Kein anderer Teilnehmer am ersten Kreuzzug hat bei der Nachwelt solchen Ruhm geerntet wie Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen. Die Legende machte ihn zum Nachfahren Parzivals und des Schwanenritters und stellte ihn als Inbegriff christlichen Rittertums neben König Artus und Karl den Großen in die Reihe der »neun guten Helden«. Dante versetzte ihn in seinem »Paradiso« bewundernd unter die größten Glaubenskämpfer. Trotzdem scheint heute festzustehen, dass sein Anteil an der Eroberung des Heiligen Landes stark überschätzt wurde. In seiner äußeren Erscheinung entsprach der um 1060 geborene hochgewachsene, breitschultrige und ungewöhnlich kräftige Junggeselle dem Heldenideal seiner Zeit. Als zutiefst frommer Mensch mit aufrechtem Charakter und aufgrund seiner soldatischen und organisatorischen Fähigkeiten genoss er hohes Ansehen. Als Gottfried zusammen mit seinen Brüdern dem Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. folgte, machte er seinen gesamten Besitz zu Geld in der festen Absicht, sich im Orient auf Dauer niederzulassen. An der Spitze von etwa tausend Rittern und mehreren Tausend Fußsoldaten aus Brabant und Flandern brach er Ende August 1096 auf und stand am 15. Juli 1099 als einer der ersten Eroberer auf den Zinnen Jerusalems. Aus der Wahl zum Herrscher des neuen Königreichs Jerusalem ging er als unumstrittener Sieger hervor. Beeindruckend seine Erklärung, »keine goldene Krone tragen zu wollen, wo Jesus Christus eine Dornenkrone getragen hatte«! So nannte er sich demütig nur »Beschützer des Heiligen Grabes«. Das kurze Jahr seiner Herrschaft war ausgefüllt mit Auseinandersetzungen um die künftige Organisation der Kreuzfahrerstaaten und erfolgreichen Kämpfen mit den moslemischen Nachbarn. Gottfried starb am 18. Juli 1100 wohl an Typhus und wurde in der Kirche zum Heiligen Grab beigesetzt.
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