Die Wüsten Väter und Flüchtlingsklöster

Das Mönchstum ist seinem Ursprung nach keine abendländische Lebensform, Kloster und Klosterwesen verdanken ihre Entstehung der christlichen Kirche des Orients. Ende des 3. Jahrhunderts zogen sich Männer in die Einsamkeit der ägyptischen Wüste zurück, um so ganz Gott zu dienen. Ihr Vorbild war Antonius der Einsiedler, der in einer Erdhöhle hauste, sich von Wurzeln und Kräutern ernährte und jeden menschlichen Kontakt mied. Durch Gebet, Fasten, Nachtwachen und strenge Bußübungen hofften die »Wüstenväter«, der evangelischen Vollkommenheit in besonderer Weise nahe zu kommen. In den christlichen Gemeinden genossen diese sogenannten Mönche (griech.: monachos = Einsiedler), deren asketische Lebensweise sich in der Kirche des Morgenlandes rasch verbreitete, hohes Ansehen: Ihrem Gebet wurde große Wirkkraft zugeschrieben, sie verkörperten in dieser Zeit das Idealbild des Heiligen. Später fasste der ägyptische Mönch und Heilige Pachomius die Einsiedler zu Lebensgemeinschaften zusammen. Jeweils drei Mönche wohnten in einer Zelle, zum gemeinsamen Gebet und zu den Mahlzeiten versammelten sich alle. Körperliche Arbeit war ebenso Pflicht wie Hilfe für die Armen. Eine solche Kolonie von aneinandergebauten Zellen, durch einen hohen Zaun von der Außenwelt abgeschlossen, bildete das Kloster (lat.: claustrum = abgeschlossener Bezirk). Es unterstand der Leitung eines Abtes (griech.: abbas = Vater). In Kleinasien entwarf der heilige Basilius für diese religiösen Genossenschaften eine »Klosterregel«, die in ihren Grundzügen bis in die Gegenwart noch maßgebend für die Mönchsgemeinschaften der griechischen und russischen Kirche geblieben ist.

Nur zögernd hat sich das Abendland dieser neuen Form eines Lebens der Weltflucht und der christlichen Entsagung geöffnet. Die bald auch in Europa umherschweifenden orientalischen Wanderasketen haben anfangs wohl mehr Abscheu erweckt als zur Nachahmung angeregt.

Gefördert durch Kirchenväter wie Hieronymus und Augustinus, die selbst die mönchische Lebensweise angenommen hatten, schlossen sich zunächst in Rom vornehme Christen zu asketischen Gemeinschaften zusammen und wandelten ihre Villen und Stadtpaläste in Klöster um. Maßgeblichen Anteil an der seit der Mitte des 4. Jahrhunderts wachsenden Verbreitung des Klosterwesens im christlichen Europa hatte der heilige Martin von Tours, ursprünglich Soldat, dann Einsiedler und Bischof, der zu Recht »Vater des abendländischen Mönchtums« genannt wird.

Unter dem mönchischen Lebensideal formierte sich jetzt die sicher eigenartigste »Protestbewegung« der Spätantike: Dem zunehmenden kulturellen und moralischen Verfall am Ende des weströmischen Reiches sollte eine radikale christliche Lebenshaltung der Weltabkehr entgegengesetzt werden. Bezeichnenderweise übte das Kloster gerade auf die Eliten der alten römischen Gesellschaft eine besondere Anziehungskraft aus! Vor den Angriffen der barbarischen Germanen zogen sich viele in »Flüchtlingsklöster« zurück. Cassiodor, der einstige Berater des Theoderich, stiftete in den Stürmen der Völkerwanderungszeit das Kloster Vivarium in Kalabrien als »Zufluchtsstätte des geistigen Lebens«.

Im untergehenden römischen Reich entstanden nun allenthalben mönchische Gemeinschaften. In Gallien gründete der heilige Martin das später hochberühmte Marmoutier an der Loire und der heilige Cassian St. Viktor in Marseille, erstes Kloster auf deutschem Boden wurde die Abtei St. Maximin in Trier. Als Martin 397 starb, sind in Tours - nach glaubwürdigem Bericht - über 2000 Mönche im Leichenzug seinem Sarg gefolgt! In den neugegründeten Klöstern wurde zumindest in der Anfangszeit ein intensives religiöses Leben gepflegt, sie waren zugleich Pflanzstätten für die hohen Geistlichen der Kirche. »Welche Stadt«, schrieb ein Zeitgenosse, »hätte nicht gern einen Bischof aus dem Kloster des Martinus gehabt?«
 
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