Der Vierte Kreuzzug (1202-1204)

Den Vierten Kreuzzug, zunächst als ein fast ausschließlich nationalfranzösisches Unternehmen gegen das islamische Ägypten geplant, für das Venedig den Truppentransport übernahm, funktionierte der 94jährige venezianische Doge Enrico Dandalo aus eigensüchtigen Interessen kurzerhand um: Erst mussten die Kreuzritter das von Venedig abgefallene Zara an der dalmatinischen Küste erobern, dann Kurs auf Konstantinopel nehmen, um den entthronten Kaiser Isaak I. Angelos und seinen Sohn Alexios, Schwiegervater und Schwager des deutschen Königs Philipp von Schwaben, wieder in ihre rechtmäßige Herrschaft einzusetzen, ein Geschäft, das auch bei sehr genauem Hinsehen rein gar nichts mehr mit ›Kreuzzug‹ zu tun hatte! Weniger pure Hilfsbereitschaft als vielmehr handfeste handelspolitische Gesichtspunkte Venedigs waren die eigentlichen Gründe für die Unterstützung. Der Papst gab seinen Segen, stellte doch Alexios den Anschluss der griechischen Kirche an die römische in Aussicht.

1203 gelang die Eroberung der Hauptstadt, Isaak wurde aus dem Gefängnis befreit und mit seinem Sohn auf den Kaiserthron erhoben. Doch beide hatten die Rechnung ohne das Volk gemacht. Die Bewohner Konstantinopels wollten weder die von Alexios den Kreuzfahrern in Aussicht gestellten 200000 Silbermark zahlen noch eine kirchliche Wiedervereinigung mit Rom dulden. Sie revoltierten und wählten einen neuen Kaiser, der Alexios erdrosseln ließ. Daraufhin eroberten die christlichen Ritter im April 1204 zum zweitenmal die Stadt, plünderten sie barbarischer als der schlimmste Feind und errichteten ein »Lateinisches Kaiserreich«, dessen erster Kaiser Balduin von Flandern wurde. Venedig sicherte sich aus Handelsinteressen die Küstenstriche des adriatischen und ägäischen Meeres sowie die wichtigsten Inseln Korfu, Aigina, Euböa und Kreta. Nur der Papst ging leer aus. Eine kirchliche Vereinigung war unter den Umständen der Eroberung selbst gewaltsam nicht vorstellbar, und den eigentlichen Zweck des Kreuzzuges hatten die Venezianer gründlich verwässert. Trotz oder gerade wegen dieser Enttäuschung rückte der Papst nicht von seinen Plänen ab.

Alle Hoffnung ruhte nun auf dem deutschen Kaiser, dem Staufer Friedrich II., der nach dem öfteren Hinausschieben einer Jerusalemfahrt, im September 1227 endlich von Brindisi absegelte, aber wegen einer Seuche, die ihn selbst ergriff, am dritten Tag in Süditalien wieder an Land ging. Das von ständigem Misstrauen geprägte Verhältnis zwischen Papst und Kaiser schlug daraufhin in offene Feindschaft um. Papst Gregor IX. warf Friedrich II. Verstellung vor und belegte ihn mit dem Bannfluch. Um zu zeigen, dass die Krankheit echt gewesen war, löste Friedrich im folgenden Jahr das Kreuzzugsversprechen ein und fuhr ins Heilige Land. Ohne Krieg, allein durch diplomatisches Geschick, basierend auf seinen guten Beziehungen zur arabischen Welt und der Beherrschung der arabischen Sprache, erreichte er vom Sultan in einem zehnjährigen Waffenstillstand die Rückgabe Jerusalems, Bethlehems, Nazareths und der Städte und Landschaften zwischen Akkon und Jerusalem. Doch der Papst neidete um der Person des Kaisers willen auch diesen großartigen politischen Erfolg. In seinem Namen musste der Patriarch von Jerusalem Stadt und Heiliges Grab mit dem Interdikt belegen. Friedrich II. krönte sich daher selbst am 18. März 1229 zum König von Jerusalem, kehrte indes wegen unüberbrückbarer Differenzen mit den Templern und dem Patriarchen im Sommer nach Unteritalien zurück.

15 Jahre hielt seine Vereinbarung. Dann ergriffen die Christen Palästinas unklugerweise in dem innenpolitischen Machtkampf der Moslems zwischen den Bewohnern von Damaskus und dem Sultan Ägyptens Partei für Damaskus. Der Waffenstillstand wurde damit gegenstandslos, die Christen mussten die diplomatische Unbesonnenheit bitter büßen. Zum zweitenmal und jetzt endgültig fiel Jerusalem am 24. August 1244 in die Hände der ›Ungläubigen‹. In der Schlacht bei Gaza am 18. Oktober wurde das christliche Aufgebot total aufgerieben, nur die Festungen Jaffa, Akkon, Tripolis und Antiocheia konnten sich halten.

Im Abendland machte sich wieder einmal schmerzliche Ernüchterung breit. Hektische aber wirkungslose Aktivität verdeckte die deutliche Ohnmacht. Trotz heilloser Zerstrittenheit von Kaiser- und Papsttum war die Kreuzzugsidee noch nicht untergegangen, aber ihre Umsetzung in die politische Wirklichkeit endgültig zum Scheitern verurteilt. Nur ein Idealist wie der französische König Ludwig IX., der Heilige (1226-1270) konnte gegen den allgemeinen Strom der Kreuzzugsabneigung schwimmen und ein sechstes und siebtes Unternehmen beginnen.

König Ludwig von Frankreich und seine beiden Kreuzzüge
Die Schreckensnachricht von der Einnahme Jerusalems 1244 hatte Ludwig spontan zum Kreuz greifen lassen. 1248 löste er sein Versprechen ein und segelte von Aigues-Mortes aus im September nach Zypern und von dort nach Ägypten, ging bei Damiette an Land, trotz Behinderung durch die ägyptische Flotte, wurde aber beim Vormarsch nach Kairo im April 1250 mit einem Großteil des Heeres umzingelt und gefangen genommen. Gegen die Übergabe Damiettes und die Zahlung einer Million goldener Byzantiner freigelassen, blieb Ludwig noch vier Jahre in Palästina, ohne infolge des dezimierten Heeres viel ausrichten zu können. Nimmt man den fehlgeschlagenen Krieg 1270 gegen Tunis hinzu, muten die beiden Unternehmungen wie ein Rückzug des Kreuzzugsgedankens in Raten an. Ein paar letzte, seichte und wirkungslose Geplänkel, um das Gesicht einigermaßen zu wahren, dann hatte sich die Idee endgültig totgelaufen. Der christliche Rest Palästinas blieb sich selbst überlassen, keine Hand regte sich mehr zu neuerlicher Unterstützung. Tripolis fiel 1289, Akkon, das letzte wichtige Bollwerk, ergab sich im Mai 1291. Die ›Franken‹ räumten freiwillig die letzten Plätze, Tyrus, Sidon und Beirut. Eine knapp 200jährige christliche Herrschaft über die heiligen Stätten war am ruhmlosen Ende angekommen.
 
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