König ließen sich so schlecht nicht an. Günstig für ihn war vor allem, dass mit dem mächtigen Habsburgerclan überraschend schnell ein Ausgleich erzielt wurde und die allgemeine Stimmung des Reichsadels dem neuen König durchaus gewogen war, da dieser die Bürger nicht besonders liebte und die Städte dies auch fühlen ließ: Erziehung, Denk- und Lebensweise versperrten Heinrich VII. einen geistigen Zugang zum Bürgertum, er unterschied sich hierin grundlegend von den ersten Habsburgern. Auch bei der Vergrößerung seiner Hausmacht hatte der Luxemburger Glück: In Böhmen war man mit dem dort residierenden Heinrich von Kärnten überhaupt nicht zufrieden und wünschte sich einen anderen Herrn. Es war nun wohl der Erzbischof von Mainz, welcher nun eine folgenreiche politische Heirat einfädelte. Heinrichs VII. noch minderjähriger Sohn Johann heiratete Elisabeth, die Tochter des Przemyslidenkönigs Wenzel II., und erwarb so einen Erbanspruch. Die böhmischen Landstände entledigten sich darauf des ungeliebten Kärntners, den sie sich vorher freilich selbst anstelle eines Habsburgers geholt hatten, und 1310 wurde der Königssohn Johann feierlich mit Böhmen belehnt, wodurch die luxemburgische Hausmacht sich mit einem Schlag vervielfachte, außerdem brachte ja Elisabeth noch die Ansprüche auf die Krone Polens mit, welche sich das Przemyslidenhaus erworben hatte. Für den vierzehnjährigen Johann regierte Erzbischof Peter von Mainz das Land recht erfolgreich, da er sich als ehemaliger Kanzler König Wenzels II. dort bestens auskannte. Die Gedanken des neuen Königs jedoch gingen freilich schon ganz andere Bahnen. Alles, was in den zwei Jahren seiner Regierung im Reich mit Glück erreicht wurde, sollte ihm die Mittel für sein großes Vorhaben verschaffen: die Kaiserkrone und die Wiederherstellung der Reichsmacht in Italien, wo diese unter den nüchternen, in den Augen Heinrichs VII. wohl sehr ›hausbacken‹ denkenden Habsburgern überhaupt nicht mehr präsent gewesen war. Hinter diesen Italienplänen, welche vielfach als Hirngespinst eines überspannten »Romantikers« -wie wir heute sagen würden - bezeichnet wurden, stand schon ein politisches Kalkül, das aber auf klarer Lagebeobachtung und nicht nur auf Schwärmerei fußte. Es ist nicht anzunehmen, dass durch seine Wahl zum deutschen König, welche der Papst 1309 förmlich anerkannte, sich die Persönlichkeit des Königs grundlegend geändert hätte, Heinrich VII. hatte ja seine Grafschaft sehr gut verwaltet und als mittlerer Territorialherr auf der konfliktträchtigen Grenzscheide zwischen zwei Reichen trotz der Worringer Hypothek, an deren materiellen Folgen sein Land schwer zu tragen hatte, eine realistische und kluge Politik betrieben. Auch sein Bruder Balduin hatte sich trotz seiner Jugend als ein sehr klarsichtiger, gewiegter Politiker erwiesen und trug jetzt die Italienpläne des Königs mit. Auch schien bei näherer Betrachtung der Zeitpunkt, die Reichsbelange in Italien wieder geltend zu machen, gar nicht so schlecht gewählt: Das Papsttum war dort als Machtfaktor nahezu ausgeschaltet, und selbst einem frankophilen Papst musste daran gelegen sein - schon um der Unabhängigkeit, Macht und Souveränität seiner Stellung wegen -, dass jemand in Italien das Vakuum füllte und so ein Gegengewicht zur immer bedrohlicher anwachsenden Macht Frankreichs schuf. Die Kurie hatte die Staufer niedergerungen und dafür einen hohen Preis bezahlt. Dafür wollte sie jetzt nicht zu einer Figur auf dem Schachbrett der französischen Interessenpolitik degradiert werden!

