Die Benediktinerregel

Leben und Gestalt des Benedikt von Nursia sind von wunderdurchwirkten Legenden umrankt. Wohl um 480 als Spross einer vornehmen Familie in Mittelitalien geboren, zog Benedikt zum Studium der Rechtswissenschaft nach Rom. Angewidert vom »Abgrund der Laster«, den er hier vorfand, beschloss der kaum Zwanzigjährige, in den Sabinerbergen ein asketisches Einsiedlerleben zu führen. Von frommen Schülern, die sich bald um ihn sammelten, wurde er immer wieder gedrängt, im Tal von Subiaco die Leitung eines Mönchsverbandes zu übernehmen. Nach mancherlei Misshelligkeiten verließ Benedikt schließlich mit seinen Gefährten die Einsiedelei und gründete auf dem Bergplateau des Monte Cassino, auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel, ein Kloster, dem er bis zu seinem Tod 547 als Abt vorstand.

Die eigentliche Leistung des Benedikt von Nursia besteht in der Lebensordnung, die er für die Mönche seines Klosters auf dem Monte Cassino verfasste: die »Regel« des heiligen Benedikt wurde zum »Grundgesetz« des abendländischen Mönchstums. Dieses kleine Bändchen von knapp 100 Seiten hat eine weltgeschichtliche Wirkung entfaltet wie wenige andere Schriften, ohne indes originell oder revolutionär zu sein.

Die Forderungen des hl. Benedikt nach Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit waren längst Gemeingut des alten Mönchstums, die Verpflichtung zur körperlichen Arbeit - das »ora et labora«, bete und arbeite -war keineswegs neu. In die »Regeln« flossen erprobte frühe Klosterordnungen ebenso ein wie die persönlichen Erfahrungen und vor allem die Weisheit ihres Autors: Benedikt hat das Mönchsleben vermenschlicht! Sein Ziel war die harmonische Persönlichkeit im Dienste Gottes. Jegliches Übermaß und die Absonderlichkeiten der körperlichen Askese in anderen Klosterordnungen wurden vermieden. »Wer übrigens der Vollkommenheit des Ordenslebens zueilen will«, schreibt Benedikt, »für den sind die Lehren der heiligen Väter.« Die Lebensfreude sollte nicht abgetötet werden, ein Viertelliter Wein pro Tag wurde jedem Mönch »genehmigt«!

Als eine neue Forderung verlangte die Regel das Gelübde der »Ortsbeständigkeit«, Benedikt wollte damit dem verbreiteten Unwesen jener ruhelosen »Zugvögel« und »Querulanten« unter den Mönchen begegnen, die dauernd die Klöster wechselten und in den Gemeinschaften Unfrieden säten. Später hat Maurus, der Lieblingsschüler Benedikts, nach dem Vorbild von Cassiodors Kloster Vivarium die Pflege der Wissenschaften als eine weitere mönchische Verpflichtung in die Regel aufgenommen.

Die benediktinische Klosterordnung konnte sich im Abendland zunächst nur zögernd durchsetzten. Im Frankenreich bestanden die Regel Benedikts und die an sich jüngere des Columban lange nebeneinander, teilweise sogar im selben Kloster, auch Versuche einer Verschmelzung wurden unternommen. Unter beiden Regeln haben die Mönche Bedeutendes geleistet: Die Missionierung des ostfränkischen Reiches ist ausschließlich ihr Verdienst. Im 7. Jahrhundert christianisierten die geistlichen Söhne Columbans das heutige Süd- und Südwestdeutschland, knapp 100 Jahre später vollendeten benediktinische Mönchsbischöfe aus England wie Willibrord und Winfrid-Bonifatius durch die Mission der Friesen, Thüringer, Hessen und Sachsen das Werk der Christianisierung Deutschlands. Als Stützpunkte für das kirchliche Leben wurden überall in den neugewonnenen Gebieten Klöster gegründet. Die Mönche trugen damit zugleich ihre eigene Lebensform weiter und verbreiteten sie so in ganz Deutschland. Auf Columbans Schüler Gallus geht St. Gallen in der Schweiz zurück. Willibrord gründete 697 das karolingische Hauskloster Echternach und Pirmin 724 Reichenau im Bodensee, von den Klostergründungen des Bonifatius blieb Fulda die bedeutendste, auf dem Gebiet der Sachsen entstanden u. a. Corvey (822) und Gandersheim. Gegen Ende des Karolingerreiches bestanden auf deutschem Boden rund 400 Klöster, eine stattliche Zahl, wenn man die geringe Gesamtbevölkerung bedenkt.
 
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