Der Griff nach der Kaiserkrone
Im Herbst 1310 zog Heinrich VII. über die Alpen, seine Truppenmacht war klein und nur wenige Reichsfürsten begleiteten ihn, von denen sich der Herzog von Österreich schon bald wegen Krankheit zurückzog. In Italien jedoch war eine wohlwollende Aufnahme des Königs ziemlich sicher, da dort nach dem Zusammenbruch der päpstlichen Macht ähnliche Zustände eingerissen waren wie in Deutschland während des Interregnums. Papst Clemens V. richtete ein eigenes Sendschreiben an die Städte der Lombardei und der Toscana, worin er diese aufforderte, »sich innerlich auf den angekündigten König nicht mit Waffenlärm, Bürgerkrieg und schrecklicher Selbstzerfleischung vorzubereiten, sondern sich zu bemühen, die Wege der Gerechtigkeit und die lustvollen Pfade des köstlichen Friedens zu wandeln und dem König nach Schuldigkeit und mit bereitwilligem Herzen alles zur Verfügung zu stellen, damit dieser die Unbotmäßigen wieder zum Gehorsam führen und den verschleuderten Besitz der Kirche und ihre widerrechtlich usurpierten Rechte wiederherstellen könne«. Auch der Florentiner Dichter Dante Alighieri, tief verstört über die Zerrissenheit seines Vaterlandes Italien, sah in König Heinrich VII. einen gottgesandten Friedensbringer, den er mit Enthusiasmus und Rührung begrüßte, mit Heinrich VII. komme die ersehnte Stunde, die Trost und Frieden verheiße, Italien als Braut solle sich freuen über den vom barmherzigen Gott gesandten König Heinrich, den erlauchten Caesar! Heinrich als Bräutigam Italiens werde die Bosheit verscheuchen und die Missetäter mit scharfem Schwert bestrafen.

Den Boden Italiens betrat Heinrich VII. auch mit den besten Absichten und konnte als Einer und Friedensstifter über dem Gewirr der Parteiungen und Dynasten einige schöne Anfangserfolge verbuchen. Besonders die große Zahl der aus politischen Gründen Verbannten, zu denen auch Dante gehörte, erhofften sich viel von ihm, ihre Zahl ging in die Tausende, und sie bildeten einen sozialen bzw. politischen Zündstoff, der ständig und überall zu lokalen Explosionen führte. Italien glich in gewisser Weise dem klassischen Griechenland im 4. Jahrhundert v. Chr., als sich die einzelnen Städte auch ständig bekämpften und das Land zugrunde richteten. Doch nur allzu schnell wurde Heinrich VII. in diesen italienischen Strudel hineingerissen, da bei seinem Erscheinen die Kämpfe zwischen den Anhängern des Kaisertums, den Ghibellinen, und denen des Papsttums, den Guelfen - auch kurz »Weiße« und »Schwarze« genannt -, keineswegs einfach aufhörten, ja die Kampfeswut wurde sogar noch schlimmer, und was auf gar keinen Fall hätte geschehen dürfen, trat leider bald ein: Der König wurde gegen seinen Willen zur Parteinahme gezwungen und besonders in der Lombardei in blutige Kämpfe verstrickt, welche nicht nur seine Streitkräfte dahinschmelzen ließen, sondern ihn auch zum Oberhaupt der Ghibellinen und damit automatisch zum Todfeind der Guelfen machten. Dabei wurde er von rivalisierenden Adelsgeschlechtern ausgenutzt, um dann, einmal zu harten Maßnahmen gezwungen, als Barbar verketzert zu werden, den es wieder aus Italien hinauszuwerfen gelte!

Aus dem erträumten, blumenbekränzten Romzug, auf dessen Gipfel dann die Kaiserkrone winkte, wurde ein mühseliges Unterfangen, dessen immense Kosten der König durch neue Steuern und beigetriebene Kontributionen decken musste, was sein Ansehen und seine Beliebtheit auch nicht gerade erhöhte. Der »Friedensbringer« geriet so in einen Teufelskreis und erreichte erst im Mai 1312 Rom, wobei er gezwungen war, die feindlichen Sperren in der Toscana mithilfe der königstreuen Pisaner und ihrer Flotte zu umgehen. Der Empfang in der Stadt Petri war frostig bis feindselig - dafür sorgte schon der Anjoukönig Robert von Neapel mit seinen Emissären (lat., Gesandte) und seinem Geld. Die einzelnen römischen Stadtviertel befanden sich in den Händen verschiedener Adelscliquen (die wichtigsten waren die Colonna und die Orsini), welche es teils mit Heinrich VII., teils mit Robert von Neapel hielten. Auch durch erbittert geführte Straßenkämpfe war an die Peterskirche nicht heranzukommen, und so erging es Heinrich VII. wie Lothar III. von Supplinburg: Er musste sich von zwei Kardinalslegaten in der Lateranbasilika krönen lassen und die Stadt nach einigen Wochen schnell wieder verlassen. Auch Papst Clemens V. hatte nicht helfen können, denn der König von Frankreich ließ dies nicht zu. Philipp IV., der Schöne, hatte seine Niederlage bei der deutschen Königswahl nicht vergessen.

So sah sich Heinrich VII. bald von allen möglichen Seiten blockiert und vor allem von Deutschland und dessen Hilfsquellen abgeschnitten. Als auch der Versuch, Florenz, das Zentrum des guelfischen Widerstandes, einzunehmen, gescheitert war, da Heinrich VII. einfach über zu wenig Truppen verfügte, musste der Kaiser sich in das treue Pisa zurückziehen, um erst einmal Atem zu schöpfen. Sein Plan war jetzt, König Robert von Neapel, den er als Hochverräter betrachtete, im Bündnis mit dem aragonesischen Herrscherhaus Sizilien auszuschalten. Ein kaiserliches Gericht entkleidete Robert aller Rechte und Würden und verurteilte ihn zum Tode durch das Schwert, handfester war da schon die Hilfe, welche der König von Sizilien dem Kaiser zuteil werden ließ: Er ließ nämlich eine Heeresabteilung in Süditalien einrücken, und seine Flotte attackierte die Küsten Kalabriens, auch wurde ein Ehebündnis zwischen den Luxemburgern und dem sizilischen Königshaus vereinbart. Kurz nachdem dann auch der Kaiser zu einem neuen Feldzug nach Süden aufgebrochen war, starb er am 24. August 1313 überraschend bei Siena. Genauso wie beim Tod Ottos III. entstand schnell das Gerücht, Heinrich VII. sei einem Giftanschlag politischer Gegner zum Opfer gefallen - an Motiven hätte es ja in der Tat nicht gefehlt. Doch die nähere Umgebung des Monarchen wusste dies besser: Wie mancher deutsche König und Kaiser zuvor war Heinrich VII. der damals im sumpfigen Italien weitverbreiteten Malaria erlegen, und es war bekannt, dass sich die ersten Zeichen dieser Krankheit schon über ein Jahr vorher bei Heinrich VII. gezeigt hatten. Mit ihm sanken auch die Hoffnungen Dantes und der Ghibellinen ins Grab, der Zerfall Italiens in viele Klein- und Mittelstaaten war für Jahrhunderte besiegelt, die Gründung eines Nationalstaates verhindert!

Heinrich VII. hatte in seiner Politik die Bahnen verlassen, welche die beiden Habsburger Rudolf I. und Albrecht I. eingeschlagen hatten: schrittweise und zäh betriebene Festigung der Zentralgewalt durch Hausmacht- und Heiratspolitik unter Einbeziehung des aufsteigenden Bürgertums als neuer sozialer Schicht und Stütze des Königs. Dieser Weg setzte allerdings voraus, dass auf weitgesteckte Ziele und hochfliegende Pläne in der Außenpolitik zunächst einmal verzichtet werden musste, um die Kräfte nicht zu überspannen bzw. zu verzetteln. Heinrich VII. versuchte es mit einer Wiederbelebung des universalen Kaisergedankens, der, wie die Reaktion vieler Zeitgenossen bewies, in den Gemütern der Menschen noch keineswegs gestorben war. Der Luxemburger tat dies jedoch von einer Macht- und Finanzbasis aus, an der vieles improvisiert und zu wenig tragfähig war, so musste sein Vorhaben an den gegebenen Realitäten scheitern. Unter diesem Gesichtspunkt muss man sich aber wundern, dass Heinrich VII. von Luxemburg überhaupt soweit kam, bevor er starb. Sein unverhofft früher Tod war jedoch nur ein zusätzliches Unglück, nicht jedoch wie bei Heinrich VI. die Ursache des Desasters. Heinrich VII. einen Fantasten zu nennen, wie es sich vielfach einbürgerte, geht sicher zu weit, wohl aber muss man ihm und seinen Beratern vorwerfen, die Situation und die sich aus ihr für den deutschen König ergebenden Möglichkeiten in Italien zu optimistisch eingeschätzt zu haben - obwohl diese Argumentation sehr stark vom heutigen Blickwinkel bestimmt ist.
 
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Referat: 4466 - Heinrich VII. von Luxemburg
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